Ich taste mich an das Hölderlinjahr heran. Eine Kurzode aus dem Jahr 1798.
Friedrich Hölderlin
(1770-1843)
Ehmals und jezt. In jüngern Tagen war ich des Morgens froh, Des Abends weint’ ich; jezt, da ich älter bin, Beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch Heilig und heiter ist mir sein Ende.
Aus: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge (Bremer Ausgabe). Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 6, München: Luchterhand, 2004, S. 60
Albert Maurüber
(* 1896 Czernowitz, † 1951 Bukarest)
Mein Kamerad II
Mein Kamerad! Ich rufe Dich, wie es der Schmerz der Tat mir entpresst und die Wollust: Täter zu sein, aufquellen lässt aus meines Menschtums Tiefen …
Nicht darfst Du kreisen, ein unendlich ferner Fixstern, der zu Bettlern oder Fürsten ausschickt krankes Licht …
Denn es ist auferlegt Verantwortung: zu zeugen für das Leben!
Ob wir uns in den Sielen mühen, die der Tag umspannt, ob bettelnd an den tausend Quellen schmachten,
ob unser Mund verstummt vor Gier nach einer Bruderhand,
ob er in vielen Stunden weint und schreit vor schwarzer Wand,
ob wir in Brunst die Glieder ketten, oder auf Totenbetten verröcheln …
es ist uns auferlegt Verantwortung: zu zeugen für das Leben, mein Kamerad.
Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015, S. 21f
2020 ist nicht nur Expressionismusjahr (100 Jahre Menschheitsdämmerung), sondern Hölderlinjahr. Vor 250 Jahren, 1770 wurden geboren: Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven, Georg Wilhelm Friedrich Hegel (ein starker Jahrgang), auch sonst noch z.B. Sophie Mereau oder William Wordsworth. L&Poe bringt neben einer großen Expressionismusanthologie eine kleinere Hölderlinanthologie. Sie beginnt heute mit einem Schülergedicht des 15jährigen.
DER UNZUFRIEDNE
Horat. Deformis aegrimonia.
»Schiksaal! unglüksvolle Leiden
»Heist du Sterblichen die Freuden,
»Die die steile Laufbahn hat,
»Grausam rauben. Bange Thränen
»Die sich nach der Bahre sehnen,
»Zu erzwingen ist dein Rath.
Dieses Gedicht entstand nach Sattler (Frankfurter Ausgabe) „Vmtl. in der zweiten Novemberhälfte“, neben dem Titel steht in Hölderlins Handschrift: „Im Nov. 85.“ Sattler kommentiert: „Die Fortsetzung ist mit dem äußeren Doppelblatt der Sammelreinschrift vom Dezember verloren. Das Horaz-Motto steht am Schluß von Epode XIII.“ Zuerst gedruckt wurde es am 18. Juni 1893 in Neues Tagblatt, Stuttgart.
Beissner (Stuttgarter Ausgabe) erläutert das Motto: „Motto: Horaz, epod. 13 v. 17—18: illic omne malum vino cantuque levato, deformis aegrimoniae dulcibus adloquiis. »Dort (vor Troja),« sagt der Centaur Chiron zu seinem Zögling Achill, »sollst du dir alles Übel erleichtern durch Wein und Gesang: die bedeuten für den entstellenden Kummer süßen Trost (Zuspruch).«“
Die kursiven Wörter sind der von Hölderlin zitierte Teil: deformis aegrimoniae, unglüksvolle Leiden (Hölderlin), entstellenden Kummer (Beissner), „verzehrenden Schmerz“ (Bernhard Kytzler, Reclam 2006), „häßlichen Gram“ (Adolf Bacmeister 1871) (bei ihm trägt das Gedicht die Überschrift „13. Trost im Alter“), „abgehärmter Grämlichkeit“ (Voss bei Reclam Leipzig, o.J., während oder vor 1. Weltkrieg), „Gram und Herzeleid“ (Voss, „13. An die Freunde“, Reclam 1928, 3. berichtigte Auflage, besorgt von Otto Güthling), „häßlich Trauer“ (Google).
