Dreifacher Dichterfluch

Jacopo Sannazaro

(* 28. Juli 1458 in Neapel; † 6. August 1530 ebenda)

DICHTERFLUCH

WER Lilien und Rosen, gleich den Thoren,
Aus Nesselsaamen aufzuziehn gedenkt;
Wer Lunens Wagen vom Apoll gelenkt,
Und Abends zu erblicken wähnt Auroren;

Wer unter feindlichem Gestirn geboren,
Wem keine Muse je die Gunst geschenkt,
Wen statt der Hippokrene Wasser tränkt,
Wer allen Ruhm auf Erden giebt verloren;

Wem nimmer strahlte der Begeistrung Licht,
Wen nimmer göttliche Gesänge laben,
Wem nie ein Kranz die leere Stirn umflicht:

Der singe dich und deine holden Gaben,
Und schreib‘ auf Wind und Wasser sein Gedicht;
Sein Name fall‘ und sey mit ihm begraben!

Deutsch von Johann Diederich Gries
Aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 99

BESINGE dich, wer Lilien und Syringen
Aus Nesselsamen aufzuziehn vermeint,
Wem das Gestirn am Himmel feindlich scheint,
Wer keinen Ruhm auf Erden will erringen.

Besinge dich, wem keine Verse klingen,
Und wem das Morgenrot im West erscheint;
Besinge dich, wer all sein Mühn vereint,
Daß Stil und Witz und Wort ihm nichts erbringen.

Besinge dich, wer niemals Ehren fand,
Und leistet auf des Wissens Lohn Verzicht,
Wer keine Kränze um die Stirne flicht.

In Wasser und in Wind schreib sein Gedicht,
Wer je für dich die Feder nahm zur Hand:
Vergessen seien Name, Zeit und Land.

Aus: Italienische Sonette aus vier Jahrhunderten. Ausgewählt, übersetzt u. m. e. Nachwort versehen von Maria und Leo Lanckoroński. Krefeld: Scherpe, 1947, S. 67

Scriva di te chi far gigli e vïole
del seme spera di pungenti ortiche,
le stelle al ciel veder tutte nemiche,
e con la aurora in occidente il sole.

Scriva chi fama al mondo aver non vuòle,
Ad cui non fur giamai le Muse amiche,
scriva chi perder vòl le sue fatiche,
lo stil, l’ingegno, il tempo e le parole.

Scriva chi bacca in lauro mai non colse,
chi mai non giunse a quella rupe estrema,
né verde fronda a le sue tempie avolse.

Scriva in vento et in acqua il suo poema
la man, che mai per te la penna tolse;
e caggia il nome, e poca terra il prema!

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