Opium für Ovid

Die Ästhetik von Ovids „Metamorphosen“ sei der asiatischen Weltsicht näher als der abendländischen Tradition, meint Yoko Tawada. Im Japanischen gibt es bekanntlich kein selbständiges Pronomen für „ich“, auch der Begriff „Identität“ taucht allenfalls im psychiatrischen Fachjargon auf. Die buddhistische Vorstellung der Wiedergeburt kennt kein in sich geschlossenes Ich, sondern eine endlose Abfolge von Verwandlungen, auch über Gattungsgrenzen hinweg. Im christlich geprägten Europa dagegen ist jeder Mensch ein einmaliges Wesen, dessen Existenz einen Anfang und, in der Heilslehre, ein Ziel hat. Mit „Opium für Ovid“ durchbricht Yoko Tawada die Erwartung der europäischen Leser, denn alle Regeln von Kausalität und Zusammenhang sind aufgehoben. „Ich konnte dieses Buch nur auf
Deutsch schreiben. Im Japanischen hätte ein solches Experiment keinen Sinn gehabt.“ / NZZ 23.2.2001

Neue Xenien

Im Post Scriptum zu seinen „Neuen Xenien“ beruft er sich auf den alten Goethe: „Lass uns so viel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten seyn einer Epoche. . .“

Wenn man B. K. Tragelehn, Schüler Brechts, Freund Heiner Müllers, der heute, [2001] um 20 Uhr, im Lyrik-Kabinett aus seinen Gedichten liest, nach der Gesinnung fragt, an der er festhält, zitiert er Marx: „Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein verächtliches und unterdrücktes Wesen ist“. Ein, wie er betont, „antiideologischer Satz“. Tragelehn, 1936 in Dresden geboren, Theaterregisseur, Übersetzer und Lyriker, hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: „Nöspl“ und die Distichen „Neue Xenien“, bissige Anmerkungen zur sozialistischen Dummheit und zu „Schranzler Köder Fischarping und Co“, entstanden zwischen 1959 und 1999. / Süddeutsche 22.2.01

Modernisierer

Eine andere Seite sollte man in jedem Fall Jacob Michael Reinhold Lenz abgewinnen. Denn wir lesen den radikalen Modernisierer im schlechteren Fall mit Goethes scheelsüchtigen, im besseren mit Büchners mitleidigen Augen, vor denen wir vielleicht gar noch eine Brechtsche Brille tragen.

Lenz mit den Augen der Zeitgenossen zu lesen, dies ermöglicht eine zwölfbändige Faksimile-Ausgabe, die Christoph Weiß anlässlich des kürzlich gefeierten 250. Geburtstages (12. oder 23. Januar 2001) herausgegeben hat. Nicht nur das Druckbild läßt den damaligen Blick ahnen; Weiß hat zu jedem Werk zeitgenössische Rezensionen – so umfangreich wie nirgends sonst – gesammelt, die Aufschluß geben über die unmittelbare Reaktion der zeitgenössischen Kritik. / Süddeutsche 22.2.01

,,Mein Tod macht mich unsterblich“

Rose Ausländer gilt heute, zwölf Jahre nach ihrem Tod, als die populärste Dichterin in Deutschland. Weit mehr als 100 Bücher von ihr sind erschienen, sie erreichten eine Auflage von 800000 Exemplaren – eine im Bereich der Lyrik sensationell hohe Zahl. Und diese Zahl wird wohl weiter steigen, denn noch sind an die 800 Gedichte unveröffentlicht. / Thomas Schuberth-Roth, Frankenpost 22.2.01

Tenebrae

Zurzeit sind die Theatergruppe Muntanellas und In Situ mit Probearbeiten zum szenischen Bild nach Paul Celans Gedicht „Tenebrae“ beschäftigt. …

