Veröffentlicht am 25. Dezember 2016 von lyrikzeitung
“One cannot dispute that the president has been an exemplary ambassador for literature, a leader who has championed reading as a way to open our eyes to the world, to nurture understanding, to see ourselves in others.” Reflecting on Obama’s literary presidency. | San Francisco Chronicle
Veröffentlicht am 25. Dezember 2016 von lyrikzeitung
und so werden wir Jahr für Jahr aufs Neue geboren
Hansjürgen Bulkowski
Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Am 15. April starb im Alter von 73 Jahren der Slawist Ralf Schröder, der 1956 wegen konterrevolutionärer Verschwörung verhaftet und zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. In den letzten Jahren der DDR reiste er als eine Art Wanderprediger in Sachen Perestroika durchs Land. Einmal in Greifswald fragte ein Besucher: „Und was wird mit der DDR?“ Seine Antwort: „Na, unsre Hornochsen wern sich anschließen müssen, wir sind doch nicht Enver Hodscha.“ Enver Hodscha war bis zu seinem Tod 1985 albanischer Partei- und Staatsführer einer bizarren Diktatur. Als ich Schröder so reden hörte, etwa 1988, war mir endgültig klar, daß Honeckers starrsinniger Sozialismus nicht mehr lange halten wird.
Im April starben außerdem, ebenfalls an der Lyrikzeitung vorbei:
Der Thüringer Schriftsteller Harald Gerlach lebt noch und wandert Goethes Frühlingsreise von 1770 nach
Es gibt Wanderungen, deren Weg noch nach Jahrhunderten die einstige Bedeutung kenntlich macht. Goethes Frühlingsreise von 1770 ist ein solches bewegendes Beispiel. Erlebnis und Genuss überraschender Begegnungen kamen völlig neu in sein junges Leben. Und sie lösten die wohl gefährlichste Phase seines Lebens ab.
Es war der 4. April 1770, als Goethe zum Studium in Straßburg eintraf. Man könnte annehmen, dies sei bloß die logische Einlösung des bereits vor mehr als einem Jahr Angekündigten, dass er nun die Absicht habe, „nach Franckreich zu gehen, und zu sehen wie sich das französche Leben lebt, und um französch zu lernen!“. Hinter dem Plan steckte aber die schmerzvolle Erfahrung: „Mann mag auch noch so gesund und starck seyn, in dem verfluchten Leipzig, brennt man weg so geschwind wie eine schlechte Pechfackel.“ Krank an Körper und Seele, mit vertanem geistigen Gewinn und mit sinnlosem Verlust an viel Geld, ist der 19-Jährige aus Leipzig nach Frankfurt heimgekehrt. Zwei Jahre später wird Straßburg seine letzte Hoffnung auf Überwindung der Krisis. / Die Welt 14.4.01
Alltag in Österreich: „Kronenzeitung“ feiert Hitler
Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: „Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.“ Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den „Endreim“ nennen könnte. Der lautet nämlich: „Taxi Orange, der zweite Teil!“
Dieses „Gedicht“ erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der „Kronenzeitung“, verfaßt von ihrem berüchtigten „Hausdichter“ namens „Wolf Martin“. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von „Taxi Orange“, der österreichischen Version von „Big Brother“? Jene Kritiker der „Krone“, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01
Unter Strom im Frühlicht
haben Angelika Janz und Dieter Eidmann die Ausstellung genannt, die ab 27. April in der Neustrelitzer Galerie der Alten Kachelofenfabrik zu sehen ist. Angelika Janz wird Bildtextarbeiten und Textinstallationen vorstellen, während Dieter Eidmann Bildhauerzeichnungen und Kalligrafien präsentiert. Zur Eröffnung der Exposition beider Künstler, die in Aschersleben bei Ferdinandshof wohnen, wird Angelika Janz aus ihrem im Sommer im Verlag des Wiecker Boten erscheinenden Lyrikband gleichen Titels lesen.
