Wann: (war schon)
Wo: Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97(Kulturbrauerei)
10435 Berlin
Veranstalter: Literaturwerkstatt Berlin
In Lesung und Gespräch: Nico Bleutge (Autor, Berlin) und Björn Kuhligk (Autor, Berlin) Moderation: Meike Feßmann (Literaturkritikerin und Autorin, Berlin)
Wie kann man heute über Landschaft schreiben? Die Berliner Dichter Nico Bleutge und Björn Kuhligk nähern sich dieser Frage von sehr unterschiedlichen Seiten. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sich wohltuend von dem abheben, was Peter Rühmkorf einst spottend als die »Wiedergeburt des Mythos aus dem Geiste der Kleingärtnerei« bezeichnet hat. Nico Bleutges (*1972 München) Band »verdecktes gelände« (C.H.Beck 2013) ist die konsequente Weiterführung jenes ästhetischen Ansatzes, der bereits in den beiden vorangegangenen Büchern, »klare konturen« und »fallstreifen«, deutlich hervortrat: eine Art poetische Mikroskopie, die sich der unbedingten Sprachgenauigkeit verschrieben hat. Das Ergebnis ist eine lyrische Diktion, welche mit ihrem hochdifferenzierten Auflösungsvermögen selbst solche Landschaften zum Schillern bringt, die sich aus den unterschiedlichsten Graustufen zusammensetzen. Björn Kuhligk (*1975 Berlin) schlägt in seinem neuen Band »Die Stille zwischen null und eins« (Hanser Berlin 2013) für ihn ungewohnte Töne an. Er verlässt das urbane Umfeld und wendet sich den »dampfenden Tieren« am Leckstein und dem Mond in der Oberleitung zu. Es sind Texte in einem nicht abgesicherten Modus, die lustvoll die Tradition unterlaufen, in der das Naturgedicht steht. / mehr
2 Sätze aus einem Text von Ina Kutulas über Matthias Baader-Holst:
Unser Brautmantelkleid war, ist die Decke, unter der die Herbeigerufenen nach wie vor stecken, Gelittene und Untragbare, Verzagte und Verdammte, gut ausgestattet mit diesem Crazy Baader Holst Patchwork – zu werden ein Patchword: der blaue Gottesmuttermantel, der Mantel des Christophorus, Novalis’ lange Haare und seine Mantelknöpfe, der Hemdkragen des Friedrich Hölderlin, le Chiffon Rouge, das Tuch des Jannis Ritsos, der Bakuninslip, der Schurz eines Tarzan, der Pelzmantel des Joseph Beuys, der Stock des St. Patrik in den Händen Artauds und dessen Stummer Schrei – aufgefangen vom Stummen Schrei Edvard Munchs -, ein Zylinderhut von Magritte, Majakowskis XXL-Hose im Wolkenwind, die Schuh- und Kofferberge von Auschwitz, Sophie Scholls Seitenscheitel und die Weiße Rose und die Weißen Rosen von Athen, die Nana Mouskouri herbei sang, Manolis Glezos’ Fahne und die Weiße Rose der Sophie Scholl in den Händen des Falk Harnack in Athen, die Ketten Günter Wallraffs in Athen, Andreas Baaders Jeansanzug, die Flieger-Kappe Johannes Baaders, Frank Lanzendörfers Lederjacke, der Kleiderstoff der Anna Achmatowa, Heiner Müllers Brille, Inge Müllers fast knielange Kinderstrümpfe, Rotkäppchens Korb, Wawerzineks Hebammentasche, Jan Faktors Armbanduhr, Elke Erbs bodenlange Röcke und Schlüsselbänder um der Autorin Hals, die Jesuslatschen, Schlipse, Badekappen, Rasierklingen, Emaillebroschen, Häkchen und Ösen, Bernsteinketten, die Heftpflaster, die Scheuerlappen, das Häkelgarn, der rote Wischmopp, der Baader zur Perücke wurde, Bert Papenfuß’ Springerstiefel, Johannes Jansens weiße Herrenhemden, Gregor Kunz’ Lederband oder Bänder „und dann wieder nicht“, Frida Kahlos Blusen, Wolfgang Hilbigs Umhängetasche, Adolf Endlers Bart, Tilo Köhlers blaues T-Shirt, Gert Hofs selbstgestrickte Unterwäsche, Christel Seidel-Zaprassis’ Klöppelspitzen, Leggings, Palästinensertücher, Militärmäntel, Batikblusen, Büstenhalter, Schlenkerbeutel, V-Pullover, Hosenträger, Geheimnisträger, Gummistiefel, Nylonkittel, Malimo, Rosa Extra, Mondos, Chinafrottee, Assi-Jacken, Konsumjeans, Bundeswehrparka, das Mantelfutter, die unerschöpfliche, bodenlose Frechheit, dieses Sammelsurium, diese Lumpenkiste mit allem, was auf keine Kuhhaut mehr ging und das es in keinem schlechten Russenfilm gab. Darin lag, liegt Baaders Macht.