Das Gedicht: der 15jährige (der Horaz im Original las) antizipiert die „steile Laufbahn“ und den Absturz.
Endre Ady
(* 22. November 1877 in Érmindszent, Komitat Sathmar, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1919 in Budapest)
DAS FLIEHENDE LEBEN
Ei, schau, wie er da flieht,
der hohe Herr, das Leben,
verfolgt wie ein entlaufener Knecht
vom größeren Herrn, der ihn gerecht
am Kragen faßt.
(Und mit ihm rennen, fliehen andere,
der Enkel Millionen,
geringe Lebenssprosse.
Darunter seh ich eben,
einen, der da verzweifelt trippelt,
es ist mein Leben.)
Da stapft es durch den weißen,
noch unberührten Schnee.
Flieh, Leben, flieh, o weh,
schon sind sie da, die Spuren
von närrisch blutigroten Beinen,
die sich zum schrecklichen Verfolger
im Schnee vereinen.
Ei, wie das große Leben rennt,
und hinter ihm her laufen
durchs Eis- und Schneegeländ
die winzigen Lebenshaufen
vorm Tod, der kommt, und
er kommt in Stücken.
Ich will mir selbst entrücken
und schau mir an den Strich
wie Rembrandt seinen Stich:
Die Flächen hell und dunkel,
die lässig seine Hand gemacht —
sind heute höchste Pracht.
(Ich weiß, ich tauge was,
nur habe ich mich eben
mit gutem Grund und ohne
zuviel schon abgegeben
mit dem Tode.
Der Tod ist aber nicht der Schluß,
nur einer, der auch selber fliehen muß.
Denn Tod und Leben, beide
sind arme kleine Knirpse,
die tun uns nichts zuleide.)
Sie waten durch den wunderbaren Schnee,
um meinem Los zu folgen,
dem Leidensweg von Leib und Seele.
Wie Jäger suchen sie im Dickicht nur
vom Großen Wild die Spur.
Die blutige Fährte, es ist die seine,
des allergrößten Verfolgers,
er kommt, er droht,
und ist ein tausendmal größerer Herr
als der Tod.
Der Tod ist nur ein Blutfleck,
eine verrückte Uhr,
sie hat wohl tausend Zeiger,
und alle zeigen stur
tausendmal falsche Zeiten.
Ein Winternarr, ein Clown,
alles in allem — nichts.
Das Leben kann er schlagen
und hat trotzdem nicht mehr zu sagen
als eine Visitenkarte.
Und dennoch und immer wieder,
auf allen Lebenswegen,
rennt man nur seinetwegen.
(auch mir gilt sein Gebot,)
uns kommandiert der kleine Groom,
der Kerl, das Nichts:
Der Tod.
Mag sein, daß ohne Tod
das Leben auch nicht wär.
Doch hinter beiden steht
der rätselhafte Herr,
ein urzeitlich wildes Muß,
die regelwidrige Regel,
der Erzverfolger: Er.
Der Tod verfolgt — wie Wanzen
die ßlutspur im Zickzack —
das Leben nach dem Gebot des höchsten Herrn,
des Kommandeurs vom Ganzen.
Der Tod ist Farbe nur,
ist auf dem Schneeweiß feigen Lebens
die Glasur
(so auch auf meinem Lebensbrocken).
Die Röte aber schwindet leicht
wie bei dem Fieberkranken,
den man ein Pulver reicht.
O Tod, ich liebe dich
(wie oft hab ich’s gestanden !),
und doch bist du nichts anderes
als blutiger Begleiter,
als Spiegelbild, zersplittert,
als schuldloser Begleiter
des Lebens, das flieht und zittert.
