118. War Walther Franke?

Seit rund 40 Jahren gräbt sich der Germanist und Historiker Gerhard Wagner aus Höchberg durch Archive und forscht damit nach eigenen Worten in einem Raum, in dem noch nie jemand geforscht hat“. Aus einer Indizienkette heraus kommt er zu der Erkenntnis, dass der Dichter als Sohn des Ritters Walther von Stollberg 1170 geboren und 1220* als königlicher Vogt in Herlheim gestorben ist.

Allerdings sind die Thesen, die Wagner in seinem 2008 erschienenen Buch „Herr Walther von der Vogelweide – ein Minnesänger aus dem Steigerwald“ belegt, umstritten. Und obwohl 2002 seine erste Veröffentlichung zu diesem Thema erschienen ist, wartet Wagner bis heute darauf „dass jemand kommt und mich widerlegt“. Ein bisschen hat er den Verdacht, dass man einen „nicht von der Uni Stammenden“ eben nicht ernst nehmen will. / Mainpost Schwebheim

*) weiter unten im Text steht: 1230

117. Einige, manche

Als eine der „intensivsten europäischen Dichterstimmen“ würdigen ihn angesehene Literaturkritiker, für manche gehört Karl Lubomirski zu „den besten Lyrikern, die heute in deutscher Sprache schreiben“.

In seiner Wahlheimat Italien erleben Karl Lubomirskis Gedichtbände rasch mehrere Auflagen, mehrere Literaturpreise zeugen von der Wertschätzung, die man dem Schriftsteller aus Österreich in Italien entgegenbringt. Seine Liebe zur italienischen Poesie und Kunst ließ ihn auch zum literarischen Vermittler werden, mehrmals hat Lubomirski Texte italienischer Autoren übersetzt, so etwa die Gedichte des florentinischen Malers und Lyrikers Paolo Frosecchi.

„Sie sollten auch Prosa schreiben“, hatte Ernst Jünger dem schreibenden Kollegen einst geraten. Karl Lubomirski hat den Rat befolgt. …

Was beim Blick auf seine Lyrik auffällt: Seine Gedichte brauchen nur wenige Zeilen, kommen mit wenigen Worten aus. Ein Gedicht ohne Titel lautet:

Was ist eine Säule
die keinen Tempel trägt?

/ Heinz Janisch, Ö1

  • Karl Lubomirski, „Bagatellen“, Edition Atelier
  • Karl Lubomirski, „Bruder Orient. Sieben andere Reisen in den Nahen Osten“, Verlag Berenkamp
  • Karl Lubomirski, „Gefangene des Himmels“, Verlag Berenkamp
  • Karl Lubomirski, „Palinuro“, Verlag Berenkamp
  • Karl Lubomirski, „Propyläen der Nacht“, Waldemar Weber Verlag

116. Stan Lafleur & HEL & Joost van den Vondel

Aus Stan Lafleurs Blog rheinsein:

Jüngst telefonierte ich mit HEL alias Herbert Laschet-Toussaint, Ostbelgiens und Deutschlands großem Dichter, und natürlich kam die Rede alsbald auf den Rhein. “Du kennst das von dem Holländer?”, meinte HEL und ich antwortete: “Vondel, dem der Park in Amsterdam gehört?” “Genau. Das mußt du aber im alten Original lesen und bringen, das läßt sich ganz gut verstehen”, meinte HEL, der selbst aus dem passenden Sprachraum stammt und gerade erfolgreich eine Suche nach einer im Internet verborgenen Liste mit Vokabeln einer jüngst katalogisierten altthrakischen Nebensprache in Auftrag gegeben hatte, deren Verständnis dem Deutschen an sich ungleich schwieriger erscheinen mag als barockes Niederländisch. Ich kannte Vondels furioses Rheinpoem bis zu diesem Zeitpunkt einzig auf Deutsch und hielt aufgrund der Kölner Herkunft des Dichters irrigerweise sogar für möglich, daß es im Original auf Deutsch abgefaßt worden sein könnte. HEL wußte es besser, er weiß eigentlich sowieso fast alles über Lyrik. An dieser Stelle nun kommt Google ins Spiel, dessen ausufernde Scan-Bibliothek die Recherchen zu Rheinsein seit Frühjahr 2009 enorm erleichtert und bereichert hat. Die Entwicklung von Google Books habe ich seitdem mit großer Euforie verfolgt, dort bin ich umstandslos an seltene oder vergessene historische literarische Zeugnisse gelangt (nicht alle, aber zunehmend mehr von denen, die ich suchte), die ich mir sonst nie hätte leisten können oder nur unter sehr hohem Aufwand für kurze Zeit hätte einsehen können. Solche Schriften sind nun also gebührenfrei und Vollzeit auf Selbstzugriff verfügbar. Ich empfinde das als revolutionär, mit der Sprache der Unterdrückten, und als Segen, mit der Sprache der Unterdrücker. Bei aller Euforie bleibt gegenüber Google Books eine gesunde Skepsis: positive Entwicklungen können sich in negative kehren, häufig genug passieren solche Kehren allzu schnell. Daher ließe sich jedem Interessierten empfehlen, sich mit elektronischen Downloads historischer Ausgaben zu versorgen, solange sie derart umfangreich und frei verfügbar sind.

