Horst Samson
GEBET
Der du bist im Exil,
Verschwiegen werde dein Name, dein Wille
Vergehe ungeschehen auf Erden wie im Himmel
Das tägliche Brot. Dein Reich
Verschimmele, wie Dein Körper, deine
Wörter sind schnell und schuldig, sie vergeben
Nichts wie auch wir dir nie vergeben.
Es treffe dich das Böse, wo immer
Du bist, und nehme dir alles – das Land
Und die Kraft und deine Herrlichkeit,
Das ewige Amen und die Sprache. Deine Gedärme
Sollen rosten, dein Hirn
Soll verglühen wie ein Komet im Nichts
Des Exils, wo auch du ein Niemand bist
Wie dein Name. Wie
Dein Name!
Aus: Horst Samson: Heimat als Versuchung. Das nackte Leben. Literarisches Lesebuch. Ludwigsburg: Pop, 2019 (2. erweiterte Ausgabe), S. 166
Von Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen als Hans Gustav Bötticher; † 17. November 1934 in Berlin)
Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.
Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.
Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
‚Jetzt bin ich eine Schneelawine‘.
Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.
Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.
Christa Reinig
(* 6. August 1926 in Berlin; † 30. September 2008 in München)
Aus: PAPANTSCHA VIELERLEI
Ob nun das Christentum den Hinduismus oder der Hinduismus das Christentum beeinflußt haben mag, gleichviel, die Übereinstimmung ist oft frappierend:
Im Anfang war der Reim.
Da gingen
Johannes und die Jünger heim.
Sie konnten ihn nicht zwingen.
Frau Petrus sprach: Das ist auch nicht
Im Sinne meines Mannes.
Das Wort des Papstes hat Gewicht,
Und Prosa schrieb Johannes.
Nur Paulus dichtete nicht mehr in freien Rhythmen.
Er wurde Saulus und begann, sich dem Sonett zu widmen.
Aus: Christa Reinig: Sämtliche Gedichte. Düsseldorf: Eremiten, 1984, S. 200
Flanzendörfer
(* 30. Dezember 1962 in Dresden-Oberpoyritz; † 4. August 1988 in Marienwerder),
Aus: Die Gestalt (1987)
Aus: flanzendörfer: unmöglich es leben. Berlin: Janus press, 1992, S. 101
Aus der Biografie (Quelle: Frank Lanzendörfer, Versensporn 16. Jena 2014):
Im Juni 1985 wird flanzendörfer von der Staatssicherheit „mit der Zielstellung der Prüfung der Voraussetzungen für eine inoffizielle Zusammenarbeit” kontaktiert; man gelangt zu dem Schluss, „dass er nicht über die notwendigen subjektiven Voraussetzungen“ verfügt; trotzdem weitere permanente Überwachung und „direkte Bearbeitung“ (Bedrohung, Haussuchung etc.). Anfang August 1985 Poetenseminar der FDJ in Schwerin, das er vorzeitig wieder verlässt. Am 10. November 1985 stellt flanzendörfer einen Ausreiseantrag, der abgelehnt wird. Im Winter 1985/86 zunächst intensive bildkünstlerische Arbeit; ab Februar 1986 wieder Hinwendung zur Literatur, zum Teil unter dem Einfluss von Musik und Drogen; Beiträge in inoffiziellen Zeitschriften wie u.s.w, schaden, Bizarre Städte oder Text-Grafik-Editionen wie Flugschutt und Die Mappe; Malaktionen, Performances, Super-8-Filme. Ab Ende 1987 zieht flanzendörfer sich immer öfter aus Berlin und in die totale Isolation zurück, vernichtet seine Arbeiten. 1988 mehrmaliges langes und radikales Fasten bis hin zu Halluzinationen. Am 5. August 1988 steigt er mithilfe einer selbstgebauten Konstruktion in einen Feuerwachtturm bei Marienwerder ein und springt in den Tod.
„Und nach seinem Tod lief Stasimann ‚Gröger‘ herum und erkundigte sich, z.B. bei Jansen, ob es in der Szene Gerüchte gäbe, Flanzendörfer habe sich wegen der Stasi umgebracht.“ (Peter Böthig in unmöglich es leben, S. 183)
Abdulwahab Al-Bayyati
(arabisch عبد الوهاب البياتي ; geboren 19. Dezember 1926 in Bagdad; gestorben 3. August 1999 in Damaskus)
Aus: Die Autobiographie eines Feuerdiebs
Die kahlköpfige Sprache setzte sich Stilistik und Rhetorik als Perücke auf
in königlichen Gemächern, im Zeitalter des Weltraums,
der Sternenschiffe und der Revolutionen,
und kleidete sich in Wortspiel und Vergleich.