(Auch meines armen Lebens,
das weiß, erfroren mitflieht,
gejagt wie jedes Leben.)
Und hinter allen kommt daher
der größere Verfolger:
der Unbekannte Herr.
Deutsch von Géza Engl, in: Endre Ady: Gedichte. Auswahl zum 100. Geburtstag des Dichters. Budapest: Corvina, 1977, S. 107-109
War Endre Ady, der große ungarische Dichter, der vielleicht zu den Großen der modernen Weltliteratur gezählt würde, hätte er in einer Weltsprache geschrieben, Expressionist? Wen kümmerts? In Paris las und übersetzte er Baudelaire und Verlaine. Man nennt ihn oft einen Symbolisten. Er schrieb: „Jedes Kunstdogma ist mir verhaßt, und ich verabscheue das Dogma des l’art pour l’art mit all der Milde und all den tödlichen Wunden, die ich vom Leben erhielt…“ (zitiert nach dem Vorwort des Bandes, aus dem das Gedicht entnommen ist).
John Förste
(* 26. Januar 1889 Mainz, † 21. März 1941 Berlin-Buch)
Nacht
Der Erde Leib erzittert wie ein Tier.
Nacht kauert fremd und Einer stöhnt im Schlaf.
Rötlich umrändert schwanken der Gestirne Zeichen,
Die gelben Tode: Heulender Granaten
Heißblaue Zungen, flammend in die Weite. –
Ein totes Pferd schwimmt quellend im Getreide.
Maisfelder dunkeln jäh: Aus trüben Labyrinthen
Brechen der Tode düstere Schattenspuren.
Aus: John Förste, Versensporn 23. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 4 – Zuerst in Die Aktion 4. September 1915, Sp. 446 (Unter der Überschrift „Dichtungen vom Schlachtfeld“)
Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
Die Nacht fällt scherbenlos ins Unbewußte;
Erlebnis bröckelt von dir ab wie Kruste,
Schon schirrt der Tag mit Faß, Laterne, Karren
Einäugige Pferde, die auf Futter harren.
Geliebte Fraun! Wo mögt ihr heute träumen!
In was für Betten dunkel euch verschäumen.
Lösch aus, du letzte Kerze, die noch brennt!
Mit froher Güte will ich mich umsäumen.
Wer treu ist, kehrt zurück aus Zwischenräumen
Zu einem gleichen Schicksal, das er kennt.
Ihn wird der eitle Schmerz nicht mehr betören
Dessen, der nichts verliert und nichts behält.
Wer treu ist, wird dem Menschlichsten gehören –
Und so erfüllt er sich in ewiger Welt.
Aus: Vom jüngsten Tag. Ein Almanach neuer Dichtung. Leipzig: Kurt Wolff, 1916, S. 41
In den über 100 Jahren sind etliche dieser Gedichte, die einmal befremdeten, zu Publikumslieblingen avanziert. Unsere Expressionismus-Anthologie 2020 versucht auch weniger Bekanntes zu bringen, aber die Ohrwürmer dürfen nicht ganz fehlen. Die Sammlung begann mit van Hoddis‘ Weltende, das war so einer, aber als ich die Anthologie zuerst las, 1968, erinnerte mich der Titel an ein Gedicht, das ich schon kannte, weil es in einem Schullesebuch „Aus deutscher Dichtung“ stand. „Weltende“ von Else Lasker-Schüler steht nicht in der Menschheitsdämmerung, aber für mich war es dabei, sicher das erste mir bekannte Gedicht dieser Art. Dieser Art? „Mein Herr, halten Sie das für ein expressionistisches Gedicht?“ Wen kümmerts? War Kafka Expressionist? Trakl? Zumindest diese beiden konnte man damit jagen, dazu gehören wollten sie nicht. Wenn Stramm Expressionismus, ist es dann Werfel? Welches von den folgenden Fragmenten ist expressionistisch?
