Lorelei

Heute ein altbekanntes romantisches Gedicht, ein Lied (in leicht verfremdeter Gestalt).

Heinrich Heine

1  Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,  9  x/xx/xx/x
2  Daß ich so traurig bin.                6  x/x/x/
3  Ein Märchen aus alten Zeiten,          8  x/xx/x/x
4  Das kommt mir nicht aus dem Sinn.      7  x/x/xx/

5  Die Luft ist kühl und es dunkelt,      8  x/x/xx/x
6  Und ruhig fließt der Rhein;            6  x/x/x/
7  Der Gipfel des Berges funkelt          8  x/xx/x/x
8  Im Abendsonnenschein.                  6  x/x/x/

9  Die schönste Jungfrau sitzet           7  x/x/x/x
10 Dort oben wunderbar;                  6  x/x/x/
11 Ihr goldnes Geschmeide blitzet,       8  x/xx/x/x
12 Sie kämmt ihr goldenes Haar.          7  x/x/xx/

13 Sie kämmt es mit goldnem Kamme,       8  x/xx/x/x
14 Und singt ein Lied dabei,             6  x/x/x/
15 Das hat eine wundersame,              8  x/xx/x/x
16 Gewaltige Melodei.                    7  x/xx/x/

17 Den Schiffer im kleinen Schiffe       8  x/xx/x/x
18 Ergreift es mit wildem Weh;           7  x/xx/x/
19 Er schaut nicht die Felsenriffe,      8  x/xx/x/x
20 Er schaut nur hinauf in die Höh’.     8  x/xx/xx/

21 Ich glaube, die Wellen verschlingen   9  x/xx/xx/x
22 Am Ende Schiffer und Kahn;            7  x/x/xx/
23 Und das hat mit ihrem Singen          8  x/xx/x/x
24 Die Lorelei gethan.                   6  x/x/x/

Fett = Starke (betonte) Silben. Die Zahl vor der Zeile leicht erkennbar die Versnummerierung, die Zahl dahinter die Anzahl der Silben, gefolgt vom metrischen Schema, wobei x eine unbetonte Silbe (Senkung) und / eine betonte (Hebung) bedeutet.

Sollte Sie die verfremdete Form gestört haben, können Sie sich hier schadlos halten:

Wenn nicht, können Sie die obigen Links natürlich ebenfalls klicken und anschließend einen gelehrten Kommentar lesen.

Erste Nacht im Weißen Haus

Gregory Corso

(* 26. März 1930 in Greenwich Village, New York City; † 17. Januar 2001 in Robbinsdale, Minnesota)

Erste Nacht im Weißen Haus

Der Sonnenuntergang am Potomac war wunderbar
und der neue Präsident
nach einem langen festlichen Tag
schlummert ein auf Lincolns Bett

Er träumt Dohlen
Und wie leis er sich nähert
und seine Hand
was er ihnen auch geben will
— sie fliegen auf

Deutsch von Anselm Hollo, aus: Schon mal gelebt?: Amerikanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans J. Heise und Annemarie Zornack. Kiel: Neuer Malik, 1991, S. 119

Sonett

Daniel Schiebeler

(* 25. März 1741 in Hamburg; † 19. August 1771 ebenda)

Das Sonnett

Du foderst ein Sonnett von mir;
Du weißt, wie schwer ich dieses finde,
Darum, du lose Rosalinde,
Versprichst du einen Kuß dafür.

Was ist, um einen Kuß von dir,
Das sich Myrtill nicht unterstünde?
Jch glaube fast, ich überwinde;
Sieh, zwey Quadrains stehn ja schon hier.

Auf Einmal hört es auf zu fliessen!
Nun werd‘ ich doch verzagen müssen!
Doch nein, hier ist schon Ein Terzett.

Nun beb‘ ich doch ─ wie werd‘ ich schließen?
Komm, Rosalinde, laß dich küssen! –
Hier, Schönste, hast du dein Sonnett!

