Konstantin Biebl
(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)
Die Leiden des jungen Dichters In einer weit gedehnten, grasreichen Landschaft, im melancholischen Echo der Lettenufer des Oharka-Flusses, in den dichten Windungen, wo sich auch tagsüber, nicht zaghaft, grünliche Rusalken im Erlenschatten tummeln, dort schöpft der Dichter aus schwarzen Wassern den schäumenden Wein, denn der Dichter schätzt nur ein starkes Getränk, das ihn gleich mitreißt in den singenden Strom hinein, seiner Chimären Reich. Verwirrte Stimme des Bluts und dein allzu schwerer Schritt auf den magnetischen Wiesen im Glitzern der Bernstein-Sterne, hinsinkend legst du dich irgendwo mit dem Gesicht tief in die frauengewandweiche Luzerne. Und entschlummerst auf einer Wiese, die gleicht einem Amphitheater, vernimmst dunkle Stimmen. Das römische Volk grüßt den Cäsar und murrt über Kleopatra, die mit einer einzigen‚ stolzen Geste tausend Jahre der Ruhe bedroht. Und du hörst auf die Bäume, auf ihren fernen Wellenschlag, und der blaue Schimmer deiner großen salzigen Tränen ist wie ein Schatz, der im Meer versinkt und dort strahlt tief in der See, wo die gescheiterten Schiffe verwesen. An einem Faden hängt des Dichters Leben, er sucht ein paar Zauberworte, ach, und findet er sie nicht, muß er sterben. Er schaufelt sich singend sein grünes Grab.
Deutsch von Roland Erb
Aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900 – 1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 150f
Lesja Ukrainka
(ukrainisch Леся Українка, wiss. Transliteration Lesja Ukrajinka, eigentlich Laryssa Petriwna Kossatsch bzw. Лариса Петрівна Косач; * 13. Februar (jul.)/ 25. Februar 1871 (greg.) in Nowohrad-Wolynskyj; † 1. August 1913 in Surami, Gouvernement Tbilissi)
ZUM HUNDERTJÄHRIGEN JUBILÄUM DER UKRAINISCHEN LITERATUR Die Völker, sie können singen und sagen Von goldenen Zeiten und goldenen Tagen, Die sie im Gedächtnisse haben. Da Lied und Gedicht noch in Ehren standen. Und Herrscher den Dichtern Kränze wanden. Doch nicht nur allein auf dem Grabe. Die Könige spendeten Lob für Gesänge, Und Ehre erwies den Dichtern die Menge, Den Preis hielt des Königs Hand; Es schmückten die Schönen mit einem Kranze Den Dichter für seine höflichen Stanzen, Sein Ruhm erfüllte das Land. Die vornehmen Damen, sie spielten die Rollen Der kleinen Soubretten. Singen und Tollen Auf Königs- und Herzogsbühnen, Die Königin nahm vom Haupte die Krone Und stieg herunter vom herrschenden Throne, Den Träumen der Dichter zu dienen. Es glichen den Göttern die Sänger und Dichter, Der edlen Kulturen Schöpfer und Richter, Die jedermann ansah als Retter; Es blühte der Ruhm der Künstler und Denker, Und sie zu erniedrigen wagte kein Henker, Aus Gold waren selbst ihre Ketten. НА СТОЛІТНІЙ ЮВІЛЕЙ УКРАЇНСЬКОЇ ЛІТЕРАТУРИ У кожного люду, у кожній країні Живе такий спогад, що в його в давнині Були золотії віки. Як пісня і слово були у шанобі В міцних сього світу; не тільки на гробі Складались поетам вінки. За пишнії хрії, величнії оди Король слав поетам-співцям нагороди, Він славу їх мав у руці; За ввічливі станси, гучні мадригали Вродливиці теж нагороду давали, Не знали погорди співці. І щонайпишнішії дами з придворних Вдавали на сцені субреток моторних. Щоб слави і втіхи зажить: Сама королева здіймала корону, Спускалась додолу з найвищого трону Поетовій мрії служить. Богам були рівні співці лавреати І гордо носили коштовнії шати У панськім магнатськім гурті; Цвіли в них і лаври, і квіти барвисті, І навіть терни їх були позлотисті, Кайдани — і ті золоті!
Aus: Gedichte: TARAS SCHEWTSCHENKO, FRIEDRICH SCHILLER, LESJA UKRAINKA, HEINRICH HEINE. Вірші: ТАРАС ШЕВЧЕНКО, ФРІДРІХ ШІЛЛЕР, ЛЕСЯ УКРАЇНКА, ГЕНРІХ ГЕЙНЕ. [Hrsg. G.M. Gartschenko]. Dnipropetrowsk: Sitsch, 2008, S. 158f
Sibylla Schwarz
(*14. Februar alten / 24. Februar 1621 neuen Stils Greifswald; † 31. Juli alten, 10. August 1638 neuen Stils Greifswald)
Etliche Sonnete. 1. WAn alle Buhler doch nuhr hetten einen Fluht* / so würde Venus nicht so ungleich ihnen schencken der süssen Liebe Lohn ; sie würde noch gedencken / was hertzlich lieben sey. Weil nuhn der dieses thut / der ander aber das / der eine wagt sein Bluht / der ander tuht es nicht / der eine wil sich lencken zuhr Hoffnung und Gedult / und jener wil sich hencken / so lohnt sie nach Verdienst : den trewen ist sie guht / den falschen ist sie falsch / wie kan sieß anderst machen ? weil dieser klagt und weint / und jener pflegt zu lachen. Jch bin vohm Lieben kalt / und brenn doch als ein Licht / dan dis ist mein Gebrauch : Jch halte meine Schmertzen nuhr still / und sage nicht fort alles auß dem Hertzen / was wohl dahrinnen ist ; Jch lieb und lieb auch nicht.
Elisabeth Langgässer
(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)
Regent: Venus Vulgivaga
Der geile Bote rief —
Der Kuckucksspeichel tropft
ins Schaumkraut, wo er schlief,
wird blaß, verdorrt: und tief
in das gescheckte, scharfe,
gemeine Zittergras
läuft seines Ursprungs Kunde -—
nicht rann vom Vogelmunde
das fadendünne Glas!
Gespieen und gesponnen,
ist es der blinde Bronnen
und die verdeckte Harfe
des Todes, drin die Larve
der Wiesenzirpe klopft.
Der Knospenbruch am Baum,
wie weiße Feuerflut,
braust blendend in den Raum
und überschwemmt den Saum,
der gegen Osten offen,
verfinstert ihn und löscht
mit seiner Schaumeshelle
des Äthers Lichtgefälle –
doch was ihn schwärzt und schwächt,
ist schon ins Nichts verkürzte
Begattung, ist gestürzte
Natur, wo, mitgetroffen,
ihr Staub und unser Hoffen
am Blütenboden ruht.
Bald steht die Narbe nackt
und Venus tritt hervor …
nach ihren Früchten hackt
Harpyenvolk, es packt
ein Mäher ihre Haare
zu nassem Sichelbund -—
bis über dunklen Zweigen
wird wieder höher steigen
das reine Himmelsrund;
bis stumm des Kuckucks Lügen
und aus gesenkten Krügen
eins weniger der Jahre
uns rollt ins muschelklare,
hinabgeführte Ohr.
Aus: Aldona Gustas (Hrsg.): Erotische Gedichte von Frauen. München: dtv, 1985, S. 132f
Plato and Pausanias describe Aphrodite Pandemos (Venus vulgivaga or popularis) as the goddess of sensual pleasures, in opposition to Aphrodite Urania, or „the heavenly Aphrodite“. (Wikipedia)
Venus vulgivaga lat. die herumschweifende Venus, das Freudenmädchen. (Otto Dornblüth, Klinisches Wörterbuch, 13./14. Auflage, 1927)
herabsetzender Beiname der Göttin Venus (Duden)
Antonio Machado
(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)
Ich möchte, wie Anakreon,
singen, lachen und froh in den Wind schlagen
die weisen Bitternisse
und ernstgemeinten Ratschläge,
und ich möchte, vor allem, mich betrinken,
ihr versteht schon … Grotesk!
Purer Glaube ans Sterben, arme Freude
und makaber verfrühter Totentanz.
Aus: Antonio Machado: Soledades – Einsamkeiten, Spasnisch und Deutsch. Hrsg. / Übers. Fritz Vogelgsang. Zürich: Ammann, 1996, S. 197
Yo, como Anacreonte,
quiero cantar, reír y echar al viento
las sabias amarguras
y los graves consejos,
y quiero, sobre todo, emborracharme,
ya lo sabéis… ¡Grotesco!
Pura fe en el morir, pobre alegría
y macabro danzar antes de tiempo.
Johann Heinrich Voß
(* 20. Februar 1751 in Sommerstorf / Mecklenburg; † 29. März 1826 in Heidelberg)
Schwergereimte Ode
(1775)
An mich selbst
Was stehst du, Spötter, da und pausbackst
Schwerreimendes Gereimel her?
Gib acht, daß man dich nicht hinausbaxt,
Mit deinen Reimen, leicht und schwer.
Unmutig blickt auf deinen Jokus
Apollons stolzer Tubaist,
Und: fort mit solchem Hokuspokus!
Brummt düster Wodans Urhornist.
Laß ruhn den stachelvollen Jambos,
Womit du Phöbus‘ Schwarm bestreitst,
Und schmied ein Reimwerk auf dem Amboß,
Das keinen Bardenschüler reizt.