1
Ein Veilchen fiel
Mir plötzlich wie ein blauer Stern zu Füßen.
Ich trug es in den goldnen Abend hin.
2
Mund Ohr Auge verhüllet
Schlaf Traum Erde der Wind.
Gelblich träger Würmer
Enggewundener Gang.
Pochen rollender Stürme.
Wimpern blutrot lang.
3
Die Uhren schlagen sieben. Nun gehen überall in der Stadt die Geschäfte aus.
Aus schon dunkelnden Hausfluren, durch enge Winkelhöfe aus protzigen Hallen drängen die Verkäuferinnen heraus.
4
Freund,
wenn du lächelst,
lächelt mein Herz,
und die Freude hebt ihre Fackel,
unsere Straße ist ein lächelnder Tag!
5
O Herr, zerreiße mich!
Ich bin ja noch ein Kind.
Und wage doch zu singen.
Und nenne Dich.
Und sage von den Dingen:
Wir sind!
6
Es spielt der Wind mit vielen tausend nassen Blättern,
Und alle winken immer wieder anderm Wind,
Und Waldeswalzer höre ich im Schatten schmettern.
7
Augen tauschen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Düfte spritzen
Schauer stürzen
8
Sein reines Antlitz in der weißen Klarheit
Des Irrtums grauenvolle Spur verließ.
Sie haben ihn gemordet, Geist der Wahrheit,
Trost der Armen von Paris.
9
Und die Blumen des Sommers, die schön im Winde läuten.
Schon dämmert die Stirne dem sinnenden Menschen.
Und es leuchtet ein Lämpchen, das Gute, in seinem Herzen
Und der Frieden des Mahls; denn geheiligt ist Brot und Wein.
10
Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
11
Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,
Nie den Morgen gesehen,
Nie Gott gesucht.
Nun aber wandle ich um meines Kindes
Goldgelichtete Glieder
Und suche Gott.
12
Arbeiter! Dich an Rad, Drehbank, Hammer, Beil, Pflug geschmiedeten
Lichtlosen Prometheus rufe ich auf!
Dich mit der rauhen Stimme, dem groben Maul.
Die Auflösung steht unten. Zuerst aber Else Lasker-Schüler.
Weltende
Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.
Du, wir wollen uns tief küssen …
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.
————————————- Weiterlesen
Ernst Blass
(* 17. Oktober 1890 in Berlin; † 23. Januar 1939 in Berlin)
Pause
Wir nahmen diese farbigen Getränke
Des Nachts in einer tanzerfüllten Bar –
Geschliffene Gläser, Kniee, Handgelenke,
Es ist kein Zweifel, daß das wirklich war.
Wir hörten ja auch all die Gassenhauer,
Erhitzte Rufe, sahen helle Mienen,
Und alles dies ist uns nicht fremd erschienen,
Wir saßen still, und nichts lag auf der Lauer.
Merkwürdig war sie dennoch, diese Pause,
Da nichts geschehen ist und nichts gediehn.
Fast ohne Möglichkeit, mir zu entfliehn,
Bin ich nun wieder, wie man sagt, »zu Hause«.
Wo sind wir, als wir tranken, nur geblieben?
Ich möcht es wissen, doch ich weiß nicht was.
An meinem Schreibtisch sitze ich vertrieben
Und dichte wieder Fragen als Ernst Blass.
1925
Erschienen in „Der Querschnitt“ 5, 1925, 779. Auch in: Versensporn 28: Ernst Blass. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 31
Am 22. Januar 1945, heute vor 75 Jahren, starben zwei Dichter der „Menschheitsdämmerung“:: Alfred Wolfenstein in Paris und Else Lasker-Schüler in Jerusalem. Heute ein Gedicht von Wolfenstein aus der „Symphonie jüngster Dichtung“ 1920.
ALFRED WOLFENSTEIN
CHOR
Faßt eure Finger: Fühlet euch denken,
Tupfend wie Geigen, nervige Singer,
Aber vom Herzen aufpulsen Pauken,
Dumpfere Ringer um euer Glück.