Ferlinghetti 100

Lawrence Ferlinghetti wurde heute vor 100 Jahren geboren

Deutsch von Erika Gütermann. Aus:

Kiel 1991

Wird sich entzünden das Gras

Ludvik Kundera

(* 22. März 1920 in Brno / Brünn; † 17. August 2010 in Boskovice)

Dreimal den Schlüssel gedreht

Der Fall der Dinge
Zwischen den Sätzen
Staub eine Handvoll

Was dauert?
Dreimal den Schlüssel gedreht
      das Gedicht
die sieben Fälle dekliniert
in den Sätzen
ein Ätna

Schon wälzt sich das Magma
Vor ihm auf Meilen
wird sich entzünden
das Gras

Aus dem Tschechischen übersetzt von Peter Demetz. In: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S. 37

Tage gehen

Jayne-Ann Igel

Tage gehen

sie giengen schön*, wir liefen davon, liefen „weg“, wie es auch heißt, nicht aus respekt, machten uns wegsam, mussten sehen, was kommt, das war der ausweg, führte wohin, weg nur nicht mehr, das stottern im schritt, an der ampel grün das vergehen, nächtens, vergehen und weg, angst scham und aus –

  • Zeile aus „Tönen“ von Rainer R. Mueller in „Poemes Poetra“, roughbook 34, S. 41

Nun ruhen alle Wälder

Paul Gerhardt

(* 12. März jul./ 22. März 1607 greg. in Gräfenhainichen; † 27. Mai jul./ 6. Juni 1676 greg. in Lübben)

1.
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
Es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,
Auf auf, ihr sollt beginnen,
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

2.
Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht, des Tages Feind;
Fahr hin! Ein ander Sonne,
Mein Jesus, meine Wonne,
Gar hell in meinem Herzen scheint.

3.
Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sterne prangen
Am blauen Himmelssaal;
Also werd ich auch stehen,
Wenn mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal.

4.
Der Leib eilt nun zur Ruhe,
Legt ab das Kleid und Schuhe,
Das Bild der Sterblichkeit;
Die zieh ich aus. Dagegen
Wird Christus mir anlegen
Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

5.
Das Haupt, die Füß und Hände
Sind froh, daß nun zu Ende
Die Arbeit kommen sei;
Herz, freu dich, du sollst werden
Vom Elend dieser Erden
Und von der Sünden Arbeit frei.

6.
Nun geht, ihr matten Glieder,
Geht hin und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt;
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

7.
Mein Augen stehn verdrossen,
Im Hui sind sie geschlossen,
Wo bleibt denn Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
Sei gut für allem Schaden,
Du Aug und Wächter Israel.

8.
Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.

9.
Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heinte nicht betrüben
Ein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
Stell euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.

Wir sehn uns dann zur Frühandacht

Peter Hacks

(* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow)

KLOSTERIDYLL

Es sprach ein Mönch zu seiner Nonne:
Komm her, du meine Herzenswonne,
Ich bin noch jung, du bist noch schön,
Laß uns geschwind zu Bette gehn.
Noch ist mein Körper schlank und sehnig,
Noch blühst du rosigen Gesichts.
Wenn wir erst alt sind, sind wir wenig,
Und wenn wir tot sind, sind wir nichts.

Nun ging, indem der Mönch so sprach,
Der Abt just durch ihr Schlafgemach
Und hörte das erhitzte Paar
Und sah den Zustand, worin es war.
Ab, Kinder, rief er, in die Kissen,
Verschafft euch eine frohe Nacht.
Ich selbst will eben zur Äbtissin,
Wir sehn uns dann zur Frühandacht.

Aus: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 407

Entwurf zu einer Ode

Friedrich Hölderlin

(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen)

Entwurf zu einer Ode

(Notation der ersten Ansätze)

         Die neuesten Richter


Vormals richtete Gott.               




                       Könige     
                Weise.

                     
                 wer richtet denn izt?
Richtet das einige Volk
   Volk? die heilge Gemeinde? 
   Nein! o nein! wer richtet den izt. 
                  das Natterngeschlecht!          feig u falsch
                         ein das edlere Wort nicht mehr 
         Über die Lipp.
O im Nahmen

                                             

                                              ruf ich dich
        Alter Dämon! wieder! dich herab


Oder    sende 
  Einen Helden



Oder 
        die Weisheit.

Konzept einer asklepiadeischen Ode, Frühjahr 1800

Im zweiten Ansatz wird die Überschrift zu „Zu Sokrates Zeiten“ verändert.