Wusste Paul Celan ganz genau,
was er schrieb, als er seiner Frau am 23. Oktober 1962, wie immer in der großbürgerlich-französischen Sie-Form, das grandiose Pauschalkompliment machte: „Sie sind, und das wissen Sie genau, die Frau eines Poète maudit… Danke, Gisèle de Lestrange, dass Sie dies alles auf sich nehmen“? / KURT OESTERLE, Süddeutsche 20.4.01
LORD BYRON,
the poet who scandalised England with his hellraising exploits, was actually a psychopath, according to new research by a leading psychiatrist. / Telegraph 15.4.01
‚He’s beyond music, beyond lyrics‘
For me Bob Dylan was more important, way back then, than the Beatles or the Stones or anyone else. And though there are many great songwriters these days – Paul Simon, Tom Waits – I still think nobody comes close. / Salman Rushdie und andere schreiben über Bob Dylan / The Observer Sunday March 25, 2001
„Rimbaud-Preis“ für junge Literaten an Christian Filips
Aus 270 Einsendungen hatte eine fünfköpfige Jury vier Preisträger/innen in vier Kategorien gewählt. Der Hauptpreisträger dieses Jahres heißt Christian Filips, und es scheint eine sehr gute Wahl zu sein.
Das erkennt man schon an seiner souveränen Antwort auf die Frage des Moderators Martin Loew-Cadonna, wo die Halbgasse 8 aus seinem Gedicht denn liege. Darauf Filips: „Die gibt es, aber es hat keinerlei Bedeutung.“ Damit signalisiert er sofort: Seine komplexe, wendeltreppenartig sich durch Bildungs-Spiegelkabinette bewegende Lyrik ist nicht realistisch abbildend, sondern schafft einen eigenen und eigenständigen Sprach-Raum. Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder. / Richard Reichensperger: DER STANDARD Freitag, 27. April 2001, Seite 16
Lyrik im Mittelpunkt
Manuel Alegre, einer der bedeutendsten Lyriker des Landes, wurde im vergangenen Jahr mit dem Pessoa-Preis geehrt. Lyrik steht, allen Unkenrufen zum Trotz, auch im modernen Portugal in hohem Ansehen. Sie wurde unter Salazar ebenso wie heute vergleichsweise viel gelesen. Die Auflagen der Gedichtbände sind kaum geringer als die in Frankreich oder Spanien, beides Länder mit einer weitaus grösseren Einwohnerzahl. In Portugal verbindet sich die Blütezeit der Lyrik mit der Gruppe um die Zeitschrift «Orpheu», die während des Ersten Weltkriegs entstand. Ihr Zentrum beherrschte Fernando Pessoa , der in den Dreissigerjahren zu einem der einflussreichsten Dichter Portugals wurde. Andere aus dem Kreis von «Orpheu» – wie Almada Negreiros oder Márjo de Sá-Carneiro – wurden zwar auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt, haben aber nicht die nachhaltige Wirkung von Pessoa erreicht. / Der Bund 23.4.01
Gefährliche Gedichte
Hannover. „In unserem Land bekommt man als kritischer Autor drei Warnungen, dann ist Schluss.“ Der das sagt, weiß, wovon er spricht: Ales Rasanau gilt in Weißrussland als bedeutend ster Lyriker. Als Redakteur einer Literaturzeitschrift veröffentlichte er einige kritische Artikel über die politischen Verhältnisse im Lande. Kurze Zeit später wurde er entlassen ? „auf Druck von oben“, wie er sagt. / JOACHIM GÖRES, Lippische Landes-Zeitung 23.4.01
Gott dem Ohnmächtigen
ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». / Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.01
Im Juni 2000 war Ernst Jandl gestorben. 2001 erschienen „Letzte Gedichte“, Luchterhand Literaturverlag (Sammlung Luchterhand), München,123 Seiten, 18,50 Mark. / dpa. Hamburger Abendblatt 18.4.01
Eine Polemik gegen Moderne und Bärte zum Schluß
Das Bemühen um deutliche Abgrenzung ist erkennbar, mit dem der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff seinen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne unternimmt. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger „, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. Petersdorff spricht in seinem Essayband „Verlorene Kämpfe“ vom „Zustand einer erschöpften Moderne“, die nur noch betrieblich intakt sei und Inhalte und Werte vermissen lasse. / Hannoversche Allgemeine 17.4.01
Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 von lyrikzeitung
(Fünftes saturnalisches Gedicht)
Karl Mickel
Die Äquinoktien
In der Höhe in den Lüften
Wetter auf einander krachen
Und die Leiber in den Grüften
Sieh! was sie für Sprünge machen.
