Die Farben des Wassers

Und von Hölderlins vieldeutigem «Hauptwort Aber» heisst es einmal, es trage vielleicht mehr Heimat als der ganze Planet in sich. Lichter und leichter, so hat man den Eindruck, sind Kolbes Verse geworden, und die Klagelaute verstecken sich zunehmend hinter naturlyrischen, anakreontischen, auf kleinstem Raum entfalteten Daseinspreisungen. /Karl-Heinz Ott, NZZ 18.1.02

Uwe Kolbe : Die Farben des Wassers. Gedichte. Suhrkamp- Verlag, Frankfurt am Main 2001. 80 S., Fr. 26.30.

Camilo José Cela

Im Alter von 85 Jahren ist gestern in Madrid der spanische Romanautor und Nobelpreisträger Camilo José Cela gestorben. Sein vielseitiges Werk zeugt von grosser, lebensnaher Ausdrucksfähigkeit … Camilo José Cela wurde am 11. Mai 1916 in Iria Flavia (Provinz La Coruña) als Sohn einer englischen Mutter und eines galizischen Vaters geboren. 1925 übersiedelte die Familie nach Madrid. In Madrid begann Cela ein Medizinstudium, wandte sich aber bald der Literatur zu und schloss auch sein Jusstudium nicht ab. In den 30er Jahren arbeitete er als Journalist bei der Zeitung «Arriba». Im Bürgerkrieg schloss er sich den aufständischen Truppen General Francos an und wurde schwer verwundet. Nach dem Krieg schrieb Cela zunächst für Blätter der faschistischen Organisation Falange und arbeitete als Zensor des Franco-Regimes. Sein 1942 erschienener Roman «Pascual Duartes Familie», in dem Cela seine Kriegserlebnisse verarbeitete, fiel allerdings selbst der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Mit ihm hatte Cela die realistische Literaturform des «tremendismo» geschaffen, die sich durch eine düstere, raue und gewaltsame Sprache auszeichnete und die Literatur in Spanien und Lateinamerika stark beeinflusste. / Landbote Winterthur 18.1.02 – Nachrufe auch in FAZ, Süddeutsche, NZZ, FR…

Ossian

Dem blinden Barden Ossian (gälisch Oisín, Hirschlein), einem keltischen Königssohn, der im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung auf den Britischen Inseln gelebt haben soll, wurden schon früh Dichtungen, Lieder und Balladen zugeschrieben. Von ihm selbst ist verständlicherweise nichts überliefert, doch existieren Fragmente aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert, die von seinen Taten und Liedern handeln; ja er soll sie nach seiner Rückkehr aus einer geheimnisvollen Feenwelt, wo die Zeit wohl langsamer verstreicht, noch im fünften Jahrhundert dem heiligen Patrick persönlich berichtet haben. / FAZ 16.1.02

Gefängnis für Gedichte

Wichtig für den Dichter [Hikmet] wurde die Begegnung mit dem russischen Futuristen Wladimir Majakowski .
Welche politische Sprengkraft seine Gedichte in der Zeit zwischen den Weltkriegen in der Türkei hatten, belegt ein für Nazim Hikmet verhängnisvoller Vorfall, der ihm 1938 eine Verurteilung zu 28 Jahren Haft einbrachte. Weil man seine Gedichte, darunter das «Epos von Scheich Bedrettin» bei einer Durchsuchung der Militärakademie bei den Schülern fand, wurde der Autor wegen Subversion verurteilt. Während der 13 Jahre, die er im Gefängnis verbrachte und die seine Gesundheit ruinierten, schrieb Nazim Hikmet sein fünfbändiges Meisterwerk «Menschenlandschaften», poetische Betrachtungen über Anatolien und seine Menschen. «Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht» / Der Landbote 15.1.02

Basler Zeitung 15.1.02:

Nazim Hikmet hat Empfehlungen für jene hinterlassen, die wie er viele Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Wieder halb ernst, halb ironisch empfiehlt er: «Ausserdem vergiss zu keiner Zeit, aus vollem Halse zu lachen.» Diese Empfehlung stammt aus einer Zeit, als es noch keine Isolierzellen gab, wie sie heute für politische Häftlinge in der Türkei vorgeschrieben sind. In jahrelanger Isolation werden Nazim Hikmets Vorschläge absurd. Man kann nicht immer für sich alleine lachen. Die Gefängniszellen, in denen Nazim Hikmet steckte und aus denen ein guter Teil der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts kam, geschrieben entweder von ihm selbst oder von Mithäftlingen, die unter seinem Einfluss zu schreiben begannen, sind Geschichte. /

