Dehmel, Ida
1870-1942 / Lyrikerin
So steht es im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Aber unter den 13 verzeichneten Büchern ist kein Lyrikband. Wo sind ihre Gedichte? Freundin Stefan Georges, Gattin Richard Dehmels, Frauenrechtlerin, Kunstförderin… hat sie ein Werk? Wikipedia weiß:
Ida Dehmel (* 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein als Ida Coblenz; † 29. September 1942 in Hamburg) war eine deutsche Kunstförderin, Gründerin künstlerischer Vereinigungen und Frauenrechtlerin.
Ida Dehmel kam 1870 als Tochter des jüdischen Weinhändlers Simon Zacharias Coblenz in Bingen zur Welt. Bereits in der Jugend zeigte sie großes Interesse an Literatur, Musik und Malerei. 1892 schloss sie Freundschaft mit dem Dichter Stefan George.
Auf Wunsch des Vaters heiratete sie 1895 den Berliner Kaufmann und Konsul Leopold Auerbach. In ihrer Wohnung am Tiergarten begründete Ida Auerbach einen fortschrittlichen Salon und verschaffte modernen Künstlern ein Publikum. Unter ihnen waren Edvard Munch, Conrad Ansorge und Stanisław Przybyszewski. Sie begegnete dem Lyriker Richard Dehmel und inspirierte ihn zu aufsehenerregenden Gedichten, so z. B. zu Verklärte Nacht, das Arnold Schönberg vertonte.
Aber eigene schrieb sie schon auch. Hier zwei davon (aus einem Gedichtband ihres Ehemanns):
Ida Dehmel
DAS PERLGEWEBE
Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer,
stille, dunkle, große Frau.
Weiß ist das Zimmer, weit seine Wände;
weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß.
Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre.
Was will ich dunkle Frau denn weben? – Mein Leben.
Weiß, weiß und golden sind die Farben meiner Jugend,
ein morgenblauer Himmel über mir.
Himmelschlüssel blühn auf unsern Wiesen.
Viele kleine Blumen will ich weben,
zart ein glückliches Lachen dazwischen,
Alles leuchtet dem spielenden Kind.
Mutter starb. Die Farben werden blasser.
Dunkle Trauerzweige sprießen auf,
schwanke Linien aus flimmerndem Grund,
Thränen glitzern, Sehnsuchtsthränen.
Kind, ich große Frau möcht gern dich trösten;
sieh, ich setz ein funkelnd Sternlein über dich.
Und nun mischen sich die bunten Perlen:
stolz und heftig schießt ein Blutrot hoch
durch ein trotziges Gelb in schroffen Kanten,
hell im Kampf mit strengen grauen Mächten
bäumt die aufwärtsflammende Seele sich:
rot und golden sind die Farben dieser Jungfrau.
Und aus Rot und Gold paart sich ein Schrei nach Liebe.
Rosen blühn aus meinen Händen auf,
jeder Kelch voll Tau und Sonnentraum.
Schwer in Büscheln rankt sich ein Clematisstrauch
um die Rosen lilasanft ins Blaue;
die Verheißung glüht aus allen Blüten.
Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden.
Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre.
Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen.
Zuchtlos drängt sich wildes Gestrüpp
über meine Wiesen, meinen Blumenteppich;
und der Stern der Mutter birgt sich hinter Nebeln.
Da – ein klarer Klang: stark: eines Helden Ton.
Schwarz wie der Ursprung, golden wie das Licht,
und moosgrün wie der Wald, aus dem die ersten Menschen kamen.
Auch blau sein Himmel, aber mittagsblau;
auch rot sein Blut, doch nordlichtnächtig rot.
Und über Alles breitet sich sein Glanz.
O wie sich unsre Farben herrlich einen:
Leere wird Fülle, und sie strömt wie Quellen,
aus ihren Fluten steigt des Schöpfungstages Feste,
mein Stern strahlt durch des Weltbaums Blütenäste –
So kann ich meine Träume und mein Leben
zum Werk verwebt in Gottes Hände geben.
Aus: Richard Dehmel, Schöne wilde Welt. Berlin: S. Fischer, 1913, S. 74–75
Richard Dehmel und Ida Dehmel
PSALM ZWEIER STERBLICHEN
DER MANN
Göttin Zukunft,
mit gefesselten Händen hältst du
eine geschlossene Schriftrolle,
drin mein Schicksal verzeichnet steht.