Ja, es schmettern Schädelknochen
gegen dicke Eisenplatten
Flüsse, Seen und Meere kochen
In die Schiffe flüchten Ratten.
Heißes Naß auf heiße Steine!
Kugelbäuche sich entladen!
Kind! jongliere die Gebeine
Oder trage du den Schaden
(1968)
Aus: Karl Mickel, Schriften 1. Gedichte 1975-1974. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1990, S. 147
Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Jim Jarmusch (63) wollte Dichter werden, avancierte dann aber zum Wegbereiter des US-Independent-Kinos – ein Etikett, das ihm nicht gefällt. Er nennt sich lieber «artisan», Kunsthandwerker. «Paterson» ist eine Hommage an diese Stadt, welche Anarchisten, Künstler und Poeten aus dem ganzen Land angezogen hat – so lebte Jarmuschs Lieblingsdichter William Carlos Williams hier. Und an ein Kino, das ohne Effekte und gross angelegte Dramaturgie auskommt. «Ich wollte einen federleichten Film machen, etwas in der Tradition des japanischen Meisters Yasujiro Ozu, in dem Alltägliches zum Ereignis wird, etwa eine schöne Blume im Park», sagt Jarmusch im Interview des Kinomagazins «Frame». / Urner Zeitung
Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 von lyrikzeitung
die gewehre, und die klageweiber gibt es, satt
wie gierige eulen, den tatort gibt es;
den tatort, verschlafen, normal und abstrakt,
und verschwörungen gibt es, verschwörungen gibt es,
und verschwörungstheorien, die sogar in erster linie
Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 von lyrikzeitung
erfahren wir aus dem SÜDKURIER
gibt es nicht nur Nacktfotos, sondern auch Romane und Gedichte („Seltsam, im Nebel zu wandern“).
Veröffentlicht am 20. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Friedrich Hölderlin
(Viertes saturnalisches Gedicht)
Natur und Kunst,
oder
Saturn und Jupiter.
Du waltest hoch am Tag' und es blühet dein
Gesez, du hältst die Waage, Saturnus Sohn!
Und theilst die Loos' und ruhest froh im
Ruhm der unsterblichen Herrscherkünste.
Doch in den Abgrund, sagen die Sänger sich,
Habst du den heilgen Vater, den eignen, einst
Verwiesen und es jammre drunten,
Da, wo die Wilden vor dir mit Recht sind,
Schuldlos der Gott der goldenen Zeit schon längst:
Einst mühelos, und größer, wie du, wenn schon
Er kein Gebot aussprach und ihn der
Sterblichen keiner mit Nahmen nannte.
Herab denn oder schäme des Danks dich nicht!
Und willst du bleiben, diene dem Aelteren,
Und gönn' es ihm, daß ihn vor Allen,
Göttern und Menschen, der Sänger nenne!
Und hab' ich erst am Herzen Lebendiges
Gefühlt und dämmert, was du gestaltetest,
Und war in ihrer Wiege mir, in
Wonne die wandelnde Zeit entschlafen,
Dann hör' ich dich, Kronion! und kenne dich,
Den weisen Meister, welcher, wie wir, ein Sohn
Der Zeit, Gesetze giebt und, was die
Heilige Dämmerung birgt, verkündet.
Letzte Fassung. Zweite Hälfte November 1800. Reinschrift ohne die fünfte Strophe:
Denn, wie aus dem Gewölke dein Bliz, so kommt
Von ihm, was dein ist, siehe! so zeugt von ihm,
Was du gebeutst, und aus Saturnus
Frieden ist jegliche Macht erwachsen.
Das Motiv der ersten Zeile der weggefallenen Strophe erscheint im Neuentwurf der neunten Strophe von „An Eduard“.
Aus: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge („Bremer Ausgabe“), Bd. 9, S. 83 – Vgl. auch F.H.: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Bd.5, S. 408-414.
