58. „Man suche nur nichts hinter den Phänomenen“

Wilhelm Fink schreibt die interessantesten Mails. Assoziativ, sprunghaft, spannend. Die sollte er mal veröffentlichen. (Tom, das Folgende enthält auch eine Mitteilung für dich. Von wegen privatistisch!). Hier aus dem neusten:

Lebensziel und Werkziel mußten zwangsläufig mit der Familie, mit der gebildeten Welt, mit dem Kunstbetrieb kollidieren. – . Für den Außenseiter gibt es zu Lebzeiten keine Gnade: Vincent van Gogh, Franz Schubert und wie sie alle heißen. Von Leuten wie J.M.R. Lenz (er schrieb von Goethe und sich den Text „Über unsere Ehe„) und von N.N. kann man sagen: Sein Leben lang versuchte er, den Ur-Spannungszustand zu heilen, der ihn von den Menschen trennt. Aber es gelingt nicht. Die Menschen nehmen sein „Nettsein“ gerne auf, fühlen sich als angestrahlte Hauptperson und verlieren dabei ihn, den Strahler, aus den Augen.

Michael, es gibt einen Unbekannten, Goethe. Seine Direktheit wirft mich geradezu um. „Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.“ Die höchste Kultur, die ein Mensch sich geben kann ist die Einsicht, dass die Menschen nichts von einem wissen. Hierzu ein andermal Näheres. Was dir und mir der Computer leistet, hatten Wolfgang und sein Vater im Hause. Eine perfekte Schreibkraft. Ein Bruder des Vaters war verblödet gestorben. Da versprach er der Clauer-Mutter für den Sohn als Vormund zu sorgen. Clauer ein promovierter Jurist, Wolfgang nur Lizentiat, war schizophren und lebte 25 Jahre im Hause am Hirschgraben. Zeitweise, wenn Clauer Krankheitsschübe hatte und tobte, hielt ein Grenadier vor seinem Zimmer Wache.

… Goethes Vater selbst war gemeint, er hatte selbst einen Bruder, der blödsinnig gestorben ist. Cornelia, Wolfgangs Schwester, wollte ihr erstes Kind nach der Niederkunft fortgeben, „weil es dann mehr Freude habe“.

– – im Mansarden-Stock, nach der Straße hin, lag Johann Wolfgangs Zimmer. 30 Jahre lang wohnte dort auch noch der seit Ende seines Studiums geistig umnachtete Dr. Johann David Balthasar Clauer, für den Johann Kaspar für ein tägliches Kostgeld von einem Taler die Vormundschaft übernommen hatte.
Clauer hatte eigenes Geld, er aß Luxusspeisen aus silbernen Schüsseln, wurde bedient. Sein Zimmer war, sein Wunsch, überheizt, völlig verwahrlost, beschmutzt. Das war seine Nische.

Über Clauer ausführlicher –
Elisabeth Mentzel im Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1914/15 über den
Schizophrenen Clauer im Goethe-Haus.

2 Comments on “58. „Man suche nur nichts hinter den Phänomenen“

  1. lieber wilhelm fink, vielen dank für dieses spannende kapitel aus „Gethes“ leben! sie sollten meine weit aufgerissenen staunenden augen sehen, daran ist nicht der dritte kaffee, daran ist diese meldung schuld 🙂 was ich einfach immer wieder und wieder über GratZENs lyrikzeitung denke und fühle, das ist: ein riesen glücksgefühl beider EXISTENZ: grade weil sich hinter mir am bettrand ein gefährlich schwankender berg aus ca 30 „aktuell zu lesenden“ büchern türmt, nebst den „besser-nicht-hingucken“-massen büchern im regal, die UNGELESEN (oder besser gesagt: nur „angelesen“) auf bessere zeiten, ruhigere, leichtere, warten (wiiiiie viiiiiiele bücher kann ein mensch eigentlich PARALLEL erfassen, lieber Michael? gibts da analüsen? oder selbsterfahrungswerte bitte!), sind mir meldungen wie anekdoten wie die ihrige so unendlich kostbar. und ermutigen mich, auch meine „eigenen“ (G&GN-hauseigenen) mitteilungen weiter voran zu treiben, einfach nur um das spektrum zu bereichern. jeder pickt sich dann sowieso raus, was die SEELE (auch so eine infantile LEHRE hinter den phänomenen, weil die LEERE dem menschen meist unerträglich außerwohnt) akut b-nötigt. projektiosfläche sind wir ja immer, drinnen wie draußen, ich meine: am rechner wie im riesenrad. der weihnachtsmarkt schreit. das klima klimatet. das universum universt… jetzt sogar mit SICHTBAREN „urgalaxien“ am rande der meßbaren zeit. und trotzdem schläft das (metaphysische) lied weiterhin in allen dummen. das schnarchen regiert die welt. sehr lautes schnarchen… SEHR – sprechen sie mir bitte nach: Schwitters. Schnarcht. Schwer. (-unter der erde-). denn dada denkt das dumme leer (-bis ans meer-). man köpfe und vierteile mich, aber ich behaupte felsenfest und stur und steif: SCHWITTERS SCHWEIGEN WIRD UNTER-B-WERTET !!! (er war mit Goethes schreibkraft telepathisch befreundet und flößte ihm die akademische sehnsucht aus der zukunft ein)

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  2. Hier Ergänzungen.
    Elisabeth Mentzel. Auf Goethes Spuren in Malcesine. Neudruck des Aufsatzes (Erstveröffentlichung 1908 im Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstift) mit italienischer Übersetzung. Eine Veröffentlichung der Comune di Malcesine in Zusammenarbeit mit der Casa di Goethe Rom und dem Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum 2008.
    Nachlass im Goethehaus Frankfurt = Mentzel, Elisabeth geb. Schippel (1848-1914), Nachlass: Werke (dichterisch und historisch), Tagebücher, empfangene Briefe (20 Kartons)
    *
    25 Jahre lang lebte der geistesgestörte J.D.B. Klauer als Mündel im Haus Goethe
    Der Vater des Mündels J.D.B. Clauer = David Clauer, 04.06.1682 bis 25.02.1735
    Ehe mit Eva Maria Bethmann (auch = Maria Eva Bethmann).
    Sohn = Dr. Johannes David Balthasar Clauer, 1732 bis 1796.
    1753 machte J.D.B. Clauer den Doktor in Jurisprudenz.
    Seine Mutter hatte von Caspar Goethe auf ihrem Sterbebett das Versprechen erlangt, dass er für den kranken Sohn sorgen werde. Sie, verwitwet, starb 1750, als ihr Sohn erst 18 Jahre alt war. Nach dem Tod der Mutter machte J.D.B. Clauer sein Doktorexamen privat, wegen Gesundheit. Göttingen. 1755 ging er von Göttingen nach Frankfurt und lebte als Mündel des Goethe-Vaters Im Haus am Hirschgraben .Während des Hausumbau lebte er auswärts.. 1758 ging er ins Goethe-Haus zurück.1763 und 1764 schrieb Johann Wolfgang Goethe für seinen Vater dessen Vormundschaftsreport, die Reinschrift des Jahresbericht für das Curatelamt.
    Nach dem Tod seines Vormunds (Gethes Vater starb, 71 Jahre und 9 Monate alt, am 25.5.1782, blieb das J.D.B. Clauer blieb vorerst im Haus der Witwe. Dann Auszug zum neuen Vormund Schiele. 1785 Verschlechterung Zustand Clauers. Am 17.7.1796 Schlaganfall. Clauer starb drei Tage später, 64 Jahre alt.

    Goethe zu Clauer in „Dichtung und Wahrheit:
    Was mir diese Arbeit sehr erleichterte, war ein Um-
    stand, der dieses Werk und überhaupt meine
    Autorschaft höchst voluminos zu machen drohte. Ein
    junger Mann von vielen Fähigkeiten, der aber durch
    Anstrengung und Dünkel blödsinnig geworden war,
    wohnte als Mündel in meines Vaters Hause, lebte
    ruhig mit der Familie und war sehr still und in sich
    gekehrt, und, wenn man ihn auf seine gewohnte
    Weise verfahren ließ, zufrieden und gefällig. Dieser
    hatte seine akademischen Hefte mit großer Sorgfalt
    geschrieben, und sich eine flüchtige leserliche Hand
    erworben. Er beschäftigte sich am liebsten mit Schrei-
    ben, und sah es gern, wenn man ihm etwas zu kopie-
    ren gab; noch lieber aber, wenn man ihm diktierte,
    weil er sich alsdann in seine glücklichen akademi-
    schen Jahre versetzt fühlte. Meinem Vater, der keine
    expedite Hand schrieb, und dessen deutsche Schrift
    klein und zittrig war, konnte nichts erwünschter sein,
    und er pflegte daher, bei Besorgung eigner sowohl als
    fremder Geschäfte, diesem jungen Manne gewöhnlich
    einige Stunden des Tags zu diktieren. Ich fand es
    nicht minder bequem, in der Zwischenzeit alles, was
    mir flüchtig durch den Kopf ging, von einer fremden
    Hand auf dem Papier fixiert zu sehen, und meine Er-
    findungs- und Nachahmungsgabe wuchs mit der
    Leichtigkeit des Auffassens und Aufbewahrens.

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