Sarah Kirsch begann mit dem Gedichteschreiben in einer Zeit, in der Lyrik in Deutschland vielleicht zum allerletzten Mal Macht hatte. Eine Macht über die Leser, die in ihren Bann geschlagen wurden. Und eine reale Macht, die allein darin bestand, dass die politischen Machthaber ihr misstrauten. „Zaubersprüche“ hieß der Gedichtband, der Sarah Kirsch in der DDR 1973 zu einer mächtigen Lyrikerin machte.
„Nachricht aus Lesbos“ hieß einer der bekanntesten Texte darin: „Ich weiche ab und kann mich den Gesetzen/ Die hierorts walten länger nicht ergeben:/ Durch einen Zufall oder starren Regen/ Trat Wandlung ein in meinen grauen Zellen/ Ich kann nicht wie die Schwestern wollen leben“. Die Distanzierung einer Frau von den in ihrer Welt herrschenden Überzeugungen bezog jeder Leser sofort von der Antike auf die sozialistische Gegenwart.
Schon wenige Jahre später hatten diese Verse einen prophetischen Charakter bekommen. Nach der zwangsweisen Ausbürgerung des Dichterkollegen und Liedermachers Wolf Biermann gehört Sarah Kirsch zu den Mitunterzeichnern des Protestbriefs, wonach sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Ihr Ausreiseantrag wird genehmigt, sie siedelt in den Westen über. / Richard Kämmerlings, Die Welt
2 Anmerkungen vielleicht:
Gersheim. Mit Gedichten verbinden viele Leute unverständliche Zeilen, deren Sinn sich beim besten Willen nicht erschließen will, oder ellenlange Aneinanderreihungen von Versen, die man auswendig lernen und aufsagen muss. Dass dies nicht die einzigen Merkmale von Gedichten sind und dass man an ihnen sogar Vergnügen finden kann, das bewies der Dichter Arne Rautenberg, der bei Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 und 6 zu Gast war. Er war angetreten mit dem erklärten Vorsatz, den jungen Menschen den unnötigen Respekt vor Gedichten auszutreiben und ihnen zu zeigen, dass Gedichte ein pfiffiges Spiel mit der Sprache sein können. / Saarbrücker Zeitung
Sarah Kirsch bezieht Position nicht nur im platt politischen Sinne, sondern in einem mimetischen, das heißt, sie verleiht dem, was sie bewahren will, Stimme und Form. Die Natur findet sich auf der einen Seite in ihrem Hervorbringen des Lebens und die menschliche Gesellschaft im Hervorbringen von Bedrohung und Vernichtung. Bezeichnend ihr Gedicht Bäume, auch für ihren widerständigen Humor:
Bäume
Früher sollen sie
Wälder gebildet haben und Vögel
Auch Libellen genannt kleine
Huhnähnliche Wesen, die zu
Singen vermochten, schauten herab.
Sarah Kirschs Weg durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man als paradigmatisch beschreiben. Als ein Leben in Absetzbewegung, und in gewisser Weise ging sie mir und meiner Generation, die etwa 30 Jahre später auf die Welt kam, voran. Wie Kirsch hatten auch wir uns aus unserer Gegenwart, die Vergangenheit sein sollte, herausarbeiten. Es war nicht so, dass sie uns die Irrtümer abnahm, die uns prägten, vielmehr war sie uns auch Vorbild im Irren, sahen sie und einige ihrer Kollegen sich eine Zeitlang doch damit beschäftigt, ein anderes besseres Deutschland aufzubauen. Das sollte sich als großer Irrtum herausstellen. Aber vor allem, dass man aus dem Irrtum lernen kann, konnten wir von ihr abschauen. Und dass es keinen Weg aus der Geschichte gibt. Wohl aber aus ihren manifesten Ergebnissen.