Poet und Bard übt altes Faustrecht,
Mit Sense, Mistfork, Axt und Spieß;
Besonders, weh uns! saust und braust recht
Die Knotenkolbe des Genies.
Auf! weihe dich dem Dienst der Cypris,
Und preis in feinem Sofaton,
Was seit der Schöpfung der und die pries:
Das Tändelspiel mit ihrem Sohn.
Uns aufzuheitern mal‘ ein Fräulein
Mit bloßer Brust und hochgeschürzt,
Wie artig ihr gespitztes Mäulein
Leichtsinn mit Frankreichs Geiste würzt:
Schön wie die Leserin von Tischbein;
Doch merk, ein Möpschen statt des Buchs,
Ihr Haar ein Mehltalgturm, mit Fischbein
Umpanzert ihr Insektenwuchs.
Sing, wie ihr Hirn von Punsch und Witz dampft,
Wie sie im Rausch des Horngetöns
Den Taumeltanz bacchantisch mitstampft
Und dann verblümt noch dies und Jens.
Von solchem Singsang, fein und sinnreich,
Druck in den Almanach was Rechts!
Er macht ihn zehnmal mehr gewinnreich,
Als dein teutonisches Gekrächz.
Der Krittlerzunft tagscheue Fama
Posaunt das Werklein deines Geists;
Selbst des Katheders Dalai-Lama,
Den seine Hord anbetet, preist’s.
Hast du von diesen Herren Kundschaft?
Ein Stall, von dunkler Eib umgrünt,
Stand am Parnaß für Phöbus‘ Hundschaft,
Die ihm als Hirten einst gedient.
Klang vom Gebirg der Musen Paian,
Gleich Händels oder Bachs Musik;
Schnell hub im Stall ein Zeterschrei an
Von grimmig bellender Kritik.
Wenn Frauenchör itzt unter Führung
Des Marsyas auf pfiffen, hu!
Wie heulte dann, voll tiefer Rührung,
Die Kuppel ihnen Beifall zu!
Oft brannte schon der Zorn Apollos!
Er nahm die bleigefüllte Knut
Und schlug aufs Rabenaas für toll los;
Der ganze Hundsstall schwamm in Blut.
Doch alles war noch zu gelind, und –
Verwandelt ward das Rabenaas.
Professormäßig stellt ein Windhund
Sich auf die Hinterbein und las:
»Sehr wertgeschätzte Herrn! Das wichtigst
Und erste Prolegomenon
Ist nun wohl die baldmöglichstrichtigst-
e (hem!) Pränumeration.
Grundregeln hat, ja hat die Dichtkunst!
Denn was man nennt der Musen Gunst,
Ist Kunst entweder oder Nicht-Kunst;
Nun ist die Dichtkunst aber Kunst!
Ein Kind beim kleinen Katechismus
Begreift, was Kunst heißt, ist auch Kunst;
Und folglich schließt ein Syllogismus:
Grundregeln hat der Musen Gunst!«
Dann tut er wie ein Bauchprophet dick,
Paukt auf sein Pult und zeiget, bauz!
»Des Dichters Leitstern sei Ästhetik!«
Bespaßt sein Urteil und besaut’s.
Ein alter hagrer Mops voll Griesgram
Bleibt noch von Kopf und Pfot ein Mops,
Bleibt noch den Werken des Genies gram
Und wird Ausrufer Schimpfs und Lobs.
Schimpf bellt er beim Gesang des Orpheus;
Wer sein bierschenkenhaft Gejaul
Fix wie der blinde Mann im Dorf weiß,
Dem lobheult Mops aus vollem Maul.
Die Gänsespul in rascher Hundspfot,
Kritzkratzt in Hui er sein Journal.
Man nannt ihn anfangs schlechtweg Hundsfott;
Jetzt braucht man noch das Beiwort kahl.
Howhannes Tumanjan
(* 19. Februar 1869 in Dsegh, Russisches Kaiserreich, heute Armenien; † 23. März 1923 in Moskau)
Die Bäche im Sommer, sie rauschen und schwinden dahin.
Die Armen, die Dürstenden stöhnen und schwinden dahin.
Imaginierte Quellen, die wonnevollen, im Sinn,
Verschmachten die Dichter und singen und schwinden dahin.
1922
Deutsch von Adolf Endler
Aus: Howhannes Tumanjan: Das Taubenkloster. Berlin: Volk und Welt, 1972, S. 65
Elke Erb
(* 18. Februar 1938 in Scherbach, jetzt Rheinbach, Voreifel)
Die Nachrichten
Ich – unter dem Tisch – bin 6.
Wenn der Krieg vorbei ist,
darf man beim Essen reden.