Langsam, Tag für Tag,
ringe ich deinen Fingern
Zoll für Zoll die Urkunde ab,
Zeile für Zeile.
Bis der Augenblick kommt,
wo das entrollte Papier,
eh ich das letzte Wort noch las,
meinem erschöpften Arm entfällt;
und mit gefesselten Händen
gibst du den Winden zur Sage anheim,
was ich tat.
DAS WEIB
(Von Ida Dehmel)
Schicksalsgöttin,
ich liege vor dir auf den Knieen.
Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen
eine goldene Tafel,
drin die Namen nur derer eingegraben stehn,
die Unvergeßliches taten.
Auf den Knieen, Schicksalsgöttin,
bitte ich dich:
Laß mich nicht ins Namenlose versinken!
Spreng deine Fesseln – oder
nur einen Augenblick
reich mir die goldene Tafel,
und neben die Runen der Helden und der Weisen
schreibe ich hinsinkend:
Ich liebte.
Aus: Richard Dehmel, Schöne wilde Welt. Berlin: S. Fischer, 1913, S. 72–73
Gerty Spies
Straßenbild
Links die Fabrik mit steilem Schlot
Und rechts ein langes, graues Haus.
Im Hintergrunde – farbentot –,
Ein Hügel. – Und die Welt ist aus.
Darüber gießt der Philosoph,
Der Mond, sein bleiches Lächeln aus.
Die Säge schwirrt. Und aus dem Hof
Tönt Pfiff und Ruf durchs leere Haus.
Die Telegraphenstange träumt
Am Eck. Die Fenster starren leer.
Und über eine Mauer schäumt
Ein junger Busch, von Knospen schwer.
Die Amsel übt ihr Nachtgebet
Und wundert sich, daß Frühling ist:
Der Morgen kommt, der Abend geht —
O Herr, daß du so ferne bist!
(aus: Theresienstadt. Gedichte. Mit vier Bildern von O. Nückel. München: Freitag-Verlag, 1947, S. 38)
Gerty Spies (* 13. Januar 1897 als Gertrud Gumprich in Trier; † 10. Oktober 1997 in München), deutsche Schriftstellerin, wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebte und kehrte als eine von nur 200 Überlebenden der ehemals 12.000 jüdischen Einwohner Münchens zurück. 1947 erschien der Band Theresienstadt in einem kleinen Münchner Verlag. Darüber hinaus interessierte die Öffentlichkeit sich erst in den 80er Jahren für ihr Werk. Sie starb im 101. Lebensjahr.
Jakob Michael Reinhold Lenz
(* 12. Januarjul./ 23. Januar 1751greg. in Seßwegen, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 24. Maijul./ 4. Juni 1792greg. in Moskau)
Da der Dichter Lenz im Russischen Reich geboren wurde und starb, werden seine Lebensdaten auch nach dem damals dort noch gültigen julianischen Kalender angegeben. Der 12. Januar nach julianischem Kalender ist zwar erst in 11 Tagen; aber ich beschließe, ihn zweimal zu feiern. Zum ersten:
Einige Epigramme
Über die kritischen Nachrichten vom Zustande des deutschen Parnasses
G.
Es wimmelt heut zu Tag von Sekten
Auf dem Parnaß.
L.
Und von Insekten.
Ob das Epigramm eine Gattung der Poesie zu nennen?
Und gab denn die Natur
Dem Bienenvolk den Honig nur?
Ihr Stachel ist, am unvernünftgen Viehe,
Das sie verstört, der Rächer ihrer Mühe.
Klopstocks gelehrte Republik
Ein Götterhaft Gerüst,
Der Menschen Thun zu adeln!
Wer darf, wer mag da tadeln?
…………………………….Antwort:
Wem’s unersteiglich ist.
Über die Dunkelheiten in Klopstock etc.
………..Schmeichler:
Ich bitte, gebt mir Licht,
Herr, ich versteh Euch nicht.
………..Antwort:
Sobald Ihr mich versteht,
Herr, bin ich ein schlechter Poet.
