Quirinus Kuhlmann
(* 25. Februar 1651 in Breslau; † 4. Oktober 1689 in Moskau, hingerichtet), deutscher Schriftsteller und Mystiker.
Der XLI. Libes-Kuß
Ihro Röm. Kaiser= und Königs=Majestät des Allerglorwürdigsten LEOPOLDUS Hochansehnlichen Rath /
H. George von Schöbel und Rosenfeld /
Thumherrn zu Magdeburg bei H. Peter und Paul / in den Durchlauchsten Palmenorden
Den Weitberühmten Himmlischgesinnten /
Meinen Hochschatzbaren Gönner.
Nim einen Libes=kuß zum Zeichen meiner Hold
Und küsse ewig mich mit deinem Libes=gold:
Es müsse so vil Küß Dir noch das Glükk vermählen /
Als unser Wechsel=kuß wil Wechsel=küsse zehlen.
Der Wechsel Menschlicher Sachen
„Nihil est in rebus humanis natura stabile, nihil aequabile, nihil sufficiens, nihil in eodom statu permanens: sed omnia quadam veluti rota circumvolvuntur, diversas saepe diebus singulis, atque etiam horis vicissitudines afferente.“
Gregor, Nazianzenus, de Pauperibus amandis *
[Quirinus Kuhlmann, Himmlische Libes-küsse, 1671 [Nachdruck], hrsg. von Birgit Biehl-Werner, Tübingen 1971, S.53ff.]
Auf Nacht / Dunst / Schlacht / Frost / Wind / See / Hitz / Süd / Ost / West / Nord / Sonn / Feur und Plagen /
Folgt Tag / Glantz / Blutt / Schnee / Still / Land / Blitz / Wärmd / Hitz / Lust / Kält / Licht / Brand und Noth:
Auf Leid / Pein / Schmach / Angst / Krig / Ach / Kreutz / Streit / Hohn / Schmertz / Qual / Tükk / Schimpf / als Spott /
Wil Freud / Zir / Ehr / Trost / Sig / Rath / Nutz / Frid / Lohn / Schertz / Ruh / Glükk / Glimpf / stets tagen.
Der Mond / Glunst / Rauch / Gems / Fisch / Gold / Perl / Baum / Flamm / Storch / Frosch / Lamm / Ochs / und Magen
Libt Schein / Stroh / Dampf / Berg / Flutt / Glutt / Schaum / Frucht / Asch / Dach / Teich / Feld / Wiß / und Brod:
Der Schütz / Mensch / Fleiß / Müh / Kunst / Spil / Schiff / Mund / Printz / Rach / Sorg / Geitz / Treu / und GOtt /
Suchts Zil / Schlaff / Preiß / Lob / Gunst / Zank / Port / Kuß / Thron / Mord / Sarg / Geld / Hold / Danksagen
Was Gutt / stark / schwer / recht / lang / groß / Weiß / eins / ja / Lufft / Feur / hoch / weit genennt /
Pflegt Böß / schwach / leicht / krum / breit / klein / schwarz / drei / Nein / Erd / Flutt / tiff / nah / zumeiden /
Auch Mutt / lib / klug / Witz / Geist / Seel / Freund / Lust / Zir / Ruhm / Frid / Schertz / Lob muß scheiden /
Wo Furcht / Haß / Trug / Wein / Fleisch / Leib / Feind / Weh / Schmach / Angst / Streit / Schmertz / Hohn schon rennt
Alles wechselt ; alles libet ; alles scheint was zu hassen:
Wer nur disem nach wird=denken / muß di Menschen Weißheit fassen.
*) „Nichts in der menschlichen Welt ist von Natur aus dauerhaft, nichts gleichbleibend, nichts vollendet, nichts bleibt im selben Zustand erhalten; sondern alle Dinge rotieren wie auf Rädern, und der Wechsel geschieht oft innerhalb einzelner Tage, oder auch innerhalb von Stunden.“
Sibylla Schwarz
(* 14. Februar jul., 24. Februar greg. 1621 in Greifswald; † 31. Juli jul., 10. August greg. 1638 ebenda)
In Pommern galt damals noch der julianische Kalender, weil die meisten protestantischen Länder die Kalenderreform des Papstes boykottiert hatten. Nach dem heutigen Kalender war ihr Geburtstag der 24. Februar.