115. Unbekannter Rimbaud

Unbekannte Bilder um Arthur Rimbaud hier beim Figaro (Bilderserie)

Les Dessins d’Arthur Rimbaud de Jean-Jacques Lefrère. Flammarion, 167 p., illustrations, 45 €.

114. Gestorben

Die kanadische Lyrikerin P.K. Page starb am 14.1. im Alter von 93 Jahren. Sie war mit Sicherheit eine der größten Dichter des Landes. Bis zuletzt produktiv – im November erschienen zwei Bücher, ein langes Gedicht mit dem Titel „Cullen“ und eine Trilogie von Kinderfabeln. „The Sky Tree„.

„Um am Leben zu bleiben“, sagte sie, „muß ich schreiben.“ / Rosemary Sullivan, CBC News 15.1.

Vgl. L&Poe 2004    Aug    #19.    P.K. Page

113. Finalisten des US-National Book Critics Circle Award

Am Sonnabend wurden in New York die Finalisten des National Book Critics Circle – Preises bekanntgegeben. In der Kategorie Lyrik sind es

  • Louise Glück: „A Village Life“
  • Rae Armantrout: „Versed“ (National Book Award finalist)
  • D.A. Powell: „Chronic“
  • Rachel Zucker: „Museum of Accidents“
  • Eleanor Ross Taylor: „Captive Voices“

/ Fresnobee 7

Ganz schlecht sieht es im deutschen Buchmarkt nicht aus: von Louise Glück gibt es zwei Bände bei Luchterhand, von Rae Armantrout erschien „Narrativ“ bei luxbooks, ebenfalls dort ist „Museum of Accidents“ von Rachel Zucker in Vorbereitung (Probe beim Poetenladen)

Bei L&Poe:

Louise Glück (gesprochen wie „glick“):

2003    Aug    #    Die amerikanische Dichterin Louise Gluck
2003    Sep    #    Aus einer lesenswerten Sammlung
2004    Aug    #25.    Der Dichter Ted Kooser
2006    Mrz    #64.    Vor und nach Vergil
2006    Apr    #60.    Neuer amerikanischer Kanon?
2006    Sep    #50.    30 amerikanische Dichterinnen
2006    Sep    #80.    Eine gute Anspielung funktioniert
2006    Sep    #114.    Die Threepenny Review
2006    Nov    #90.    National Book Award verliehen
2006    Dez    #74.    Lyrisches Querbeet im VOLLTEXT
2007    Aug    #36.    Merkbare Sätze
2008    Feb    #49.    Averno
2008    Mrz    #14.    Robust und verletzlich
2008    Apr    #114.    Oppen
2008    Aug    #111.    Irrwitzig & melodiös
2009    Aug    #023. DEADPAN DISASTERS
2009    Sep     #113. Rilkes Botschafter

Rae Armantrout:

2005    Sep    #26.    Schönes Chaos
2009 Sep #59. Rae Armantrout in Frankfurt und Darmstadt
2009 Sep #115. Luxbooks
2009 Okt #33. METAPHYSICAL COMFORTS
2009 Okt #98. Rae Armantrout bei luxbooks
2009 Nov #148. Gedichtbände auf Platz 2 und 8 der SWR-Bestenliste
2010 Jan #41. Spring 2010 Events Schedule Released

D.A. Powell:

