Sonnet XXXIV

Martin Opitz

Sonnet XXXIV.

JHr / Himmel / lufft vnd wind / jhr hügel voll von schatten /
Jhr Hainen / jhr Gepüsch' / vnnd du / du edler Wein /
Jhr frischen Brunnen jhr so reich am Wasser seyn /
Jhr Wüsten die jhr stets müßt an der Sonnen braten /
   Jhr durch den Weissen thaw bereifften schönen Saaten /
Jhr Hölen voller Moß / jhr auffgeritzten Stein' /
Jhr Felder welche ziert der zarten Blumen Schein /
Jhr Felsen wo die Reim' am besten mir gerathen /
   Weil ich ja Flavien / daß ich noch nie thun können /
Muß geben gute Nacht vnd gleichwohl Muth vnd sinnen
Sich fürchten allezeit vnd weichen hinter sich /
   So bitt' ich Himmel / Lüfft / Wind / Hügel / Hainen / Wälder /
Wein / Brunnen / Wüsteney / Saat / Hölen / Steine / Felder /
Vnd Felsen sagt es jhr / sagt / sagt es jhr vor mich.

Ein Sonett von Opitz – in Wahrheit übersetzt Opitz ein Sonett des berühmten Franzosen Pierre de Ronsard (1524-1585), ohne die Quelle zu nennen. Es ist eine freie Übersetzung. Opitz verwandelt die Zehn-/Elfsilbler des Originals – Vers communs oder Gemeinverse (im Deutschen fünfhebiger Jambus) – in den längeren und schwerfälligeren Alexandriner, Zwölf-/Dreizehnsilbler mit starrer Mittelzäsur. Eine neuere annähernd originalmetrische Übersetzung beginnt so:

Ihr Luft und Wind, Berg, Hügel und Gefild

Opitz muß den Himmel einfügen und auch sonst einiges ändern – nicht nur einiges, sondern sehr viel, Um- statt Nachdichtung. Die wichtigste rhetorische Figur aber übernimmt er getreulich: das Summationsschema. Die wichtigsten Nomina des Gedichts werden in der Reihenfolge ihres Auftretens im letzten Terzett in unverbundener Reihung wiederholt (des Reims wegen mit kleinen Abweichungen, die sich auch aus dem gleichen Grund schon in der Vorlage finden). Die Naturphänomene werden zuerst einzeln angeredet und stehn am Schluß angetreten wie Zinnsoldaten als Helfertrupp in Liebesdingen.

Unten das Gedicht im Original und in der zitierten neuen Fassung (von Friedhelm Kemp). „Annähernd originalmetrisch“ sagte ich. Getreu sind Silbenzahl und Reimschema eingehalten, weggefallen ist eine große Kleinigkeit. Das Original sind Gemeinverse, das heißt, sie haben eine Zäsur nicht in der Mitte wie der Alexandriner, sondern nach der vierten Silbe. Dadurch entsteht eine schöne Spannung, annähernd und sozusagen sozusagen der Goldene Schnitt statt des starren Mittelscheitels. Die ersten beiden Verse Kemps halten das ein, aber dann kippt es.

Heute ist Ronsards 494. Geburtstag. Nur noch 6 Jahre bis zum Halbjahrtausend. Bestimmt reißen sich die Verlage schon um die besten Startplätze.

  • Les Oevvres De Pierre Ronsard Gentilhomme Vandosmois Princes Des Poètes François : Reueues et augmentees ; Paris (1610)
  • Französische Dichtung in vier Bänden. Erster Band: Von Villon bis Théophile de Viau. Hrsg. Friedhelm Kemp u. Werner von Koppenfels. München: Beck, 2001, S. 137 (2. Aufl. – 1. 1990)

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