Anfang der erzählenden Dichtung „Faunus“
DEr Früling hatte schon den Feldern abgenommen[1]
Jhr weisses Winterkleid / an dessen stat war kommen
Jhr grün gemahlter Rock / eß ließ die Nachtigal /
Die schöne Singerin / sich hören über all ;
Der warmen Sonnen Liecht hett auch schon aufgeschlossen
Den Frost / des Wassers Bandt / und kam mit seinen Rossen
Gleich iezund auß der See / der diken Bäume Schaar /
Die vor gantz abgelaubt / bekam jhr grünes Haar.
Die Blumen hetten sich schon hin und her gesetzet /
Der Mensch die kleine Welt / war gleichsam mit ergetzet /
Der Bauren Coridon[2] erhub sich auch ins Feldt /
Mit seiner Kühe Heer / als wers ein Krieges=Heldt.
Mirtillo folget jhm mit grosser Herde Schaffen /
Menalcas[3] und sein Volck die wolten auch nicht schlaffen ;
Hier sah man wie die Kuh den Stier verjagen kan /
Dort kam mit brüllen her jhr dickköpfichter Mann ;
Hier sah man zwene Böck sich stossen gantz verwegen
Einander auff die Haut / dort dan sich nieder legen
Ein mutigs geiles Pferd / und wältzen sich herum ;
Die Ziegen tantzten auch all in die qver und krum[4] ;
Der Ackerman hub an das Feld mit Lust zu bauen /
Der Schiffer kühnes Volck den Wellen sich zu trauen[5] ;
Der kluge Vogeler ging leis und gahr geheim[6] /
Das leichte Feder=Vieh zu fangen mit dem Leim ;
Der Jäger bließ sein Horn / und jagte mit den Winden
Den schnellen Haasen nach / den Hirschen und den Hinden ;
Die Wälder lachten selbst ; Jn Summa alle Welt
Hätt jhren gantzen Muht auff Fröligkeit gestellt : ¶
[1] = Heroische Formen 92-1
[2] Coridon, Mirtillo, Menalcas: beliebte Schäfernamen in der Antike und der neueren europäischen Literatur und Musik. Das Landleben in der pommerschen Provinz wird mit Namen aus der literarischen Tradition stilisiert.
[3] ein Schäfer in den Idyllen des römischen Dichters Vergil
[4] krüm
[5] anzuvertrauen
[6] heimlich
(…)
Elisabeth Langgässer
(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)
Licht im Februar
Wahrheit ohne Scheinen,
Alles ist noch klar,
Strömend von dem reinen
Licht im Februar.
Fülle der Figuren,
Kronen und Geäst,
Ferne die Lemuren,
Leer ist noch das Nest.
Anbeginn der Worte,
Zeichen, froh und still,
Urkristall der Orte:
Buschlabee, Tripstrill.
Ehemals und Immer
Hörnen durchs Revier,
Eingedenk und Nimmer –
Haimonskinder vier.
Geisterhafter Wonnen
Unzerstücktes Spiel,
Jede kaum begonnen,
Alle schon am Ziel.
Aus: Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Hrsg. Walter Höllerer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1956, S. 29f
Edna St. Vincent Millay
(* 22. Februar 1892 in Rockland, Maine, USA; † 19. Oktober 1950 in Austerlitz, New York)
Grabschrift des Wesens Mensch
Hier liegt, unklagbar außer vor dem Meer
Das bricht unwandelbar in leerer Welt,
Mensch der Höchstvielfache, in Staub gefällt
Um nie zu kehren, — — unzeitig, im Stand
Der Kindheit: und der Riesenschall, der Er
Gewesen; stumm; und all sein einstiger Stolz
Ein eisern Säulenstück, des erzenes Korn
Von Regen höhlig wie ein fauler Baum.
Mensch, bündiger Mensch, wem zolltest Du den Preis,
Den Himmel in Zorn selbst aufgab zu bewegen‚
Den Hebel und das Grabscheit hinzulegen,
Und Staub zu wehn im Staub des Einerleis?
