Kategorie: Mittel- u. Südamerika
56. Lyrikertreffen ohne Walcott
Derek Walcott, Literaturnobelpreisgewinner des Jahres 1992, wäre einer der prominentesten Gäste in der Geschichte des Lyrikertreffens Münster gewesen. Laut Wallmann leidet der 83-Jährige so schwer unter den Folgen eines Schlaganfalls und seiner Zuckerkrankheit, dass er seine karibische Heimat St. Lucia nicht verlassen kann. (…)
Der Organisator hofft, dass das Publikum am Samstagabend auch neugierig auf die weiteren bedeutenden Gast-Dichter ist (Nora Gomringer, Durs Grünbein, Ursula Krechel) – und dass das gleichzeitige Champions-League-Finale Bayern-Dortmund der Lesung nicht sämtliche Zuschauer raubt. / Münstersche Zeitung
Das Treffen findet vom 23.-26.5. statt. Programm
45. poesiefestival berlin
Das 14. poesiefestival berlin fragt nach den Orten der Dichtkunst, nach der „Heimat Poesie“. Vom 7.-15. Juni 2013 präsentiert die Literaturwerkstatt Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg die Bandbreite und Vielseitigkeit internationaler zeitgenössischer Dichtkunst.
Zu Gast sind u.a. Christian Bök (Kanada), Breyten Breytenbach (Südafrika), TJ Dema (Botswana), Oswald Egger (Südtirol), Kosal Khiev (USA/Kambodscha), Ursula Krechel (Deutschland), Ise Lyfe (USA), Nikola Madzirov (Mazedonien), Luis García Montero (Spanien), Don Paterson (UK), Tomaž Šalamun (Slowenien), Ana Tijoux (Chile), Natan Zach (Israel) und Adam Zagajewski (Polen).
Hier das komplette Programm.
Kartenvorverkauf
Vorverkauf in der Akademie der Künste
Tel 030. 200 57-1000/-2000
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten
Pariser Platz 4, 10117 Berlin-Mitte
Täglich 10:00–19:00
Im Internet unter: www.adk.de oder www.poesiefestival.org
Festivalpass, gültig für alle Veranstaltungen:
60 EUR/40 EUR, erhältlich in der Akademie der Künste.
Ort
(soweit nicht anders angegeben):
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten
S-Bahn Bellevue / U9 Hansaplatz/ Bus 106
Informationen
Literaturwerkstatt Berlin
Tel 030. 48 52 45 0
www.literaturwerkstatt.org
106. Lieblingsstellen
Der April ist National Poetry Month in den USA. NBC Latino fragte in den USA lebende Latino-Dichter, welche anderen “Latino”-Dichter sie am meisten inspirieren. Die Nuyorican*-Spoken-Word-Künstlerin Giannina Braschi wählte eine Stelle aus einem Gedicht von César Vallejo:
I want to live always, even on my belly,
because, as I was saying and I say it again,
so much life and never! And so many years,
and always, lots of always, always, always!
(Translation by Tess O’Dwyer)
Mir wird es immer gefallen, zu leben, sogar auf dem Bauch,
denn, wie ich soeben sagte und es wiederhole,
so viele Leben und nie! Und so viele Jahre,
und immer, oftmals immer, immer, immer!
(Deutsch von Erich Arendt, aus: César Vallejo, Funken wie Weizenkörner. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1971, S. 79)
Me gustará vivir siempre, así fuese de barriga,
porque, como iba diciendo y lo repito,
¡Tanta vida y jamás! ¡Y tantos años,
y siempre, mucho siempre, siempre, siempre!
Lupe Méndez nannte Martin Espadas “Sing Zapatista”
Sing the word zapateado, tap and stamp of women dancing in the plaza
to the hummingbird rhythms of Veracruz, guitarist in fedora
watching his fingers skitter like scarabs across the wood,
shawled dancer lost in the percussion of her feet.
Andere nannten Gedichte von Demetria Martinez, Pablo Neruda, Tato Laviera, Louis Reyes Rivera, Gioconda Belli und Pedro Pietri.
/ Kristina Puga, NBC Latino
*) Zusammenziehung von New York und Puertorican
Giannina Braschi (* 5. Februar 1953 in San Juan) ist eine puertoricanische Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, führende Vertreterin der Nuyoricanbewegung. Wikipedia schreibt:
Obwohl ihre Bücher als Romane eingestuft werden, sind ihre späteren Werke Experimente sowohl in Stil und Format und zeigen viele fremdländische Einflüsse.
