61. Gebrochen Deutsch

Als Richard Wagner und William Totok im Juni 1987 am „Kirchentag von unten“ in der evangelischen Kirche „Zum Vaterhaus“ am Baumschulenweg in Ost-Berlin teilnahmen, verlas der dortige Pfarrer unter Verwendung eines fingierten Telegramms vorab eine Absage, so dass ihre Lesung von weniger Zuhörern besucht war.

Im Publikum aber befanden sich mindestens zwei Spitzel: der DDR-Schriftsteller Rainer Schedlinski, vom MfS als IM „Gerhard“ geführt, und ein Dresdner Journalist, der IM „Hans Reimann“. Zuträger „Gerhard“ meldete danach, dass die beiden Gäste aufgrund ihrer „gebrochenen Aussprache“ und der Akustik in der Kirche nur schwer zu verstehen gewesen seien.

Spitzel „Hans Reimann“ hob dagegen auf die Gefahr ab, dass „diesen Rumänen“ die Möglichkeit gegeben werde, „sich in der Öffentlichkeit in der DDR zu artikulieren“. Dies passe in die „Politik des Gegners gegenüber Rumänien“. Es werde versucht darzustellen, so merkte er weiter an, „wie unmenschlich Sozialismus sein kann und dass der Sozialismus manchmal menschenfeindlicher sein kann als Faschismus“. Damit wurde er dem Anliegen von Wagner und Totok gewiss nicht gerecht, doch das MfS war alarmiert. / Georg Herbstritt über die Bespitzelung aus Rumänien ausgewanderter Schriftsteller durch die DDR-Stasi, Die Welt 10.12.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: