44. Dichte Gebete

Etwa 50 Tage nach Pessach wird das jüdische Erntedankfest begangen, auch Schawuot genannt. Zur Feier wird ein Gebet auf Aramäisch unter Begleitung einer besonderen Melodie gesprochen, das „Akdamut“.

„Akdamut“ heißt auf Deutsch eigentlich nur „Vorwort“, mit dem man begründet, warum man etwas vortragen möchte. Und die Tradition berichtet gleich von mehreren Gründen, warum der Mainzer Vorbeter Rabbi Meir Ben Jitzhak Nehorai sein Lied verfasst hat. Nach der Legende hatte einst ein Mönch die jüdischen Gemeinden des Rheinlandes mit einem tödlichen Fluch belegt, dem Tausende Menschen in Pogromen zum Opfer fielen und den er nur zurücknehmen wollte, wenn die Juden einen noch mächtigeren Zauberer aufbieten könnten. Rabbi Meir fand diesen Meister im Schattenreich bei den zehn verlorenen Stämmen, und so konnte der teuflische Herausforderer in die Knie gezwungen werden. (…)

Das in Aramäisch verfasste Gedicht besteht aus 90 Versen, die in besonderer Weise gebaut sind und auch dadurch bereits die unbedingte Treue des Autors zu seinem Judentum ausdrücken. Die ersten 44 Verszeilen beginnen je paarweise mit den 22 Buchstaben in der Reihenfolge des hebräischen Alphabetes, also die ersten beiden Verse mit „A“, Verse drei und vier dann mit „B“ und so weiter. Die Anfangsbuchstaben der weiteren 46 Verse bilden dann ein sogenanntes Akrostichon – das ist eine nicht nur in der jüdischen Literatur sehr beliebte Versform, bei der die von oben nach unten gelesenen Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse einen weiteren Sinn ergeben. Bei der „Akdamut“ ist es ein Gebet, mit dem Rabbi Meir die Gewissheit ausdrückt, dass Gott ihm die Kraft und die Fähigkeit geben werde, trotz des feindlichen Umfeldes in Treue zum Studium der Torah zu stehen und gute Werke zu tun.

Eine dritte Besonderheit der „Akdamut“ ist schließlich, dass alle 90 Verse gleichermaßen auf „t-a“ enden, „tav-aleph“ auf Hebräisch – den letzten und den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets. Damit wird angedeutet, dass das Torahstudium kein Ende hat, sondern stets wieder aufs Neue beginnt. / Evelyn Bartolmai, DLR

 

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