Wes, wes der Einbruch? Wes der Mörderdegen? — —
Ring nicht nach Wort, arm schütterer Mund; ich weiß.
Übersetzt von Rudolf Borchardt, in: Rudolf Borchardt, Gedicht II. Übertragungen II. Stuttgart: Klett-Cotta, 1985 (Gesammelte Werke in Einzelbänden), S. 327
Epitaph for the Race of Man
XVIII
Here lies, and none to mourn him but the sea,
That falls incessant on the empty shore,
Most various Man, cut down to spring no more;
Before his prime, even in his infancy
Cut down, and all the clamour that was he,
Silenced; and all the riveted pride he wore,
A rusted iron column whose tall core
The rains have tunneled like an aspen tree.
Man, doughty Man, what power has brought you low,
That heaven itself in arms could not persuade
To lay aside the lever and the spade
And be as dust among the dusts that blow?
Whence, whence the broadside? Whose the heavy blade?…
Strive not to speak, poor scattered mouth; I know.
Hedwig Lachmann, verehelichte Landauer, (* 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; † 21. Februar 1918 in Krumbach, Bayern)
Winterbild
In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermißmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.
In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, bloßen Haupts, ein Bettler vor der Türe.
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 15f
Kirti Chaudhury
Was waren das für Zeiten
Als die Dinge vorüberglitten
Und wir verharrten
Als säßen im Zug wir und sähen
Die Landschaft den Blicken entschwinden
Von Augenblick zu Augenblick
Was saß dort auf dem Draht
Nachtigall Kuckuck Spatz?
Hoch droben am Himmel
War das ein Zugvogelpaar?
Das Funkeln dort in der Ferne
War es ein Strom?
War’s eine Fata Morgana?
Manchmal häufiger manchmal seltener
Stellte sich Frage um Frage
Wir suchten verwirrt und benommen
Der Rätsel Lösung zu finden
Doch vorüber glitten die Dinge,
Was waren das für Zeiten
Sie sind längst vorbei
Wir lernten die Hetzjagd des Heute
Und rasen im Fluge dahin
Verändert hat sich die Landschaft
Auf den Zweigen hockten braune Vögel
Blickten uns neugierig an
Wohlig duftend streckte die Luft
Uns ihre Arme entgegen
Wir aber hielten nicht an
Wir vernahmen auch nicht
Das Murmeln und Glucksen der Quellen
Das Raunen und Rauschen der Blätter
Die Lotosblumen im Teich
Ließen die Köpfe hängen
Wir eilten vorüber
Vorwärts — voran
Vorüber an vielem
Was des Findens wert
Für uns gab es nur noch
Dieses eine endlose Jagen
Und mit den schwindenden Tagen
Blieb alles zurück.
1968
Deutsch von Annemarie Bostroem
Aus: Seufzend steift de Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976. S. 176f
Schah Faqir Allah Affrin
Lebte als Derwisch an der Tür einer Moschee in Lahore, wo er 1741 starb
Auch mit dem Schwerte kannst du nicht die Rebellen bessern: Noch stärker brennt die Kerze, schlägst du ihr den Kopf ab.
Aus dem Persischen
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 112
Shahryar
(eigentlich Akhlaq Muhammad Khan, * 1936)
Qual bei Tagesanbruch Tau auf kühlen Ästen noch immer verträumt Doch die Sonne lenkt ihren Streitwagen
In: Gelobt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Alokeranjan Dasgupta. München: Schneekluth, 1986, S. 166
KAVITA SINHA
Kavita Sinha (Jahrgang 1932), indische Schriftstellerin (Bengali), Radioproduzentin und Feministin, gab 1966 die sehr populäre, täglich erscheinende Lyrikzeitung Dainik Kavita heraus
Nur wir beide Eben noch hunderttausend Lügen gesagt wir beide sechs Tassen Tee wir beide, sechs Tassen Tee und eben noch hunderttausend Lügen! Hunderttausend Lügen, sechs Tassen Tee und wir beide eben noch. Was kann draus werden? Was wird? Was hätte werden können? Was noch? Wie, hunderttausend Lügen und wir beide? Ohne die sechs Tassen Tee — Was noch? Oder wir beide, sechs Tassen Tee und hunderttausend Lügen sagen — was noch? Nein, nur hunderttausend Lügen nein, nur sechs Tassen Tee was noch? Was noch? Wie, nur wir beide? Hunderttausend Lügen nicht. Sechs Tassen Tee nicht. Noch nicht. Nur wir beide?
