Helga M. Novak
(* 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)
Sommerzeit
Sommerzeit
die Hähne schrein zur selben Zeit
Winterzeit
die Sauen schrein zur selben Zeit
ach es ist alles zuschanden
die Freiheit die ich habe
ist keine
ich werde verrückt
weil ich es bin
und ich werde rasend
von meinen Rasereien
ach es ist alles zuschanden
Sommerzeit
ich werde den Mund nochmal vollnehmen
Winterzeit
den Mund voller Sand
warum entdeckt denn keiner
die Schönheit meines Verfalls?
Aus: Helga M. Novak: wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Frankfurt/Main: Schöffling, 2005, S. 202
Catharina Regina von Greiffenberg
(* 7. September 1633 auf Schloss Seisenegg in Viehdorf bei Amstetten, Niederösterreich; † 10. April 1694 in Nürnberg)
Auf die Fruchtbringende Herbst-Zeit FReud'-erfüller / Früchte-bringer / vielbeglückter Jahres-Koch / Grünung-Blüh und Zeitung-Ziel / Werkbeseeltes Lustverlangen! lange Hoffnung / ist in dir in die That-Erweisung gangen. Ohne dich / wird nur beschauet / aber nichts genossen noch. Du Vollkommenheit der Zeiten! mache bald vollkommen doch / was von Blüh' und Wachstums-Krafft halbes Leben schon empfangen. Deine Würkung kan allein mit der Werk-Vollziehung prangen. Wehrter Zeiten-Schatz! ach bringe jenes blühen auch so hoch / schütt' aus deinem reichen Horn hochverhoffte Freuden-Früchte. Lieblich süsser Mund-Ergetzer! lab' auch unsern Geist zugleich: so erhebt mit jenen er deiner Früchte Ruhm-Gerüchte. zeitig die verlangten Zeiten / in dem Oberherrschungs-Reich. Laß die Anlas-Kerne schwarz / Schickungs-Aepffel safftig werden: daß man GOttes Gnaden-Frücht froh geniest und isst auf Erden.
Martin Opitz
Sonnet XXXIV. JHr / Himmel / lufft vnd wind / jhr hügel voll von schatten / Jhr Hainen / jhr Gepüsch' / vnnd du / du edler Wein / Jhr frischen Brunnen jhr so reich am Wasser seyn / Jhr Wüsten die jhr stets müßt an der Sonnen braten / Jhr durch den Weissen thaw bereifften schönen Saaten / Jhr Hölen voller Moß / jhr auffgeritzten Stein' / Jhr Felder welche ziert der zarten Blumen Schein / Jhr Felsen wo die Reim' am besten mir gerathen / Weil ich ja Flavien / daß ich noch nie thun können / Muß geben gute Nacht vnd gleichwohl Muth vnd sinnen Sich fürchten allezeit vnd weichen hinter sich / So bitt' ich Himmel / Lüfft / Wind / Hügel / Hainen / Wälder / Wein / Brunnen / Wüsteney / Saat / Hölen / Steine / Felder / Vnd Felsen sagt es jhr / sagt / sagt es jhr vor mich.
Ein Sonett von Opitz – in Wahrheit übersetzt Opitz ein Sonett des berühmten Franzosen Pierre de Ronsard (1524-1585), ohne die Quelle zu nennen. Es ist eine freie Übersetzung. Opitz verwandelt die Zehn-/Elfsilbler des Originals – Vers communs oder Gemeinverse (im Deutschen fünfhebiger Jambus) – in den längeren und schwerfälligeren Alexandriner, Zwölf-/Dreizehnsilbler mit starrer Mittelzäsur. Eine neuere annähernd originalmetrische Übersetzung beginnt so:
Ihr Luft und Wind, Berg, Hügel und Gefild
Opitz muß den Himmel einfügen und auch sonst einiges ändern – nicht nur einiges, sondern sehr viel, Um- statt Nachdichtung. Die wichtigste rhetorische Figur aber übernimmt er getreulich: das Summationsschema. Die wichtigsten Nomina des Gedichts werden in der Reihenfolge ihres Auftretens im letzten Terzett in unverbundener Reihung wiederholt (des Reims wegen mit kleinen Abweichungen, die sich auch aus dem gleichen Grund schon in der Vorlage finden). Die Naturphänomene werden zuerst einzeln angeredet und stehn am Schluß angetreten wie Zinnsoldaten als Helfertrupp in Liebesdingen.
Unten das Gedicht im Original und in der zitierten neuen Fassung (von Friedhelm Kemp). „Annähernd originalmetrisch“ sagte ich. Getreu sind Silbenzahl und Reimschema eingehalten, weggefallen ist eine große Kleinigkeit. Das Original sind Gemeinverse, das heißt, sie haben eine Zäsur nicht in der Mitte wie der Alexandriner, sondern nach der vierten Silbe. Dadurch entsteht eine schöne Spannung, annähernd und sozusagen sozusagen der Goldene Schnitt statt des starren Mittelscheitels. Die ersten beiden Verse Kemps halten das ein, aber dann kippt es.
Heute ist Ronsards 494. Geburtstag. Nur noch 6 Jahre bis zum Halbjahrtausend. Bestimmt reißen sich die Verlage schon um die besten Startplätze.
Christian Wernicke
(* im Januar 1661 in Elbing / Elbląg; † 5. September 1725 in Kopenhagen)
An unsre teutschen Poeten
Jhr Teutschen wenn die Lieb aus eurer Feder quill’t /
Jhr eure Buhlschafft wolt mit eurem Vers bedienen /
So kriegt man gleich zu sehn / ein marmor-weisses Bild;
Jhr Aug ist von Achat / die Lippen von Rubienen /
Die Adern von Türckies / die Brüst aus Alabast:
Die frembde Buhlschafften sind lang nicht so verhaßt.
Der Welsche betet sie als eine Göttin an /
Und sucht so offt er immer kan /
Vor ihr auf seinen Knien zu liegen;
Es macht sie der Franzos von lauter Witz /
Zur Freundschafft fähig / ja verschwiegen /
Und folgends ein Gefäß ohn eine Ritz;
Der Englische der nichts als was natürlich thut /
Der machet sie von lauter Fleisch und Blut;
Ihr aber woll’t Pigmaljons alle sein
Und machet sie zu Bilder oder Stein.
[1697]
Constantijn Huygens
Aus: Euphrasia Augentrost
Wie nun? Sind’s etwa dann die Ängstlichen‚ die klarsehn?
Die stets auf sicher gehn‚ wo immer sie Gefahr sehn?
Nicht doch! Beim Angsthas‘ ist die Blindheit erst perfekt‚
ist doch sein Augenlicht vollständig zugedeckt
vom Grauschleier der Angst: tut sich ein Blättchen regen,
fürchtet er schon das Blei; zeigt sich ein blanker Degen,
spürt er den Stich ins Herz und wenn er Pulver schmeckt,
erblickt er sich bereits vom Eisen hingestreckt;
ein Vogel macht ihm Angst, vor einer Fliege bangt er,
schon duckt er sich‚ als ob das Gras ein Kugelfang wär,
fällt hin im flachen Feld, macht blindlings rechtsumkehrt,
und wer der schnellste ist und heil und unversehrt
schon mit den Fersen ficht, den Hagelsturm im Rücken,
meint, dass er schärfer sieht, als die, die dorthin blicken,
wo das Gewitter hängt; sie sehn nicht, dass der Mann,
der seinen Feind anblickt, ihn auch besiegen kann
und gleiche Chancen hat! Doch zeigt er ihm die Waden
(von Ehre red‘ ich nicht!), geht jede Hoffnung baden.
Was ist ein Mann, der flieht? Ein Todeskandidat,
ansonsten winkt die Scham, das weiß jeder Soldat.
Die jungen Leut‘ sind blind (die Liebe unvergessen‚
wir waren auch mal jung, doch nicht so angefressen
und krankhaft wie derzeit); die jungen Leut‘ sind blind …
…
Die Alten sind auch blind …
Aus: Constantijn Huygens, Euphrasia Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, V. 553 ff
Ernst Meister
Monolog der Menschen
Wir sind die Welt gewöhnt.
