62. Wortnetze und Versnetze

Wortnetze II heißt die 1990 erschienene, Hans Bender und Rolf Dieter Brinkmann gewidmete Anthologie, die die erste Anthologie ist, in der Lyrik von mir erschien: Auf Seite 111 stehen die beiden Gedichte, gleichsam poten­zierte Schnaps­zahl, der Frohsinn konnte also auf den frostigen Höhen­zügen des Rheinlands seinen Lauf nehmen. Auch heute freue ich mich, wenn ich in einem interes­santen Sammelband vertreten bin, aber was war das für ein Jubel damals: Ich konnte es kaum fassen, hier neben Größen wie Hans Bender und Erich Fried zu stehen. Die meisten anderen Autoren kannte ich nicht, und die Mehrzahl von ihnen treffe ich seit Jahren nicht mehr in Lyrik­antho­logien an. Es ist ein Kommen und Gehen in den Antho­logien – ganz wie im richtigen Leben.

Etwas differenzierter betrachtet, denke ich, daß die späten achtziger und die frühen neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts auch in der Lyrikwelt echte Wendezeiten waren: Nach Jahren der eher laueren Winde begannen die Gedichte wieder höhere Wellen zu schlagen, und viele Stimmen, deren Originalität und Qualität den nun deutlich ansteigenden Erwartungen, von Vorkämpfern wie Thomas Kling, Bert Papenfuß, Durs Grünbein unmiß­ver­ständ­lich manifestiert, nicht stand­hielten, verschwanden auf Nimmer­wiedersehen im Orkus der Lyrikgeschichte. …

2008/2009 hat Axel Kutsch, Autor von herrlich humor­vollen, doppel­bödigen, in elf schlag­kräf­tigen Lyrik­bänden ver­öffent­lichten Gedichten, gleich dreimal zuge­schlagen: An Deutschland gedacht. Lyrik zur Lage des Landes, Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik und Vers­netze_zwei. Deutsch­sprachige Lyrik der Gegen­wart stellen – exem­pla­risch – die farben­reiche Palette deutsch­sprachigen Lyrik­schaffens mit bekannten und weniger bekannter Auto­rin­nen und Autoren aus Augsburg, Berlin, Castrop-Rauxel, Dortmund, Essen, Frankfurt und vielen, vielen, vielen anderen großen und kleinen Orten im deutschen Sprachraum dar (der jüngste, Leander Beil, ist Jahr­gang 1990, der älteste, Hans Bender, Jahrgang 1919) – so, wie wir es von Axel Kutsch, dem vielleicht kennt­nis­reichsten Herausgeber deutscher Lyrik, seit 1983 kennen: In 27 Antho­logien lese ich die rasante Ent­wicklung und Lage der Lyrik in den letzten Jahrzehnten nach (zwischen Gedichten der 1980er Jahre und solchen von heute liegen – – – Welten) – darunter, nicht zu vergessen, die drei brillan­ten Anthologien Blitz­licht. Kurzlyrik aus 1100 Jahren, Reißt die Kreuze aus der Erden! sowie Der Mond ist auf­gegangen, in denen sich auch Gedichte aus alten Zeiten finden.

im vorderhaus ficken die pfirsiche legt Konstantin Ames im fulmi­nanten Auftakt­gedicht zu Versnetze_zwei gleich vehement los (es kommt noch toller), doch gleich auf der nächsten Seite schaltet Ulrike Almut Sandig in ihren sehr schönen Gedichten mehr als einen Gang zurück: eben noch radio gehört. du schaust geradeaus. der Motor macht leise geräusche. Während die Mehrzahl der Menschheit die Stuben­fliege achtlos totschlägt, erweckt Rolly Brings sie in Musca domestica erst richtig zum Leben: ein dolles Ding. Bei Marianne Glaßer ist die Stille befahrbar. Franz Hodjak blendet mich mit grellem Neonlicht, jagt mir den dumpfen Lärm der Abrißbirne in die Ohren, bei Kathrin Schmidt lief eine zweifach gebeutelte asyl­wölfin durch die bild­lichtung, bei Armin Steigenberger stehe ich im widerschein dahin­brausender end­silben. / Theo Breuer, Poetenladen

Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart von 197 Autorinnen und Autoren, darunter Konstantin Ames, Joseph Buhl, Manfred Chobot, Richard Dove, Peter Ettl, Karin Fellner, Claudia Gabler, Simone Heembrock, Jürgen Israel, Angelika Janz, Matthias Kehle, Swantje Lichtenstein, Marie T. Martin, Gisela Noy, Irmhild Oberthür, Rolf Persch, Lothar Quinkenstein, Lars Reyer, Peter Salomon, Thien Tran, Beate Ünver, Günter Vallaster, Michael Wildenhain und Barbara Zeizinger, 318 Seiten, Broschur; Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2009.

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