Wünscht nicht zu stehen, hörend zu schmelzen
Formet mit Füßen bergiges Gehen,
Kämpfend entgegenatmet die Erde,
Wild bleibt ihr Wehen in euch zurück.
Sterniges Kühlen, Glühen der Seele,
Einsamkeit, Liebe, — o beides fühlen!
Gehende Stimme geht auf zu Stimmen,
Freunde umwühlen Wüste in Glück.
Nach dem II. Satz der Adur-Symphonie
Hier ein Link zur Menschheitsdämmerung
Ludwig Meidner
Aus: Mondsichelgesang
Der Maurer braucht die Backsteine und der Dichter die trillernden Vokale. Auf großen, weißen Zetteln habe ich mir meine Backsteine angehäuft. Das Lexikon lieh mir seine Wortfülle. Nun wühl ich blindlings in den Worten. Ich nehme sie in den Mund und sie kriegen einen wunderbaren Sinn. Ich halte sie heiß in meinen Händen. Sie schütteln den Schlaf ab, strahlen neu und unerhört.
Man muß alle Gedanken verscheuchen, wenn man dichtet. Greif nach der Stubendecke. Zieh die Schublade deines inneren Wesens auf. Von da kommen deine Wunder.
Du mußt sie auch aus den Hosentaschen herausholen, aus den Schnurrbarthaaren reißen, von deiner Glatze herunterkratzen.
O, meine gebenedeiten Eingebungen in dieser Nacht. Und ihr zahllosen, fortrollenden Nächte mit fiebernder Wortmusik und ganz unirdischer Leichtigkeit des Leibes.
Ach, ich werfe mich berauscht in meine zottige Dichterbrust, wenn ich dichte. Ich bin großmütig, wenn ich dichte, und lächle immer nachsichtig und gütig zu meinen lieben Brüdern hinüber. —
In: Die Erhebung. Jahrbuch für neue Dichtung und Wertung. Hrsg. Alfred Wolfenstein. Berlin: S. Fischer, 1919 (5.-7. Tsd.), S. 189 (Mehr)
An diesem Tag 1948: Die deutsche Dichterin Henriette Hardenberg, die 1937 vor den Nazis nach England geflohen war, wird britische Staatsbürgerin.
Henriette Hardenberg
(geboren 5. Februar 1894 in Berlin; gestorben 26. Oktober 1993 in London)
REQUIEM
Meine Mutter sitzt im Blütenschnee,
Vögel in ihren Haarbächen spielen Frühling.
Sie läßt sich kosen von Flügeln auf ihrem roten Meere.
Es fließt um sie,
schüttelt den winzigen Körper
und füllt die alten Augen.
Du, mein rotes Blut im Schnee,
ich kann nicht zu Dir,
Dir nicht helfen aus Deinen Lasten.
Du lachst so, Farbe. –
Meine Mutter ertrank.
Blüten, küßt ihren Taubenleib,
Vögel, legt euch an sie heran,
trinkt sie aus, deckt sie zu:
ihr werdet alle rot, schimmrig braun,
Liebeserde.
Aus: Die Aktion 41, 11. Oktober 1913, Sp. 961
Fráňa Šrámek
(* 19. Januar 1877 in Sobotka; † 1. Juli 1952 in Prag)
ADA, MINKA, MARTA
Blutiger Tau an gelblichen Blüten,
es krümmt sich der Pfad, drei Mädchen nahn,
bloßfüßige Mädchen, die Wangen erglühten,
der Tau beleckt sie, der Tau spritzt sie an;
das Herz in den Händen, der Rock weht im Winde,
wie liefen wir alle drei so geschwinde
Ada und Minka und Marta.
Mütterchen weinte und kämmte die Haare,
Mütterchen weinte gern.