Oh, schon wieder zwei Jahr her, daß der alte Haudegen Bert Papenfuß (er hat jetzt seinem Vornamen einen Kringel beigefügt, Bęrt, hinten Gorek schon lange weg und vorne jetzt Elsmann dran) einen runden Geburtstag feierte. Zur Feier des Tages las er Anagramme (aber wenn ers nicht angesagt hätte, dem Vortrag hätte man es kaum angemerkt). Im Buch könnte man immerhin nachzählen oder auch nur ohr- und augenscheinlich vermuten, daß benachbarte Zeilen oder Wörter die gleiche Buchstaben- oder Lautanzahl haben… Papenfuß macht auch bei Anagrammen keine Verrenkungen nirgends.
Hier nun zwei Jahre später zwei Pröbchen aus dem im Jubeljahr bei Brueterich erschienenen Band Seifensieder. Angewandte Schrunst für eingewiesene Ausgeweihte.
Ich wähle zwei Stellen aus, die mit ästhetischen Grundfiguren als wie: Effekt, Wahrheit, Spiel, Verstehen, Interpretieren… zu tun haben. Bei P. sind auch die Fußnoten Teil des hinterfotz- sowie -sinnigen Spiels, das das Gedicht ist. Oder so. Jetzt P.:
Abrißrundblicke vom BasisDruck Berlin aus
Für Stefan Ret
1. Kassensturz
Fasten soll der Entsafter*, und Festraten zahlen
dem Inhaber aus Bahrein; zinstragend sei Adstringenz.
Auf Direktkredit folgt Meisterstrieme: Maischen muß Maschine.
Ein Ungar vom Fach spart Rauchfang, Hilfe vom Senat
garantiert Heilfasten; die Argo aus Nirosta für den Organisator
forciert die Deroute aus der Redoute: Darauf eine Stiege Bürzel-Pinsler!
Geltung soff Trotz, Urstoff glotzt eng,
gestutzt flog Fron; Fortsetzung folgt.
*) Dieser Text sagt vorerst nichts Richtiges bzw. Wahres oder vorgeblich Stimmiges über Stefan Ret und den BasisDruck Verlag aus; hinter Anagrammen verbergen sich lediglich mehr oder weniger effektvolle Verbiegung, Verbeugung, Deklination. In 100 Jahren allerdings stellen sich Stimmigkeiten ein, in 200 Jahren ist das Elaborat dann wohl wahr. Wird der strikte Metriker und stringente Lyrikprofessor King Buzzo — Sänger, Texter und Gitarrist seiner Band Melvins -‚ auf die Bedeutung seiner Texte angesprochen, antwortet er meist, daß sie nichts bedeuten, sie sollen einfach nur cool klingen. So geht es auch, aber andererseits ist die „Zeitspanne anne Spitze“ knapp: An der „Spitze“ treffen die Stadtbezirke Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow aufeinander und breiten sich aus, solange die Laken reißen.
„In jeder Schlagzeile sind alle Salze gleich“,
verriet mir mein alter Freund und Sketchprüfer Entsafter*.
„Hausfrau schrubbte Hubschrauberfaust“, hätte er gelesen,
gemeint sei aber gewesen: „Als ihr Traum vom Einfamilienhaus
auf eine Manie hinauslief, hätte Sahra Wagenknecht kokett
mit den Haaren geschwankt, und ihr Aktionär Alfons, den sie
gern ‚Satan, Falke, Orion‘ nennt, wenn er sie denn mal überrennt,
der bei Fachlehrer Stalin schon wegen der Alleinherrschaft
nachgefragt hatte — der nu’ wieder hätte als durchtriebenster
Testmixer, der er nu’ ma’ is’ – auf keine Fragen geantwortet,
die ja so auch nicht gestellt worden waren. Der elitäre Trip
der Parteileiter wird mit Standpauke und Sudanpaket pariert;
aber dann, voll aus der Kalten, sagt er als der eitlere Pirat zu ihr:
…. ,Dank Peanuts kommt Undank spät.
…. Dankt Pausen mit Standpauken!
…. Mit aller Überheblichkeit sage ich dir,
…. die Küche bleibt erst ma’hier.´“
… solche Interpretationen lob ich mir.
*) Stefan Ret, Leiter des BasisDruck Verlages in Berlin.
