Ida Dehmel (* 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein als Ida Coblenz; † 29. September 1942 in Hamburg)
Richard Dehmel (* 18. November 1863 in Hermsdorf bei Wendisch Buchholz, Provinz Brandenburg, heute Gemeinde Münchehofe; † 8. Februar 1920 in Blankenese)
PSALM ZWEIER STERBLICHEN
Von Ida und Richard Dehmel
DER MANN:
Göttin Zukunft,
mit gefesselten Händen hältst du
eine geschlossene Schriftrolle,
drin mein Schicksal verzeichnet steht.
Langsam, Tag für Tag,
ringe ich deinen Fingern
Zoll für Zoll die Urkunde ab,
Zeile für Zeile.
Bis der Augenblick kommt,
wo das entrollte Papier,
eh ich das letzte Wort noch las,
meinem erschöpften Arm entfällt;
und mit gefesselten Händen
gibst du den Winden zur Sage anheim,
was ich tat.
DAS WEIB:
Schicksalsgöttin,
ich liege vor dir auf den Knieen.
Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen
eine goldene Tafel,
drin die Namen nur derer eingegraben stehn,
die Unvergeßliches taten.
Auf den Knieen, Schicksalsgöttin,
bitte ich dich:
Laß mich nicht ins Namenlose versinken!
Spreng deine Fesseln – oder
nur einen Augenblick
reich mir die goldene Tafel,
und neben die Runen der Helden und der Weisen
schreibe ich hinsinkend:
Ich liebte.
Aus: Richard Dehmel: Gesammelte Werke in drei Bänden. 2. Band. Berlin: S. Fischer, 1919, S. 123f
Das vierte ist der seraphische Ton. Wenn es gleich los geht oder schnell anlangt bei Brunnenrauschen und Harfen und schöner Nacht und Stille und Ketten ohne Anbeginn, Kugelründung, Vollbringen, siegt sich zum Stern, Neugottesgründung und ähnlichen Allgefühlen, ist das meistens eine billige Spekulation auf die Sentimentalität und Weichlichkeit des Lesers. Dieser seraphische Ton ist keine Überwindung des Irdischen, sondern eine Flucht vor dem Irdischen. Der große Dichter aber ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten — er belädt sich mit Wirklichkeiten, er ist sehr irdisch, eine Zikade, nach der Sage aus der Erde geboren, das athenische Insekt. Er wird das Esoterische und Seraphische ungeheuer vorsichtig auf harte realistische Unterlagen verteilen.
Gottfried Benn, Probleme der Lyrik
Friedrich (Maler) Müller
(* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)
Der seraphische Dichter
Er: Für Engel, nicht für Menschen sang der Dichter sein Gedicht.
Sie: Was Menschen nicht erfreuet, das ergötzt auch Engel nicht.
Erstdruck: Frankfurter Konversationsblatt 29.1.1849
Karoline von Günderrode
(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)
HOCHROTH
Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.
Oswald de Andrade
(* in São Paulo; † 22. Oktober 1954 ebenda)
3. Mai
Ich habe bei meinem zehnjährigen Sohn gelernt
Daß die Poesie die Entdeckung der Dinge ist
Die ich nie gesehen habe
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übertragen von Curt Meyer-Clason. München: dtv, 1975, S. 23
Annette von Droste-Hülshoff
(* 12. Januar 1797, nach anderen Quellen 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg in Meersburg)


Chaim Nachman Bialik
(חיים נחמן ביאליק, * 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir, Russisches Kaiserreich; gestorben 4. Juli 1934 in Wien)


Aus: Chaïm Nachman Bialik: Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Louis Weinberg. Berlin: Welt-Verlag, 1920
Christiane Grosz
Absage
Nimm deine Hand
von meinem Kleidersaum
und geh.
Verbiete deinen Augen, so
mich anzusehn.
Sonst bekomme ich Lust,
deinen Ofen zu heizen,
deine Hemden zu waschen
und dein Kind zu wıegen
in meinem Schoß.
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 55
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Zu Zweit
Lieber zu Zweit verhungern als Einzeln
In goldenen Wagen spazieren fahren:
Gefahren Gefahren überall für unsere
Treuen unbescholtenen Seelen
Mein Freund bis hierher und nicht weiter
Einer
Sey
Des andern Stab
Und unüberhörbare Stimme
Schlag mir auf mein Sitzfleisch wirf mich
Auf ein Fahrrad und jag mich nach Zeuthen
Aus: Rückenwind. Gedichte. Aufbau 1976
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
Seit 1.1.19 ist das Werk von Kurt Schwitters in Deutschland gemeinfrei
Banalitäten aus dem Chinesischen
Fliegen haben kurze Beine.
Eile ist des Witzes Weile.
