Wanderungen durch Schwaben

„Das freundliche Haus, das an den Österberg angelehnt, gegen die Neckarbrücke herabschaut, ist Ludwig Uhlands Haus; weiter unten, in einem von den Wellen bespülten Turme, träumt seit 33 Jahren Friedrich Hölderlin und brütet über seinem verstummten Saitenspiel.“ So schaut Gustav Schwab im Kapitel über die Stadt Tübingen auf seine Zeit. / Gustav Schwabs „Wanderungen durch Schwaben“, Berliner Zeitung 2.1.02

Middle-aged male poets

Haxton ’s new collection, “Nakedness, Death, and the Number Zero,“ does contain several powerful pieces, primary among them some notably solid love odes. But taken as a whole, this is a disappointing collection. Although Haxton weaves together wildly disparate structures and voices — high lyrical and low cynical, overstuffed short story and spare ode to the moon — the book ends by seeming scattershot rather than wide-ranging, lacking an authoritative charisma that would make the poems memorable rather than merely smart. (incl. first chapter)

/ NYT 30.12.01*)

Mahmoud Darwish: Poet for professors & taxi drivers

„Many people in the Arab world feel their language is in crisis,“ the Syrian poetry critic Subhi Hadidi said.
„And it is no exaggeration to say that Mahmoud is considered a savior of the Arab language.“
A Darwish reading in Cairo or Damascus draws thousands of people, from college professors to taxi drivers. …
In November he won the Lannan Foundation Prize for Cultural Freedom, which carries a $350,000 award. „Darwish’s poems are searing, precise and beautiful,“ said Janet Vorhees, the foundation’s executive director for programs. „He has been a voice for people who would not otherwise be heard.“

/ NYT 22.12.01*)

Paulus Böhmer nicht mehr Geschäftsführer des Frankfurter Literaturbüros

Sein Nachfolger ist Werner Söllner, der schon seit etlichen Jahren mit der Institution als freier Mitarbeiter verbunden und vertraut ist; Böhmer wird dafür in den Status eines freien Mitarbeiters wechseln…
Wer mit dem Schreiben so intensiv befasst ist, kann es auf Dauer nicht in den Freizeitbereich verweisen; dass mit diesem Zwang nun Schluss ist, ist für Böhmer der eigentliche Fortschritt beim Statuswechsel. Lange Gedichte verbrauchen große Autoren-Energie. Sorgfältiges Durcharbeiten der eigenen Texte benötigt die beste Zeit des Tages, die Organisation von Sprache auch nach klanglichen Gesichtspunkten ein waches inneres Ohr, in dem nicht ständig das letzte Telefongespräch nachklingt. Und demnächst wird das große Kaddish, work in progress der vergangenen Jahre, im Schöffling-Verlag erscheinen.


Der Literaturbote Nr. 64 widmet sich den Autoren Ror Wolf und Paulus Böhmer. Zu beziehen im Hessischen Literaturbüro, Tel. 069 / 40 58 95 23, Fax 40 58 95 62, email: Literaturbuero.Frankfurt@onlinehome.de./ Frankfurter Rundschau 2.1.02

And no one thinks this odd or wrong

British poetry is currently in a rich, interesting state. The one thing wrong with it is that it is not being read. Or not by the people you would think are its natural audience: the culture-minded middle classes. Most people who „did English“ at college, or go to plays and Vermeer exhibitions, do not open a book of modern poems from one year to the next. You would think that enjoying contemporary poetry is part of a full cultural life. Increasingly, since the 1960s, it hasn’t been. The media, who use „poetry“ as a metaphor for anything from Tiger Woods‘ swing to a retro sofa-leg, tend to assume it is difficult, elitist, or „irrelevant.“ Books editors do not need to know anything much about it except big names, and no one thinks this odd or wrong.

Außerdem erfahren wir in diesem Artikel (anläßlich der Verleihung des Eliot-Preises am 20. Januar durch die Witwe des Dichters (?!), daß dieser Preis noch nie an eine Frau ging und daß die englischen Dichter in eine Pound- und eine Eliot-Linie zerfallen:

If you put the books shortlisted for the 2001 Eliot prize into teams, you would find more on the Eliot side (with Bunting as back-up) than the Pound side. You might describe the Eliot group as rationally comprehensible, politically-underpinned lyric, focusing on landscape and society. . / Ruth Padel: Death of the reader, Prospect 1.1.02