Die ersten Begegnungen mit Texten Kirschs hatte ich zur Zeit ihres Weggangs aus der DDR. Von diesem Aderlass der Kultur im Zuge der Biermann-Ausbürgerung sollte sich dieses merkwürdige Land nicht mehr erholen, schnitt es sich doch damit die intellektuelle Lebensader ab. Da ich in einer marxistisch-orthodoxen Familie aufwuchs, sah man die Ausgebürgerten und Weggegangenen in meinem unmittelbaren Umfeld skeptisch, wenn man sie nicht zu Verrätern erklärte. Aber wie dem so ist, entsprang für mich aus gerade dieser Stigmatisierung ein enormer Reiz und ich durchsuchte die Bücherregale meiner Verwandten nach Texten der verfemten, die es ja immer noch zur Genüge gab.
Gedichte von Sarah Kirsch fand ich unter anderem in einer Anthologie namens Zwiebelmarkt, die im Eulenspiegelverlag erschienen war, und die ich fortan wie meinen Augapfel hütete. Der technische Prozess hatte wahrscheinlich verhindert, dass aus dem Buch die Texte der Dissidenten entfernt worden waren. Und letztlich folgte später ja das ganze Land den Ausgebürgerten in den Westen, der damit ja als Westen zu existieren aufhörte.
Dadurch wurde aus Kirschs Abwesenheit eine dauernde Anwesenheit. Ich finde ihre Bände heute im Bücherregal, ihre Gedichte in den Schulbüchern meiner Töchter, ihren Namen auf Preisträgerlisten. Aber eine persönliche Begegnung mit ihr, die ich nie hatte, wird sich, zumindest im Diesseits wohl nicht mehr ergeben. Und das stimmt mich sehr traurig.
Noch ist Mai, doch möchte ich mit einem Gedicht aus Sarah Kirschs wohl bekanntester Sammlung, Erlkönigs Tochter, schließen:
Nördlicher Juni
Die Nächte haben ihre
Eigenschaften verloren:
Weiße Stufen die
Horizonte mit
Rostroten Tüchern.
Wer hier hinaufspringt
Kann glücklich werden.
Dreimal rufe ich dich aber
Du bist nicht
Auf Erden.
Denn die Gestorbenen haben die Angewohnheit, uns Hinterbliebenen Mut zuzusprechen.
/ Jan Kuhlbrodt, Aus dem Nachruf auf Sarah Kirsch, Zeit
Rita Dove
Singsong
When I was young, the moon spoke in riddles
and the stars rhymed. I was a new toy
waiting for my owner to pick me up.
When I was young, I ran the day to its knees.
There were trees to swing on, crickets to capture.
I was narrowly sweet, infinitely cruel,
tongued in hones and coddled in milk,
sunburned and silvery and scabbed like a colt.
And the world was already old.
And I was older than I am today.
When I was a child, the thing I liked to do most of all was escape what I was supposed to do. That’s I think one of the laws of childhood: to escape what you’re supposed to do. The moments I remember most are the moments I snatched from, times I was supposed to be doing chores, or reading. And this poem, which is a new poem talks about those kinds of moments (…)
Sarah Kirsch (1935-2013 )
Zwei Gedichte
Klagruf
Weh mein schneeweißer Traber
Mit den Steinkohlenaugen
Der perlendurchflochtenen Mähne
Den sehr weichen Nüstern
Dem schöngewaltigen Schatten
Ging durch! Lief
Drei Abende weit war nicht zu bewegen
Heimzukehren. Nahm das Heu nicht
Wahllos fraß er die Spreu
Ich dachte ich sterbe so fror ich
Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche (1973)
_______
Meine Worte gehorchen mir nicht
Kaum hör ich sie wieder mein Himmel
Dehnt sich will deinen erreichen
Bald wird er zerspringen ich atme
Schon kleine Züge mein Herzschlag
Ist siebenfach geworden schickt unaufhörlich
Und kaum verschlüsselte Botschaften aus
Aus: Sarah Kirsch, Rückenwind (1976)
Wie erst heute zu erfahren, starb Sarah Kirsch am 5.Mai
Die Refaiya-Bibliothek umfasst 488 Handschriftenbände, darunter 89 Sammelhandschriften. Im Laufe des Erwerbungsprozesses wurden einige der Refaiya-Handschriften aussortiert, einige der Sammlung hinzugefügt, so dass die zunächst in Leipzig unter der Signatur D.C. erfassten 432 Bände von 1853 bis 1855 auf 488 erweitert wurden. … Unter ihnen befinden sich auch 16 wertvoll verzierte und illuminierte Bücher sowie, nach Fleischer, zwölf vermutliche Autographen. Bezüglich des Inhalts der Werke hob Fleischer zurecht als bemerkenswert hervor, dass die in nahöstlichen Moschee- und Madrasa-Bibliotheken ubiquitären koran- und religionswissenschaftlichen Werke, Kommentare und Metakommentare in dieser privaten Bibliothek „in angemessenen Schranken“ gehalten sind und dass die spezifische Zusammensetzung der Sammlung einen offensichtlich „planmässig(en)“ Charakter habe.
Tatsächlich bildet die Refaiya einen Querschnitt durch die Vielzahl traditioneller islamischer Wissensgebiete mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Büchern zur Poesie (44 Exemplare) und Mystik (41 Exemplare). Auch andere Genres, die in öffentlichen islamischen Handschriftenbibliotheken eher selten bzw. gar nicht zu finden sind – wie historiographische Werke, Biographien, belles lettres / Adab-Literatur, Reiseberichte, Jagdliteratur, Naturwissenschaften und nicht zuletzt Erotik -, sind mit jeweils mehreren Exemplaren vertreten. Die älteste, wissenschaftlich sehr wertvolle Handschrift (Vollers Nr. 0505) ist eine Sammelhandschrift, die aus drei Werken besteht. Zwei davon sind auf das Jahr 990 AD (380 h.) datiert und beinhalten die Diwane (Gedichtsammlungen) der Dichter Abū Ṭālib ‛Abd Manāf (0505a) und Abū´l-Aswad ad-Du´alī (0505b). Das dritte Werk, der Diwan von Suḥaim ʽAbd Banī l-Ḥasḥās (0505c), ist unvollständig und nicht datiert, kann aber mit größter Wahrscheinlichkeit demselben Jahrhundert (oder Jahr?) zugeordnet werden, zumal alle drei Werke von demselben Kopisten geschrieben wurden. / Mehr
Kaʽb b. Zuhair b. Abī Sulmā [al-Muzanī]
ق 1أ, 1ب:
كعب بن زهير بن أبي سلمى [المزني]
lebte im 1./7. Jh.
Lobgedicht auf den Propheten Muḥammad in 58 Basīṭ-Versen mit kurzen Interlinearglossen.
Literatur:
Werner Diem, Studien zu Überlieferung und Intertextualität der altarabischen Dichtung. Das Mantelgedicht Kaʿb ibn Zuhayrs. Wiesbaden 2010
Bl. 1r-2v:
über die Entstehung des Gedichts
Bl. 2v-3r:
Nachricht, die Abū ʽAbdallāh Muḥammad b. Abī l-Ḥasan an-Naḥwī von Rašīd ad-Dīn Abū l-Ḥasan Yaḥyā b.ʽAlī al-Qurašī hörte, dass der Prophet einem Jüngling im Traum gesagt habe, dass derjenige, der dieses Gedicht dreimal rezitiert, ins Paradies komme

18.4.-14.7.2013: Verena Klemm: „Refaiya 1853 – eine Bücherreise von Damaskus nach Leipzig“. Eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek Leipzig
Sie sei nicht verrückt geworden, sie habe Reime gemacht, sagt die in den USA lebende Klüger, die mit der Literatur, speziell mit Gedichten, gelebt und überlebt hat. Um die Sprache als analytisches, zuweilen verstörendes, auf Nuancen pochendes, Erinnerungen speicherndes Lebenselixier dreht sich auch beim Literaturfest Salzburg vieles. Eröffnet wird die viertägige Veranstaltung heute um 19.30 Uhr in der großen Universitätsaula mit Lesungen von Ruth Klüger, Eckhard Henscheid und Eva Menasse. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 22.5.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
There’s something wonderful about happening upon a musician playing for his or her own pleasure, completely absorbed in the music. Jeff Daniel Marion is a fine poet from east Tennessee. And here’s a woman playing the bagpipes.