Die antiken Götter unterliegen geschichtlicher Veränderung. Saturnus, der römische Saatengott, wurde mit dem griechischen Gott Kronos gleichgesetzt und übernahm so dessen Eigenschaften, so wie Jupiter die des Zeus. Zeus-Jupiter, Kronos-Saturns Sohn, heißt im Gedicht korrekt Kronion (Sohn des Kronos), aufgrund einer zeitgenössischen Verwechslung von Kronos mit Chronos aber auch „Sohn der Zeit“, Saturn als Gott der „goldenen Zeit“.
Im Gedicht gibt es nichts Fratzenhaftes, aber viele Eigenschaften des widersprüchlichen Gottes Saturn. Da ist die politische Ebene – Saturn herrschte als milder König im Goldenen Zeitalter, es nimmt beinahe sozialistisch-anarchistische Züge an. Kronos-Saturn sprach kein Gebot aus und es „herrschte“, hier ein anachronistisches Ausdruck, Saturnus‘ Frieden. Dagegen wird Jupiter mit dem Wort Herrscherkünste charakterisiert. Der Dichter fordert hier den jetzigen Herrscher auf, den Älteren zu ehren und ihm zu gönnen, daß der Sänger jenen vor allen anderen nenne. So entsteht im Gedicht eine neue Ära, in der die milden, weisen Gesetze des Vaters wieder gelten. Im Entwurf stand zuerst „dem weisen gewaltigen Künstler Kronion“. Wenn Jupiter durch Besinnung auf den Vater zum Künstler geworden ist, dann kann er Gesetze geben und „alles scheiden und ordnen“ (so der erste Entwurf).
Veröffentlicht am 20. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Inger Christensen lebt und schreibt über Zweifel an der Dichtung
Ich bin keine Sterndeuterin, ich bin eher eine Handwerkerin. Die Dichtung ist ja auch nur eine Stimme unter den vielen Stimmen der Welt. Und sie ist auch kein Medium, das besonders geeignet ist, auf Probleme aufmerksam zu machen. Aber man kann ja hoffen, dass Dichtung vielleicht ein Gesamtgefühl der Zustände erfahrbar machen kann. Dann und wann hat man den Eindruck, dass aus den vielen Punkten der Vergangenheit, aus den vielen Schichten des Lebens heraus etwas ausgedrückt werden kann, wovon man kaum etwas weiß. Ich glaube vor allem, dass man gerade deswegen schreibt, weil die Unlesbarkeit der Welt vorhanden bleibt. Man schreibt weiter. Während des Schreibens denkt man, dass man etwas entdeckt hat, man denkt, alles wird klar werden. Aber eigentlich ist es ja so, dass man nur schreibt, weil man weiß, dass alles unlesbar ist und bleibt. Man liest die Welt, um weiter zu lesen, und dabei bleibt immer dieser Rest. Über die Zukunft der Menschheit dagegen lässt sich überhaupt nichts sagen. Aber in jedem Moment gibt es eine Konstellation von Gedanken und Ausdrücken, die den Einzelnen auf die Spur von etwas bringen kann, das der Zukunft eine Form gibt. SZ vom 15.03.2001 Münchner Kultur
Über die „dunkleren“ Traditionen des Literarischen März schrieb Michael Braun
Zu den dunkleren Traditionen des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs, der ja dem Dichter-Nachwuchs gewidmet ist, gehört auch die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen. So konnte Thomas Kling, der diesmal als Ehrengast des „Literarischen März“ geladen war, in schöner Ironie den Darmstädter Mundartdichter Ernst Elias Niebergall paraphrasieren, um seine eigene Chancenlosigkeit in Erinnerung zu rufen: „Ich kumm in Darmstadt uff kahn grihne Ast“. / schreibt Michael Braun in der FR , 27.3.01
Entartet
Es begann mit einem Skandal. Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer „schizophren Stammelnden“ war die Rede, ja sogar einmal mehr von „entarteter Kunst“. / Christoph Schröder, FR 3.3.01
Deutschland als Wunderland für Lyrik
Als Lyrikerin seit ihrem 17. Lebensjahr – „in den wilden Jahren“ – und mit sechs Bändchen neben „fast sechs Romanen“ lobt die Isländerin Deutschland als das „Wunderland für Lyrik, das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist“, ebenso wie später für das hier vorhandene Umweltbewusstsein. (sagt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir in der Fuldaer Zeitung 27.3.2001)
Ansichten zu „Matthias“ BAADER Holst
„Matthias“ BAADER Holst. Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell. Das alles irgendwie. Und das alles irgendwie nicht.