Günter Kunert über Probleme mit Gedichten in Schnell-Lesezeiten

Wahrlich, ich lebe in Zeiten, da die Dichter wenig gelten. Vorbei die gute alte schlechte Zeit, während welcher man noch einander Gedichte vorlas, von ihren Worten bewegt oder erregt, zumindest im Einklang, in seelischer Übereinstimmung mit den Sprachgebilden. Und ganz unauffällig fand bei derlei gemeinsamen Unterhaltsamkeiten auch etwas statt, dass man mit einem trockenen Begriff „Belehrung“ nennen könnte. Nämlich Belehrung über das wundersame Wesen der Sprache.
Zeilen prägten sich dann einem ein. Verse blieben im Gedächtnis, Intonation und Rhythmus weckten die Aufmerksamkeit für Genauigkeit. In einem weitaus umfassenderen und auch strengerem Maße forderte die Dichtung, die Lyrik, etwas vom Leser oder Zuhörer, was ihm oft die Prosa nicht abverlangte. Nämlich sich um Verständnis für verbale Bilder zu bemühen und ihre Hintergründigkeit, manchmal auch ihre Rätsel zu ergründen.
Ich weiß, der heutige, auf Hurtigkeit gestrimmte Leser besitzt nicht mehr, was früher kostenlos vorhanden war, und zwar die Muße, um sich mit einem sprachlichen Kunstwerk zu befassen. Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen.
(Laudatio auf Heinz Czechowski , Nordwest- Zeitung 26.11.01) – Aber woher weiß er das, übrigens? …

Brüder-Grimm-Preis an Lyriker Heinz Czechowski

Hanau. Der Lyriker und Essayist Heinz Czechowski erhält am Samstag, 24. November, den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau. Kulturdezernentin Oberbürgermeisterin Margret Härtel wird die Urkunde im Rahmen einer Festveranstaltung um 19 Uhr im Comoedienhaus Wilhelmsbad überreichen. Der Preis ist mit 15 000 Mark dotiert.
Heinz Czechowski wird für seine beiden letzten Lyrikbände ausgezeichnet: »Die Zeit steht still« und »Das offene Geheimnis« (beide Grupello Verlag, Düsseldorf). / Main-Echo , Aschaffenburg, 23.11.01 – Kurzer Bericht in Mitteldt . Ztg. 26.11. 2001

Mondseer Lyrikpreis

Der diesjährige, mit 100.000 Schilling dotierte Mondseer Lyrikpreis geht an den 1956 in Vaduz/Liechtenstein geborenen, in Wien lebenden Autor Michael Donhauser. Die Jury spricht Donhauser „Unbekümmert um Moden und Tendenzen“ zu, er habe „den Widerspruch zu seiner Sache und ästhetisch fruchtbar gemacht“. Oberösterreichische Nachrichten vom 28.09.01

Aus für Lavantpreis?

Kulturpolitsche Nachwehen des Christine-Lavant-Preises: Aufgrund des geringen Publikumsinteresses (zirka 70 Zuhörer) denkt Vizebürgermeister Heimo Toefferl über eine Einstellung nach: „Die Gemeinde wendet 400.000 Schilling dafür auf, weder das Publikum noch das Medieninteresse entspricht dem.“ Er hat auch schon Ideen, wie man das freigewordene Geld verwenden könnte… / Kleine Zeitung 26.9.01

 Christine-Lavant-Lyrikpreis für Ulf Stolterfoht

Der Berliner Autor Ulf Stolterfoht (38) wurde „für seine souveräne Sprachbehandlung, den Reichtum an lautlichen und rhythmischen Formen und seine inhaltliche Präzession“ (Begründung der Jury) mit dem von der Stadt Wolfsberg gestifteten Christine-Lavant-Lyrikpreis  in Höhe von 100.000 Schilling ausgezeichnet. / OÖN vom 25.09.2001

10. Ende September lesen sechs Dichter um den Christine Lavant-Preis 2001

… am 21. und 22. September in Wolfsberg: Zum vierten Mal wird heuer der Christine Lavant Lyrik-Preis vergeben, der mittlerweile zu einem der größten Lyrik-Preise des deutschen Sprachraumes zählt.

Dementsprechend viele Anmeldungen hat es gegeben: Aus den ursprünglich 375 Einsendungen aus zehn Nationen wurden sechs Teilnehmer ausgewählt, die um den „Christine Lavant Lyrik-Preis der Stadt Wolfsberg“ (100.000 Schilling), den „Christine Lavant Förderungs-Preis der Raiffeisenbank St. Stefan“ (40.000 Schilling) und den „Christine Lavant Publikums-Preis der Wolfsberger Messe“ (20.000 Schilling) ringen werden.

Der Wiener Oswald Egger ist der einzige österreichische Teilnehmer. Vier kommen aus Deutschland: Jörg Schieke (Leipzig), Gabriele Cenefels (Frankfurt), Ulf Stolterfoht (Berlin) und Arne Rautenberg (Kiel). Die Züricherin Sabine Wen-Ching Wang wird die Schweiz vertreten.

Der letztjährige Preisträger Ferdinand Schmatz ist eines der Jury-Mitglieder. Zwei weitere bekannte Gesichter: Hansjörg Schertenleib und Arno Dusini (beide 1997 in der Jury). Heuer erstmals dabei sind Katja Lange-Müller und die Kärntnerin Maja Haderlap.  / Kleine Zeitung 17.8.2001

11. Die evangelische Theologin

und Literaturwissenschaftlerin Constanze Jaiser von der Freien Universität (FU) Berlin sammelte für ihre Dissertation »Poetische Zeugnisse« mehr als 1 200 Gedichte von Frauen aus 15 Nationen, die im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert waren. Insgesamt wurden zwischen 1939 und 1945 mehr als 130 000 Frauen in das brandenburgische KZ deportiert.

