Saturn und Jupiter

Friedrich Hölderlin

(Viertes saturnalisches Gedicht)

           Natur und Kunst,
                 oder
           Saturn und Jupiter.

Du waltest hoch am Tag' und es blühet dein
   Gesez, du hältst die Waage, Saturnus Sohn!
      Und theilst die Loos' und ruhest froh im
         Ruhm der unsterblichen Herrscherkünste.

Doch in den Abgrund, sagen die Sänger sich,
   Habst du den heilgen Vater, den eignen, einst
      Verwiesen und es jammre drunten,
         Da, wo die Wilden vor dir mit Recht sind,

Schuldlos der Gott der goldenen Zeit schon längst:
   Einst mühelos, und größer, wie du, wenn schon
      Er kein Gebot aussprach und ihn der
         Sterblichen keiner mit Nahmen nannte.

Herab denn oder schäme des Danks dich nicht!
   Und willst du bleiben, diene dem Aelteren,
      Und gönn' es ihm, daß ihn vor Allen,
         Göttern und Menschen, der Sänger nenne!

Und hab' ich erst am Herzen Lebendiges
   Gefühlt und dämmert, was du gestaltetest,
      Und war in ihrer Wiege mir, in
         Wonne die wandelnde Zeit entschlafen,

Dann hör' ich dich, Kronion! und kenne dich,
   Den weisen Meister, welcher, wie wir, ein Sohn
      Der Zeit, Gesetze giebt und, was die
         Heilige Dämmerung birgt, verkündet.

Letzte Fassung. Zweite Hälfte November 1800. Reinschrift ohne die fünfte Strophe:

Denn, wie aus dem Gewölke dein Bliz, so kommt
   Von ihm, was dein ist, siehe! so zeugt von ihm,
      Was du gebeutst, und aus Saturnus
         Frieden ist jegliche Macht erwachsen.

Das Motiv der ersten Zeile der weggefallenen Strophe erscheint im Neuentwurf der neunten Strophe von „An Eduard“.

Aus: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge („Bremer Ausgabe“), Bd. 9, S. 83 – Vgl. auch F.H.: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Bd.5, S. 408-414.

Die antiken Götter unterliegen geschichtlicher Veränderung. Saturnus, der römische Saatengott, wurde mit dem griechischen Gott Kronos gleichgesetzt und übernahm so dessen Eigenschaften, so wie Jupiter die des Zeus. Zeus-Jupiter, Kronos-Saturns Sohn, heißt im Gedicht korrekt Kronion (Sohn des Kronos), aufgrund einer zeitgenössischen Verwechslung von Kronos mit Chronos aber auch „Sohn der Zeit“, Saturn als Gott der „goldenen Zeit“.

Im Gedicht gibt es nichts Fratzenhaftes, aber viele Eigenschaften des widersprüchlichen Gottes Saturn. Da ist die politische Ebene – Saturn herrschte als milder König im Goldenen Zeitalter, es nimmt beinahe sozialistisch-anarchistische Züge an. Kronos-Saturn sprach kein Gebot aus und es „herrschte“, hier ein anachronistisches Ausdruck, Saturnus‘ Frieden. Dagegen wird Jupiter mit dem Wort Herrscherkünste charakterisiert. Der Dichter fordert hier den jetzigen Herrscher auf, den Älteren zu ehren und ihm zu gönnen, daß der Sänger jenen vor allen anderen nenne. So entsteht im Gedicht eine neue Ära, in der die milden, weisen Gesetze des Vaters wieder gelten. Im Entwurf stand zuerst „dem weisen gewaltigen Künstler Kronion“. Wenn Jupiter durch Besinnung auf den Vater zum Künstler geworden ist, dann kann er Gesetze geben und „alles scheiden und ordnen“ (so der erste Entwurf).

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