Ein sicherlich singulärer Vorfall, der eine Symbiose mit seinen Texten eingegangen war und sie als Klangform der eigenen Unangepasstheit unters Volk schlug. Ein performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader „charismatische Begnadung“. / scheinschlag , 24.3.01
Gestorben & vermeldet
Am 17. März ist in St. Petersburg der Dichter und Essayist Viktor Kriwulin im Alter von 56 Jahren gestorben. Die Stadt an der Newa war für Kriwulin mehr als nur Wohnort – er trat während der siebziger und achtziger Jahre als eine der wichtigsten Figuren im literarischen Untergrund von Leningrad auf; in den neunziger Jahren engagierte sich Kriwulin in der Petersburger Demokratiebewegung, der auch die 1998 ermordete Abgeordnete Galina Starowojtowa angehörte. Es mutet wie eine körperliche Metapher der stabilitas loci an, dass Kriwulin seit seiner frühen Kindheit an einer Knochenkrankheit litt und deshalb an Krücken gehen musste – als ob das Schicksal sicherstellen wollte, dass der Dichter seine Stadt nicht verlassen konnte. / NZZ 20.3.01
Gestorben & nicht vermeldet
Wenn die DDR gesiegt hätte
In „Bilder und Zeiten“ erinnert sich Volker Braun an Kindheitslandschaften und die Zeiten, als er in der DDR sein „Trotzki“-Stück schrieb und von der Stasi überwacht wurde und entwirft dieses Szenario:
Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, „keine Leute“ hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. „Die Zukunft sitzt“, wie der Dichter Kunze sagt, „am Tische“.
Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution./ FAZ 10.3.01
Es gibt sie noch,
die wagemutigen Verleger, die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern. (…)
Leiderprobt
Elke Erb (*1938)) sei eine leiderprobte (schreibt der Berner „Bund“) Lyrikerin aus der ehemaligen DDR. Sie versteht es, Erlebnisse aus dem vorsprachlichen Raum zu holen und in Sprache umzusetzen. Sie geht auch sonst, immer wieder nachhakend, der Sache auf den Grund. Nicht alles ist sofort eingängig, einiges sträubt sich im Nachvollzug. Ihr Aufruf «leibhaft lesen», sich mit Seele und Leib in die Sprache, dieses «Puzzle-Gebilde», hinein zu begeben, ist ernst zu nehmen. Dass auch ein Autor, der viel über Sprache und ihre Möglichkeiten und Grenzen nachgedacht hat, bei Urs Engeler Aufnahme findet, belegt Hans-Jost Frey (*1933) mit seinen «Vier Veränderungen über Rhythmus». Es ist wohltuend, einem derart gründlichen und subtilen Denker und Formulierer zu begegnen. Alle vier Essays («Verszerfall», «Der Gang des Gedichts», «Vertonung», «Das Unsagbare») untersuchen in einer intensiven Auseinandersetzung das Phänomen Rhythmus. / Der Bund 3.3.01
Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am Samstag zwei Frauen gewonnen und dafür Lob und Kritik bekommen
Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann … teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01
Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.
Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.
Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01
Veröffentlicht am 20. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Gedichte liest man nicht so schnell runter wie Romane, das passt nicht zu unserer schnelllebigen Zeit.