… äußerste Grenze der Not, daß Celan sein Gedicht „Tenebrae“ als „eines seiner liebsten“ bezeichnete, überrascht nicht, denn es steht selbst in der Landschaft dieses bedeutenden Lyrikers der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einzigartig da. Es beruht auf einer Umkehrung, beziehungsweise Inversion des traditionellen Verhältnisses Gott – Mensch: „Bete, Herr, bete zu uns, wir sind nah.“ Es ist offensichtlich, das diese Celansche Inversion eine äußerste Grenze der Not und der Verzweiflung kennzeichnet, die die Existenz zu ihrer letzten Verstehensbemühung aufruft. / Die Südostschweiz 22.2.01

Bademeister

Kurzrezensionen von Jens Jessen in der „Zeit“ (22.2.) zu Gedichtbüchern von Doris Runge, Eva Corino und Richard Wagner – die letzte hier im Wortlaut:

Unter den Großen, die uns die rumäniendeutsche Literatur im Moment ihres Verschwindens geschenkt hat, neben Herta Müller, Franz Hodjak, Werner Sänner, ist Richard Wagner der Bademeister. Er führt mit Abstand den weichesten Schwamm, aber in die Wanne wirft er dann den Föhn. In seinen Versen zischt und sprüht es, doch sanft, sanft und mitten in unserm Alltag, den er sauber schamponiert.

Richard Wagner: Mit Madonna in der Stadt. Buch & medi@, München, 72 S., 29 DM

Hugo Claus

Europäische Poesie 2001 / Lyriker Hugo Claus erhält Preis

Münster – Der belgische Autor Hugo Claus erhält am 6. Mai den mit 30000 Mark dotierten Preis für Europäische Poesie 2001 der Stadt Münster.

Damit werde der 71-Jährige für seinen zweisprachigen Band „Gedichte“ ausgezeichnet, teilte die Stadtverwaltung am Mittwoch in Münster mit. Claus sei „ein großer Experimentierer in Leben und Dichtung“ und ein „Selbstsucher und Selbstversucher“, lautete die Begründung der Jury. Er wechsle virtuos die Register seiner Poesie und meide das Gefällige.
Der Lyriker teilt sich den Preis mit seinen Übersetzerinnen Maria Csollany und Waltraud Hüsmert. Mit dem Poesiepreis würdigt die Stadt Münster seit 1993 alle zwei Jahre ein dichterisches Werk und dessen eigenständige Übersetzung. Die Preisträger im Jahr 1999 waren Gellu Naum und Oskar Pastior. / Kölner Stadt-Anzeiger 21.2.01

13. Restaurierung des guten alten Kunstschönen

Restaurierung des guten alten Kunstschönen. „Gedicht und Gegenwart“

Graziendienste beim 18. Römerbad-Colloquium in Badenweiler:
Einen Rekord an emphatischem „Graziendienst“ stellte gewiss Iso Camartin auf, als er die Schönheits-Sucht Charles Baudelaires und Giuseppe Ungarettis pries, ohne indes die Destruktionsenergien, Hass- und Hässlichkeits-Litaneien der modernen Lyrik in Betracht zu ziehen. Benns Gang durch die „Krebsbaracke“ wurde ebenso ignoriert wie die lyrischen Schönheits-Vernichtungsstrategien des späten Ernst Jandl und des weltverfluchenden Rolf Dieter Brinkmann. Stattdessen verkündete man die entlastenden, die frohen Botschaften eines sozialverträglichen Humorismus (Robert Gernhardt) oder die fernen Gesänge eines Walther von der Vogelweide (Peter Wapnewski). / Michael Braun FR 21.2.01

Die Fähre

Die Berliner Lyrikerin Elke Erb sprach in Freiburg über das Gedicht „Die Fähre“ des Weimarer Lyrikers Wulf Kirsten:

„Dichter erklären Dichter“ – so heißt eine Reihe, die die Badische Zeitung, das Studium generale der Universität und die Buchhandlung Rombach im Freiburger BZ-Haus an der Bertoldstraße veranstalten. Nach Walter Helmut Fritz war war die Berliner Lyrikerin Elke Erb zu Gast. Sie beschäftigte sich – bei vollbesetztem Saal – mit dem Gedicht „Die Fähre“ des Weimarer Dichters Wulf Kirsten. Ihren Vortrag drucken wir auf dieser Seite nach.