Playing to the River
She stands by the riverbank,
notes from her bagpipes lapping
across to us as we wait
for the traffic light to change.
She does not know we hear—
she is playing to the river,
a song for the water, the flow
of an unknown melody to the rocky
bluffs beyond, for the mist
that was this morning, shroud
of past lives: fishermen
and riverboat gamblers, tugboat captains
and log raftsmen, pioneer and native
slipping through the eddies of time.
She plays for them all, both dirge
and surging hymn, for what has passed
and is passing as we slip
into the currents of traffic,
the changed light bearing us away.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.
Poem copyright ©2012 by Jeff Daniel Marion, whose most recent book of poems is Father, Wind Publications, 2009. First appeared in Still: The Journal, an online publication, Winter 2013. Poem reprinted by permission of Jeff Daniel Marion.
Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Nach seinem Debüt 1952 mit dem Gedicht-Band „Der andere Gast“ setzte sich Walter Höllerer auch für die Lyrik anderer Autoren ein, gab zum Beispiel 1956 die laut Untertitel als „Lyrikbuch der Jahrhundertmitte“ angelegte Anthologie „Transit“ heraus. Warum Lyrik?
„Ich versuche mit meinen Gedichten das zu sagen, was sich den Leitartikeln und dem programmatischen Reden entzieht, was aber als harte Realität nicht zu verleugnen ist. Gedichte schreiben ist für mich ein notwendiger Vorgang gegen jede Versimpelung und gegen das Sand-in-die-Augen-Streuen, gegen böswillig gesteuerte und genährte Denk- und Faktenverschiebungen und gegen uneingesehene, unreflektierte Vorurteile …“
Walter Höllerer machte West-Berlin zu einem Zentrum der literarischen Moderne. Legendär die von ihm initiierten Lesungen etwa der publikumsscheuen Ingeborg Bachmann oder der Amerikaner John Dos Passos und Allen Ginsberg. Als Professor an der Technischen Universität förderte er viele junge Leute, die später herausragende Autoren wurden wie Hermann Peter Piwitt, oder gründete die Zeitschrift „Literatur im technischen Zeitalter“, in der die Ideen des Strukturalismus und der Linguistik zum ersten Mal in Deutschland eine breitere Wirkung entfalten konnten. / Christian Linder, DLR
In der Arbeit von Gabrielle Hattensen löst sich das Gedicht des englischen Lyrikers Percy Bysshe Shelley (1792-1822) beinahe auf, der Druck auf Japanpapier und die Präsentation auf transparenten Ebenen machen es „durchsichtig“, es wird zu Luft und Worten. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt in die raumfüllende Installation von Ingrid Heuser, in der sie Buchstaben an kleinen Fallschirmen fliegen lässt.
Heuser lebte lange in Asien und hat dort zahlreiche Ausstellungen realisiert. Ihr Sujet sind hängende Installationen, üblicherweise Torsos. Wörter lasse sie nun das erste Mal fliegen, gesteht die Künstlerin.
Die Geschichte „Brennesseln“ von Christoph Meckel füllt das Zimmer, in der Luft, aber auch auf den gestalteten Seiten in den Vitrinen.
Ganz dem Experiment hat sich die in Köln lebende Künstlerin Nora Schattauer verschrieben: nachdem sie in den 90er Jahren mit Wachs, Öl oder Gummi gearbeitet hat, erläutert Dr. Soltek, seien es heute ausschließlich Salzlösungen, mit denen sie Blätter gestalte: „Was passiert mit Flüssigkeiten und wie dehnen sie sich aus?“ In ihren Laborbüchern dokumentiert sie akribisch den bestimmten Augenblick, in dem „es wird“. / Familien-Blickpunkt
„…nur von Augenblickes Dauer…“
vom 17. Mai bis 7. Juli 2013 im Klingspor-Museum
als unsere Katze starb, geschah uns, wozu sie nicht fähig war – wir haben geweint
Hansjürgen Bulkowski
Ich verließ mich auf die Wiederholung im Unterricht. Zwei Wochen vor meiner ersten Abi-Klausur begann ich, alles Nötige zusammenzufassen. Das war schnell erledigt, was auch daran lag, dass ich „auf Lücke“ lernte. Das heißt, für meinen Deutsch-Leistungskurs beschränkte ich mich nur auf eins von rund acht Themen – Lyrik. Dieser Themenschwerpunkt ist jedes Jahr Bestandteil der Abitur-Prüfung. Wieso also mehr lernen als nötig?
