Wie Anakreon

Antonio Machado

(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)

Ich möchte, wie Anakreon,
singen, lachen und froh in den Wind schlagen
die weisen Bitternisse
und ernstgemeinten Ratschläge,

und ich möchte, vor allem, mich betrinken,
ihr versteht schon … Grotesk!
Purer Glaube ans Sterben, arme Freude
und makaber verfrühter Totentanz.

Aus: Antonio Machado: Soledades – Einsamkeiten, Spasnisch und Deutsch. Hrsg. / Übers. Fritz Vogelgsang. Zürich: Ammann, 1996, S. 197

Yo, como Anacreonte,
quiero cantar, reír y echar al viento
las sabias amarguras
y los graves consejos,

y quiero, sobre todo, emborracharme,
ya lo sabéis… ¡Grotesco!
Pura fe en el morir, pobre alegría
y macabro danzar antes de tiempo.

One Comment on “Wie Anakreon

  1. Machado verwendet hier (wie auch sonst sehr gerne) die Form der silva arromanzada. Das ist eine Weiterentwicklung der klassischen silva, wie wir sie von Góngora kennen (unregelmäßige Abfolge von 7- und 11-silbigen Zeilen mit ebenfalls unregelmäßigem Reimschema, das auch einzelne Waisen erlaubt): die in der Spätromantik aufgekommene Variante behält das Prinzip der unregelmäßigen Abfolge von 7- und 11-silbigen Versen bei, legt aber einen durchgehenden assonanten Reim der geraden Zeilen fest (wie der Begriff arromanzada sagt: wie in den Romanzen, die genau diesem Reimmuster folgen), hier e-o: viento / consejos / grotesco / viento

    Warum ich es erzähle: Weil in der Übersetzung von Vogelgsang, der hier überraschenderweise auf formale Wiedergabe verzichtet, der Eindruck des Originals einer »leicht« gebundenen, also metrisch organisierten Sprache (und damit auch einer gewissen Musikalität) in meinen Ohren völlig verloren geht. Ich versuche es mal mit 3- und 5-hebige Jamben in der Verteilung der 7- und 11-Silber und als Analogon zum eher zurückgenommenen Reimeffekt hier nur den regelmäßigen Wechsel von weiblicher und männlicher Kadenz. Anaklasis zu Beginn der zweiten Zeile, um es nicht zu regelmäßig werden zu lassen:

    Anakreon gleich will ich
    singen und lachen, schlagen in den Wind
    die weisen Bitterkeiten
    und jeden ernsten Rat,

    und will, vor allen Dingen, mich betrinken,
    ihr wisst es schon … Grotesk!
    Reiner Glaube an das Sterben, arme Freude,
    makabres Tanzen vor der Zeit.

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