Es wird schon dunkel abends sieben

Das Gedicht zum Sommerende und zur Sommerzeitdebatte. Es stammt vom bayrischen Heimatdichter Johannes R. Becher („Im Schatten der Berge bin ich geboren“). In den 50er Jahren lebte der bekanntlich in Pankow und verbrachte den Urlaub in Ahrenshoop. In Pankow geht die Sonne am 1. September um 19:55 Sommerzeit unter, das ist 18:55 MEZ. Bechers Gedicht handelt freilich nur zum Teil von der Abenddämmerung. Er steht in dem Gedichtband „Schritt der Jahrhundertmitte“, mit den späten Gedichten, einem unverhofften lyrischen Herbst, der sehr direkt mit Chrustschows erstem Entstalinisierungsversuch von 1956 zusammenhing. Becher, der offiziell gefeiert wurde, wußte seit langem, daß er nicht mehr schreiben konnte. Chrustschows in einer Geheimrede versteckte Wahrheit löste ihm die Zunge. Die Panzer, die den ungarischen Aufstand niederwalzten, lähmten sie wieder. Nur in abstrakter Form kam die Wahrheitsaufwartung ins Buch, die Klartexte („War unsre nicht die größte der Epochen? / Und wessen Tür wird heute nacht erbrochen?“) verschwanden im Dunkel. Mutige Germanisten veröffentlichten sie dann Anfang 1990, gleichzeitig wurde die „Geheimrede“ von 1956 erstmals in der DDR gedruckt. Viel Dunkel und wenig Licht. In viele Spiegel gilts zu schauen, bis wir der Wahrheit Spiegel sind.

Johannes R. Becher

ES WIRD SCHON DUNKEL

Es wird schon dunkel abends sieben.
„Was ist vom Sommer uns verblieben?“
So frage ich und sag: „Mach Licht!“
Im Dunkel kann man fragen, fragen
Und kann man schweigen und kann klagen.
Die Wahrheit sagt das Dunkel nicht.

Was Freuden waren und was Leiden,
Im Licht nur läßt sich’s unterscheiden.
Ich brauche Licht. Im Licht nur trennt
Das Gute sich von all dem Schlechten,
Das Ungerechte sich vom Rechten,
Vom Abgrund sich das Firmament.

Ich brauche Licht, um nicht zu irren
Und um den Wirrwarr zu entwirren.
Das Dämmerlicht ist kein Gericht,
Das Dunkel macht viel ungeschehen.
Ich brauche Licht, um ihn zu sehen,
Den Mund, mit welchem Mund er spricht.

Man muß auch sehen auf die Hände.
Noch spricht der Mund – sie sind am Ende.
Es ballt ein „Ja“ sich, fleht ein „Nein“‚
Sie sprechen, wenn die Worte schweigen,
Sie können offen dir sich zeigen
Und wie in sich verkrochen sein.

Die Dunkelheit hält uns umfangen,
Das Licht hilft uns aus Angst und Bangen.
Du Sternbild in der Finsternis,
Hoch über mir schwebst du im Zimmer,
Ich blick durch mich in deinem Schimmer
Und werde meiner selbst gewiß.

Es wird schon dunkel abends sieben.
Was ist vom Leben uns geblieben?
Im Dunkel sind die Spiegel blind.
Mach Licht! Laßt uns dem Licht vertrauen!
In viele Spiegel gilt’s zu schauen,
Bis wir der Wahrheit Spiegel sind.

Aus: Johannes R. Becher: Schritt der Jahrhundertmitte. Neue Dichtungen. Berlin: Aufbau, 1959, S. 171f

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: