Die Alten sind auch blind

Constantijn Huygens

Aus: Euphrasia Augentrost

Wie nun? Sind’s etwa dann die Ängstlichen‚ die klarsehn?
Die stets auf sicher gehn‚ wo immer sie Gefahr sehn?
Nicht doch! Beim Angsthas‘ ist die Blindheit erst perfekt‚
ist doch sein Augenlicht vollständig zugedeckt
vom Grauschleier der Angst: tut sich ein Blättchen regen,
fürchtet er schon das Blei; zeigt sich ein blanker Degen,
spürt er den Stich ins Herz und wenn er Pulver schmeckt,
erblickt er sich bereits vom Eisen hingestreckt;
ein Vogel macht ihm Angst, vor einer Fliege bangt er,
schon duckt er sich‚ als ob das Gras ein Kugelfang wär,
fällt hin im flachen Feld, macht blindlings rechtsumkehrt,
und wer der schnellste ist und heil und unversehrt
schon mit den Fersen ficht, den Hagelsturm im Rücken,
meint, dass er schärfer sieht, als die, die dorthin blicken,
wo das Gewitter hängt; sie sehn nicht, dass der Mann,
der seinen Feind anblickt, ihn auch besiegen kann
und gleiche Chancen hat! Doch zeigt er ihm die Waden
(von Ehre red‘ ich nicht!), geht jede Hoffnung baden.
Was ist ein Mann, der flieht? Ein Todeskandidat,
ansonsten winkt die Scham, das weiß jeder Soldat.
Die jungen Leut‘ sind blind (die Liebe unvergessen‚
wir waren auch mal jung, doch nicht so angefressen
und krankhaft wie derzeit); die jungen Leut‘ sind blind …

Die Alten sind auch blind …

Aus: Constantijn Huygens, Euphrasia Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, V. 553 ff

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