Politisch Lied anno 1792

Johann Gottfried von Herder
(1744-1803)

(* 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen; † 18. Dezember 1803 in Weimar)

Coalition

„Politisch Lied, ein böses, böses Lied!“
So sagt das Sprichwort; und Du willst, o Freund,
Daß dichtend unsre Nation sogar
Politisire? Hör ein Märchen an,
Was ein politisch Wort, ein bloßes Wort,
Für mancherlei Besinnung dem Gemüth
Nur eines deutschen Hauses gab. Es hieß
Coalisirte Mächte.-Dir ist noch
Bekannt: man wiegte vor nicht langer Zeit
Die Kinder mit coa-coalisirt
In sanftern Schlaf. Das junge Fräulein fragte
Die gnädige Mama: „Was machen jetzt
Die gnäd’gen Tanten, die coalisirten
Puissancen wol?“ Der Informator hörte
Das Wort mit Aerger: „Wahrer Solöcism!
Coalui, coalitum! Es heißt
(Soll’s ja so heißen) einzig coalirt,
Und nicht coalisirt. Ein Emigré
Erfand das Wort, als ob die ganze Welt
Für ihn zusammenwachsen müßte.“ „Nein,“
Antwortete der Secretarius,
„Der stolze Berg erfand’s, als ob die Welt
Entgegen seinem Rath nichts mehr bedeute
Als eine Reichstags-Coalition.
Sie sangen ja den zweiten Psalm!“ „Woher
Es stamme,“ sprach der Informator, „fremd
Ist es und tauget nicht. Sonst nannte man’s
Verbündet, und da denk‘ ich mir den Bund.“
Es hieß auch alliirt; da denk‘ ich mir
Die Allianz. Doch das Zusammenwachsen
Der alliirten Mächte giebt kein Bild.
Ich schlug das Buch der Richter auf, wie Bäume
Sich um die Allianz und Monarchie
Besprachen: „Soll ich meinen süßen Most
Aufgeben?“ sprach der Weinstock. „Und soll ich
Aus meiner Wurzel treten, daß ich mich
Coalisire?“ sprach die Ceder. „Schlage
Der Herr nur den Propheten Daniel
Und Esra sammt der Offenbarung auf!
Da findet er so manches schöne Bild
Coalisirter Mächte: Adler, Leu
Und Lamm und Greif; es giebt ein schönes Kupfer!“
Die gnäd’ge Tante sprach’s. „Verzeihung!“ bat
Ein stattlicher Notarius; „allhier
Gilt nicht die Bibel. In politicis
Entscheiden wir; wir sind politici.“
„So lange darfst Du Deines Landes Baum
Und Kruste von dem Meinigen zurück-
Begehren, als sie mit dem Boden noch
Nicht coalirten.“ Also spricht Alfenus
Und Ulpian. „Getroffen!“ riefen Alle,
„Und gar politice.“ „Doch noch nicht g’nug
Bestimmt!“ sprach ein Geheimer Rath; „die Kruste,
Der Baum coalescirt; doch hohe Mächte
Coalisiren sich. Sind’s freie Staaten,
So heißt es Union; und schließen sie
Ein Bündniß, heißt’s Conföderation;
Coalisiren Cabinette sich,
So folgt darauf Incorporation,
Der fremden Erdenkruste Einverleibung
Ein angenehmer Actus.“ Endlich ward
Dem Herrn des Hauses dieser Tummelplatz
Zu eng. „Ich dächte, Jedermann von uns
Coalescirt‘ und coalirte nur
Zuerst mit sich und seiner Kruste.“ „Das
Ist’s eben, gnäd’ger Herr,“ sprach ein Statist-
Iker, der ex professo sich darauf
Geleget hatte. „Als vor Jahren ich
Mit meinem jungen Herrn auf Reisen war,
Da fiel mir auf der letzten Station
In Frankreich an der Grenze schwer es auf,
Wie Alles dort so bald coalescire.
Vor wenig Jahren waren Hennegau
Und Flandern flämisch, Lothringen war deutsch;
Und jetzt ist bis zur letzten Station
Alles französisch, um- und umgewandt,
Bekleibet, neugeschaffen, coalirt.“
Und dicht daneben hängt, an Wulst und Leib
Und Sprach‘ und Sitten gleich, das Brabant an,
Das Deutschland! „Wie coalescirt ein Reich?“
Fragt‘ ich mich selbst, „und wie coalisirt
Es sich Provinzen, die’s incorporirt?
Ein schweres Staatsproblem!“ Hier sehen Sie
Die große Länderkarte. Ostwärts dort
Das ungeheure Kaiserthum Groß-Tschni,
Tschong-Ku, Tschong-Hoa! Leider nennen wir’s