(Helga)
18.3.17
Aus: Elke Erb: Gedichtverdacht. Hrsg. Urs Engeler u. Christian Filips. Berlin, Wuischke u. Schupfart: roughbook 048, 2019, S. 78
Georg Weerth
(* 17. Februar 1822 in Detmold; † 30. Juli 1856 in Havanna, Kuba)
Das Hungerlied
Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
Und am Mittwoch mußten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
Drum laß am Samstag backen
Das Brot, fein säuberlich –
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!
Entstanden vor 1845/46. Erstdruck in: Bruno Kaiser (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Weimar: Thüringer Volksverlag 1952, S. 331f.
Aus: Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1956, S. 193f
Klabund
(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos; eigentlich Alfred Georg Hermann Henschke)
Deutsches Volkslied
Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Daß ich so traurig bin.
Und Friede, Friede überall,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Kaiser Rotbart im Kyffhäuser saß
An der Wand entlang, an der Wand.
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Bist du, mein Bayernland!
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Ich rate dir gut, mein Sohn!
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Roßbachbataillon.
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein,
Von der Wiege bis zur Bahr‘!
Mariechen saß auf einem Stein,
Sie kämmte ihr goldenes Haar.
Sie kämmt’s mit goldnem Kamme,
Wie Zieten aus dem Busch.
Sonne, du klagende Flamme:
Husch! Husch!
Der liebe Gott geht durch den Wald,
Von der Etsch bis an den Belt,
Daß lustig es zum Himmel schallt:
Fahr‘ wohl, du schöne Welt!
Der schnellste Reiter ist der Tod,
Mit Juppheidi und Juppheida.
Stolz weht die Flagge schwarzweißrot.
Hurra, Germania!
Aus: Klabund, Die Harfenjule. Berlin: Die Schmiede, [1927], S. 3f
Elke Erb
Reim dich, oder ich freß dich
Der Zug ist in den Bahnhof eingefahren.
Das leergetrunkene Glas steht auf dem Tisch.
Den Schutzgöttern gedankt, den römischen Laren!
(Ihr Name, der gesuchte, ist gefunden.)
Den Alten hat man rehabilitiert.
Die Schuldigen jedoch nicht inhaftiert.
Die wurmstichigen Balken sind ersetzt.
Die Nimmermüden können ausruhn jetzt.
Die Wunde ist bestrichen und verbunden.
Was haben wir zum Mittagessen? Fisch.
4.8.1976
Aus: Elke Erb: Gedichtverdacht. Hrsg. Urs Engeler u. Christian Filips. Berlin, Wuischke u. Schupfart: roughbook 048, 2019, S. 5
Aus der agadischen Dichtung, „meist in vulgär-aramäischer Sprache verfassten Dichtungen“, „die kolossalen jüdisch-nationalen Schriften der Talmude und Midraschim aus der Zeit von 200 v. Chr. bis 800 n. Chr.“. „Sie heisst Hagada, Agada (Gesagtes), weil sie von dem, der sie verkündet, nicht brauchte recipirt, gehört worden zu sein, es genügte, dass sie gesagt wurde.“
DER WELTBÜRGER
Als Gott den Menschen schuf aus Erdenstaub,
Da nahm er Staub von allen Erdenenden,
Aus Ost und West und Süd und Nord zugleich,
Auf dass der Erdensohn allüberall,
Wohin er kommen mag, zu Hause sei;
Auf dass die Erde nicht im Westen spreche,
Wenn sterbend sich ein Erdensohn aus Osten
In ihrem Mutterschoose betten möchte:
„Ich nehme dich nicht auf, du Sohn des Ostens!
Du bist aus meinem Schoose nicht genommen.“ —
Wohin des Menschen Fuss ihn tragen mag,
Wo immer seine Stunde kommt zu scheiden,
Da findet er allüberall die Mutter,
Da ruft allüberall dieselbe Stimme:
„O komm, mein Kind, in meinen Schoos zurück.“
A.M. Tendlau.
Aus: Polyglotte der orientalischen Poesie. Der poetische Orient, enthaltend die vorzüglichsten Dichtungen der Afghanen, Araber, Armenier, Chinesen, Hebräer (Althebräer, Agadisten, Neuhebräer), Javanesen, Inder, Kalmücken, Kurden, Madagassen, Malayen, Mongolen, Perser, Syrer, Tartaren, Tscherkessen, Türken, Yeziden etc. In metrischen Übersetzungen deutscher Dichter. Mit Einleitungen und Anmerkungen von Dr. H. Jolowicz. 2. veränd. Aufl. Leipzig: Otto Wigand, 1856, S. 287
Else Lasker-Schüler

(Gedichte 1906-1913)
Heute vor 150 Jahren wurde Else Lasker-Schüler geboren.
(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)
GEBET
Meinem teuren Halbbruder, dem blauen Reiter
Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinem Stern als Siegel.
Und wandle immer in die Nacht…
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.
O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.
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