Paul Klee
Zurufe
Krummfahrer! Bösharrer! Schmutzstarrer!
Pelzläuser! Wissbesser!
Schmerling!
Duckmäuserlehrling!!
*
Alle alle hatt ich gern
und jetzt bin ich kühler Stern.
*
Grosswendig. Schwerhendig
anhaltig-glattfaltig
vieleinig.
*
ferne Seele bitt um Gnade
mach mich tief.
*
weil ich ging
ward Abend
Wolkenschleier
hüllten das Licht
dann schattete das nicht
über Allem
*
Hat Hut
was Glut
sengt dein Blut,
was Kohlen
weiss holen.
*
durch Rinnsal leuchte
Siebenschleier gesiebt Gesicht!
Einst werd ich liegen im Nirgend
bei einem Engel irgend.
*
Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Sammlung Luchterhand, 1990 (1. Aufl. 1946, 2. 1963)
Wassily Kandinsky (* 4. Dezemberjul. / 16. Dezember greg. 1866 in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)
»München beherbergte damals einen Künstler, der dieser Stadt vor allen andern deutschen Städten durch seine pure Anwesenheit einen Vorrang der Modernität verlieh: Wassily Kandinsky. Was ihn beschäftigte, war die Wiedergeburt der Gesellschaft aus der Vereinigung aller artistischen Mittel und Mächte. Keine Kunstgattung hatte er versucht, ohne ganz neue Wege zu gehen, unbekümmert um Hohn und Gelächter. Wort, Farbe, Ton waren in seltener Eintracht in ihm lebendig. . .« (Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit.)
Nachdem Kandinsky 1920 an die Universität Moskau berufen wurde und dort 1921 die »Russische Akademie der Kunst und Wissenschaft« gegründet hatte, kommt er 1922 an das Bauhaus von Weimar und später nach Dessau, bis dann 1933 seine Übersiedlung nach Paris erfolgt, wo er in ungebrochener Vitalität bis zum 13. Dezember 1944 lebte und arbeitete.
Sehen
Blaues, Blaues hob sich, hob sich und fiel.
Spitzes, Dünnes, pfiff und drängte sich ein, stach aber nicht durch.
An allen Ecken hat’ s gedröhnt.
Dickbraunes blieb hängen scheinbar auf alle Ewigkeiten.
Scheinbar. Scheinbar.
Breiter sollst du deine Arme ausbreiten.
Breiter. Breiter.
Und dein Gesicht sollst du mit rotem Tuch bedecken.
Und vielleicht ist es noch gar nicht verschoben: bloss du hast dich verschoben.
Weisser Sprung nach weissem Sprung.
Und nach diesem weissen Sprung wieder ein weisser Sprung.
Und in diesem weissen Sprung ein weisser Sprung. In jedem
weissen Sprung ein weisser Sprung.
Das ist eben nicht gut, dass du das Trübe nicht siehst: im
Trüben sitzt es ja gerade.
Daher fängt auch alles an — — —
— — — es hat gekracht.
[Aus «Klänge»]
Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Sammlung Luchtrhand, 1990 (1. Aufl. 1946, 2. 1963)
Selma Meerbaum-Eisinger (Selma Merbaum)
5. Februar 1924 Czernowitz, Bukowina (damals Rumänien, heute Ukraine) – 16. Dezember 1942 Zwangsarbeitslager Michailowka (Ukraine)
Aus: Poem
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.
Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.
Links
(wird laufend ergänzt)
Was im Dezember geschah: Preise, Ausstellungen, #metoo geht weiter, Skandal um einen israelischen Geldschein, „Not in my name“ in Indien, Ovid wird postum begnadigt und darf zurück nach Rom, Stefan Zweig kriegt postum einen Orden …

6. Dezember. Lorin Stein, Herausgeber der angesehenen Zeitschrift The Paris Review, die seit mehr als 60 Jahren erscheint, trat im Zusammenhang mit einer internen Untersuchung, die seinen Umgang mit weiblichen Angestellten und Autorinnen betrifft, trat von seinem Amt zurück. In einem Schreiben bedauerte er sein Fehlverhalten. In einem 2011 erschienenen Artikel der New York Times war er als der neue „Party Boy“ der Zeitschrift und als „serial dater“ bezeichnet worden. Mehr
An Chanukkah 1932, kurz vor der „Machtergreifung“ Hitlers, fotografierte Rahel, die Frau des Rabbiners Dr. Akiba Posner in Kiel, den Chanukkah-Leuchter der Familie vor dem Hintergrund des gegenüberliegenden Gebäudes, das mit Nazifahnen geschmückt war.