Wir haben die Welt lieb wie uns.
Würde Welt plötzlich anders,
wir weinten.
Im Nichts hausen die Fragen.
Im Nichts sind die Pupillen groß.
Wenn Nichts wäre,
o wir schliefen jetzt nicht,
und der kommende Traum
sänke zu Tode unter blöden Riesenstein.
Aus: Ernst Meister: Ausstellung. Aachen: Rimbaud, 1985, S. 7
Das Gedicht zum Sommerende und zur Sommerzeitdebatte. Es stammt vom bayrischen Heimatdichter Johannes R. Becher („Im Schatten der Berge bin ich geboren“). In den 50er Jahren lebte der bekanntlich in Pankow und verbrachte den Urlaub in Ahrenshoop. In Pankow geht die Sonne am 1. September um 19:55 Sommerzeit unter, das ist 18:55 MEZ. Bechers Gedicht handelt freilich nur zum Teil von der Abenddämmerung. Er steht in dem Gedichtband „Schritt der Jahrhundertmitte“, mit den späten Gedichten, einem unverhofften lyrischen Herbst, der sehr direkt mit Chrustschows erstem Entstalinisierungsversuch von 1956 zusammenhing. Becher, der offiziell gefeiert wurde, wußte seit langem, daß er nicht mehr schreiben konnte. Chrustschows in einer Geheimrede versteckte Wahrheit löste ihm die Zunge. Die Panzer, die den ungarischen Aufstand niederwalzten, lähmten sie wieder. Nur in abstrakter Form kam die Wahrheitsaufwartung ins Buch, die Klartexte („War unsre nicht die größte der Epochen? / Und wessen Tür wird heute nacht erbrochen?“) verschwanden im Dunkel. Mutige Germanisten veröffentlichten sie dann Anfang 1990, gleichzeitig wurde die „Geheimrede“ von 1956 erstmals in der DDR gedruckt. Viel Dunkel und wenig Licht. In viele Spiegel gilts zu schauen, bis wir der Wahrheit Spiegel sind.
Johannes R. Becher
ES WIRD SCHON DUNKEL
Es wird schon dunkel abends sieben.
„Was ist vom Sommer uns verblieben?“
So frage ich und sag: „Mach Licht!“
Im Dunkel kann man fragen, fragen
Und kann man schweigen und kann klagen.
Die Wahrheit sagt das Dunkel nicht.
Was Freuden waren und was Leiden,
Im Licht nur läßt sich’s unterscheiden.
Ich brauche Licht. Im Licht nur trennt
Das Gute sich von all dem Schlechten,
Das Ungerechte sich vom Rechten,
Vom Abgrund sich das Firmament.
Ich brauche Licht, um nicht zu irren
Und um den Wirrwarr zu entwirren.
Das Dämmerlicht ist kein Gericht,
Das Dunkel macht viel ungeschehen.
Ich brauche Licht, um ihn zu sehen,
Den Mund, mit welchem Mund er spricht.
Man muß auch sehen auf die Hände.
Noch spricht der Mund – sie sind am Ende.
Es ballt ein „Ja“ sich, fleht ein „Nein“‚
Sie sprechen, wenn die Worte schweigen,
Sie können offen dir sich zeigen
Und wie in sich verkrochen sein.
Die Dunkelheit hält uns umfangen,
Das Licht hilft uns aus Angst und Bangen.
Du Sternbild in der Finsternis,
Hoch über mir schwebst du im Zimmer,
Ich blick durch mich in deinem Schimmer
Und werde meiner selbst gewiß.
Es wird schon dunkel abends sieben.
Was ist vom Leben uns geblieben?
Im Dunkel sind die Spiegel blind.
Mach Licht! Laßt uns dem Licht vertrauen!
In viele Spiegel gilt’s zu schauen,
Bis wir der Wahrheit Spiegel sind.