Weitere Artikel zum 100. Geburtstag Hikmets in: Neues Deutschland 15.1.02 / Neue Ruhr-Zeitung 14.1.02 / /

Atatürks verlorener Poet

Zum 100. Geburtstag des türkischen Literaten Nazim Hikmet

Nazim Hikmet dagegen gelang der geistige und künstlerische Brückenschlag von der Vergangenheit zur Gegenwart. Er bewahrte den Wohlklang der traditionellen Dichtkunst, schuf aber aus unregelmäßig gebildeten Versen und in freien Rhythmen eine moderne Lyrik, die durch einfache Formen und universelle Themen höchste Bewunderung und Popularität erlangte. … In einem seiner späten Verse bekannte er, der Enkel eines Paschas, der ehemalige Student aus Moskau, der an Lenins Leichnam Wache hielt, der Bewunderer Atatürks, den er in seinem „Epos vom Befreiungskrieg“ als „blonden Wolf mit funkelnden blauen Augen“ beschrieb: „Die Lieder der Menschen sind schöner, als sie selber es sind. Mehr als die Menschen liebte ich ihre Lieder.“ / Dietrich Gronau, Berliner Zeitung 15.1.02

Zum 80. Geburtstag von Franz Fühmann

… schreiben die Dresdner Neuesten Nachrichten:

1982 legte er mit „Der Sturz des Engels. Erfahrung mit Dichtung“ noch einmal ein grundsätzliches Werk vor. Es verbindet Autobiografisches mit Poetologischem, schildert seine Lebensstationen seit ’45 und kreist um die Lyrik von Georg Trakl . Derweil hielt der Literat die selbstgewählte winterliche Einsamkeit aus, hackte Holz, ging mit Kaffee- und Teeorgien gegen die Müdigkeit an, sammelte Pilze, spielte gegen seinen Computer Schach. Seine Manuskriptseiten bildeten ein Kunstwerk aus papiernen Klebbausteinen / DNN 15.1.02 Zum Thema auch Thüringer Allgemeine 15.1. / Neues Deutschland 15.1. //

Probebühne für junge Autoren

Calw· Der mit 15000 Euro (29300 Mark) dotierte Hermann-Hesse-Förderpreis für Literaturzeitschriften geht in diesem Jahr an die Zeitschrift ¸¸Edit, Papier für neue Texte“. Dies teilte jetzt die Hermann-Hesse-Stiftung in der Hesse-Stadt Calw mit. Mit ihren Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik sowie von kritischen Beiträgen biete die Literaturzeitschrift ¸¸Edit“ als Entdeckerzeitschrift und Probebühne für junge Autoren einen Einblick in die Entwicklung der Literatur deutscher Sprache, hieß es zur Begründung bei der Hermann-Hesse-Stiftung. Der Preis wird am 2. Juli beim Festakt zum 125. Geburtstag des Schriftstellers Hermann Hesse (1877- 1962) verliehen.lsw / Südwestpresse 15.1.02

Und noch ein Preis:
Der Liedermacher Wolf Biermann und der Schriftsteller Arno Lustiger werden am Donnerstag in Berlin mit dem Heinz-Galinski-Preis in Höhe von je 9700 Franken ausgezeichnet.

Mutter aller Dichter

Im Februar 2000 hatte der Regent (nämlich Saddam Hussein) die Schriftsteller des Landes einberufen, um ihnen sein Verständnis von Literatur aufzunötigen… Vor etwa fünfzig Romanciers, Dichtern, Dramatikern und Jugendbuchautoren verkündete der Regent, dass «Wort und Waffe ein Gewehrlauf» seien und die Literatur sich der Darstellung der «Mutter aller Kriege» zu weihen habe… Hamid Said , einer der bedeutendsten Lyriker des Landes, liess sich gar zu folgendem Kommentar herbei: «Der Führer hat sein präzises Vokabular, das ihm zur Beschreibung dient, als hätte er dasselbe Verhältnis zur Sprache, das ein Juwelier zum Gold hat . . . Er verbindet den Sprachfluss der Lyrik mit der Akkuratesse der Syntax.» Abdul Razak Abdul Wahid wiederum, ebenfalls ein bekannter Dichter, beginnt seine Huldigungsgedichte an den Regenten mit der Anrede «Mein Herrscher». / NZZ 14.1.02