Friederike C. Raderer sagte im österreichischen ORF in einem Beitrag zu Puerto Rico: Mit ihrem Roman “Yo-Yo Boing!” dem Sprachenmischmasch, das unter den Hispanos in New York üblich ist, (hat sie ) dem “Spanglish” ein Denkmal gesetzt.”
Lupe Méndez, zweisprachiger Dichter, Texas
79. Léopold Sédar Senghor-Lyrikpreis
Der internationale Léopold Sédar Senghor-Preis für Lyrik in französischer Sprache (Grand Prix International de Poésie de Langue Française Léopold Sédar Senghor) wurde gestern in der senegalesischen Hauptstadt Dakar zum achtenmal verliehen. Er ging an den Dichter Frédéric Titinga Pacéré aus Burkina Faso, der die jungen Generationen Afrikas aufforderte, an ihre Kultur zu glauben.
Der Preis wurde 1998 durch die literarische Vereinigung “La Nouvelle Pléiade” begründet, schreibt die Agence de Presse Sénégalaise.
Nach einer anderen Quelle wurde der Preis 2006 zum ersten Mal verliehen. 2006 ging er an Jean Métellus (Haiti), 2008 an Fernand Ouellette (Kanada).
Anscheinend gibt es einen oder eher mehrere weitere Preise gleichen oder ähnlichen Titels (vgl. L&Poe hier und im WWW hier und hier).
41. Exhumiert
Vier Jahrzehnte nach seinem Tod untersuchen Forensiker in Chile den Leichnam des Dichters Pablo Neruda. Der Nobelpreisträger und Regimegegner starb 1973 am Tag vor seiner Ausreise ins Exil – angeblich an Krebs. Doch Nerudas Chauffeur äußert Zweifel an der offiziellen Todesursache. (…)
Contreras glaubt, das Militär habe gefürchtet, Neruda, der sich nach Mexiko absetzen wollte, könnte einen demokratischen Widerstand anführen. Während der Diktatur (1973 bis 1990) waren Nerudas Werke in Chile verboten. Eine Reihe von Hinweisen lasse annehmen, dass sein Tod vorsätzlich verursacht worden sei, sagte der Jurist. Die Patientenakte sei verschwunden, und die Liste der Angestellten des Krankenhauses sei nicht vollständig.
(…) Ganz weit hergeholt ist ihr Verdacht nicht: Bei dem ehemaligen christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei wurde kürzlich festgestellt, dass er während der Pinochet-Diktatur 1982 im Krankenhaus vergiftet worden war.
70. Süßholz
Der republikanische Senator Rand Paul hielt eine von Beobachtern als wichtig angesehene Rede zum jährlichen Gipfeltreffen der U.S. Hispanic Chamber of Commerce in Washington, DC., von der es im Vorfeld hieß, es ginge um eine Einwanderungsreform. Offenbar war sie gut vorbereitet – 90 Minuten vor seiner Redezeit stand ein halbes Dutzend Fernsehkameras bereit, ebenso wie die großen Zeitungen “NYT and WaPo”.
L&Poe mischt sich nicht in die US-amerikanische Politik ein*; aber Sprache(n) und Poesie spielten feste mit. Offenbar glaubt man es den Hispanics schuldig zu sein.
Paul begann mit einem Sprachmix:
Por favor disculpen mi Espanol. Como creci en Houston -es un poco ‘espanglish y un poco Tex Mex.
[Bitte entschuldigen Sie mein Spanisch. Da ich in Houston aufwuchs, ist es ein wenig "Spanglisch" und ein wenig Tex Mex.]
Und mit einer Anekdote. Als Teenager jobbte er neben Immigranten beim Rasenmähen und dergleichen. Einmal fragte er einen von ihnen, wieviel er verdiene; “tres dolars”, antwortete er. Der Texaner: “Auch ich bekomme drei Dollar die Stunde”. “Nein,” der Immigrant, “drei Dollar am Tag”.
Jetzt die Poesie.
Er habe Miguel de Unamuno im College gelesen. Der habe einen guten Rat für die Republikaner parat:
“Miremos más que somos padres de nuestro porvenir que no hijos de nuestro pasado.”**
[Laßt uns lieber Eltern unserer Zukunft sein als Kinder unserer Vergangenheit]
In Pauls politischer Prosa:
Die Republikaner müssen Eltern einer neuen Zukunft mit den Latinowählern sein oder wir bescheiden uns mit einem dauerhaften Minderheitenstatus.
Die Latinos würden viele Werte mit den Republikanern teilen, wie: Freiheit, Familie, Glauben, konservative Werte, Verteidigung des ungeborenen Lebens und der traditionellen Ehe.***
Sie wären also natürliche Verbündete der Republikaner, aber in ihrem Eifer zur Abschottung der Grenzen hätten die ihre Verbündeten vor den Kopf gestoßen.