Aus: Johannes R. Becher: Schritt der Jahrhundertmitte. Neue Dichtungen. Berlin: Aufbau, 1959, S. 171f
Hedwig Lachmann
Auswanderer
Sie nehmen ihre Kinder an der Hand
Und ziehen fort; es duldet sie kein Land.
Grenzwächter sind auf ihren Weg gestellt,
Wie wenn ein Hund am Tor die Wache hält.
Sind überm Meer noch ein paar Ackerbreit,
Worauf nicht Gras noch Futterkorn gedeiht?
Sanddünen, die kein Sämann noch bewarf,
Dass dort ein Bettelvolk verhungern darf?
Der Bauch der Schiffe nimmt sie endlich auf,
Zum Ballast hingeworfen, Hauf um Hauf.
Und setzt sie an den fernen Küsten aus
Wie Findlingskinder vor ein fremdes Haus.
Aus: Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 56f
Johann Wolfgang Goethe
Solang‘ man nüchtern ist,
Gefällt das Schlechte;
Wie man getrunken hat,
Weiß man das Rechte;
Nur ist das Übermaaß
Auch gleich zu handen;
Hafis! o lehre mich,
Wie du’s verstanden!
Denn meine Meinung ist
Nicht übertrieben:
Wenn man nicht trinken kann,
Soll man nicht lieben;
Doch sollt ihr Trinker euch
Nicht besser dünken:
Wenn man nicht lieben kann,
Soll man nicht trinken.
Aus: Saki Nameh: Das Schenkenbuch
Ernst Jandl
calypso
ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go
wer de wimen
arr so ander
so quait ander
denn anderwo
ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go
als ich anderschdehn
mange lanquidsch
will ich anderschdehn
auch lanquidsch in rioo
ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go
wenn de senden
mi acroos de meer
wai mi not senden wer
ich wulld laik du go
yes yes de senden
mi across de meer
wer ich was not yet
ich laik du go sehr
ich was not yet
in brasilien
yes nach brasilien
wulld ich laik du go
(2.11.1957)
Ernst Jandl: Werke in sechs Bänden 1. Laut und Luise. München: Luchterhand, S. 98
Ursula Krechel
Kantilene, Abschiedsszene
Im Gedenken an Oskar Pastior
spricht in Zungensprachen
spricht aus Mündelmündern
kennt das Kindersingen‚ das Gelingen
schnippelt eine Pastinakentasche
näht den Wörtern Bändel, Laschen
ob er durchschlüpft? alle Sprachen überraschen
das Anatolische
das Kryptokatholische, Alkoholische
das Bukolische und das ganz Unsymbolische
(Ausnahmen sind:
das Ethische, das Etepetetische
das frisch entdeckte Genetische)
wie Buchstaben sich entzündcn
wie sie sich finden, Ströme münden
Wasser füllt kein Sieb aus guten Gründen
Aus: Ursula Krechel: Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2010, S. 27
Johann Gottfried von Herder
(1744-1803)
(* 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen; † 18. Dezember 1803 in Weimar)
Coalition
„Politisch Lied, ein böses, böses Lied!“
So sagt das Sprichwort; und Du willst, o Freund,
Daß dichtend unsre Nation sogar
Politisire? Hör ein Märchen an,
Was ein politisch Wort, ein bloßes Wort,
Für mancherlei Besinnung dem Gemüth
Nur eines deutschen Hauses gab. Es hieß
Coalisirte Mächte.-Dir ist noch
Bekannt: man wiegte vor nicht langer Zeit
Die Kinder mit coa-coalisirt
In sanftern Schlaf. Das junge Fräulein fragte
Die gnädige Mama: „Was machen jetzt
Die gnäd’gen Tanten, die coalisirten
Puissancen wol?“ Der Informator hörte
Das Wort mit Aerger: „Wahrer Solöcism!
Coalui, coalitum! Es heißt
(Soll’s ja so heißen) einzig coalirt,
Und nicht coalisirt. Ein Emigré
Erfand das Wort, als ob die ganze Welt
Für ihn zusammenwachsen müßte.“ „Nein,“
Antwortete der Secretarius,
„Der stolze Berg erfand’s, als ob die Welt
Entgegen seinem Rath nichts mehr bedeute
Als eine Reichstags-Coalition.
