Verhangener Himmel

Shamsher Bahadur Singh

(Śamaśera Bahādura Siṃha)
(* 13. Januar 1911, Dehradun, Indien, † 12. Mai 1993, Ahmedabad, Indien)

Verhangener Himmel

Verzweifelt starr ich empor zum verhangenen Himmel:
Tief in das Wolkendickicht verkriecht sich der Mond;
Und von allen Seiten
Schleicht sich leise lachend die Nacht heran.

1951

Deutsch von Annemarie Bostroem

In: Seufzend streift der Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976, S. 78

Altindisch

Ganz unerwartet zieht die junge Frau den alten Gatten an den Haaren
zu sich, umarmt ihn heftig und küsst ihn: hierzu wird sie einen besondern
Grund haben.

Aus: Indische Sprüche, Sanskrit und Deutsch. Böhtlingk, Otto von [Hrsg.] Band 1: A-Na. St. Petersburg, 1863.

Zwei Dōha

Qadi Qadan war ein Richter, qādi, in Sehwan im unteren Industal, wo er 1551 starb. Seine dōha, zweizeilige Verse im indischen Stil, gelten als erste Kunstform der Sindhi—Literatur. Sie sind von mystischer Erfahrung getönt.

Laß die Grammatik den Leuten!
    Ich studier’ den Geliebten,
 und eine einzige Letter
    les’ ich und les’ immer wieder.

 Würdest hunderttausend
    Bücher du studieren —
 Wisse eins: zum Liebsten
    wird dich das nicht führen!

Aus:  Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 201

Eva an Gott

KAVITA SINHA

Kavita Sinha (Jahrgang 1932), indische Schriftstellerin (Bengali), Radioproduzentin und Feministin, gab 1966 die sehr populäre, täglich erscheinende Lyrikzeitung Dainik Kavita heraus

Eva an Gott

Ich wußte
als erste
einer Münze
oben und unten
sind Kopf und Adler

Ich wußte
als erste
Licht und Dunkelheit
sind beide
von Dir erschaffen

Ich wußte
als erste
zu gehorchen
und nicht zu gehorchen
ist ein und dasselbe

Ich berührte
als erste
den Baum
der Erkenntnis
ich biß als erste
in den leuchtenden Apfel
ja, das war ich

Ich begriff
als erste
unter Lachen
und Weinen
kann aus Deinem Antlitz
das Gesicht des Kindes
geschnitten werden

Ich begriff
als erste
herrlich ist es
gut im Laster
und verderbt in Reinheit
zu leben

Ich zerbrach
als erste
das Goldgeschmeide
nur so
aus Spaß
Denn
es gefiel mir nicht
Marionette
Deiner Hand
zu sein, während er
der arme Adam war

Ich stiftete,
die erste
Unruhe
auf Deiner Erde
jawohl, das war ich

Ich schuf
als erste
Himmel-und Hölle
als ich die Wand
zwischen Scham und Blöße
mit dem Feigenblatt
errichtete

Ich war
die erste
die mit Spiel und Schmerz
Deine Puppe aus eignem
Fleisch formen konnte
ich: la femme fatale
Mein Geliebter
mein Sklave

ich war
die erste
die erfuhr
was es bedeutet
vom Himmel
verbannt zu sein

Ich erlebte es
als erste
wie ein Mensch zu leben
und das Leben zu lieben
mehr als den Himmel

Aus: Alokeranjan Dasgupta (Hrsg.), Geliebt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. München: Schneekluth, 1986,. S. 30-33

Eine Teluguwelt

A TELUGU WORLD

RāmarājabhŪsana (ein Dichter des 16. Jahrhunderts)

mahi mun vāg-anuśāsanundu srjiyimpan kundalîndrundu tan-
mahanīya-sthiti-mŪlamai niluva śrīnāthundu provan mahā-
mahulai somudu bhāskarundu vělayimpan sômpu vātillun ī
bahulândhrokti-maya-prapañcamuna tat-prāgalbhyam‘ Ūhiñceědan

Live the exuberance of language,
first created by the Maker of Speech.
A thousand tongues at the root,
moon and sun above,
God himself within:
a whole world inheres
in what Telugu says.