Ich investierte rund drei bis vier Stunden in das Fach Deutsch. Meine Schwester saß hingegen fast täglich bis tief in die Nacht vor ihren Unterlagen und lernte zu jedem Themengebiet. „Da will man sich konzentrieren und Fabian nervt mit seiner Gitarre!“, beschwerte sich Olivia.
(…) Wie erwartet stand in der Abi-Klausur auch die Lyrik zur Auswahl. Meine Schwester entschied sich für eine andere Aufgabe. Ihre Prüfung verlief gut, jedoch wegen des Umfangs ihrer Vorbereitung nicht zufriedenstellend. Durch meine Beschränkung auf Lyrik war ich hingegen bestens vorbereitet und hatte keine Probleme. „Das ist schon irgendwie unfair. Da lernt man alles, braucht letztendlich nur fünf Prozent und du kommst mit fünf Prozent Lernpensum aus“, knurrte mich Olivia anschließend an. (…)
Meiner Meinung nach werden die Abiturprüfung überbewertet. Sie sind nicht schwerer als normale Klausuren, oftmals sogar einfacher. Wenn man sich also clever anstellt und sich bewusst macht, auf welchen Stoff man sich beschränken kann, dann ist das Abitur leichter zu bekommen, als manch einer denkt. / Fabian Köster-Schmücker, Kölner Stadtanzeiger
Seit geraumer Zeit ist die Suche nach versteckten Botschaften in antiken Texten zur Spielwiese entdeckungsfreudiger Philologen geworden, insbesondere hat die Suche nach Akrosticha, also nach sinnvollen Folgen von Anfangsbuchstaben in Verstexten, zu einer umfangreichen Fachliteratur mit teilweise kuriosen Methoden geführt, aber die Ausbeute ist trotz jahrzehntelangem Gelehrtenfleiss und immer komplizierteren Lesesystemen mager geblieben – und ebenso die Plausibilität der vermeintlichen Ergebnisse. Abgesehen von den längst bekannten Beispielen liessen sich nur kurze Wörter aus vier oder fünf Buchstaben von eher bescheidener inhaltlicher Relevanz aufspüren: «FONS», «MARS» usw. Auch Vergils Signatur wurde mithilfe neuer «Regeln» (Zeilen überspringen, rückwärts lesen, statt Buchstaben Silben zählen) schon zweimal «nachgewiesen». Vor über einem Jahrhundert glaubte man gar, einem Geheimcode-System auf der Spur zu sein (Johannes Minos: «Ein neuentdecktes Geheimschriftsystem der Alten», Leipzig 1901).
Das Akrostichon, wörtlich «Versanfang», war in der Antike weniger ein Stilmittel als ein Spielmittel und zählte zur Gattung der «Technopaignia», der «gekünstelten Kindereien», deren literarische Blütezeit in den frühen Hellenismus fällt. (…)
Ganz anderer Art als die offensichtlichen Belege ist die jetzt vorgeschlagene Lesart am Beginn von Vergils «Aeneis»: «A STILO M(aronis) V(ergili)». Lesbar ist dies nur mit einem geradezu akrobatischen Verfahren, indem man die Buchstaben vom Versende zu denen vom Versbeginn hinzunimmt und im Zickzackverfahren bald vorwärts, bald rückwärts geht. Für diesen unüblichen Lesevorgang kann sich Castelletti auf ganze zwei Verse des Aratos von Soloi berufen, die eine singuläre Vokabel aufweisen sollen.
Entscheidend ist jedoch das Resultat: Genügt der gewonnene Text den sprachlichen und inhaltlichen Anforderungen? Erstaunlicher als dass die Initialen des Dichternamens verkehrt zu lesen sind (MV statt VM), ist die Formulierung der Kernaussage. Castelletti übersetzt «a stilo» mit «from the pen», das heisst aus der Feder (was «stilus» nicht heisst), bzw. mit «dallo stilo», das heisst aus dem Griffel (aus dem aber nichts fliesst). Das verstösst gegen eine grammatikalische Grundregel, die schon der Lateinanfänger lernt: Der instrumentale Ablativ wird ohne Präposition gebraucht, etwa «stilo scriptum». / Bruno W. Häuptli, NZZ 16.5.
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