Das Buch »Poetische Zeugnisse. Gedichte aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück 1939-1945« von Constanze Jaiser ist im Metzler-Verlag erschienen und kostet 68 Mark.  / Reutlinger General-Anzeiger 17.8.01

Pat. van Hoddis

Immer wieder in Sanatorien und Kliniken eingeliefert, bei Pflegefamilien in Thüringen, von 1922 an in Privatpflege bei einer Gastwirtsfamilie in Tübingen, entmündigt, in die Universitäts-Nervenklinik eingewiesen und 1933, als seine Familie nach Palästina auswandert, in die „Israelitische Heilanstalt“ in Bendorf Sayn bei Mainz verbracht, wird Jakob van Hoddis am 30. April 1942 mit hundert weiteren Patienten und den Mitarbeitern der Anstalt in den Distrikt Lublin verschleppt und bald darauf, wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor, ermordet.

„Manchmal, wenn er sich im Garten befindet, springt er plötzlich auf irgendein Tier (Ameise, Schmetterling etc.) zu und begrüßt dasselbe durch sechs- bis siebenmaliges steifes Verbeugen oder durch Abnahme des Hutes“, kann man in der Göppinger Krankenakte lesen, in der – wie in allen anderen, die das umfangreiche Ausstellungsbuch versammelt – der Dichter Jakob van Hoddis nur noch Pat. (Patient) heißt. / ERNEST WICHNER Süddeutsche 29.6.01

„all meine pfade rangen mit der nacht. jakob van hoddis, hans davidsohn (1887-1942)“. Ausstellung in der Stiftung „neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“. Bis 31. August 2001. Vom 16. September bis 11. November 2001 in den Räumen der ehemaligen „Israelitischen Heilanstalten“ in Bendorf Sayn, . Katalog: Stroemfeld Verlag, Frankfur/M. 2001. 256 Seiten, 40 Mark. 

Führer-Hymnen

Mit Blick auf die schriftlichen Hinterlassenschaften der 1879 im damaligen Königsberg geborenen »Lyrikerin und Balladendichterin« spricht das im Fischer Verlag erschienene Biographische Lexikon zum Dritten Reich recht zurückhaltend von »Elementen einer mythologisierenden Blut-und-Boden- Romantik«, »die eine Affinität zu nationalsozialistischen Ideen erkennen lassen«. Wesensverwandtschaften, die sich den Nazis schon recht früh offenbart hatten, weshalb sie Miegel bereits 1933 als Mitglied der Deutschen Akademie der Dichtung beriefen. Die »NS-Kulturgemeinde« gründete 1936 eine Stiftung zur alljährlichen Verleihung einer »Agnes-Miegel -Plakette«. 1940 erhielt sie den »Goethepreis der Stadt Frankfurt«.

Frau Miegel bedankte sich artig, wurde Mitglied der NSDAP und schmiedete beispielsweise diese Hymne auf den »Führer«: »Neid hat er und Bruderhaß gestillt. Unsere Herzen, hart von Not und Krieg, hat mit seinen glühenden, glaubensvollen Worten ER durchpflügt wie Ackerschollen, bis ein neuer Frühling in uns stieg.« So was darf mit dem Goethepreis von 1940 nicht abgegolten sein. Darum auch legten die Regierenden des Freistaates Bayern als Vorkämpfer deutscher Leitkultur 1959 den Literaturpreis der »Bayerischen Akademie die Schönen Künste« für die Ehrenbürgerin der niedersächsischen Gemeinde Bad Nenndorf dazu. 1948 war ihr dort diese Ehrung zuteil geworden; ihr einstiges Wohnhaus ist heute als »Agnes- Miegel-Haus« und Museum eingerichtet. / junge Welt 28.6.01

Ein Mythos

Machmud Darwisch ist einer der letzten Dichter, die selber ein Mythos sind, einer wie Lorca, wie Majakowski, wie Neruda oder Nazim Hikmet. Mit ihnen teilt der palästinensische Lyriker nicht nur die fast abgöttische Verehrung, die er in seinem Volk geniesst, den Status einer Symbolfigur für unzählige Hoffnungen, sondern auch die Poetik: ein Sprecher für das Volk zu sein, gegen die Unterdrückung, für Freiheit und Gerechtigkeit. Machmud Darwisch ist der ungekrönte König unter den königlich verehrten arabischen Dichtern, der populärste von allen, zugleich aber einer, der über der Popularität die Autonomie der Dichtung nicht vergisst. Seit Ende der achtziger Jahre hat sich seine Poetik stark gewandelt, auf volkstümliche und agitatorische Züge verzichtet er ganz, seine Dichtung ist schwieriger geworden, reflektierter und moderner – im Sinne dessen, was bei uns als modern verstanden wird. / Stefan Weidner, NZZ 27.6.01

Machmud Darwisch: Ein Gedächtnis für das Vergessen. Aus dem Arabischen von Kristina Stock. Lenos-Verlag, Basel 2001. 211 S., geb., Fr. 33.80. 27. Juni 2001