Dichter und Musiker Frank Findeiß, General-Anzeiger
Veröffentlicht am 19. Dezember 2016 von lyrikzeitung
(Drittes saturnalisches Gedicht)
Der dritte Tag meiner Saturnalien. Da ich an den beiden ersten jeweils ein passendes Gedicht hatte, von Mickel und Verlaine, heute wieder ein Mickel. Irgendwie kommen mir viele Gedichte des Berliner Sachsen, frühe wie späte, passend vor. Ein widersprüchliches Fest zu Ehren eines widersprüchlichen Gottes, die Verkörperung von Ackerbau und Goldenem Zeitalter – der seinen Vater entmannt und seine Söhne verschlingt. So gehören für mich die wilden fratzenhaften Saturnalien und das besinnlich-friedliche Weihnachten zusammen. Fratzenhaftes gibt es in der frühen Gedichten manches, aber mit dem karnevalesken Einschlag vielleicht zuerst in „Die Äquinoktien“ von 1968. Ich spare es für den nahen entsprechenden Tag auf. Das nächste vielleicht „Ravenna“ von 1980. Ich google, um nicht abtippen zu müssen, und finde witzigerweise das postwendische „ND“ („Neuss Deutschland“), das mit Mickels Text Kasse machen will:

Nette Idee, Zeitungsabo, um ein Gedicht zu eNDe zu lesen. Danke, greife ich eben ins Bücherregal!
Auch witzig, „hebe das Absurde“. Mein Gedächtnis sagt mir, es muß „liebe“ heißen: Ich LIEBE das Absurde.
Zwischenkommentar 21:20 Uhr. Nachdem ich soweit geschrieben und den Text gesucht hatte, schaue ich Nachrichten. In der türkischen Hauptstadt wurde der russische Botschafter erschossen. In der deutschen fuhr ein LKW offenbar mit Tötungsabsicht in die Menschenmenge eines Weihnachtsmarkts. Mindestens 9 Tote, 50 Verletzte.
Karl Mickel
Ravenna (1980)
Ja ich liebe das Absurde
Wie sichs öffentlich gebärdet
Denn verschweigt es, wie es wurde
Offenbart es, wie ihr werdetKönntet ihr es nur entschlüsseln!
Doch nun fehlt euch die Geschichte
Und um leer- und volle Schüsseln
Hockt die Blindheit dicht bei dichteGar zu Limbo die Gehalte
So auf ihre Formen drängeln
Die vernimmt das Dergestalte
Als ein unzufriednes QuengelnDa ich dieses doch nur sehe
Hoffnungsfroh im Trüben hausend
Höre ich aus nächster Nähe
Plötzlich meine Stimme grausendIn Boethii Figuren
Auf Latein gebrochen sächseln
Jahre tausend die Naturen
Hünd- und Hindin zu verwechseln
Das Gedicht erschien brühwarm in Nr. 4/1980 der Zeitschrift „Temperamente“ und im Jahr darauf im Heft 161 des „Poesiealbum“, dort gleich auf der ersten Seite. Statt es zu interpretieren, verweise ich auf die Tatsache, daß das nicht leicht verständliche Gedicht nicht im „elitären“ Raum eines Gedichtbands, sondern in einer Zeitschrift für junge Leser und einer populären Heftreihe erschien, welche damals noch am Zeitungskiosk für schlappe 90 DDR-Pfennige zu haben war. „Ja ich liebe das Absurde / Wie sichs öffentlich gebärdet“. Nicht jeder Leser mag da an Ravenna gedacht haben, wohin damals nur Rentner reisen durften. Ein paar Wortkommentare zum Schluß.
Das Gedicht bietet viele Ansätze, es zu interpretieren oder auch zu dekonstruieren, in Lexik (Absurde, entschlüsseln, Geschichte, Gehalte und Formen, Figuren…), Sprachschichten (quengeln vs. das Dergestalte, Latein – sächseln), Metrum und wo noch. Man kann es aber auch einfach lesen und den saturnalischen Drive genießen.
Veröffentlicht am 19. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Wer sich für verworrene Grafiken interessiert, kommt hier auf seine / ihre Kosten. Sie stellt die einflußreichsten Schriftsteller der Geschichte vor. Es sind die üblichen Verdächtigen, wenn man die Einschränkung gelten läßt, daß sie allesamt auf Englisch schrieben. Aber unter ihren zahlreichen Einflußnehmern waren schon ein paar Französisch (Voltaire, Tzara, Éluard), Spanisch (Neruda) oder Deutsch Schreibende (Johann Wolfgang Goeth, Friedrich Nietzsche. Voltaire und Goeth sind von Shakespeare beeinflußt, Tzara und Éluard von Whitman, Neruda von beiden und Nietzsche von Edgar Allan Poe.