Um das zu ändern, bemühte er außer der Erinnerung an seine deutschen Vorfahren noch zwei hispanische Dichter: Gabriel García Márquez und Pablo Neruda. Er zitiert Verse aus einem Liebesgedicht Nerudas, die irgendwie beweisen sollen, daß Latinos und Republikaner zusammengehören:
Niemand fängt die Leidenschaft der lateinischen Kultur besser ein als Pablo Neruda.
Ich mag, wie Neruda in “Wenn du mich vergißt” eine leidenschaftliche Drohung ausstößt, aber so endet****:
“Pero
si cada día,
cada hora,
sientes que a mí estás destinada
con dulzura implacable,
si cada día sube
una flor a tus labios a buscarme,
ay amor mío, ay mía,
en mí todo ese fuego se repite,
en mí nada se apaga ni se olvida”Doch wenn Du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, daß Du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu Deinen Lippen, um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, Meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen
Wer spürt da nicht die unverrückbare Süße und das vereinigte Feuer des gesamtkonservativen Dialogs. (Aber nicht aus Versehen Lorca zitieren – der war schwul.)
_____________
*) Paul schlug einen “Mittelweg zwischen Amnestie und Ausweisung” vor (“The solution doesn’t have to be amnesty or deportation,” said Paul. “A middle ground might be called probation”), die Einführung einer Probezeit.
**) Ein Satz, der sich außer in Pauls Gedächtnis auch in jedem gedruckten oder digitalen Zitatlexikon findet.
***) Einige deutsche Konservative scheinen auch daran zu arbeiten. Es ist halt schwürig.
****) Zuckerbrot und Peitsche, fördern und fordern***** heißt das Mantra. Paul sagt auch, noch nie habe er einen Immigranten gesehen, der kostenloses Essen verlangt.
*****) An noch anderer Stelle auch: “Leidenschaft und Gesetzestreue”. Wie tief versteht die konservative Seele, warum die romanischen****** Sprachen romanisch heißen.
******) Das Wort romance vereinigt romanisch, romanhaft und romantisch. Ein guter Anfang für einen politischen Liebesroman.
Quelle: Slate
59. Exhumiert
Die sterblichen Überreste des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda sollen am 8. April exhumiert werden. Das verlautete am Dienstag aus chilenischen Justizkreisen. Ziel der Exhumierung ist es, herauszufinden, ob Neruda an Krebs starb oder ob er vergiftet wurde. / Der Standard
71. Neruda: Exhumierung angeordnet
Pablo Neruda war ein Gegner Augusto Pinochets. Er starb 12 Tage nach dessen blutigem Militärputsch vom September 1973. Kein Wunder, daß sich die Vermutung hielt, er sei von Pinochets Leuten ermordet worden. Zumal die offizielle Todesursache, “extreme Unterernährung” bedingt durch Prostatakrebs, angesichts seines Gewichts von 100 kg Zweifel weckt.
Um alle Zweifel auszuräumen, hat deshalb ein Richter die Exhumierung der Überreste angeordnet. Nerudas Fahrer und Assistent Manuel Araya hatte vermutet, Neruda sei vergiftet worden. Er sagte auch, Neruda habe die Erkrankung vorgetäuscht, um das Land verlassen zu können.
Die Exhumierung soll im März stattfinden. / I love Chile.cl
54. Kommentiertes Wörterbuch
Der kleine Berenberg-Verlag fügt seinen großen Verdiensten um abseitige und schön gemachte Bücher nun weitere hinzu: Jetzt erscheint hier auch Lyrik – und, wie zu erwarten war, solche jenseits des Mainstreams und im besten Sinne eigenartig.
Neben dem jungen US-Amerikaner Jeffrey Yang wird der Argentinier Sergio Raimondi, von dem hierzulande bislang kaum ein Mensch gehört hat, mit Auszügen aus seinem “kommentierten Wörterbuch” vorgestellt: von A wie “Architecture, vers une” (wie eine der ersten Publikationen von Le Corbusier 1923 hieß) bis Z wie “Zafra” (das durch die kubanische Planwirtschaft bekannt gewordene Wort für Zuckerrohrernte). / Katharina Döbler, DLR
Sergio Raimondi: Für ein kommentiertes Wörterbuch
Aus dem Spanischen von Timo Berger
Berenberg Verlag, Berlin 2012
95 Seiten, 19 Euro
106. Gedicht-Bombe
Gedichtbombe über Berlin, von einem Hubschrauber aus gefilmt. Kann bedrucktes Papier ein Leben verändern?