66. Geoutet

Der Rumäniendeutsche Werner Söllner, mit hohen Auszeichnungen geehrter Lyriker und derzeit Leiter des hessischen Literaturforums in Frankfurt, hat in München sein Schweigen gebrochen: Er war Spitzel des gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate.

Ähnlich wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte Werner Söllner in den 80er Jahren die rumänische Diktatur verlassen können. Während Herta Müller sich dem Geheimdienst Securitate verweigerte – in ihrer Nobelpreisrede berichtete sie davon – waren andere weniger standhaft. Während einer Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München hat sich Werner Söllner als Zuträger und Spitzel geoutet.

„Der erste Anwerbeversuch erfolgte 1971“, berichtet FAZ-online am 10.12.2009. „Söllner hatte im Jahr zuvor das Studium in Klausenburg aufgenommen, 1973 wurde er Redakteur der Studentenzeitschrift ‚Echinox‘, in der viele junge Regimegegner publizierten. Beim zweiten Versuch schickte die Securitate zwei Offiziere, die Söllner Pläne zur Flucht in den Westen unterstellten und mit Exmatrikulation drohten.“

Zunächst habe er Geheimdienstoffizieren seine eigenen Texte und Gedichte erläutern müssen, erklärte Söllner. Aber dann wollte die gefürchtete „Securitate“ mehr: Söllner musste als Informant „Walter“ Gedichte und Prosatexte anderer Schriftsteller deuten und die darin enthaltenen Anspielungen erklären.

„Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen“, sagte Söller. Er habe sich nach langer Überlegung zu einer öffentlichen Erklärung entschlossen, nachdem ihn der Autor Richard Wagner vor einem Jahr angesprochen hatte. Wagner, der frühere Ehemann Herta Müllers, hatte Informationen seiner inzwischen veröffentlichten Securitate-Akte mit Söllner in Verbindung gebracht. Söller weist allerdings den Vorwurf, er habe Herta Müller bespitzelt, zurück. Dies hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet. / HR 10.12.

[Schön, schön skurril: ein Geheimdienst läßt sich Literatur erklären!]

Im Sommer tauchte der Informant Walter zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf. In den siebziger Jahren hatte er Freunde und Kollegen in Rumänien bespitzelt, nicht freiwillig, aber auch nicht ohne Eifer. Wohl niemand hatte ihn je verdächtigt, nicht in Klausenburg und Temeswar, und auch später nicht, als fast alle deutschen Schriftsteller Rumäniens im Westen lebten. Aber dann erhielt Herta Müller im letzten Frühjahr endlich ihre Akte, drei Bände mit 914 Seiten, und nach der Lektüre sah sie nicht nur Teile ihrer Vergangenheit, sondern auch ihre neue Heimat mit anderen Augen: Deutschland, so schrieb sie im Juli in der „Zeit“, sei „ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, die man nun, nach der zehn Jahre lang verweigerten Akteneinsicht, auch identifizieren könne. Dann folgten Decknamen: „Sorin, Voicu, Gruia, Marin, Walter, Matei.“ Spätestens in diesem Moment musste IM Walter wissen, dass seine Freunde ihn durchschaut hatten. / Hubert Spiegel, Faz.net 10.12.

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