Wo schwandet ihr hin, meine jungen Jahre —
Mütterchen sang so gern . . .
Wie sich die Welt dreht, schaut, Mädchen, euch um,
nichts werden genießen, wenn sie so dumm,
Ada und Minka und Marta.
Wegriche blau am Straßenrand klagen,
wie von purpurnen Bannern ist die Stadt dunstumschienen,
o laßt euch, Mädchen, lasset euch tragen,
die Weisen gehn trinken, gehn wir mit ihnen —
das Haupt sinkt nach hinten, euch packt ein Beklemmen,
wer wird euch morgen die Haare kämmen,
Ada und Minka und Marta . . .?
Gebrechliche Gläschen Trinksprüche schrien —
es lebe die Flasche, hoch das Gewissen!
Das Bett ist aus Rosen, die Lumpen werft hin,
das Bett ist aus Dornen, wir wollen küssen . . .
Die Liebe ist heilig und groß, wie sie sagen,
wie wollt im Kote zu ihr euch hinwagen,
Ada und Minka und Marta . . .?
Die Menschen sind fremd und schlüpfrig die Gassen,
wer gestern euch nah war, schämt sich schon heute.
Etwas ist geschehen, doch wer will es fassen?
Wie schwer ist das Leben unter den Leuten.
Die Schönheit der Mittnacht weckt mittags nur Grausen,
Herze, wo irrst du, wo magst du hausen?
Ada und Minka und Marta . . .!
Die Nächte sind kühl, vergebliches Pochen.
In euern Fähnchen, friert ihr nicht, Kinder?
Das letzte Gäßchen blind kommt gekrochen.
Das Lämmchen Gottes entsündigt die Sünder!
Der Fluß stöhnt drunten, das Lamm will nicht sprechen,
Schreie von Wölfen das Dunkel durchbrechen —
O Ada, Minka und Marta . . .!
Ein blutroter Traum kehrt wieder und wieder,
die heiseren Stimmen, noch können sie singen.
Du trunkener Bursche, wärm‘ mir die Glieder,
fest, sakra! Der Wollust will Vivat ich bringen!
Herr Schutzmann, wißt nur: hier sind gefallen
die alles geopfert, die schönsten von allen,
Ada und Minka und Marta.
Ich geh durch die Zelle, die mit Dornen beladen.
Drei trunkene Stimmen den Raum überschwemmen:
Du törichter Dichter von Gottes Gnaden,
o neig‘ dich, mit güldenem Kamm uns zu kämmen,
euren Weg in der Mitte, schön weiß in der Mitte,
wie wenn der Kamm durchs Haar deiner Herzliebsten glitte,
kämm’ Ada, Minka und Marta . . .!
Deutsch von Otto Pick. Aus: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie. (Die Aktions-Lyrik). Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion (Franz Pfemfert), 1916, S. 94f.
Ada, Minka, Marta
Fráňa Šrámek
„Ada, Minka, Marta – mají hlad.“
Napsáno na dveřích cely č. 15 na policejním ředitelství pražském.*
Na žlutých květech krvavá rosa,
pěšinka zrádně se stáčí,
děvčátka tři jdou, děvčátka bosá,
rosa se lísá, rosa je smáčí,
srdce je na dlani, sukénka vichří,
to jsme se rozběhla děvčátka my tři,
Ada a Minka a Marta.
Maminka s pláčem přičísla vlasy,
maminka plakala ráda,
kam jste se poděly, mladé mé časy –
maminka zpívala ráda,
koukejte, holky, jak se svět houpá,
houbičky užije, když bude hloupá
Ada a Minka a Marta.
Čekanky modré žalují u cest,
město vlá v dálce rudými dýmy,
dejte se, holky, dejte se unést,
chytří jdou upít se, půjdeme s nimi –
hlava se zvrátila, zvroucněly hlasy,
kdo jen vám ráno učesá vlasy,
Ado a Minko a Marto . . .?