Veröffentlicht am 19. Dezember 2016 von lyrikzeitung
1953 in Ostberlin geboren, überschreitet Cornelia Schleime seit fast vierzig Jahren Gattungsgrenzen, sie schrieb Gedichte und Songtexte, drehte Filme, baute Installationen und fotografierte, musizierte und sang, inszenierte Performances, malt. Eine Lehre als Friseurin, die Ausbildung als Pferdepflegerin und ein abgebrochenes Studium der Maskenbildnerei ergänzen sich mit ihrem Kunststudium in Dresden. Ein Jahr nach dem Studienabschluss führen ihr erweiterter Kunstbegriff und ihre freien wie unkontrollierbaren Auftritte (z.B. mit der Art-Punkband „Zwitschermaschine“) zu einem faktischen Ausstellungsverbot. Sie zieht zurück nach Ostberlin, dreht Super-8-Filme und kann 1984 nach mehreren Ausreiseanträgen in den Westen übersiedeln. Unter Verlust beinah ihres gesamten Werkes. Sie fängt neu an, malt und reist. Schreibt bis heute illustrierte Reise-Tagebücher. Zurzeit ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Berlin zu sehen, anlässlich der Verleihung des Hannah Höch Preises an die Künstlerin. / Anne Hahn, piqd (Literatenfunk)
Veröffentlicht am 18. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Shortly before he died, Johnny Cash scrawled down eight short lines in a shaky hand, mortality clearly on his mind.
„You tell me that I must perish/Like the flowers that I cherish,“ he wrote. He considered the hell of „nothing remaining of my name,“ before concluding with an affirmation of his legacy:
„But the trees that I planted
Still are young
The songs I sang
Will still be sung“
That poem, „Forever,“ is part of a new collection, Forever Words: The Unknown Poems (Blue Rider Press, $25). Edited by Paul Muldoon, a Pulitzer Prize-winning poet and Princeton professor, the book includes 41 works from throughout Cash’s life — the earliest piece, „The Things We’re Frightened At,“ was done when he was 12 — that were among the papers left behind when Cash died in September 2003. / Democrat Gazette
Veröffentlicht am 18. Dezember 2016 von lyrikzeitung
Walter Jens lebt und wäscht Angela Merkel den Kopf:
Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz , die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb… / Der Spiegel 2.2.01
,,Mein Tod macht mich unsterblich“
Rose Ausländer gilt heute, zwölf Jahre nach ihrem Tod, als die populärste Dichterin in Deutschland. Weit mehr als 100 Bücher von ihr sind erschienen, sie erreichten eine Auflage von 800000 Exemplaren – eine im Bereich der Lyrik sensationell hohe Zahl. Und diese Zahl wird wohl weiter steigen, denn noch sind an die 800 Gedichte unveröffentlicht. / Thomas Schuberth-Roth, Frankenpost 22.2.01
Donnergrollen der Seel
Quirinus Kuhlmann, der reisende Ekstatiker und Lyriker wird 350 Jahre alt. Der am 25. Februar 1651 in Breslau geborene Quirin Kuhlmann war ein wandelnder Widerspruch. äußerst begabt und belesen, hat er als Kind erhebliche Sprachschwierigkeiten. Polterer, Stotterer oder stark entwicklungsverzögert – die Quellenlage schwankt. Der Widerspruch ist auch das Element von Kuhlmanns Nachwirkung geblieben. Von seinen gut vierzig Werken sind heute gerade einmal zwei im Handel, das Frühwerk der „Himmlischen Libesküsse“ und die beiden Bücher des „Kühlpsalters“, jener Gedichtsammlung also, die das Hauptwerk Kuhlmanns darstellt. …