Die verschnittenen Betteldichter in den Hauptstädten des Orients
robbten auf ihren Bäuchen durch die Käfige,
Flöhe und Moos gediehen auf ihren Gedichten,
und die Poeten des käuflichen Traums in den Elfenbeintürmen
übertünchten mit Puder und Creme die Blässe der Muse der Dichtkunst,
die auf dem Gipfel des Olymp vergreist.
Sie stahlen ihren welken Lorbeerkranz aus den Museen, den Mülltonnen, den Texten,
sie sammelten die herbstlichen Blätter von den Friedhöfen verblichener Poetik,
während die Eunuchendichter die Sklavenkönige in ihren Käfigen priesen.
Mit den Jahreszeiten kam der Feuerdieb,
brachte das Testament der Zeiten, der Ströme,
kam und sah,
wie er, beim Wettkampf der erschöpften Menschheit,
in der Glut der Erde, auf der er sich niederließ,
an den Sonnenmann dachte, an die Gitarrenfrau,
beide befreit von Ketten.
Er hat Einsicht in die Wogen der Geschichte und die Trauer der Generationen,
die Vögel, den Stein und die Toten.
Auf das Papyrus schreibt er die Namen der Fürstinnen von Buchara
und bringt des Meeres Testament der Kindheit, den Moscheen, den Märkten.
Er sagte, als er in seinem langen Mantel dastand
wie der ägyptische Obelisk, diese Palme an der Place de la Concorde:
«Kamst du durch das Fenster des Morgenrots in mein Herz?
Und wer gab dir das Recht, zu schlafen, aufzubrechen und zu suchen
nach den Grenzen in der Stadt der Liebe?»
Aus: Stefan Weidner: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Hrsg. u. übersetzt von Stefan Weidner. München: C.H. Beck, 2000, S. 69f
Johann Wolfgang Goethe
[Aus Lila]
Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibliches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.
Allen Gewalten
Zum Trotz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen —
Rufet die Arme
Der Götter herbei.
(1777)
Ich übergebe an Herrn Ingold.
Ernst Jandl
(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)
kommentar
dass niemals
er schreiben werde
seine autobiographie
dass ihm sein leben
viel zu sehr
als dreck erscheine
dass auch nur wenige
punkte, blutige
er noch erinnere
dass aber niemals
er zögern werde
in den dreck zu fassen
um herauszuziehen
was vielleicht
einen stoff abgäbe
für poesie
seinen widerlichen
lebenszweck
Aus: ernst jandl: selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr. gedichte. Sammlung Luchterhand, 1986, S. 46
Tuvia Rübner
(hebr. טוביה ריבנר, geboren als Kurt Tobias Rübner am 30. Januar 1924 in Bratislava, Tschechoslowakei; gestorben am 29. Juli 2019 im Kibbuz Merchawia bei Afula)
Gelber Regen
Gelber Regen der Pekannussbäume.
Zwei Katzen lungern auf einem Blechdach,
eine rotbraun, eine grau.
Die Sonne schützt immer noch den Himmel,
aber was in Sichem* geschah, lässt ihn wanken.
Nichts wird vergessen. Nie. Und wird es auch übersehen,
eines Tages bricht’s aus ihm hervor in alle Himmelsrichtungen.
Schattenkörper zwischen niedrigen Häusern. Einer davon
trägt einen hellbraunen Anzug. Mode 1936 und sein Kopf
im Panamahut fällt nach vorne wie eine verfaulte Frucht.
Fliegenkadaver in Spinnenweben. Wie geschliffene Schwerter
durchschneiden Schwalben die Luft. Auch Singvögel gibt es.
Am Rande von Paris stand im Schaufenster einer kleinen Galerie
eine einzige japanische Maske, weiß und in sich verschlossen
wie der Tod. Vollkommenes Schweigen. Verlangen und Zaudern
hielten sich Gleichgewicht. Vorbeigefahren. Nie wiedergesehen.
Wieder ein gelber Blättersturz von den Pekanbäumen.
