Tuvia Rübner 1924-2019

Tuvia Rübner

(hebr. טוביה ריבנר, geboren als Kurt Tobias Rübner am 30. Januar 1924 in Bratislava, Tschechoslowakei; gestorben am 29. Juli 2019 im Kibbuz Merchawia bei Afula)

Gelber Regen

Gelber Regen der Pekannussbäume.
Zwei Katzen lungern auf einem Blechdach,
eine rotbraun, eine grau.

Die Sonne schützt immer noch den Himmel,
aber was in Sichem* geschah, lässt ihn wanken.
Nichts wird vergessen. Nie. Und wird es auch übersehen,
eines Tages bricht’s aus ihm hervor in alle Himmelsrichtungen.

Schattenkörper zwischen niedrigen Häusern. Einer davon
trägt einen hellbraunen Anzug. Mode 1936 und sein Kopf
im Panamahut fällt nach vorne wie eine verfaulte Frucht.

Fliegenkadaver in Spinnenweben. Wie geschliffene Schwerter
durchschneiden Schwalben die Luft. Auch Singvögel gibt es.

Am Rande von Paris stand im Schaufenster einer kleinen Galerie
eine einzige japanische Maske, weiß und in sich verschlossen
wie der Tod. Vollkommenes Schweigen. Verlangen und Zaudern
hielten sich Gleichgewicht. Vorbeigefahren. Nie wiedergesehen.

Wieder ein gelber Blättersturz von den Pekanbäumen.

Bei der Busstation unten an die Wand gestellt in prächtigen Rahmen
Reproduktionen erträumter Waldlandschaften mit einem Hirsch,
auch einige Originalmalereien, nicht gerade Cézanne.

Ein Windstoß. Als hätten sich die Baumschleusen geöffnet.

Die Risse unserer Wohnung werden breiter. Auf Sumpfboden gebaut.

Die Toten hören uns, doch können nicht antworten.
Was für ein Gespräch soll das sein.

Ein großer Hund jagt eine kleine Katze. Sie entflieht
und rettet sich auf den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen.

Du hast das gestrichen.
Nein, nicht ich.
Doch du.
Ich war es nicht.
Wer dann, wenn nicht du.
Ich nicht. Ich hab es nicht gestrichen.
Ich glaub dir nicht.
Ob du’s glaubst oder nicht, ich war es nicht.
Nichts hängt zusammen, es geht langsam auseinander,
hält nicht, geht auseinander, trennt sich auf. Das Schweigen
nach dem Erwachen

  • Gen. 34,25

Mit freundlicher Genehmigung aus: Tuvia Rübner: Wunderbarer Wahn. Gedichte. Aachen : Rimbaud, 2014

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