Auf die Rückseite des Fotos schrieb Rahel Posner einen deutschen Vierzeiler:
Chanukkah 5692 (1932)
„Juda verrecke“
Die Fahne spricht –
„Juda lebt ewig“
Erwidert das Licht.
Familie Posner verließ 1933 Deutschland, Foto und Leuchter befinden sich heute in Yad Vashem. Hier mehr über die Geschichte.
Regina Ullmann (14. Dezember 1884 St. Gallen, Schweiz – 6. Januar 1961 Ebersberg, Oberbayern)
Erwachen
Ich lag in dir noch unverzweigt,
Du tiefer Felsen einer Nacht;
So kalt wie Stein und trostesarm.
Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
Sich an dem Sein im Licht verfing
Und liebewarm und flammenhaft
Sich an die kleinsten Dinge hing.
Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
Der sich an einem Zimbal schlug,
Erhörbar,
Und meines Engels Morgengang.
Aus: Regina Ullmann: Gedichte. Leipzig: Insel, 1919
Hier ein Faksimile einer wohl um 1950 entstandenen eigenhändigen Abschrift
Ausgabe: Gesammelte Werke. 2 Bände, zusammengestellt von Regina Ullmann und Ellen Delp. Einsiedeln/Zürich: Benziger, 1960. – Neu hrsg. v. Friedhelm Kemp: Erzählungen, Prosastücke, Gedichte. 2 Bände, zusammengestellt von Regina Ullmann und Ellen Delp. München: Kösel, 1978
Link: Peter von Matt: Zu Regina Ullmanns Gedicht „Alles ist sein…“ Planet Lyrik
Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)
Lyrisches Intermezzo
LXV
Die alten bösen Lieder
Die Träume schlimm und arg,
Die laßt uns jetzt begraben,
Holt einen großen Sarg.
Hinein leg ich gar Manches,
Doch sag ich noch nicht was;
Der Sarg muß sein noch größer
Wies Heidelberger Faß.
Und holt eine Totenbahre,
Von Brettern fest und dick:
Auch muß sie sein noch länger
Als wie zu Mainz die Brück.
Und holt mir auch zwölf Riesen,
Die müssen noch stärker sein
Als wie der heilige Christoph
Im Dom zu Köln am Rhein.
Die sollen den Sarg forttragen
Und senken ins Meer hinab,
Denn solchem großen Sarge
Gebührt ein großes Grab.
Wißt ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich legt auch meine Liebe
und meinen Schmerz hinein.
Elvio Romero (1926-2004)
SPÄT
Jemand erzählt mir etwas
aus meinem Land, erinnert mich an seinen Regen,
seine unbegreifliche Verlassenheit, formt
Worte und Worte, Honig und Sprache, rein,
meines Landes.
Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt.
Jemand spricht zu mir .
von einem glänzenden Vergehen, vom Vergehen der Sonne,
die ein Mädchen im Sand verbrennt,
im vollsten Licht, und sie selbst ist es, die
mir jetzt zulächelt, das Antlitz der Sonne zugewandt.
Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt.
Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt für mich.
Deutsch von Fritz Rudolf Fries
Aus: Poesiealbum 62. Elvío* Romero. Berlin: Neues Leben, 1972
Der paraguayische Dichter wurde am 12. Dezember 1926 in Yegros (Paraguay) geboren; er starb am 19. Mai 2004 in Buenos Aires. 1947 emigrierte er nach Argentinien. Nach dem Sturz des Diktators Alfredo Stroessner wurde er Mitglied der Academia Paraguaya de la Lengua Española und des paraguayischen PEN-Clubs und Diplomat in der paraguayischen Botschaft in Buenos Aires.
*) Der Name heißt korrekt Elvio (nicht Elvío), das ist ein Fehler in dem sonst überaus schätzenswerten Poesiealbum von 1972 (danke an die aufmerksamen Augen, die mich darauf aufmerksam machen!)