Bei der Busstation unten an die Wand gestellt in prächtigen Rahmen
Reproduktionen erträumter Waldlandschaften mit einem Hirsch,
auch einige Originalmalereien, nicht gerade Cézanne.
Ein Windstoß. Als hätten sich die Baumschleusen geöffnet.
Die Risse unserer Wohnung werden breiter. Auf Sumpfboden gebaut.
Die Toten hören uns, doch können nicht antworten.
Was für ein Gespräch soll das sein.
Ein großer Hund jagt eine kleine Katze. Sie entflieht
und rettet sich auf den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen.
Du hast das gestrichen.
Nein, nicht ich.
Doch du.
Ich war es nicht.
Wer dann, wenn nicht du.
Ich nicht. Ich hab es nicht gestrichen.
Ich glaub dir nicht.
Ob du’s glaubst oder nicht, ich war es nicht.
Nichts hängt zusammen, es geht langsam auseinander,
hält nicht, geht auseinander, trennt sich auf. Das Schweigen
nach dem Erwachen
Mit freundlicher Genehmigung aus: Tuvia Rübner: Wunderbarer Wahn. Gedichte. Aachen : Rimbaud, 2014
Miron Białoszewski
(* 30. Juni oder 30. Juli 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)* laut polnischem Wikipedieeintrag
ICHBINS BEWEIS
ich bin
ich bin dumm
was soll ich tun
ach was soll ich tun
wie nicht wissen
ach was weiss ich
was ich bin
ich weiss dass ich bin
so wie ich bin
vielleicht nicht ganz dumm
aber das vielleicht nur weil ich weiss
dass jeder für sich der Wichtigste ist
denn auch wenn man mit sich nicht im Reinen ist
ist man sowieso so wie man ist
Aus: Miron Białoszewski, Wir Seesterne. Gedichte. Polnisch und deutsch. Übersetzt u. hrsg. v. Dagmara Kraus. Leipzig: Reinecke & Voß, 2012, S. 60f
Einmal, als es noch das Land Tschechoslowakei gab (es hieß aber Tschechoslowakische Sozialistische Republik, tschechisch abgekürzt ČSSR), war ich in Prag. Ich kannte nur ein paar Sätze aus dem Reisesprachführer und versuchte sie in einem Laden anzuwenden. Mit Erfolg – die Verkäuferin fragte, ob ich Slowake sei.
Davon handelt wohl dieses slowakische Liedchen:
Die Begegnung in Prag
Als ich zog durch Prag die Stadt wohl auf der linken Seite,
begegnet mir ein Mägdlein eitel Samt und Seide:
ich sprach zu ihr höfisch,
da sagte sie čechisch:
Gott zum Gruß, viellieber Herr, und glückliches Geleite.
Aus: Slowakische Anthologie. Übertragungen von Paul Eisner. Leipzig: Insel, o.J. (1920) (IB 103), S. 26 (Dieses Buch erschien mit Unterstützung Hugo von Hofmannsthals).
Ende der 90er Jahre, als ich bei der Greifswalder Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“ mitarbeitete, hatten wir das Projekt einer „Europäischen Bibliothek“, zu der ich solche Bücher beisteuerte. Sie kam leider nicht zustande, wir wollten damals die Greifswalder Literaturvereine unter dem Dach eines „Literaturzentrums Vorpommern“ zusammenbringen, es kam nicht dazu, mit Bundes-Hilfe entstand dann das Koeppenhaus als „Literaturzentrum Vorpommern“ und im gleichen Jahr das Falladahaus, dessen Träger der von mir mitgegründete Verein pom-lit (Pommersche Literaturgesellschaft) wurde. Sollte eines Tages im Geburtshaus von Sibylla Schwarz ein Literaturhaus entstehen, wäre es das dritte in der Stadt, für die selbst eins schon viel ist. Ist das gut oder schlecht?
Jacopo Sannazaro
(* 28. Juli 1458 in Neapel; † 6. August 1530 ebenda)
DICHTERFLUCH
WER Lilien und Rosen, gleich den Thoren,
Aus Nesselsaamen aufzuziehn gedenkt;
Wer Lunens Wagen vom Apoll gelenkt,
Und Abends zu erblicken wähnt Auroren;
Wer unter feindlichem Gestirn geboren,
Wem keine Muse je die Gunst geschenkt,
Wen statt der Hippokrene Wasser tränkt,
Wer allen Ruhm auf Erden giebt verloren;
Wem nimmer strahlte der Begeistrung Licht,
Wen nimmer göttliche Gesänge laben,
Wem nie ein Kranz die leere Stirn umflicht:
Der singe dich und deine holden Gaben,
Und schreib‘ auf Wind und Wasser sein Gedicht;
Sein Name fall‘ und sey mit ihm begraben!