2004    Aug    #44.    American pastoral
2006    Jan    #103.    Lyrik  des 21. Jahrhunderts auf den Spuren von Eliot und Stein
2009    Mrz    #114.    Liebe und Tod
2009    Dez    #139. Best poetry books 2009

Rachel Zucker:

2009    Feb    #1.    100 Poems, 100 Days

112. Lyrikmarkt

Auch Rilke gab der Abteilung Aufwind mit seinem „Marienleben“ in Erstausgabe der Insel-Bücherei, das er der „Fürstin Marie Taxis mit eines ganzen Jahres Dankbarkeit“ widmete. Ein österreichischer Sammler hielt bis 4000 Euro (500) durch, um den Band zu bekommen, und nahm im Anschluss für 2800 Euro (400) auch Rilkes „Sonette an Orpheus“, gleichfalls mit einer Huldigung an die Fürstin versehen. …

Spitzen notierten hier Robert Frosts Gedichte mit eigenhändigem Poem für eine Schweizerin für 4000 Euro (2000). / faz.net Kunstmarkt (mit Faksimiles)

111. Banater Volksdichter Hans Kehrer gestorben

Wenige Tage vor Weihnachten 2009 hat das Banat seinen Volksdichter verloren. Wie soll man ihn nennen? Er wurde Stefan Heinz getauft. Dann hieß er aber auch Hans Kehrer oder Vedder Matz. Ein langes, ereignisreiches, durch unermüdliche Arbeit geprägtes Leben hat ein Ende gefunden. / Siebenbürgische Zeitung

110. Wem gehört die Lyrik?

Bei peter-hacks.de schreibt ein  anonymer Blogger:

Kalte Konserve

StO
am 24/01/2010
in Tagesmeldungen

.

Der Artikel ist fast drei Jahre alt und taucht nun noch einmal in dem Blog Lyrikzeitung auf. Stephan Wackwitz schrieb in dem Magazin Literaturen über Peter Hacks und kanzelte seine Dichtung als „preußisch-sozialistischen Staatsrokoko“ ab:

Der kommunistische Schriftsteller Peter Hacks hat seine geniale Lyrik, seine anregend skurrilen Essays und seine leider sterbenslangweiligen Dramen zeitlebens unter dem Einfluss eines narzisstischen Phantasmas geschrieben: Er war heimgesucht von der Vorstellung, der Molière oder Goethe des ersten sozialistischen Staates zu sein. Diese phantasmatische Identifikation mit der deutschen oder der französischen Klassik findet sich als (meist ironisch-kokette) Anspielung überall dicht unter der Oberfläche seines Werks und der zahlreichen darin verstreuten Selbstdeutungen.

Der Blogger ohne Namen fragt nun, ob man das vielleicht auch umgekehrt sehen könne: geniale Dramen, überschätzte Lyrik? – und wartet auf eine Antwort.

Gut, ich warte nicht länger auf eine Antwort und geb sie selber, gern auch unter meinem Namen. Der Artikel von Stephan Wackwitz war von 2007 (meine Kommentar-Frage von 2010). Hier eine L&Poe-Meldung vom März 2003:

Hacks über Hacks (Wem gehört die Lyrik)

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht. Thomas Mann gehört die Prosa und Brecht das Drama und die Lyrik.

Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, daß die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört. Arno Schmidt für Prosa, mir für Dramatik und die Lyrik. Das sage ich mit dem Vorbehalt eines Menschen, der wirklich weiß, daß dies eine Art von Urteilen ist, die eigentlich nicht fällbar sind. Aber ich kann ja nicht so tun, als hätte ich kein Urteil. / junge Welt  21.3.

Peter Hacks wird heute 75. Er hat schöne und gute Sachen geschrieben – törichte auch. Man soll seine (auch seine) Texte nicht für seine Meinungen haftbar machen. Der Untergang des Sozialismus scheint ihm irgendwie als die logische Konsequenz einer Verschwörung gegen Hacks (oder umgekehrt). L&P gratuliert. …
Zu seinem Geburtstag erschien ein Band mit Beiträgen von Klaus Ensikat, Eberhard Esche, Georg Fülberth, Hermann Kant, Rainer Kirsch, Wolfgang Kohlhaase, Sahra Wagenknecht etc. pp.