Aus: Narayana Rao, Velcheru, and David Shulman, translators, editors, and with an introduction by. Classical Telugu Poetry: An Anthology. Berkeley, Calif: University of California Press, c2002 2002. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/kt096nc4c5/

Meine Übersetzung aus dem Englischen mit Anmerkungen aus der Anthologie von 2002:

Lebe die Fülle der Sprache,
vom Schöpfer der Rede erschaffen.
Eintausend Zungen an der Wurzel,
Mond und Sonne darüber,
Gott selbselbst inmitten:
eine ganze Welt steckt
in Telugus Rede.

Ich bilde mir keineswegs ein, aus der englischen Fassung dieses Gedicht zu verstehen. Aber es spricht mich an. Es verkörpert tatsächlich eine Telugu-Welt, eine zum Zeitpunkt seiner Niederschrift schon 500 Jahre alte Literatur mit viel weiter zurückreichenden Wurzeln in der Sanskrittradition. Ich bin kein Anhänger der Meinung, Poesie sei nur dann „echte“ Poesie, wenn sie nicht erklärt werden muß. Man kann das für Teile der Gegenwartsliteratur gelten lassen (ich sage Teile, weil ich nicht vergesse, daß eine hochspezialisierte Kunst Spezialistenwissen und -können braucht, womit nicht literaturwissenschaftliches Wissen gemeint ist – eher im Sinne von Brechts Bestreben, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen großen Kreis der Kenner zu machen. Schnee von gestern, leider.).

Ohne Erklärungen werden wir in den Kunstwerken entfernter Räume und Zeiten immer nur uns selber finden. Das ist okay, man kann mit ein wenig Übung seinen Spaß an Haikus und Minneliedern haben. Aber wenn ich mehr als mich darin sehen und daraus verstehen will, brauche ich Erklärungen. Was ich aus den Anmerkungen in der Quelle verstanden habe, vermittelt eine Ahnung, was jener ferne RāmarājabhŪsana aus Südindien im Sinn hatte und warum heutige Teluguleser es schätzen mögen.

Dieses Gedicht feiere eine lebendige und kontinuierliche literarische Überlieferung der Andhra in Südostindien. Der Dichter, der in einer Zeit intensiver Kreativität lebte, verweise auf einen ganzen vorliegenden Kanon. Jeder Dichter, der genannt oder auf den angespielt wird, sei paronomastisch (durch Zusammenstellung lautlich gleicher oder Šähnlicher Wšörter oder Wörter von gleicher Herkunft) mit einem Gott gleichgesetzt.

Zuerst Vāg-anuśāsanundu, der „Schöpfer der Rede“ (identisch mit Brahma im klassischen Hindu). Er hat die Göttin Vāc (Sprache oder Rede) sowohl erschaffen als auch geehelicht. In der Telugutradition ist das aber auch der Titel, der dem ersten Dichter Nannaya verliehen wurde, er lebte im 11. Jahrhundert. Wie der Gott die Sprache, so erschuf der erste Dichter die Dichtung und den poetischen Stil.

Die tausend Zungen gehören der Schlange Kundalîndrundu-ādiśesa, die die Welt auf ihren tausend Hauben* die Welt trägt. ādiśesa deutet auch auf den großen Sanskritgrammatiker Patañjali, Autor eines berühmten religiösen Kommentars.

  • Das Wort hood bedeutet Kapuze, Helm, ornithologisch und zoologisch auch Haube, Schopf sowie die Brillenzeichnung der Kobra

Für weitere Spuren ein Auszug aus dem zitieren Werk:

After the creation of speech itself, one needs grammar at the root of language. But the same title applies to the second great Telugu poet, Tikkana, who is said to have performed a sacrifice known as kundali (thus explaining his title here). The moon, Soma, is probably Nācana Somanātha, the author of the Telugu [Uttara-]harivamśamu (fourteenth century).
[3] The original title was probably Harivamśamu; later generations prefixed Uttara- to distinguish his work from Ěrrāpragada’s Harivamśamu.

Bhāskara, the sun, is Hulakki Bhāskara, who produced a Telugu Rāmāyana (late thirteenth to early fourteenth centuries). And God himself, the Lord of Prosperity, is śrīnātha, the fourteenth-century poet who revolutionized Telugu taste. Together, and also no doubt accompanied by other, unnamed poets, these figures created and maintained— in the eyes of the poet who sang this verse—an entire universe, rich with life and feeling, fashioned in and by language. And it is to this language, imagined as a goddess, that the poet pays tribute.

Eine Teluguwelt in wenig Zeilen.

jedenfalls war ich heut nacht im park

Lioba Happel

(* 7. Februar 1957 in Aschaffenburg)

«Ist mein Fräulein traurig
soll sie sich zum Teufel scheren»

zwei mal zwei ist sieben fünf acht
drei mal drei alle viere

jedenfalls war ich heut nacht im park
jedenfalls gibt’s da wilde tiere

der erste ein herzog der zweite am geigen
der dritte ein tanzbär der vierte leibeigen

jedenfalls lieber gott vielen dank
da blühte auch einmal ein blümlein

da kannste mal sehen was übrig bleibt
bei tage im hellen mondenschein

der fünfte ein henker der sechste dort hängt er
der siebte ein schwein der achte ganz rein

jedenfalls hab ich den neunten vergessen
der neunte hat alle aufgefressen

und die blume ist schwarz und die sonne ist rot
und gold ist aus dreck und die liebe tut not

zwei augen sah ich den himmel durchqueren
«soll sie sich zum teufel scheren»

jedenfalls war ich heut nacht im park
jedenfalls gibt’s da wilde tiere

zwei mal zwei ist sieben fünf acht
drei mal drei alle viere

Lioba Happel aus: Aus einer Zeit des Umbruchs, in Zwischen den Zeilen 11 (1998) S. 60f

Aus einem Essay über Dichtung im gleichen Heft:

Begriffe sind kleine Gemeinheiten, sie wiegen dich in Sicherheit, bis es dir die Welt zerschlägt.

A.a.O. S. 69

Zuweilen schläft auch der Dichter

Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)

Zuweilen

Zuweilen schläft auch der Dichter
Der alte Verderber der Feste
Ausgezählt hat er sich selber
Gesunken ins Sterntalergras.
Schnellwachsender Traum überspinnt ihm
Die spähenden Augen
Auf seiner Schreibhand
Begatten sich Schmetterlinge
Seine Sturmvögel plappern wie Spatzen
Das liebliche Immer-schon-da.

Aus: Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965. München: dtv, 1995 (2., neu durchges. Aufl. – 1. 1969), S. 245

Du Mann, den ich liebe

Henriette Hardenberg

Eigentlich Margarete Rosenberg (* 5. Februar 1894 in Berlin; † 26. Oktober 1993 in London), expressionistische Dichterin

Frühling

Birkenweißes Bein,
Liebeslandschaft,
Hüften,
Ihr Blumenbalkon,
Zart und verwildert,
Vollduftender Märzbecher,
Du Mann,
Den ich liebe!

Aus: Henriette Hardenberg: Südliches Herz. Nachgelassene Dichtungen. Hrsg. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1994, S. 32

Henriette Hardenberg veröffentlichte ab 1913 Lyrik und Prosa in expressionistischen Zeitschriften (Die Aktion, Die Weißen Blätter). 1916-1930 verheiratet mit dem Dichter Alfred Wolfenstein. Befreundet und bekannt mit Reinhard Sorge, Else Lasker-Schüler, Claire Goll, Alfred Lichtenstein, Franz Pfemfert, Rainer Maria Rilke und vielen anderen. 1937 gelingt ihr die Flucht vor den Nazis, sie geht nach London, wird britische Staatsbürgerin und stirbt 1993 in London.

Poetopie

in der häuslichen Winterlandschaft trittst du auf dem Ergometer fortwährend die Zeit unter dir weg

Hansjürgen Bulkowski

Morgen

Louise Bogan

(* 11. August 1897 in Livermore Falls, Maine; † 4. Februar 1970 in New York City), US-amerikanische Dichterin und Literaturkritikerin

Morgen

1.
 Die grünblauen Eier der Rotdrossel
 Haben die Komplementärfarbe
 Zur rosenroten Brust der Rotdrossel —
 Ist es eine Vision des Auges, ein Entschluß im Blut,
 Was das Lieben und Schützen diesen Vögeln in Erinnerung ruft?

 2.
 Die kluge und beinahe planvolle
 Ranke der Winde,
 Die den Rosenzweig als Stütze für ihren spiralförmigen
     Aufstieg erwählte,
 Vermeidet erfolgreich alle
 Bis auf die kleineren Dornen.

Aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übertragen u. m.e. Nachwort von Jürgen Brôcan. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006, S.31

Weitere deutsche Übersetzungen hier

Robin’s egg

Advice on Roses

Gertrude Stein

(* 3. Februar 1874 in Allegheny, heute Pittsburgh, Pennsylvania; † 27. Juli 1946 in Paris)

RAT ZU ROSEN
(Advice on Roses) (1929)

I
viele pflanzen jährlich rosen.

II
viele pflanzen rosen wie tee.

III
viele pflanzen rosen wie hunde. beinweiß

IV
viele pflanzen rosen.
das heißt. unter weisung.

V
viele pflanzen. rosen.
um. bei. einem umzug.

VI
viele pflanzen. rosen. im. zweifel.

VII
viele pflanzen. rosen mit. bedacht.
und sie gedeihen prächtig.

VIII
viele pflanzen. ihre rosen.

IX
viele pflanzen. rosen.
im herbst.

X
viele pflanzen. ihre rosen.
immer wieder. wie gehabt.

XI
sie erhielt den rat.
rosen zu pflanzen.

XII
sie erhielt rat.
wie und wann. sie. zu pflanzen. waren.

Aus: Gertrude Stein: Das große Lesebuch. Ausgewählt, hrsg. u. übers. von Uda Strätling mit Übertragungen von Marcel Beyer, Ernst Jandl, Barbara Köhler, Oskar Pastio, Ulf Stolterfoht. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2017, S. 267f

Es ging nicht

Marie Luise Kaschnitz

Schreibend

Schreibend wollte ich
Meine Seele retten.
Ich versuchte Verse zu machen
Es ging nicht.
Ich versuchte Geschichten zu erzählen
Es ging nicht.
Man kann nicht schreiben
Um seine Seele zu retten.
Die aufgegebene treibt dahin und singt.

Aus: Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965. München: dtv, 1995 (2., neu durchges. Aufl. – 1. 1969), S. 215

Victoria Falls

Muriel Spark

(* 1. Februar 1918 in Edinburgh; † 13. April 2006 in Florenz)

Von der weltberühmten Schottin kennt man vor allem Prosa, aber sie hat auch Gedichte geschrieben. Leider hab ich keins auf Deutsch gefunden. Zum 100. Geburtstag:

The Victoria Falls

 So hushed, so hot, the broad Zambesi lies
 Above the Falls, and on her weedy isles
 Swing antic monkeys swarm malignant flies,
 And seeming-lazy lurk long crocodiles.
 But somewhere down the river does the hush
 Become a sibilance that hints a sigh,
 A murmur, mounting as the currents rush
 Faster, and while the murmur is a cry
 The cry becomes a shout, the shout a thunder
 Until the whole Zambesi waters pour
 Into the earth’s side, agitating under
 Infinite spray mists, pounding the world’s floor.
   Wrapped in this liquid turmoil who can say
   Which is the mighty echo, which the spray?


Fotos © Michael Gratz

Vom Strand wo wir liegen

Marie Luise Kaschnitz

(* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom)

Dem folgenden Text, ausgesucht zum Geburtstag von Marie Luise Kaschnitz, habe ich das letzte Wort entnommen und woanders deponiert. Wer es unbedingt wissen will, unten steht wo ichs her hab.

Vom Strand wo wir liegen

Vom Strand wo wir liegen
Silberne Häute ausgespannt
Stehen wir auf
In der mondlosen Nacht
Begehen das Feigental
Und die feurige Macchia
Lieben im Fleische
Reden mit Zungen
Tauschen das Augenlicht.
Ziehen auf aus der Erde
Hausmauern
Tisch und Bett
Reichen uns ernsthaft
Der eine dem andern
Der andre dem einen
Handüber herzüber
Bis zum Morgengrauen
Das rehrote Windei

Aus: Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965. München: dtv, 1995 (2., neu durchges. Aufl. – 1. 1969), S. 214

Fast leeres Gedicht für eine leere Wand

André Breton

Aus: Erstes Manifest des Surrealismus (1924)

Um eine Frau, der man auf der Straße begegnet, zu beeindrucken

 

……………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………..

Deutsche Fassung von Ruth Henry aus: Als die Surrealisten noch recht hatten. Texte und Dokumente. Hrsg Günter Metken. Hofheim: WOLKE, 1983 (2. Aufl.; 1. 1976 Reclam Stuttgart)