Křehoučké sklínky přípitek vzkřikly –
láhev a svědomí, vivat a vivat!
lůžko je z růží, my se už svlíkly,
lůžko je z trnů, my chceme líbat,
láska je velká prý, láska je svatá,
jak k ní však dojíti pro tolik bláta
Ado a Minko a Marto . . . ?
Dlažba je kluzká a lidé cizí,
včerejší známí, ti se dnes stydí.
Něco se stalo, však souvislost mizí.
A je tak těžko žít uprostřed lidí.
Půlnoční krása v poledne děsí,
srdce, kam zašlo jsi, srdce, oh, kde jsi?
Ado má, Minko a Marto . . . !
Prostydly noci, marně se klepá.
Není vám, děťátka, v hadérkách zima?
Ulička poslední, ulička slepá.
Beránek boží, ten hříchy snímá!
Řeka lká dole, beránek mlčí,
ze tmy jen klapají čelisti vlčí –
Ado má, Minko a Marto . . .!
Z minula vrací se sen jeden rudý,
chraptivým hlasem lze ještě zpívat.
Ty, hochu opilý, zahřej mi údy,
sakra, tož zmáčkni mne, rozkoši, vivat!
Vy, pane strážníku, vy aspoň vězte:
Daly vše. Padly. Bývaly hezké
Ada a Minka a Marta.
Celou já chodím: trní a hloží.
Opilé, hrozné tři blábolí hlasy:
Básníku hloupý, z milosti boží,
hřebenem zlatým učeš nám vlasy,
pěšinku uprostřed, pěšinku bílou,
jako bys česal bílou svou milou,
Adu češ, Minku a Martu . . .!
*) „Ada, Minka, Marta – sie haben Hunger.“ Geschrieben an der Tür der Zelle Nr. 15 im Prager Polizeipräsidium.
Joseph Brodsky
(Iossif Alexandrowitsch Brodskij, russisch Иосиф Александрович Бродский; * 24. Mai 1940 in Leningrad; † 28. Januar 1996 in New York)
Jüdischer Friedhof
Jüdischer Friedhof bei Leningrad.
Ein schiefer Zaun aus modrigem Holz.
Hinter dem schiefen Zaun, liegen nebeneinander
Juristen und Kaufleute, Musiker und Revolutionäre.
Sie sangen für sich.
Sie sparten für sich.
Sie starben für andere.
Zunächst aber zahlten sie Steuern,
respektierten den Polizisten,
und in dieser ausweglos materiellen Welt
interpretierten sie den Talmud
und blieben Idealisten.
Vielleicht erkannten sie mehr.
Oder glaubten blind.
Doch sie lehrten die Kinder tolerant zu sein
und zielstrebig zu werden.
Und sie säten nie Korn.
Niemals säten sie Korn.
Nur sich selbst legten sie
in den kalten Boden wie Samen.
Und sie schliefen ein für immer.
Und dann – wurden sie mit Erde zugeschüttet,
wurden Kerzen angezündet,
und am Gedenktag,
mit hoher Stimme, vor Hunger außer Atem,
kreischten alte Männer von ewiger Ruhe.
Und sie fanden sie.
In Form des Zerfalls der Materie.
Ohne sich an etwas zu erinnern.
Ohne etwas zu vergessen.
Hinter einem schiefen Zaun aus modrigem Holz,
vier Kilometer von der Endhaltestelle der Straßenbahn.
1958
Übersetzt von Achim Wagner nach einer Interlinearübersetzung von Vera Kurlenina
Иосиф Александрович Бродский
Еврейское кладбище около Ленинграда…
Еврейское кладбище около Ленинграда.
Кривой забор из гнилой фанеры.
За кривым забором лежат рядом
юристы, торговцы, музыканты, революционеры.
Для себя пели.
Для себя копили.
Для других умирали.