Nachdem ich gestern nur Grasreste auf gefrorenem Boden trat, hier antizyklisch ein Grasgedicht. Annette von Droste-Hülshoff (über deren Geburtstag es mehrere Ansichten gibt, eine davon heute)
Im Grase
Süße Ruh‘, süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arom umhaucht,
Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut,
Wenn die Wolk‘ am Azure verraucht,
Wenn aufs müde schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüth‘ auf ein Grab.
Wenn im Busen die Todten dann
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschloss’ne Wimper bewegt,
Todte Lieb‘, todte Lust, todte Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.
Stunden, flücht’ger ihr als der Kuß
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des zieh’nden Vogels Lied,
Das mir niederperlt aus der Höh‘,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der flücht’ge Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.
Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses Eine nur: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck
Und für jedes Glück meinen Traum.
João Cabral de Melo Neto
(Recife, 9. Januar 1920 — Rio de Janeiro, 9. Oktober 1999)
Der Ingenieur
Das Licht, die Sonne, die frische Luft
umgeben den Traum des Ingenieurs.
Der Ingenieur träumt klare Dinge:
Oberfläche, Tennis, ein Glas Wasser.
Bleistift, Winkel, Papier,
Zeichnung, Entwurf, Zahl:
Der Ingenieur denkt die richtige Welt.
Welt, die kein Schleier verdeckt.
(An bestimmten Nachmittagen stiegen wir
auf das Hochhaus. Die tägliche Stadt,
Wie eine Zeitung, die alle lasen,
bekam eine Lunge aus Zement und Glas).
Das Wasser, der Wind, die Helligkeit,
auf der einen Seite der Fluß, hoch oben die Wolken,
begrenzten die Lage des Hochhauses,
das stieg aus eigener einfacher Kraft.
1945
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übertr. v. Curt Meyer-Clason. München: dtv, 1975, S.119
Ruth Landshoff
(auch Rut; Ruth Landshoff-Yorck; * 7. Januar 1904 in Berlin als Ruth Levy; † 19. Januar 1966 in New York)
nördlich
die wiesen wölben sich nicht mehr so sacht
stolz trägt kein spitzer berg mehr hohe säulen
und nirgends schmaler bäume armen schatten
(auf trocknem gras verzittert nicht die luft)
am rand der flüsse träumt kein dunkler garten
mit straffen wipfeln um ein weißes haus
kein roter sonnenstrahl fängt sich im glanz
(der hohen fenster und verschlungenen gitter)
in hartes grau verwandelt ist das grün
der weichen hänge an den berg geschmiegt
kein turm bewacht den rand des horizonts
(emporgereckt in fließend süße weite)
im rücken bleicht mir das verlassene land
und blauer kummer trägt sich nicht so leicht
wie leichtes blau des himmels den ich ließ
(1929)
Astrid Gehlhoff-Claes
(* 6. Januar 1928 in Leverkusen; † 1. Dezember 2011 in Düsseldorf)
Ich bin ein Mensch
Wenn ich nur
ein weißes Schiff wäre
und ein weißes
Segel auf dem Schiff,
ein weißer Vogel,
dieses weiße Blatt …
Ich wäre leicht,
mich trüge das Meer
und der leichte
Wind auf dem Meer,
eine leichte Wolke,
mich trüge der Himmel …
Oder ein Baum,
wenn ich nur ein Baum wäre,
eine graue
Wurzel unterm Baum,
ein Stück Erde,
ein Streifen Mond, ein Stein —
wenn ich nur
nichts wüßte nichts wüßte!
Wenn ich nur
nicht wäre, was ich bin.
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke u. Ulf Miehe. Gütersloh: Mohn, o.J. [1965], S. 448f
Gestorben
„Den ersten Nachkriegs-Publikationen von Werken deutscher Emigranten wie Döblin, Brod und Kesten folgte seit 1949 die Wiederentdeckung Gottfried Benns. Er, der „gar nicht versessen darauf war, wieder in der Öffentlichkeit zu erscheinen“ (Brief vom 18.8.1948), fand hier seine neue literarische Heimat.
