131. Lyrikstationen 2009 (10)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

10

Nicht traurig sein, das wird ein Fest

Sandra Trojan und ihr Debütband Um uns arm zu machen

Das Gedicht ist vor Ort. Es vermisst die Welt und zeigt, wie maßlos und unermesslich sie ist. Das Ge­dicht ist überall, im Irrenhaus, am Krankenbett, auf dem Klo, im Wartezimmer des Arztes, im Cent­ral Park, unter Strommasten, auf dem Pferderü­cken, in den unterschiedlichsten Landschaften.

Jürgen Brôcan

Was stört mich das Geschwätz von gestern, wenn Postbote Guido Büchersendungen bringt, die ich gar nicht schnell genug öffnen kann vor lauter Kitzel und Neugierde, In­teresse und Ungeduld. Umgehend verblassen beim Öffnen der Päckchen und Pa­kete diese schnell hingeworfenen, zumeist für den Moment geschriebenen Posts, Kom­men­tare, Leserbriefe und sonstigen Reaktionen, die wir Tag für Tag im Internet und an­derswo lesen. Wie groß aber ist die (zum Glück in diesen Jahren eher selten eintre­tende) Enttäuschung, wenn ich ein Buch aufschlage, den ersten Text lese, die Mund­winkel sich unmerklich nach unten verziehen und ich, fast verstört schon, den zweiten Text lese, den dritten, den vierten, den fünften – und nichts passiert, das heißt, nicht nichts (denn nichts gibt es ja gar nicht), aber nicht das, was ich mir – na­turge­mäß – jedes Mal erhoffe, wenn ich ein Buch, das Gedichte auf dem Titel ver­spricht, zu lesen.

Kürzlich gab es eine solche Enttäuschung bei einem 2008 erschienenen Band eines schon ein wenig in die Jahre gekomme­nen Autors, der weiter­hin recht viel schreibt und weiterhin relativ erfolgreich zu sein scheint, was die Auflagenzahlen seiner Bü­cher angeht. Im Begleitschreiben des Buches ist von fast tausend in wenigen Mona­ten unter die Leute gebrach­ten Exempla­ren die Rede, eine mich ziemlich verblüf­fende Zahl, denn insgesamt scheint es nach 2000 im Vergleich zu den 90er oder gar 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer schwieriger zu werden, auch her­ausra­gende Ge­dichtbücher an die Frau oder den Mann zu brin­gen. Das lyrische In­ternet, dessen gute Seiten ich sehr schätze, scheint mehr und mehr zur fast über­mächtigen Konkur­renz fürs Gedichtbuch und das In­teresse am Erwerb von Büchern, belohnt mit dem sinn­lichen Genuß des Blickens, Blätterns, Fühlens, Spürens, am Aufbau einer Sammlung immer geringer zu werden.

Ich las und las und las und dachte, was ich immer denke, wenn bedruckte Seiten nicht so bei mir ankom­men, wie ich es dem Autor, dem Buch und mir als Leser wün­sche: Okay, offensichtlich ist das größte anzunehmende Lyrikunheil eingetreten, du bist au­genscheinlich übersät­tigt, offenbar prallen die Gedichte ab heute von dir ab, du hast anscheinend mehr als genug Gedichte gelesen, das kommt dir alles nur noch als zweiter oder dritter Auf­guß vor usw. usw. usw., denn ich empfand nichts als Lan­ge­weile und Desinteresse, und so las ich zwar (wie meistens bei solchen Bü­chern ver­geblich auf Besserung hoffend) viel zu viele Seiten, brach aber ir­gendwann gegen Ende des Bandes den Kopf schüttelnd und vor mich hin brummelnd ab.

Mißmutig verlebte ich den Rest des Tages und dachte kummervoll an eine lyriklose Zukunft: Und schrieb, und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Ich saß da mit schlotternden Knien und totenblaß. Aus und vor­bei. Ich sah in den Garten auf die blattlosen Bäume mit ihren feuchten schwarzen Stämmen und den labyrinthischen Astgerippen, in denen die Vögelein schwiegen. Wie soll dat bloß wiggerjonn? singen die Bläck Föös, und ich begriff erstmals die ele­gisch klingende Frage, die ich seit Jahr­zehnten schon kenne und so oft schon ge­dankenlos mitgesummt habe. Das war’s dann wohl. Mund abputzen und weiterma­chen, wie der ehemalige Manager Rainer Calmund nach Niederlagen seiner Lever­kusener Werks­truppe gebetsmühlenartig posaunte? Hallo?