Но сначала платили налоги,
уважали пристава,
и в этом мире, безвыходно материальном,
толковали Талмуд,
оставаясь идеалистами.
Может, видели больше.
А, возможно, верили слепо.
Но учили детей, чтобы были терпимы
и стали упорны.
И не сеяли хлеба.
Никогда не сеяли хлеба.
Просто сами ложились
в холодную землю, как зерна.
И навек засыпали.
А потом — их землей засыпали,
зажигали свечи,
и в день Поминовения
голодные старики высокими голосами,
задыхаясь от голода, кричали об успокоении.
И они обретали его.
В виде распада материи.
Ничего не помня.
Ничего не забывая.
За кривым забором из гнилой фанеры,
в четырех километрах от кольца трамвая.
Emmy Hennings
(Emmy Ball-Hennings, * 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
ÄTHERSTROPHEN
Jetzt muß ich aus der großen Kugel fallen.
Dabei ist in Paris ein schönes Fest.
Die Menschen sammeln sich am Gare de l’est
Und bunte Seidenfahnen wallen.
Ich aber bin nicht unter ihnen.
Ich fliege in dem großen Raum.
Ich mische mich in jeden Traum
Und lese in den tausend Mienen.
Es liegt ein kranker Mann in seinem Jammer.
Mich hypnotisiert sein letzter Blick.
Wir sehnen einen Sommertag zurück . . .
Ein schwarzes Kreuz erfüllt die Kammer. . .
(Dieses Gedicht ist für Hardy)
Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude. Gedichte. Leipzig: Kurt Wolf Verlag, 1913 (Der jüngste Tag 5), S. 5

Georg Heym
Heute vor 108 Jahren ertrank Georg Heym beim Eislaufen.
Aus: Viertes Tagebuch
15.9.1911. Man könnte vielleicht sagen, daß meine Dichtung der beste Beweis eines metaphysischen Landes ist, das seine schwarzen Halbinseln weit herein in unsere flüchtigen Tage streckt.
Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger äußerer Emotionen, um glücklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasieen, immer als einen Danton, oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine Jacobinermütze kann ich mich eigentlich garnicht denken. Ich hoffte jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.
Mein Gott, wäre ich in der französischen Revolution geboren, ich hätte wenigstens gewußt, wo ich mit Anstand hätte mein Leben lassen können, bei Hohenlinden oder Jémappes.
Alle diese Jentzsch, u. Koffka, alle diese Leute können sich in diese Zeit eingewöhnen, sie alle, Hebbelianer, Leute des Innern, können sich schließlich in jeder Zeit zurecht finden, ich aber, der Mann der Dinge, ich, ein zerrissenes Meer, ich immer in Sturm, ich der Spiegel des Außen, ebenso wild und chaotisch wie die Welt, ich leider so geschaffen, daß ich ein ungeheures, begeistertes Publikum brauche um glückselig zu sein, krank genug, um mir nie selbst genug zu sein, ich wäre mit einem Male gesund, ein Gott, erlöst, wenn ich irgendwo eine Sturmglocke hörte, wenn ich die Menschen herumrennen sähe mit angstzerfetzten Gesichtern, wenn das Volk aufgestanden wäre, und eine Straße hell wäre von Pieken, Säbeln, begeisterten Gesichtern, und aufgerissene Hemden.
Wie gut haben es die Contemplativen, die Unlebendigcn, Leute eben wie Jentzsch u. Koffka, die genug Leben aus ihrer Seele ziehen können.
Vielleicht irre ich mich hier, ich kann das ja auch, – aber – sie sind dabei glücklich, und ich nicht. (Denkfehler, aufsuchen)
Man vergleiche doch ihre Gesichter, wie friedlich sie aussehen und das meine, auf dem Qual, Laster, Verzweiflung, Enthousiasmus alles mögliche stündlich tausend mal herüberfahren.
Aus: Klaus Schuhmann: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik (rowohlts enzyklopädie). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, S. 7if
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