Gestorben im November 2017
Am 11. Dezember 1728 wurde Polyxena Christiane Auguste Dilthey (Christiana Büsching) in Köthen, Anhalt geboren. Sie war gebildet, spielte Klavier und dichtete. Hier die Titel von zweien ihrer Bücher:
Sie war durchaus erfolgreich.
Durch Förderung von Franz Dominikus Häberlin verlieh ihr die Universität Helmstedt1751 die Dichterkrone. Die Deutsche Gesellschaft zu Göttingen ernannte sie im selben Jahr zum Ehrenmitglied. Sie war das neunte weibliche Ehrenmitglied der Gesellschaft, die Frauen nicht als Mitglieder aufnahm. Empfohlen hatte sie der Theologe und Geograf Anton Friedrich Büsching, ein Jugendfreund ihres Bruders, mit dem sie seit 1750 verlobt war. Er schrieb am 9. April 1751 an Rudolf Wedekind, den Sekretär der Gesellschaft: „Vielleicht halten Sie die Jungfer Polyxena Christiane Auguste Dilthey in Stadhagen […] vor würdig, Sie unter die Mitglieder Ihrer Deutschen Gesellschaft aufzunehmen. Sie schreibt in ungebundener Rede wie ein gelehrter, und behauptet unter den gelehrten Frauenzimmer einen ansehnlichen Platz […].“ Außerdem war sie Mitglied der adligen Brunnengesellschaft in Karlsbad. (Wikipedia)
Eine Strophe aus einer Ode auf die Würde der weiblichen Geschäfte:
Ja, Schwestern, lernt! ja lernt nur denken,
Blos denkend könnt ihr glücklich seyn.
Müst ihr euch ganz der Wirthschaft schenken,
So geht den Schluß nur denkend ein:
Ja, folget freudig dem Geschicke,
Auf was vor Wegen es euch führt,
O wenn man nur an unserm Blicke
daß unsre Seele denkt, und edel denket, spührt.
In folgendem Gedicht relativiert sie ihr poetisches Genie, und es ist vielleicht nicht nur der Bescheidenheitstopos. Interessant ist es für uns, weil sie Bezugsgrößen weiblichen Schreibens aufmacht:
Gedanken bey Lesung der Verse der Jungfer Zieglerin
Dir feuerreiche Schöne
Dir laß ich deine Scherze,
Und deine Schrift von Liebe,
Und was du sagst vom Weine.
Du singest zwar sehr reizend,
Ich nur aus matten Thönen,
Doch sollen meine Lieder,
So schlecht ich sie auch singe,
Von solchen Dingen handeln,
Die ein gesetztes Wesen,
Das muntre Jahre zieret,
Das selbst die Schönen zieret,
In meiner Brust zu gründen
Mir Lust und Beystand reichen.
Ich bin zwar keine Langin,
und lange keine Walthern,
Und so wie diese dichten,
Die so erhaben dichten,
Werd ich auch niemals dichten:
Doch ihren starken Thönen
Die zugleich zärtlich rühren
Wil ich vergnügt zuhören,
Und darnach meine Seyten
Auch immer besser stimmen.
Ihr Gedicht nennt vielleicht Christiana Mariana von Ziegler (1695–1760), auf deren Texte Bach 9 Kantaten verfaßt hat; sie war die erste und einzige Frau in Gottscheds „Deutscher Gesellschaft“ in Leipzig und wurde 1733 zur „Poeta laureata“ von der Universität Wittenberg gekrönt. Wahrscheinlicher aber Johanna Charlotte Unzer geb. Ziegler (1724-1782), die wie Christiane Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft Göttingen war und 1753 zur Dichterin gekrönt.
Anna Dorothea Lange (-1764), Frau des Dichters Samuel Gotthold Lange, die selber zur Hallischen Schule gerechnet wurde.
Eleonora Walther (1723-1754), ebenfalls Ehrenmitglied der Göttinger und anderer Gesellschaften.
wir – was für Leute waren das nochmal?
Hansjürgen Bulkowski
Ulrich Koch
NEUNTER DEZEMBER
Das vollkommene Gedicht ist eine Landkarte
in einer menschenleeren Gegend.
Ich halte sie in Händen und blicke von oben
aus der Vogelperspektive
herab.
Dort, sehe ich, stehe ich
lesend.
Es ist ganz einfach.
Dann gehst auch du hinein
und wirst nie mehr hinausfinden.