Mit meinen Augen gelesen ist unterwegs, unterwegs sein: nicht hier und nicht dort sein: Da ich ankomme bei diesem Gedicht im Buch, von den anderen Gedichten her und zu den folgenden Gedichten hin, und vermutlich auch selbst schon den Sinn auf die Bewegung gerichtet halte, bin ich in meinem Sinn und mit dem ersten Wort so prompt und so ausschließlich unterwegs, daß ich mir nicht Zeit nehme, mich zu besinnen, unterwegs heiße doch: nicht mehr hier und noch nicht dort. Und ich überrenne auch jetzt, dass diese Formel: nicht mehr hier und noch nicht dort – zu einer Parabel dienen könne – samt der im Gedicht folgenden Begebenheit – zu einer Parabel dienen könne für den Wechsel von einer Gesellschaft in die andere, den missglückenden Wechsel. /Badische Zeitung 21.2. 2001

Korrespondenz

Die künstlerische Korrespondenz zwischen Paul Celan und seiner Frau. Erlangen (DK) Wo die Kunst in vollkommener Abstraktion sich weit von der Wirklichkeit entfernen kann, bleibt die Sprache und sei sie noch so poetisch überhöht der Realität verhaftet. Der lyrische Gestus eines Gedichts von Paul Celans, einem der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts, wird immer noch auf nachvollziehbare reale Entsprechung verweisen. Aber gerade in dieser lyrischen Überhöhung ist die geschriebene Sprache der Kunst, dem Bild am nächsten, zumal dann, wenn Sprachkünstler und Bildkünstler in eine ganz persönliche, ja intime Korrespondenz treten / Donau-Kurier 20.2.01 – siehe auch Nürnberger Zeitung 26.2. (Christian Mückl)

Ein Ritt auf gläsernen Flügeln

Dicht, wie nur Lyrik es sein kann, aber klarer als jede Prosa: Das Buch „Sachverstand“ der Deutschen Schriftstellerin Elke Erb.

Wer von Lyrik ein diffuses Schwelgen in Gefühlen erwartet, ist bei Elke Erb an der falschen Adresse: „Sachverstand“ heisst ihr jüngster Band mit Texten, die zwischen Lyrik und Kurzprosa oszillieren. Die Gattungs-bezeichnung von Erbs letzter Veröffentlichung, „Mensch sein, nicht. Gedichte und andere Tagebuchnotizen“ (1998), trifft auch den Sachverhalt von „Sachverstand“ genau. Das ist äußerlich schon daran zu erkennen, dass die zwischen 1996 und 1999 entstandenen Texte im Inhaltsverzeichnis jeweils mit ihrem Entstehungsdatum versehen sind. / Philipp Gut, Tages-Anzeiger 20.2.01

Exil-PEN-Club mit Internet-Projekt

Der Exil-PEN-Club deutschsprachiger Länder will sich an dem Projekt „Verfolgte Autoren im Internet“ der Else-Lasker-Schüler-Stiftung (Wuppertal) beteiligen. Gedacht ist an Biografien von Autoren, die dem Exil-PEN angehören wie Jiri Loevy aus Tschechien, den russischen Schriftsteller Boris Chasanov und den Lyriker Boris Schapiro, sagte der wiedergewählte Präsident des Exil-PEN, Rudolf Ströbinger, am Sonntag in Bonn zum Abschluss der Frühjahrstagung im Schloss Eichholz.

Über das Projekt sollen sich Schüler mit dem Leben verfolgter Künstler, Dichter, Musiker und Wissenschaftler auseinander setzen, die während der NS-Zeit oder im Kommunismus Berufsverbot hatten und ins Exil gingen.