André Thiele (Hrsg.): In den Trümmern ohne Gnade. Festschrift für Peter Hacks. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003, 256 Seiten, 14,90 Euro

Das war vor fast sieben Jahren. Inzwischen scheint sich Hacksens Selbsturteil durchgesetzt zu haben. Immer öfter liest und hört man von dem großen oder genialen Lyriker Peter Hacks, so auch bei Wackwitz. Und stimmt es? Nein, ich halte beide Seiten des Urteils für falsch. Ob Hacks ein sterbenslangweiliger Dramatiker ist? Ich habe etliche Aufführungen gesehen und mehr Stücke gelesen, wenn auch nicht alle. Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe sterbenslangweilig? Moritz Tassow Staatsrokoko? Ach, das ist nichts als ein Klischee.

Und seine Lyrik? Hacks ist meist originell und witzig, selbst da, wo man die darin ausgedrückten Meinungen für abwegig hält.  Aber genial? Gar der König seines Halbjahrhunderts? Er ist ein geschickter Lyriker, nicht ohne eine Neigung zum Kunsthandwerk. Das ist gut und fast immer lesenswert. Das ist doch schon viel. Und die Namen, die mir unter den Lyrikern 1950-2000 wichtiger sind, ersetze ich hier mal durch je einen Punkt:

………………………………………………………………

Greifswald, 24.1. 2010

Michael Gratz, lyrikzeitung.de

109. Geheimbund der Stille

E R S T E L E S U N G & PUBLIKATION :

ERIKA BURKART / MISCHA VETERE
G E H E I M B U N D
D E R S T I L L E

– ein Lyrik-Abtausch aus 15 Jahren
oder von der poetischen
Zwiesprache im virtuellen
Zeitalter

am donnerstag, 28. januar 2010 um 19 uhr

in der projektgalerie, werdstrasse 128, zürich-wiedikon
(S-Bahn, Tram 9 / 14 Haltestelle Bhf-Wiedikon; 2 Gehminuten)

der auf die Lesung erscheinende, gleichnamige privatdruck kann am abend bezogen und/oder über e-mail-adresse mischa.vetere@gmx.ch reserviert werden (erste auflage 100 exemplare – first come, first serve).

lang lebe erika!

& herzlich

mischa vetere

ps: als vorgeschmack eine abfolge aus GEHEIMBUND DER STILLE (I-10) * :

haiku

das brot ist der laib
und die krume –
das ganze als EINHEIT
und teil

mischa vetere (1994)
[in „rimbaud reaming“,
XII-2008]

*

DER HAIKU-SCHREIBER

Für M.

Den Blick haben
für den einen
Tropfen im Regen:
Spiegel dem All
einen Augenblitz kurz,
eine Erdzeit lang.

E r i k a B u r k a r t
[in „Geheimbrief“, II-2009]

spiegel bild
(haiku)

spiegel dem all,
einen augen
blick kurz
erklang unser
lang, kurz,
lang.

mv

[in
„post-trauma -versuch
einer antwort“, V-2009]

* es fehlt das gedicht ’sputnik (von der läuterung)’ [XII-08], av anfang der I. von VII strophen mit titel ’schrott’: “hundert gedichte frieden, / fünfzig schützend die welt um verbesserte / kommunikation im all / nabelschau aus der vogelperspektive / worte verhindern kriege immer wieder / pflanzen bäume in den himmel (…)”

108. Poe-Fan schweigt

Der rätselhafte Fan des Dichters Edgar Allan Poe, der seit 60 Jahren den Geburtstag des Dichters am 19.1. zelebrierte, trat dieses Jahr nicht in Erscheinung. Er hatte am Grab in Baltimore seit 1949 Rosen und Kognak niedergelegt. Es war der 201. Geburtstag Poes./ Guardian 20.1.

107. Molière der DDR?

Der kommunistische Schriftsteller Peter Hacks hat seine geniale Lyrik, seine anregend skurrilen Essays und seine leider sterbenslangweiligen Dramen zeitlebens unter dem Einfluss eines narzisstischen Phantasmas geschrieben: Er war heimgesucht von der Vorstellung, der Molière oder Goethe des ersten sozialistischen Staates zu sein. Diese phantasmatische Identifikation mit der deutschen oder der französischen Klassik findet sich als (meist ironisch-kokette) Anspielung überall dicht unter der Oberfläche seines Werks und der zahlreichen darin verstreuten Selbstdeutungen. / kultiversum (Stephan Wackwitz / Literaturen / Seite 65 / März 2007)

(Vielleicht kann man es ja auch umgekehrt sehen: geniale Dramen, überschätzte Lyrik?)