Nach: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. D.E. Sattler. Band 5. Oden II. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 347ff

1 Gedicht, 4 Versionen

Emma Andijewska

(ukrainisch Емма Андієвська; * 19. März 1931 in Donezk, Sowjetunion; lebt in München)


Hans Thill (Hrsg.): Vorwärts, ihr Kampfschildkröten. Gedichte aus der Ukraine. Zweisprachige Ausgabe ukrainisch-deutsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2006. – 188 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, mit Lesebändchen, bibliophile Ausstattung | ISBN: 978-3-88423-259-0 Mehr

Budget

Srečko Kosovel

(* 18. März 1904 in Sežana, Österreich-Ungarn, heute Slowenien; * 26. Mai 1926 in Tomadio, Italien, heute Tomaj, Slowenien)

Aus: Srečko Kosovel: Ahnung von Zukunft. Gedichte. Leipzig: Reclam,. 1986, S. 83

Modern

Josef Svatopluk Machar

(* 29. Februar 1864 in Kolín, Österreich-Ungarn; † 17. März 1942 in Prag)

Sonett von der Definition moderner Poesie

Brevier der Tränen, Herrscher, Scherwenzen
Histörchen, neu in Strophen verwahrt
und Großmauls ausgedroschne Sentenzen
im Bühnenschritt auf Kothurnenart

auch Satane, verkommene Teufelsschwänze
seit eh und je uns aufgepackt
polierte Worte auf Reimkredenzen
schwindelnde Bilder und Verskatarakt

bestimmen sie nicht. Was ist Poesie?
Wüßte mans, es hätten schon lange
die Praktiker ihr Fabriken gemauert.

Wir ahnen sie, in uns, um uns im Schwange
wenn groß sie atmet und dauert
Herz und Kopf berauscht sind durch sie…

Deutsch von Richard Pietraß

Aus: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S.148

wir brauchen eine neue lyrik

Jan Faktor

wir brauchen eine neue lyrik (auszug)

jan faktor: aus: wir brauchen eine neue lyrik (erste von sechs seiten)

Aus: Figuren & Capriccios. Hrsg. Jörn Luther u. Jürgen M. Paasch im Auftrag des Literaturbüros Thüringen e.V. Verlag: Krash Verlag, Köln / Berlin / Weimar, 1995

Volk des Reims

Jóhannes úr Kötlum

(1899-1972)

Ein Volk des Reims

Mein Land – das war ein Einsiedler im Meer
des kühlen und blaufunkelnden Nordens:
dort dröhnte sprühweiße Brandung
an Felsenkanten und endlosen Sanden.

Und mein Volk war die Hulda im Tal
die hinaus in die rätselhafte Ferne starrte
mit eiskalten Bergen im Rücken
und brennenden Vulkanen davor.

Zur Sonnenwende verfinsterte sich das All
– da dichtete sie, umgeben von Dunkelheit
sich mit solchem Zaubersturm zu versöhnen
und kämpfte königlich mit dem Tod.

Ins wertvollste Versmaß, wasserdicht und geflickt
setzte sie ihren von Schmerz gepeinigten Ehrgeiz
im Stabreim spaltete sie ihre Sehnsucht
mit dem Hauptstab ging sie ihrer Arbeit nach.

Je weniger es gibt auf dem Teller
desto teurer das Versmaß der Sprache:
mit den Funken von Eddas Glut
schmiedete sie aus der Fessel den Schlüssel.

Übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 101. Das Original erschien 1955, die Übersetzung zuerst im Islandheft der horen: Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“, hrsg. Eysteinn Þorvaldsson u. Wolfgang Schiffer, die horen 242, 2011

Zum Gedichte

Eysteinn Ásgrímsson

(isländischer Mönch und Dichter, * ca. 1310, † 14. März 1360; od. 1361?)

Aus: Die Lilie

98.

Wer ein schwierig Maß will wählen,
Muß sich zum Gedichte quälen
Alte Worte, kaum zu zählen;
Schwer wird’s dann, den Sinn zu stehlen.
Hier kann Einsicht keinem fehlen,
Wort und Sinn sich leicht vermählen,
Will dem Lied, um nichts zu hehlen,
„Lilie“ noch als Namen wählen.

Übersetzt von Alexander Baumgartner. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 25