Schwergereimt

Johann Heinrich Voß

(* 20. Februar 1751 in Sommerstorf / Mecklenburg; † 29. März 1826 in Heidelberg)

Schwergereimte Ode
(1775)
An mich selbst

Was stehst du, Spötter, da und pausbackst
Schwerreimendes Gereimel her?
Gib acht, daß man dich nicht hinausbaxt,
Mit deinen Reimen, leicht und schwer.

Unmutig blickt auf deinen Jokus
Apollons stolzer Tubaist,
Und: fort mit solchem Hokuspokus!
Brummt düster Wodans Urhornist.

Laß ruhn den stachelvollen Jambos,
Womit du Phöbus‘ Schwarm bestreitst,
Und schmied ein Reimwerk auf dem Amboß,
Das keinen Bardenschüler reizt.

Poet und Bard übt altes Faustrecht,
Mit Sense, Mistfork, Axt und Spieß;
Besonders, weh uns! saust und braust recht
Die Knotenkolbe des Genies.

Auf! weihe dich dem Dienst der Cypris,
Und preis in feinem Sofaton,
Was seit der Schöpfung der und die pries:
Das Tändelspiel mit ihrem Sohn.

Uns aufzuheitern mal‘ ein Fräulein
Mit bloßer Brust und hochgeschürzt,
Wie artig ihr gespitztes Mäulein
Leichtsinn mit Frankreichs Geiste würzt:

Schön wie die Leserin von Tischbein;
Doch merk, ein Möpschen statt des Buchs,
Ihr Haar ein Mehltalgturm, mit Fischbein
Umpanzert ihr Insektenwuchs.

Sing, wie ihr Hirn von Punsch und Witz dampft,
Wie sie im Rausch des Horngetöns
Den Taumeltanz bacchantisch mitstampft
Und dann verblümt noch dies und Jens.

Von solchem Singsang, fein und sinnreich,
Druck in den Almanach was Rechts!
Er macht ihn zehnmal mehr gewinnreich,
Als dein teutonisches Gekrächz.

Der Krittlerzunft tagscheue Fama
Posaunt das Werklein deines Geists;
Selbst des Katheders Dalai-Lama,
Den seine Hord anbetet, preist’s.

Hast du von diesen Herren Kundschaft?
Ein Stall, von dunkler Eib umgrünt,
Stand am Parnaß für Phöbus‘ Hundschaft,
Die ihm als Hirten einst gedient.

Klang vom Gebirg der Musen Paian,
Gleich Händels oder Bachs Musik;
Schnell hub im Stall ein Zeterschrei an
Von grimmig bellender Kritik.

Wenn Frauenchör itzt unter Führung
Des Marsyas auf pfiffen, hu!
Wie heulte dann, voll tiefer Rührung,
Die Kuppel ihnen Beifall zu!

Oft brannte schon der Zorn Apollos!
Er nahm die bleigefüllte Knut
Und schlug aufs Rabenaas für toll los;
Der ganze Hundsstall schwamm in Blut.

Doch alles war noch zu gelind, und –
Verwandelt ward das Rabenaas.
Professormäßig stellt ein Windhund
Sich auf die Hinterbein und las:

»Sehr wertgeschätzte Herrn! Das wichtigst
Und erste Prolegomenon
Ist nun wohl die baldmöglichstrichtigst-
e (hem!) Pränumeration.

Grundregeln hat, ja hat die Dichtkunst!
Denn was man nennt der Musen Gunst,
Ist Kunst entweder oder Nicht-Kunst;
Nun ist die Dichtkunst aber Kunst!

Ein Kind beim kleinen Katechismus
Begreift, was Kunst heißt, ist auch Kunst;
Und folglich schließt ein Syllogismus:
Grundregeln hat der Musen Gunst!«

Dann tut er wie ein Bauchprophet dick,
Paukt auf sein Pult und zeiget, bauz!
»Des Dichters Leitstern sei Ästhetik!«
Bespaßt sein Urteil und besaut’s.

Ein alter hagrer Mops voll Griesgram
Bleibt noch von Kopf und Pfot ein Mops,
Bleibt noch den Werken des Genies gram
Und wird Ausrufer Schimpfs und Lobs.

Schimpf bellt er beim Gesang des Orpheus;
Wer sein bierschenkenhaft Gejaul
Fix wie der blinde Mann im Dorf weiß,
Dem lobheult Mops aus vollem Maul.

Die Gänsespul in rascher Hundspfot,
Kritzkratzt in Hui er sein Journal.
Man nannt ihn anfangs schlechtweg Hundsfott;
Jetzt braucht man noch das Beiwort kahl.

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