Peter Hacks
Verehrter Kollege. Briefe an Schriftsteller

Hg. und mit einem Nachwort von Rainer Kirsch.
Eulenspiegel, Berlin 2006. 367 S., 19,90 €

Ulrich Raulff (Hg.)
Vom Künstlerstaat. Ästhetische und politische Utopien
Hanser, München 2006. 187 S., 16,90 €

Vgl. L&Poe 2010 #110. Wem gehört die Lyrik?

106. „Verlinken ist ein Recht“

Links setzen zu können, ist sehr viel mehr als nur eine technische Fähigkeit des Internets. Verlinken ist ein Recht. Ein Link macht gleichberechtigte Anmerkungen möglich. Er ist Motor der Link-Wirtschaft, die Medien am Leben erhält. Er ist ein Werkzeug, um Verantwortung zu übernehmen. Er ist der Kern der Idee der freien Rede im Netz. / Jeff Jarvis, Zeit online

– Ja, und ich füge hinzu: Wenn ich hier zB Ausrisse bringe, nehme ich keinem Urheber was weg, sondern mache etwas auffindbar, zumindest für alle, die nicht jede dieser Zeitungen pp. abonniert haben und jeden Tag verfolgen. Archivieren ist zugänglich machen (und dient damit sogar der „Link-Wirtschaft“). Außerdem ist es, Brecht wußte es, selber produktiv:

»Heute« beklagte sich Herr K., »gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt.«

105. Erinnerung an Peter Huchel

Meckel, selbst ein bedeutender Lyriker und Prosaautor, gelingt mit diesen siebzig Seiten Vergegenwärtigungsprosa etwas Außerordentliches: Peter Huchels Biographie als politischer Fall skizziert in anteilnehmender Präzision, Peter Huchels dichterisches Werk dokumentiert als exemplarisches Gelingen von Poesie. …

Man wünscht sich als Leser, Meckel könnte sich entschließen, der Serie der „Erinnerungen“ an Kaschnitz und Huchel noch eine dritte „Erinnerung“ folgen zu lassen – an Günter Eich. / Hartmut Buchholz, Badische Zeitung 23.1.

Christoph Meckel: Hier wird Gold gewaschen. Erinnerung an Peter Huchel. Mit Graphiken des Autors. Libelle Verlag, Lengwil 2009. 80 Seiten, 14,90 Euro.

104. Gegenstrophe. Blätter für Lyrik

Eine neue Zeitschrift ist anzuzeigen, ein Jahrbuch eher, etwas blässlich Gegenstrophe. Blätter für Lyrik getauft, herausgegeben von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector, und zwar im Zusammenhang mit dem im September 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis. Die Herausgeber sind bemüht, über die Dokumentation des Preises hinaus ein Forum für Lyrik zu etablieren. Zwar mangelt es, angesichts der verschiedensten Zeitschriften, nicht an Möglichkeiten zur Publikation von Gedichten, doch erscheint das einflussreiche, von Christoph Buchwald 1979 begründete Jahrbuch der Lyrik seit 2009 nicht mehr, und vielleicht kann die Gegenstrophe ja diese Lücke ausfüllen.

Die neue Publikation scheint dafür gerüstet. Die erste Ausgabe ist jedenfalls kenntnisreich und übersichtlich gegliedert: Unter der Rubrik „Premiere“ werden Gedichte bislang wenig bekannter Autoren vorgestellt. Die „Porträts“ widmen sich Dichtern, die 2008 beim Lyrikfest in Hannover gelesen haben: Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. In der Rubrik „Essay“ analysiert Michael Braun unter dem schönen Titel Ein Lied aus reinem Nichts den „Sprachstoff“ der Jungen Lyrik. „Gute Dichtung“, heißt es dort etwas apodiktisch, beginne „mit dem Totalverlust aller Gewissheit.“ Sie müsse „vertraute Sprach-Strukturen aus den Angeln heben, sie dynamisieren und semantischen Zerreißproben aussetzen.“ / Michael Buselmeier, Freitag 22.1.

Gegenstrophe. Blätter für Lyrik: Nr. 1, 2009 (Literaturbüro Hannover, Sophienstr. 2, 30159 Hannover), 12,80 €.