Sie sangen ja den zweiten Psalm!“ „Woher
Es stamme,“ sprach der Informator, „fremd
Ist es und tauget nicht. Sonst nannte man’s
Verbündet, und da denk‘ ich mir den Bund.“
Es hieß auch alliirt; da denk‘ ich mir
Die Allianz. Doch das Zusammenwachsen
Der alliirten Mächte giebt kein Bild.
Ich schlug das Buch der Richter auf, wie Bäume
Sich um die Allianz und Monarchie
Besprachen: „Soll ich meinen süßen Most
Aufgeben?“ sprach der Weinstock. „Und soll ich
Aus meiner Wurzel treten, daß ich mich
Coalisire?“ sprach die Ceder. „Schlage
Der Herr nur den Propheten Daniel
Und Esra sammt der Offenbarung auf!
Da findet er so manches schöne Bild
Coalisirter Mächte: Adler, Leu
Und Lamm und Greif; es giebt ein schönes Kupfer!“
Die gnäd’ge Tante sprach’s. „Verzeihung!“ bat
Ein stattlicher Notarius; „allhier
Gilt nicht die Bibel. In politicis
Entscheiden wir; wir sind politici.“
„So lange darfst Du Deines Landes Baum
Und Kruste von dem Meinigen zurück-
Begehren, als sie mit dem Boden noch
Nicht coalirten.“ Also spricht Alfenus
Und Ulpian. „Getroffen!“ riefen Alle,
„Und gar politice.“ „Doch noch nicht g’nug
Bestimmt!“ sprach ein Geheimer Rath; „die Kruste,
Der Baum coalescirt; doch hohe Mächte
Coalisiren sich. Sind’s freie Staaten,
So heißt es Union; und schließen sie
Ein Bündniß, heißt’s Conföderation;
Coalisiren Cabinette sich,
So folgt darauf Incorporation,
Der fremden Erdenkruste Einverleibung–
Ein angenehmer Actus.“ Endlich ward
Dem Herrn des Hauses dieser Tummelplatz
Zu eng. „Ich dächte, Jedermann von uns
Coalescirt‘ und coalirte nur
Zuerst mit sich und seiner Kruste.“ „Das
Ist’s eben, gnäd’ger Herr,“ sprach ein Statist-
Iker, der ex professo sich darauf
Geleget hatte. „Als vor Jahren ich
Mit meinem jungen Herrn auf Reisen war,
Da fiel mir auf der letzten Station
In Frankreich an der Grenze schwer es auf,
Wie Alles dort so bald coalescire.
Vor wenig Jahren waren Hennegau
Und Flandern flämisch, Lothringen war deutsch;
Und jetzt ist bis zur letzten Station
Alles französisch, um- und umgewandt,
Bekleibet, neugeschaffen, coalirt.“
Und dicht daneben hängt, an Wulst und Leib
Und Sprach‘ und Sitten gleich, das Brabant an,
Das Deutschland! „Wie coalescirt ein Reich?“
Fragt‘ ich mich selbst, „und wie coalisirt
Es sich Provinzen, die’s incorporirt?
Ein schweres Staatsproblem!“ Hier sehen Sie
Die große Länderkarte. Ostwärts dort
Das ungeheure Kaiserthum Groß-Tschni,
Tschong-Ku, Tschong-Hoa! Leider nennen wir’s
Mit falschem Namen China! Dieses Reich
Mit seinen tausendundvierhundertzwei-
Undvierzig Strömen, vielen Brücken und
Zweitausend Bergen, hundertneunundvierzig
Millionen und sechshundertzweiundsechigtausend Menschen,
Dort von der Mauer bis nach Canton zu,
Ja bis nach Lao-Tschua, Cotschin-Tschina,
Cambotscha, Tunkin, ist, wie ein Gewächs,
Mit seinem Boden trefflich coalirt.