Ghazals

Host Lisa Simeone talks with Sanjeev and Karuna Loomba, a husband-and-wife team of singers who continue to perform ‚ghazals‘, the ancient love poems once revered and created in Persia (Iran). [8:16] / NPR Audio

http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=1136311

Wolfgang Hilbig erhält den Peter-Huchel-Preis 2002

Freiburg – Der Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik geht in diesem Jahr an den in Berlin lebenden Autor Wolfgang Hilbig . Die in Freiburg tagende Jury bewertete Hilbigs Band «Bilder vom Erzählen» als herausragende Gedichtedition des Jahres 2001.
Dies teilte der Südwestrundfunk (SWR) mit. Der vom SWR und dem Land Baden-Württemberg getragene Preis ist mit rund 10’000 Euro (rund 14 600 Franken) dotiert.
Hilbig, 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren, arbeitete unter anderem als Werkzeugmacher, Erdarbeiter, Monteur und Heizer. 1978 gelangten erstmals die von allen DDR-Verlagen abgelehnten Gedichte Hilbigs in die Bundesrepublik. / News.ch 13. Januar 2002

Die in Freiburg im Breisgau tagende unabhängige Jury bewertete Hilbigs erschienen Band „Bilder vom Erzählen“ (Verlag S. Fischer) als herausragende Gedichtedition des Jahres 2001. Hilbig wurde 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren. Der Peter-Huchel-Preis wird alljährlich am 3. April in Staufen im Breisgau verliehen. Peter-Huchel-Preisträger früherer Jahre waren u.a. Manfred Peter Hein, Sarah Kirsch, Durs Grünbein und Raoul Schrott . / SWR

Ein Besuch in der Villa Sardi

In der Süddeutschen schreibt ALBERT VON SCHIRNDING über den 1991 beim Schwimmen ertrunkenen Autor Ludwig Greve (der damals postum den Peter-Huchel-Preis erhielt). / SZ 12.1.02

LUDWIG GREVE: Ein Besuch in der Villa Sardi. Porträts, Gedenkblätter, Reden. Herausgegeben von Reinhard Tgahrt. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2001. 312 Seiten, 17,50 € 

Georg Trakl

In Dolomiten, Tagblatt der Südtiroler, schreibt Josef Prantl über Georg Trakl . / Dolomiten 12.1.02.

Die Umkehrbilder des Schweigens

In der Frankfurter Anthologie stellt Robert Gernhardt ein Gedicht von Peter Maiwald vor – „Kindergeburtstag“; und im Feuilleton schreibt Felicitas von Lovenberg über Robert Gernhardt als Stimmenimitator. – Harald Hartung schreibt über Jannis Ritsos als Meister des Vexierbilds (der tiefrote Flecken) :

Die Umkehrbilder des Schweigens. Gedichte. Griechisch und Deutsch. Suhrkamp, 19,80€.

/ FAZ 12.1.02

Poesie-Scout

Gute aktuelle Gedichte aufzuspüren, ist nicht immer einfach. Der Lyriker Steffen Jacobs erkundet … als Poesie-Scout der „Literarischen Welt“ jede Woche die Lyrikszene. Seine besten Fundstücke präsentiert er hier: Gedichte, die ihm besonders geglückt erscheinen -oder interessant missraten.
Am 12.1.02 ein Gedicht von Rolf Haufs.

John Berger über Nazim Hikmet

Ich weiß nicht mehr, ob ich Nazim Hikmet überhaupt je gesehen habe. Ich könnte darauf schwören, kann aber die Indizien dafür nicht finden. Ich glaube, es war 1954 in London. Vier Jahre, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, neun Jahre vor seinem Tod. Er sprach auf einer politischen Versammlung am Red Lion Square in London. Er sagte ein paar Worte, dann las er einige Gedichte. Manche auf englisch, andere auf türkisch. Seine Stimme war kräftig, ruhig, äußerst persönlich und sehr musikalisch. Aber es war, als käme sie nicht aus seinem Hals – jedenfalls nicht in dem Augenblick. Es war, als hätte er ein Radio in der Brust, das er mit einer seiner großen, leicht zittrigen Hände an und aus schaltete. … In einem seiner langen Gedichte beschreibt er, wie sechs Menschen Anfang der vierziger Jahre eine Symphonie von Schostakowitsch im Radio hören. Drei der sechs sind (wie er) im Gefängnis. Die Übertragung ist live; die Symphonie wird zeitgleich in Moskau gespielt, mehrere tausend Kilometer entfernt. Als ich ihn am Red Lion Square seine Gedichte lesen hörte, hatte ich den Eindruck, dass die Worte, die er sagte, ebenfalls vom anderen Ende der Welt kamen. Nicht, weil sie schwer zu verstehen gewesen wären (das waren sie nicht), auch nicht, weil sie verschwommen oder müde gewesen wären (sie waren erfüllt vom Vermögen zu überdauern), sondern weil sie so gesagt wurden, als triumphierten sie irgendwie über Entfernungen und transzendierten endlose Trennungen. / FR 12.1.02