Der Dichter des „Kühlpsalters“ war ein fahrender Schreiber, der sich nach einem Erleuchtungserlebnis auf eine Tour begab, die ihn durch Europa und Kleinasien bis hin nach Moskau führte. Kuhlmann wird in London, Paris und Amsterdam, in Genf und Lausanne, in Leiden, Edinburg und York von den höchsten Würdenträgern empfangen, aber er wird am Ende 1689 in Moskau nach monatelanger Folter zum einzigen deutschen Dichter, den man ob seiner Kunst verbrennt. / Dieter Kief, Berliner Zeitung 24.2.01
Gestorben und vermeldet im Januar:
Am 17. Gregory Corso (70), US-amerikanischer Dichter der Beat Generation
Clown prince of the Beat Generation who survived a tough New York childhood to become the friend and rival of Kerouac and Ginsberg. The Beat Generation has lost the last of its heroes. / The Times JANUARY 22 2001
Willi Winkler zum Tod des Schriftstellers Gregory Corso / Süddeutsche Zeitung 20.1.01
Im Februar:
Der spanische Dichter Jose Garcia Nieto, Träger des Cervantes-Literaturpreises, ist am Dienstag im Alter von 87 Jahren in einem Madrider Krankenhaus gestorben. Seine in Themen und Struktur konservative Lyrik wird als „Neoklassizismus“ der Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) beschrieben. Häufig wiederkehrende Motive sind Gott, Vaterland und Familie. / Süddeutsche 28.2.01
Gestorben und nicht vermeldet im Januar 2001:
Am 10. der türkische Schriftsteller und Dichter Necati Cumalı (79)
Am 28. der russisch-sowjetische Schriftsteller und Dichter Juri Magalif (82)
Im Februar:
Am 7. der italienische Dichter Ettore Asticelli (geb. 1942)
Am 11. der polnische Dichter und Literaturwissenschaftler Józef Bujnowski (90) und die litauische Dichterin Judita Vaičiūnaitė (63)
Am 14. der britische Dichter Alan Ross (78)
Am 19. der kasachische Dichter Kuandyk Schangitbajew (Қуандық Төлегенұлы Шаңғытбаев)
Polnischer Rimbaud
Rafael Wojaczek gehörte als zorniger junger Dichter zu jenen Literaten, denen, wie einst Lenz oder Kleist, in diesem Leben nicht zu helfen war, 26-jährig nahm er sich das Leben, sein Nachruhm gründet auf der dunklen Tragik des früh vollendeten Genies; kein Zufall, dass er als eine Art polnischer Rimbaud gilt.
Lech J. Majewski hat sich mit seinem 1999 entstandenen Spielfilm „Wojaczek“, den das Freiburger Kommunale Kino in der deutsch untertitelten polnischen Originalfassung als Film des Monats präsentiert, diesem abgründigen Berserker und Formenzertrümmerer gewidmet. Krzysztof Siwczyk spielt den Wojaczek als einen von seinem literarischen Werk Besessenen, als einen von Depressionen und Todesphantasien gezeichneten Autor, von seiner Mitwelt gefürchtet, geliebt und gehasst. Hier hat einer seine lyrische Sendung mit rigoroser Absolutheit ernstgenommen, dass darob alle Normalität im Umgang mit Menschen zuschanden wird. / Badische Zeitung 17.2.01
Über konsonantische Verwerfungen berichtet Gernot Wolfram:
Bei Ernst Jandl kann man als Deutsch Sprechender eine einfache und zugleich schwierige Lektion lernen: Es gibt zwei Uferseiten im Flussbett unserer Sprache, eine vokalische und eine konsonantische. Und in Zeiten politischer Brutalität wie in Zeiten persönlicher Erstarrung ist es das harte, schneidende konsonantische Ufer, zu dem der Mensch übersetzt. / Die Welt 14.2.01
Schließlich ein erfundener Grieche
Über einen „hoax“ berichtet die New Yorker Zeitschrift “ Lingua Franca“. Im vergangenen Oktober [2000] erschien in Kanada ein Buch mit dem Titel „Saracen Island: The Poetry of Andreas Karavis“. Die Kritik rühmte ihn als „Griechenlands modernen Homer“. Aber offenbar ist alles eine Mystifikation seines „Übersetzers“ und Exegeten David Solway.
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