Am nächsten Tag dann die Büchersendung vom Poetenladen mit der sechsten Aus­gabe der Literaturzeitschrift poet – in der ich in zum Teil hochinteressanten Gesprä­chen mit Friederike Mayröcker (bei jeder Gelegenheit wiederhole ich es gern: ein lyri­scher Liebling), Dagmar Nick, Giwi Margwelaschwili, Reiner Kunze, Urs Widmer und Ger­hard Zwerenz mit eigenen Augen lese, daß diese Autoren quasi nix mitkrie­gen von der Power des ständig über die Ufer tretenden Lyrikstroms, der in diesen 2000er Jah­ren – gleichsam wildgeworden – durch deutsche Städte und Provinzen rauscht. Tief­punkt einiger zum Teil un/freiwillig drollig klingender Aussagen: Und ich muß auch geste­hen, daß ich mit vielen jüngeren Stimmen, wenn ich sie in Zeit­schriften finde, nichts anfangen kann – daß ich sie einfach nicht verstehe oder über­flüssig finde (Dagmar Nick) – sowie, und jetzt kommt’s, endlich, endlich, Sandra Trojans Gedicht­band Um uns arm zu machen.

Wenn ich in Bienen spreche
meine ich Unschärfe, Murmeln
Nektar am Mund. Und wenn ich in
Birnen spreche, in Äpfeln, in Zellen
in Kisten, von Zungen zerfressen
in Zungen, in Menschen, meine ich
Menschen:Schwärme gestempelt
innen & außen, ein Bienentanz
und damit meine ich: Bienentanz

Gleich vom ersten Gedicht Wenn ich in Bienen spreche werde ich hellwach ge­summt. Jedwedes dräuende Hirn­gespinst hat sich im Nu in Nichts aufgelöst. Ich schwebe durch den Funkenflug der Wörter, beginne umgehend im Rhythmus der Verse zu at­men und bin ebenso beglückt und begeistert, wie es Mi­chael Gratz, Her­ausgeber der Lyrikzeitung, nach der Lektüre dieses die Le­ser reich machen­den Ly­rikbands in der Nachricht 58 vom 12. März 2009 – Frisch aus der Post – be­schreibt.

Während ich in diesen Tagen in Jörg Bernigs wüten gegen die stunden und Björn Kuhligks Von der Oberfläche der Erde unter den vielen Gedichten einzelne (sehr) starke Stücke finde, deren Duktus im Ge­dächtnis haften blei­bt, besticht in Sandra Tro­jans Buch die Ge­schlossenheit des durchgängig beseel­ten, schwingen­den, viel­fälti­gen Ganzen, des­sen energisch auf­tretende Teile weitest­gehend zu einer Wortge­stalt ver­schmelzen, die ich gnadenlos meiner Lyrik­seele einverleibe.

Sandra Trojan hat früh gefunden, was manche frei­lich oft vergeblich beim Schreiben aufzuspüren su­chen: Stil (Wenn er da ist, ist es gut, Norbert Hummelt), dynamisch erwachsen aus vielen einfach guten, resonan­ten Wörtern, deren Lebenssaft mir die Lefzen herunter­läuft: Und wollene Moose spannen straff. Diesem herrlich geglückten Gedichtbuch wünsche ich tausend Le­ser – und noch 354 mehr.

  • Jörg Bernig, wüten gegen die stunden
  • Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.), Umkreisungen. 25 Auskünfte zum Gedicht
  • Andreas Heidtmann (Hg.), poet
  • Norbert Hummelt und Klaus Siblewski, Wie Gedichte entstehen
  • Björn Kuhligk, Von der Oberfläche der Erde
  • Sandra Trojan   Um uns arm zu machen

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