Deutsch von Johann Diederich Gries
Aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 99
BESINGE dich, wer Lilien und Syringen
Aus Nesselsamen aufzuziehn vermeint,
Wem das Gestirn am Himmel feindlich scheint,
Wer keinen Ruhm auf Erden will erringen.
Besinge dich, wem keine Verse klingen,
Und wem das Morgenrot im West erscheint;
Besinge dich, wer all sein Mühn vereint,
Daß Stil und Witz und Wort ihm nichts erbringen.
Besinge dich, wer niemals Ehren fand,
Und leistet auf des Wissens Lohn Verzicht,
Wer keine Kränze um die Stirne flicht.
In Wasser und in Wind schreib sein Gedicht,
Wer je für dich die Feder nahm zur Hand:
Vergessen seien Name, Zeit und Land.
Aus: Italienische Sonette aus vier Jahrhunderten. Ausgewählt, übersetzt u. m. e. Nachwort versehen von Maria und Leo Lanckoroński. Krefeld: Scherpe, 1947, S. 67
Scriva di te chi far gigli e vïole
del seme spera di pungenti ortiche,
le stelle al ciel veder tutte nemiche,
e con la aurora in occidente il sole.
Scriva chi fama al mondo aver non vuòle,
Ad cui non fur giamai le Muse amiche,
scriva chi perder vòl le sue fatiche,
lo stil, l’ingegno, il tempo e le parole.
Scriva chi bacca in lauro mai non colse,
chi mai non giunse a quella rupe estrema,
né verde fronda a le sue tempie avolse.
Scriva in vento et in acqua il suo poema
la man, che mai per te la penna tolse;
e caggia il nome, e poca terra il prema!
Rajzel Żychliński
רייזל זשיכלינסקא
(* 27. Juli 1910 in Gąbin im heutigen Polen, poln. Rajzla Żychlińska; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)
VERWIRRT SICH IN MIR EIN VERS
Verwirrt sich in mir ein Vers
aus einem Rilke-Gedicht –
die Bauwerke wollen aus ihren engen
Gerüsten klettern
und wollen sehn, wo das Feld beginnt.
Und ich will auch aus mir
herausklettern und sehn,
wo die Stadt zu Ende ist.
Doch ich bin eine Gefangene
der Wolkenkratzer
und der langen Schatten, die sie
auf Häuser werfen,
auf Straßen,
Stadtviertel –
ewig werde ich da
herumirren,
mich überall suchen,
verloren,
unverbesserlich.
plontert sich in mir
plontert sich in mir a schure
fun rilkess a lid –
di gebajdess wiln arojsskletern
fun sejere schmole ruschtowanjess
un wiln sen wu doss feld hejbt sich on.
un ich wil ojch arojsskletern fun mir
un ch’wil sen
wu di schtot endikt sich.
nor ch’bin a gefangene do
fun di wolkn-krazerss –
di lange schotnss woss sej warfn
ojf hajser,
gassn,
kwartaln –
un ch’wel schojn ejbik do
arumblonken,
mich arumsuchn
farlojrn,
farfaln.
Aus: Rajzel Żychlińsky: di lider 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg. u. übers. Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 856f
Felix Philipp Ingold
Schwache Gedanken
Kommt daher das Wanken
Von Worten getragen?
Länger zu fragen
Verzögert das Ende
Verhindert den Sinn.
Feisten Gestalten
Zum Gruß an sich halten
(Schlimmer: sich beugen).
Statt auszusteigen
Hebt ihr die Hände
Lebt weiter so hin …
Aus: Felix Philipp Ingold: Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer Verlag, 1984, S. 48
Friedrich Rückert
Des Dichters Freude am Gedicht
Erst hattest du deine Freude dran;
Nun haben sie andre Leute dran:
Das ist nun deine Freude dran.
Aus: Neuer poetischer Hausschatz. Halle: Hendel, o.J. (ca. 1896), S. 14
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