Sándor Weöres
ENTWURF FÜR EINE NEUE DICHTUNG
Auf die Gedichte von Tamas Szentjóby, Dezsö Tandori, Imre Oravecz und anderer unserer jungen Dichter, herzlich
„Das Merkmal eines Verses ist der Sinn.”
Wozu, gestattet, dann noch ein Gedicht?
In Prosa packst du jeden Inhalt leichter,
Präzisern Ausdruck finden die Ideen.
Womöglich ist der Vers gemacht, daß Schüler
Die reimgeschmückte Lehre leichter pauken?
Ergreift er uns am lockren Westenknopf
Und tönt: Dieses alles gilt’s zu wissen!
Vor solcher Dichtung lauf ich fort
In Stille und Musik, ein Narr zu bleiben.
„Das Merkmal eines Verses ist die Form.”
Der reine Klang, das saubere Karee:
Zum Sterben öd: Bist du imstande, János
Kiss, Károly Szász zu lesen? Arany
Schrieb mit Fehlern, Petöfi desgleichen.
Doch jene: über Glaubenseifer, linde
Lüfte, saubere Moral und Vaterland,
Von Vogelsang umrahmt allüberall.
Am rechten Platze alles: Metrum, Reim,
Akzent; die reinste Form und ungenießbar.
Wenn Inhalt nicht, nicht Form, was dann?
Ein guter Vers ist Leben wie ein Apfel.
Beschau ich ihn, gibt er den Blick zurück,
Sagt anderes dem Hungrigen, dem Satten,
Ist anders hoch am Ast, im Korb, im Mund.
Beschloßner Inhalt, feste Formen sind
Ihm fremd. Er lebt nur und macht leben.
Noch tiefern Sinn erfuhr er nicht und will
Er gar nicht wissen. Ein Sinn und tausend
Sind in ihm, wenn wir ihn sehen, fühlen, essen.
Übertragen von Richard Pietraß
Aus: Poesiealbum 135. Sándor Weöres. Auswahl Paul Kárpáti. Berlin: Neues Leben, 1978
Seitdem die Kerm richtig groß begangen wird, gibt es den Kirchweih-Generaler. Das ist eine Kirchweihzeitung, in der alle „Ständerle“ – kurze Gedichte – bei den Wirtsleuten, der mit spitzer Feder verfasste Prolog und Geschichten aus dem Leben der Gärtner niedergeschrieben sind. Der erste Generaler wurde 1949 herausgebracht. Seit fast 70 Jahren druckt ihn die Kitzinger Druckerei Kummor. Inzwischen liefert Kummor-Seniorchef Siegfried Herrmann den Etwashäusern schon seit Jahrzehnten jährlich 1500 druckfrische Exemplare. Der Verkauf trägt seit Jahrzehnten zur Finanzierung des Umzugs bei. Den Prolog für die Premieren-Ausgabe schrieb Hannes Hirth. Emil Engelbrecht verlas ihn in seiner Eigenschaft als Polizeidiener mit Pickelhaube auf dem Kopf und servierte die Ständerle gleich dazu. / inFranken.de
Aus: Band 6 von Trübners deutsches Wörterbuch. Walter de Gruyter, 1955
Felix Philipp Ingold
Vorspruch
Macht die Nacht die Farben aus,
dann ist es wieder Zeit und sind die Farben eins.
(aus dem Notizbuch eines Malers, anonym, 1942)
Ein Ah! ist der Anfang von allem und heisst
soviel wie Schra… wie Schwarz. Soviel wie nichts. Drin
gehn die Farben unter wenn die Nacht sie dimmt
und … da! … schon sind sie enthalten. Schon bedeuten sie
die ganze Finsternis. Behaupten sich wabernd
in ihrer Sinnlosigkeit. Was übrigens auch für die Vokale
gilt. Für Eh! das nichts von dieser Schwärze
weiss. Für Iii! das s-si-sirenengleich die Morgenröte
auf die Spitze treibt. Für Uh! das ewig grünt und
Oh! das jedem Blau des Himmels gilt. Doch das Ende
von allem ist dann wie immer der morgige Tag
der nur einfach alles Heutige zum Gestrigen macht.
Aus: Felix Philipp Ingold: Niemals keine Nachtmusik. Gedichte. Klagenfurt und Gaz: Ritter, 2017, S. 7
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