Mit falschem Namen China! Dieses Reich
Mit seinen tausendundvierhundertzwei-
Undvierzig Strömen, vielen Brücken und
Zweitausend Bergen, hundertneunundvierzig
Millionen und sechshundertzweiundsechigtausend Menschen,
Dort von der Mauer bis nach Canton zu,
Ja bis nach Lao-Tschua, Cotschin-Tschina,
Cambotscha, Tunkin, ist, wie ein Gewächs,
Mit seinem Boden trefflich coalirt.
Ein jeder Mandarin hat seinen Platz
Und seine Feder. Kommt ein fremder Lord,
Mit Freudenfeuern führt man ihn hinein,
Und bald hinaus, daß er nicht coalire.
Dagegen Hindostan, das arme Land,
Ist elend coalirt. Bramanen, Schattri,
Banjanen, Schutter, und die Fremden gar,
Seiken, Dschaten, Gebern und Afghanen,
Mongolen, Juden, Perser, Araber,
Und Europäer aller Art, Maratten,
Rasbatten; darum geht’s den guten Hindus
Auch so erbärmlich. – Nun spazieren Sie
Von den Fuchsinseln bis nach Kexholm hin;
Wie hängt’s zusammen! Samojeden und
Tungusen, Tatern, Kamtschadalen; da
Lebt Jeder, wie er will, wenn er nur Pelze
Und seinen Rubel giebt. – Das arme Polen,
Warum denn ward’s zertheilt? Es war mit sich
Nicht coalirt; drum schnitt man es entzwei;
Nun wachsen seine Stücke neu und frisch
Zusammen durch die Cur der Sympathie.
„Das große Deutschland (warum liegt es doch
So nah an Polen?), Holland, Engeland
Mit Schottland, Irland, Caledonien,
Italien und Griechenland, Türkei
Und Walachei und Moldau -“ „Ist’s denn noch
Nicht aus?“ rief der Baron. – „Das Beste kommt
Anjetzt. – Nun treten Sie in Frankreich ein!
Da weht französische Luft; da essen sie
Und trinken, jauchzen, reden, singen ganz
Französisch. Schon das Kind in Mutterleib,
Ich glaub‘, es denkt und spricht französisch. Selbst
Latein und Griech’sch spricht man französisch aus,
Und Alles mit Geschmack. Sie ziehn den Fremden
So an sich, daß er mit coalescirt.
Oft hab‘ ich dran gedacht, warum denn Griechen
Und Römer auch nicht so zusammenwuchsen.
Was half den Griechen ihr Achäerbund,
Ihr Panionium, Amphiktyonenhof,
Ihr Panätolium? Was halfen den
Etruriern die Lucumonen? was
Den Römern ihr jus civitatis? und
Den Celtiberiern -“ „Ist’s noch nicht aus?
Da seh‘ der Herr die sieben Pfeile auf
Holländischen Ducaten mit der Aufschrift
Concordia!“ „Ach, leider sind sie nur
Im Golde des Ducaten coalirt!“
„Nun so coalisir‘ Er denn!“ „Er wird,“
Antwortete der Arzt, der bis dahin
Geschwiegen hatte, „jetzt erzählen, wie
Man die in Eins Gewachsenen curirt.
Dem Einen Schnupftobak, der Andre niest;
Purgirt den Einen – denn wie Haller sagt,
Kommt’s bei in Eins Gewachsnen nicht auf Köpfe
Und Mägen an, sie sind ein Herz und Geist.“
„Nicht also!“ sprach ein Casuist; „nach Köpfen
Wird ein Coalitum getauft; was ist
Da viel zu herzen?“ Der Baron
War dieses Streites müde. „Seht, Ihr Herrn,
Ihr selber seid in Euern Meinungen,
Ein Wort betreffend, weder coalirt,
Noch wollt Ihr Euch coalisiren; und
Coalisirt die Welt? Nutzlose Müh!
Sei Jeder erst mit seinem Stand und Land
Und Haus und Hof und Weib und Kind und Amt
Und Pflicht, ja mit sich selbst recht coalirt;
Er wird Tschin-Tschin vergessen. Lerne doch,
Was Euch der Haushahn in der Fibel sagt,
Ein Jeder seine Lection, so steht
Es wohl in Hause, Stadt und Land und Welt.“ –
Sieh, Freund, so spricht die deutsche Politik
Vom Fernsten immer und vom Weitesten,
Nur nicht von sich. Und lohnt es wol der Müh,
Die Musen mit dem Wuste zu entweihn?
Verbannt aus Deutschland ist die Politik;
Verbannet sei nur nicht die Menschlichkeit!

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