Aus: Alokeranjan Dasgupta (Hrsg.), Geliebt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. München: Schneekluth, 1986,. S. 30
Goethe
Will ich die Blumen des frühen, die Früchte des späteren Jahres, Will ich was reizt und entzückt, will ich was sättigt und nährt, Will ich den Himmel die Erde mit Einem Namen begreifen; Nenn ich Sakontala dich und so ist alles gesagt.
An F.H. Jacobi, Weimar, 1.6.1791
Erstdruck: Deutsche Monatsschrift 1791
Georg Forster hatte das indische Drama Sakontala (von Kalidasa) aus dem Englischen übersetzt und Goethe gesandt
Schah Abdul Karim von Bulrri
(Geboren 1636 Sind, gestorben 1694)
Am Fluß-Ufer lebend, sterben die Toren vor Durst – Sie schweigen voll Qual und ergreifen nicht den Moment.
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 203
Man schlägt auf viererlei Art:
Mit dem Handrücken,
mit der ausgestreckten hohlen Hand,
mit der Faust,
mit der flachen Hand.
Die aus den Schlägen erwachsenden Schmerzen äußern sich in pfeifenden Wehlauten, deren man acht Abarten unterscheidet:
Den Laut „Him“,
das Donnern,
das Girren,
das Weinen,
den Laut „Phut“,
den Laut „Phat“,
den Laut „Sut“.
Außerdem gibt es noch bestimmte Ausrufe, Worte wie „Mutter!“, dann jene, welche „genug!“, „nein!“, Schmerz oder Lob bedeuten, dann den Schrei der Turteltaube, des Kuckucks, des Papageis, des Sperlings, des Flamingos, der Ente, den Ruf der Wachtel, das Summen der Biene. Alle diese Laute sind bei derartigen Anlässen zu verwenden.
Asien. Höhepunkte erotischer Literatur berühmter Autoren. Von Valmiki, Vatsyayana und vielen anderen Autoren aus schriftlicher und mündlicher Überlieferung. Mit einem Vorwort des Verlags. Gütersloh : Prisma-Verlag, 1980, S. 75
(Kamasutra, Zweiter Teil, Siebentes Kapitel)
Aus einer englischen Übersetzung
Moaning arises out of this, since it expresses pain, and moaning takes several forms. There are eight kinds of screaming: whimpering, groaning, babbling, crying, panting, shrieking, or sobbing. And there are various sounds that have meaning, such as ‚Mother!‘ ‚Stop!‘ ‚Let go!‘ ‚Enough!‘ As a major part of moaning she may use, according to her imagination, the cries of the dove, cuckoo, green pigeon, parrot, bee, nightingale, goose, duck, and partridge.
Und eine andere
Shamsher Bahadur Singh
Verhangener Himmel
Verzweifelt starr ich empor zum verhangenen Himmel:
Tief in das Wolkendickicht verkriecht sich der Mond;
Und von allen Seiten
Schleicht sich leise lachend die Nacht heran.
1951
Deutsch von Annemarie Bostroem
In: Seufzend streift der Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976, S. 78
Ganz unerwartet zieht die junge Frau den alten Gatten an den Haaren
zu sich, umarmt ihn heftig und küsst ihn: hierzu wird sie einen besondern
Grund haben.
Aus: Indische Sprüche, Sanskrit und Deutsch. Böhtlingk, Otto von [Hrsg.] Band 1: A-Na. St. Petersburg, 1863.
Qadi Qadan war ein Richter, qādi, in Sehwan im unteren Industal, wo er 1551 starb. Seine dōha, zweizeilige Verse im indischen Stil, gelten als erste Kunstform der Sindhi—Literatur. Sie sind von mystischer Erfahrung getönt.
Laß die Grammatik den Leuten! Ich studier’ den Geliebten, und eine einzige Letter les’ ich und les’ immer wieder. Würdest hunderttausend Bücher du studieren — Wisse eins: zum Liebsten wird dich das nicht führen!
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 201
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