Nichts gegen Dylan als Musiker

Ein Kommentar von Felix Philipp Ingold

Rund zwei Dutzend Autoren standen in diesem Jahr auf der Wettliste für den Literaturnobelpreis. Da die anstehenden Kandidaten in aller Regel für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden, stellt man sich – rein rhetorisch – die Frage, wer von den akademischen Juroren (und wer überhaupt) in der Lage ist, das zur Beurteilung beziehungsweise zur Belobigung vorliegende Textmaterial auch bloss durchzublättern, geschweige denn kritisch gegenzulesen – es dürfte sich dabei alljährlich um mehrere zehntausend Druckseiten handeln. Dass ein solches Lektüreprogramm auch für einen bestallten Akademiker, der mitentscheiden soll, wer den global gewichtigsten Literaturpreis inkl. Laudatio erhalten soll, nicht zu schaffen ist, liegt auf der Hand. Klar auch, dass allein aus diesem Grund die Qualitätskriterien stillschweigen verlagert werden – weg von den Texten, hin zu nichtliterarischen, eher zufälligen, den Autor als Person betreffende Gegebenheiten wie nationale oder kontinentale Zugehörigkeit, Gender oder politische Korrektheit. Derartige Prämissen sind allemal leichter auszumachen als künstlerische Verdienste, die anhand der Texte – und nur der Texte – dargelegt werden müssten. Der Literaturnobelpreis sollte, meine ich, Leistungen honorieren, die für die Literatur als Kunst erbracht worden sind. Sicherlich ist es für einen Nobeljuror weit weniger aufwendig, sich ein paar „poetische“ CDs von Bob Dylan anzuhören als sich auf die unvergleichliche, widerständige, grossartig „instrumentierte“ Dichtung eines Dylan Thomas einzulassen, dem denn auch der Preis der Schwedischen Akademie ebenso versagt geblieben ist wie einer Marina Zwetajewa oder – im Bereich der Erzählkunst – einem Cesare Pavese, einer Clarice Lispector. Wer nun die Auszeichnung des US-amerikanischen Songpoeten zum Anlass nimmt, die Akademie zur „Erweiterung“ oder „Öffnung“ ihres Literaturbegriffs zu beglückwünschen, übersieht, dass Öffnung und Erweiterung gerade in den Künsten eher zur Verluderung denn zur Stärkung führt. Nichts gegen Dylan als Komponisten und Interpreten – den Grammy hat er wohl schon mehrfach bekommen, aber was eigentlich soll ihm (und der Literatur) der Nobelpreis bringen?

12 Comments on “Nichts gegen Dylan als Musiker

  1. Das habe ich mich auch gefragt. Ich bin kein großer Literaturkenner, eher der Genießer, aber das Dylan den Literaturnobelpreis bekam, hinterließ bei mir einen Nachgeschmack.

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  2. Man kann einer Jury die Kompentenz absprechen, oder nicht, aber vor allem nicht so salopp Galopp.
    „Bei den Sondereinheiten lernen die Leute zu überleben. Das ist ihre erste Pflicht.“ (Rimbaud oder so)
    Einige haben den Preis hier mitgewonnen, Dylan Thomas z.B. — Der Lyrikelitesse ist dieser Preis nicht vorbehalten.
    Was würde uns der Literaturnobelpreis bringen? MONEY! Get used to it.

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  3. Das ist, lieber Felix Philipp Ingold, strukturkonservativ, es fehlt allerdings die Bewahrung der Werte. Die nämlich sind nur zu bewahren, wenn man die Strukturen anpasst, so wie sich die Werte an die gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen. Man muss also, jedenfalls in meinem Wertehorizont, nicht nach dem Wie, sondern nach dem Was fragen. Und dann muss man die Poeme Dylans nach den Maßstäben bemessen, die zur Verfügung stehen. Meine sind recht präzise. Dann aber kommt man kaum umhin zu erkennen, dass sich eine Vielzahl großartiger Poeme darbieten. Insofern ist die Entscheidung vertretbar. Sie auch auch vertretbar in ihrer Begründung. Die Einflußnahme Dylans in Form der Lieder, aber auch ihrer lyrischen Struktur auf die amerikanische Dichtung ist ebenso hoch, wie die anderer großer Dichter.
    Es wird ganz sicher der Tag kommen, wo ein Rapper oder ein Blogger den Literaturnobelpreis erhalten. Und er war ja noch nie ein Preis für fiktionale Literatur. Sonst hätte Churchill ihn nicht bekommen dürfen.

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  4. Wie Leander Sukov bereits schrieb, ist für die Beurteilung der Nobelpreiswahl einzig die Qualität der Texte entscheidend. Wenn man also als Kommentator der Jury unterstellt, sie hätte einfach nur ein bisschen Mucke gehört, dann könnte man ja mit gutem Beispiel vorangehen und die Texte eines kritischen Blicks würdigen.

    Was natürlich für heutige Dichter schockierend an der Entscheidung ist: Singbare Lyrik zählt!. Sie stehen auf einmal in Konkurrenz mit Leuten wie Marius Müller-Westernhagen oder Grönemeyer. Da sieht doch manch ein Gedicht auf dem Stand der Lyriktechnik ziemlich mickrig aus. Und ich wette darauf, dass deren Lyrik sich auch ohne Musik gut verkaufen ließe.

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  5. Bob Dylan ist für mich einer der größten Dichter des vergangenen Jahrhunderts, der mit seiner Dichtung ganz neue Welten aufgetan hat. Natürlich ist es immer bedauerlich, dass andere, die den Preis auch verdient hätten, ihn nicht bekommen haben. Das ist doch aber regelmäßig der Fall.

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  6. Dem bildungsbürgerlichen Glauben an die Unvergänglichkeit der Dichtung, steht der linke Anspruch gegenüber, Literatur müsse kritisches Bewußtsein schaffen oder könne die Massen mobilisieren. Die Entscheidung für den Sänger und Songwriter ist Wahlkampfhilfe für die Demokraten. Robert Allen Zimmerman den Nobelpreis zu verleihen ist literarisch besehen genauso lächerlich, wie Wolfgang Niedecken den Büchnerpreis verliehen zu wollen.

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  7. Pingback: Bob Dylan: Poesiealbum 189 - planet lyrik @ planetlyrik.de

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  10. Patti Smith hat wunderbar gesungen. Und Bob Dylans Dankesrede war auch sehr gut.

    HOW MANY ROADS
    – for Bob Dylan

    wer ist der beste deutsche dichter?
    der wind der wind das himmlische kind

    wer ist der beste englische dichter?
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    wer ist der beste höllische dichter?
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    wer ist der beste gutmenschendichter?
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    wer ist der beste bösmenschendichter?
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    wer ist der beste weibliche dichter?
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    wer ist der beste männliche dichter?
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    wer ist der österreichischste dichter?
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    MW Dezember 2016

    Siehe https://banianerguotoukeyihe.com/2016/12/10/how-many-roads/

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