Ein jeder Mandarin hat seinen Platz
Und seine Feder. Kommt ein fremder Lord,
Mit Freudenfeuern führt man ihn hinein,
Und bald hinaus, daß er nicht coalire.
Dagegen Hindostan, das arme Land,
Ist elend coalirt. Bramanen, Schattri,
Banjanen, Schutter, und die Fremden gar,
Seiken, Dschaten, Gebern und Afghanen,
Mongolen, Juden, Perser, Araber,
Und Europäer aller Art, Maratten,
Rasbatten; darum geht’s den guten Hindus
Auch so erbärmlich. – Nun spazieren Sie
Von den Fuchsinseln bis nach Kexholm hin;
Wie hängt’s zusammen! Samojeden und
Tungusen, Tatern, Kamtschadalen; da
Lebt Jeder, wie er will, wenn er nur Pelze
Und seinen Rubel giebt. – Das arme Polen,
Warum denn ward’s zertheilt? Es war mit sich
Nicht coalirt; drum schnitt man es entzwei;
Nun wachsen seine Stücke neu und frisch
Zusammen durch die Cur der Sympathie.
„Das große Deutschland (warum liegt es doch
So nah an Polen?), Holland, Engeland
Mit Schottland, Irland, Caledonien,
Italien und Griechenland, Türkei
Und Walachei und Moldau -“ „Ist’s denn noch
Nicht aus?“ rief der Baron. – „Das Beste kommt
Anjetzt. – Nun treten Sie in Frankreich ein!
Da weht französische Luft; da essen sie
Und trinken, jauchzen, reden, singen ganz
Französisch. Schon das Kind in Mutterleib,
Ich glaub‘, es denkt und spricht französisch. Selbst
Latein und Griech’sch spricht man französisch aus,
Und Alles mit Geschmack. Sie ziehn den Fremden
So an sich, daß er mit coalescirt.
Oft hab‘ ich dran gedacht, warum denn Griechen
Und Römer auch nicht so zusammenwuchsen.
Was half den Griechen ihr Achäerbund,
Ihr Panionium, Amphiktyonenhof,
Ihr Panätolium? Was halfen den
Etruriern die Lucumonen? was
Den Römern ihr jus civitatis? und
Den Celtiberiern -“ „Ist’s noch nicht aus?
Da seh‘ der Herr die sieben Pfeile auf
Holländischen Ducaten mit der Aufschrift
Concordia!“ „Ach, leider sind sie nur
Im Golde des Ducaten coalirt!“
„Nun so coalisir‘ Er denn!“ „Er wird,“
Antwortete der Arzt, der bis dahin
Geschwiegen hatte, „jetzt erzählen, wie
Man die in Eins Gewachsenen curirt.
Dem Einen Schnupftobak, der Andre niest;
Purgirt den Einen – denn wie Haller sagt,
Kommt’s bei in Eins Gewachsnen nicht auf Köpfe
Und Mägen an, sie sind ein Herz und Geist.“
„Nicht also!“ sprach ein Casuist; „nach Köpfen
Wird ein Coalitum getauft; was ist
Da viel zu herzen?“ Der Baron
War dieses Streites müde. „Seht, Ihr Herrn,
Ihr selber seid in Euern Meinungen,
Ein Wort betreffend, weder coalirt,
Noch wollt Ihr Euch coalisiren; und
Coalisirt die Welt? Nutzlose Müh!
Sei Jeder erst mit seinem Stand und Land
Und Haus und Hof und Weib und Kind und Amt
Und Pflicht, ja mit sich selbst recht coalirt;
Er wird Tschin-Tschin vergessen. Lerne doch,
Was Euch der Haushahn in der Fibel sagt,
Ein Jeder seine Lection, so steht
Es wohl in Hause, Stadt und Land und Welt.“ –
Sieh, Freund, so spricht die deutsche Politik
Vom Fernsten immer und vom Weitesten,
Nur nicht von sich. Und lohnt es wol der Müh,
Die Musen mit dem Wuste zu entweihn?
Verbannt aus Deutschland ist die Politik;
Verbannet sei nur nicht die Menschlichkeit!
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