Aufnahme in den 1956 gegründeten Exil-PEN fanden unter anderem Autoren und Publizisten, die in ihren damals meist kommunistischen Heimatländern verfolgt oder mit Schreibverbot belegt wurden. Viele Mitglieder der älteren Generation kommen aus ost- und mitteleuropäischen Staaten. Der zum internationalen PEN gehörende Verband zählt rund 120 Mitglieder. Ebenfalls vertreten im internationalen PEN sind das wiedervereinigte PEN-Zentrum Deutschland und das in der NS-Zeit entstandene und in London ansässige Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland mit Fritz Beer als Präsident.

Als Vizepräsidenten des Exil-PEN wurden der Münchner Historiker und Autor Bernd Rill und der in Berlin lebende Schapiro gewählt. Traditionsgemäß wurden zur Frühjahrstagung Literaturpreise durch den Exil PEN-Club vergeben. Der Hauptpreis ging in diesem Jahr an die in Bautzen lebende sorbische Schriftstellerin und Lyrikerin Rosa Domascyna. Weitere Preise erhielten unter anderem der in München lebende Philosophieprofessor Karl Macher und Boris Chasanov. Zur Leipziger Buchmesse im März soll die Anthologie „Das Feuer, das ewig brennt“ mit Beiträgen von Exil-PEN-Mitgliedern erscheinen. Als Initiative des Exil-PEN wurde in Berlin außerdem ein literarischer Salon für russische Autoren ins Leben gerufen. / Kurier Online 18.02.2001

Erfundener Grieche

Erfundener Grieche

Über einen „hoax“ berichtet die New Yorker Zeitschrift „ Lingua Franca„. Im vergangenen Oktober erschien in Kanada ein Buch mit dem Titel „Saracen Island: The Poetry of Andreas Karavis„. Die Kritik rühmte ihn als „Griechenlands modernen Homer„. Aber offenbar ist alles eine Mystifikation seines „Übersetzers“ und Exegeten David Solway. / 18.2.2001

 

Academy

It is a source of wonderment and pleasure that at the age of 89, Czeslaw Milosz, arguably the greatest living poet, continues to publish exploratory works of self-definition and commemoration. “Milosz’s A B C’s,“ expertly translated from the Polish by Madeline G. Levine, remakes the relatively recent Polish genre of the A B C book — a kind of subgenre of memoir — so that it becomes a flexible hybrid form, a probing and quirky reference book. (review & First chapter) / New York Times 18.2.01 *)

Textprobe (über die amerikanische Academy of Arts and Letters):

The Academy is not made up solely of distinguished old men, and there are definitely names on its membership list which will last. Nonetheless, election to it is determined by fame as measured by the rumors and gossip of the New York establishment, which means that enduring value and momentary fame reside in the same house. One can see that in the roster of foreign honorary members of the Academy. The seven stars of our Eastern constellation were Bella Akhmadulina, V. Havel, Zbigniew Herbert, Milan Kundera, Alexander Solzhenitsyn, Andrei Voznesensky, and Evgeny Evtushenko. When the last was elected, Joseph Brodsky resigned from the Academy in protest.

Deutscher Rimbaud

Als die neue deutsche Popliteratur heranwuchs, war die Brinkmann– Besinnung nur eine Frage der Zeit. Als Vorbilder experimentellen, linkem Gesinnungsgestus spottenden Erzählens kamen nicht viele Autoren infrage: Rainald Goetz der eine, Rolf Dieter Brinkmann der andere. Zu gut repräsentiert der 1975 Verstorbene vordergründig das Ideal des Freidenkenden unter revolutionären Studenten 1968 eine Unperson, die Literaturakademie der Walsers, Grass und Bölls verabscheuend, Warhol und Kerouac verehrend, die Grenzen der Medien sprengend, theatral, verzweifelt und verarmt wie sein Idol Rimbaud, schließlich mit 35 Jahren bei einem Autounfall dahingerafft. /Die Welt 16.2.01