In den 50er Jahren folgten bei Limes Neuveröffentlichungen expressionistischer Literatur, später auch Übersetzungen moderner französischer Autoren wie Apollinaire, Michaux und Quenau. Seit Anfang der 60er Jahre wurde Limes zu einer führenden Adresse der amerikanischen Beat-Generation (u.a. Burroughs, Ferlinghetti, Ginsberg). Aber Limes war auch der deutsche Verlag von Truman Capote, dessen Weltbestseller „Kaltblütig“ ebenfalls in Wiesbaden erschien. Zu weiteren Autoren ihrer Ägide zählten u.a. Hans Arp, Ernst Meister, Samuel Beckett, Grete Weil, Maude Hutchins, W.H. Auden, Anna Achmatowa, Jorge Luis Borges und Jorge Guillén, aber auch junge deutsche Autoren wie Ludwig Harig, Max Bense und G.H. Herzog.“ (Horst Linder, Börsenblatt)
Paula Ludwig
(* 5. Januar 1900 Feldkirch, Vorarlberg; † 27. Januar 1974 Darmstadt)
Klage
Ich ging durch die Menge
und stieß an unselige Dinge,
durch meine Finger rieselte Staub.
Ich kam in den Schatten des Waldes,
ein Vogel flatterte einsam,
und aus dem lautlosen Moos
blühte das rötliche Kraut.
Ich bleibe die fremde Gestalt
in meines Zimmers befremdlichem Raum,
ich bin eine Zwergin unter den Aufrechten.
Wer reicht ihn mir nieder,
des Himmels lieblichen Saum?
Aus: Paula Ludwig, Der himmlische Spiegel. Berlin: S. Fischer, 1927
Nora Iuga
(* 4. Januar 1931 in Bukarest, eigentlich Eleonora Almosnino)
Die verlassene Frau
Heute hat die verlassene Frau mir
von ihrem Bett erzählt.
An den Bahnhöfen kommt der Nebel ankündigungslos
und ohne uns genügen alle Nächte bloß sich selbst.
Wälder gibt es
an rastlosen weißen Tagen und der Baum
kämpft gegen seine eigene Konkurrenz
wie die Häftlinge in engen Innenhöfen.
Die verlassene Frau gleitet an den Nächten vorbei
und beleuchtet den Bahnsteig
mit ihrem schönen Busen.
Wer versteht es heute noch zu lieben
und wer ist so heldenhaft
den banalen Tod zu empfangen
schuldig allein, mit Wollust
eine Frau betrachtet zu haben, länger
als seine eigene Zeit …
Die verlassene Frau hat auf mich eingeredet
und rechts drei Männer
drei Männer links und noch ein paar mehr
im Briefkasten versammelt.
Mit uns verflüchtigt sich die Menschheit
nach jeder Saison, und ich hätte nicht länger
zu warten brauchen, denn viel zu schön
entkleiden sich bei Dunkelheit des Nachts
im Bett die Wörter.
Aus: Nora Iuga: Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Stuttgart: Klett-Cotta, 2007, S. 19
Renate Rasp
(* 3. Januar 1935 in Berlin; † 21. Juli 2015 in München)
Bildnis
Ich rasiere
mir den Kopf.
Ohne Zähne
sehe ich dich
aus zwei dicken
Warzen an.
Mein Mund
wenn ich lache!
Ich bin fleckig.
Ich antworte
mit Gestank.
Meine Fingerspitzen
sind scharf und
ich säge Holz
mit den Händen.
Ich fühle mich
kalt an. Wenn
ich aufstehe
bleibt auf
dem Stuhl eine
Haut zurück.
Ich fresse
meinen eigenen Dreck.
Ich bin Dreck
in einem Haufen
schmutziger Wäsche.
Sage bloß
dass du mich nicht liebst, jetzt!
Aus: Renate Rasp: Junges Deutschland. Gedichte. München: Hanser, 1978
Ilma Rakusa
(* 2. Januar 1946 in Rimavská Sobota, Slowakei)
Jim sagt sie es geht mir an die Substanz.
Ann sagt er ich bin kein Popanz.
das geht so und geht und nennt sich Patt
oder (to be honest) Schachmatt.
Zwei lieben sich wollen das Beste
fragt sich das Beste für wen. Die Tage
vergehn aus dem einenden Bett wird
ein Rechenbrett. Spontan sind nur noch
Trauer und Wut. Wer nimmt den Hut?
Aus: Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997
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