Rote Himbeeren sind rot.
Das Ende ist der Anfang jeden Endes.
Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs.
Banalität ist jeden Bürgers Zier.
Das Bürgertum ist aller Bürger Anfang.
Bürger haben kurze Fliegen.
Würze ist des Witzes Kürze.
Jede Frau hat eine Schürze.
Jeder Anfang hat sein Ende.
Die Welt ist voll von klugen Leuten.
Kluge ist dumm.
Nicht alles, was man Expressionismus nennt, ist Ausdruckskunst.
Kluge ist immer noch dumm.
Dumme ist klug.
Kluge bleibt dumm.
Nora Iuga
(* 4. Januar 1931 in Bukarest)
ich weiß nicht wie
er kam wie ein klempner
und hat die verstopfung behoben
so daß die wörter fließen
es gibt einfach so zyklen
alle drei jahre
werden die armaturen gewechselt
im oktober vielleicht oder im mai
kommt er wieder vorbei
Aus: Nora Iuga: Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Stuttgat: Klett-Cotta, 2007, S. 38
Der von Kürenberg
(12. Jahrhundert)
Der abendstern verbirgt sich schnell
frau, wie du’s sollst, wenn du mich siehst,
zum anderen mann wirf blicke hell
dann weiß auch keiner, wie du mich liebst.
Übertragung: Florian Voß
Der tunkel sterne der birget sich,
als tuo du, frouwe schœne,
sô du sehest mich,
sô lâ du dîniu ougen gên an einen andern man.
sôn weis doch lüzel ieman, wies under uns zwein ist getân.
Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. von Tristan Marquardt und Jan Wagner. Zweisprachig. München: Hanser, 2017, S. 26
John Höxter
(* 2. Januar 1884 in Hannover, † 15. November 1938 in Berlin)
Ich sitze auf der Banke
Und drehe meine Daumen;
Im Hirn keimt kein Gedanke,
Vertrocknet dorrt mein Gaumen.
Mir schmerzen alle Glieder,
Mich zerrt des Windes Wehen –
Fast möchte ich nie wieder
Von dieser Bank aufstehen.
Ich seh’ auch nicht den Zweck ein –
Sanft schaukelnd auf den Fluten
Möcht’ ich ein Schiff und leck sein
Und leise mich verbluten …
(1929)
Aus: VERSENSPORN
Heft für lyrische Reize
Nr. 8: John Hoexter (2012)
Marina Zwetajewa
(russisch Мари́на Ива́новна Цвета́ева, wiss. Transliteration Marina Cvetaeva; * 26. September jul./ 8. Oktober 1892 greg. in Moskau; † 31. August 1941 in Jelabuga, Tatarstan)
Bei Moloko Print erschien das Poem Lestniza (Die Treppe, das Wort bedeutet im Russ. auch Die Leiter) dreifach: in zwei Übersetzungen von Felix Philipp Ingold, einer neuen von 2018 sowie einer älteren von 1992/93, dazu ein Faksimile des Erstdrucks von 1926.
Hier die ersten 3 Strophen (ergänzt durch eine Transkription des Originaltexts):
Erste Übersetzung
Treppengedicht
Bloß flüchtige Küsse,
Bloß Treppengenüsse.
Statt rosiger Süße
Bloß Schminke — mit Rissen.
Kein Märchen — das Wissen:
Nie mehr dich grüßen.
Bloß flüchtige Stöße
Im Treppengehäuse —
Die Stufen wie Flöße.
Zweite Übersetzung
Die Treppe
– Poem –
Kurz gekost, geknutscht –
Die Treppe schwankt.
Kurz mal aufgeflammt
Ein Gesicht unter Putz.
Kurz im Märchenland:
Für morgen kein Gruss.
Kurz mal gerammt-
Die Treppe wankt,
Die Treppe drängt.
ЛЕСТНИЦА
Короткая ласка
На лестнице тряской.
Короткая краска
Лица под замазкой.
Короткая — сказка:
Ни завтра, ни здравствуй.
Короткая схватка
На лестнице шаткой,
На лестнице падкой.
Transkribiert
(s für stimmhaftes, ß für stimmloses s; zusätzlich werden die Akzente markiert. Unbetontes o wird wie a ausgesprochen, ch wie in ach, in sdráwßtwuj bleibt das w stumm.)
Léßtniza
Korótkaja láßka
Na léßtnize trjáßkoj.
Korótkaja kráßka
Lizá pod samáskoj.
Korótkaja – ßkáska:
Ni sáwtra, ni sdráwßtwuj.
Korótkaja ßchwátka
Na léßtnize schátkoj,
Na léßtnize pádkoj.
Aus: Marina Zwetajewa: Das Treppengedicht in zwei Versionen aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold. Pretzien: Moloko Print, 2018
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