Manfred Winkler
Der Flüchtling 1938
Ein Land zwischen zwei Grenzen,
Niemandsland,
und manchmal ein Herz dort,
das niemand will.
Ein Herz,
aus allen Grenzen verbannt,
ohne ruhigen Hort,
ohne ein gutes Wort,
wandernd in einem fort
von Niemandsland zu Niemandsland.
Quelle: Tief pflügt das Leben. Gedichte. Bukarest 1956.
In: Blaueule Leid. Bukowina 1940-1944, Hrsg. Bernhard Albers. Aachen: Rimbaud, 2003, S. 36
Eduard Mörike
(* 8. September 1804 in Ludwigsburg, Württemberg; † 4. Juni 1875 in Stuttgart)
Der Kehlkopf
Der Kehlkopf, der im hohlen Bom
Als Weidenschnuppe uns ergötzt,
Dem kam man endlich auf das Trom,
Und hat ihn säuberlich zerbäzt,
Man kam von hinten angestiegen,
Drauf ward er vorne ausgezwiegen.
Aus: Wispeliaden
Georg Herwegh
(* 31. Mai 1817 in Stuttgart; † 7. April 1875 in Lichtental)
Mein Deutschland, strecke die Glieder
Mein Deutschland, strecke die Glieder
ins alte Bett, so warm und weich;
Die Augen fallen dir nieder,
du schläfriges deutsches Reich.
Hast lange geschrien dich heiser –
nun schenke dir Gott die ewige Ruh!
Dich spitzt ein deutscher Kaiser
pyramidalisch zu.
O Freiheit, die wir meinen,
o deutscher Kaiser, sei gegrüßt!
Wir haben auch nicht einen
Zaunkönig eingebüßt.
Sie sind uns alle verblieben;
und als wir nach dem Sturm gezählt
Die Häupter unsrer Lieben,
kein einziges hat gefehlt.
Deutschland nimmt nur die Hüte
den Königen ab, das genügt ihm schon;
Der Deutsche macht in Güte
die Revolution.
Die Professoren reißen
uns weder Thron noch Altar ein;
Auch ist der Stein der Weisen
kein deutscher Pflasterstein.
Wir haben, was wir brauchen;
gesegnet sei der Völkerlenz!
Wir dürfen auch ferner rauchen
in unsrer Residenz.
Wir haben Wrangels Säbel,
Berlin und seinen Wolkensteg;
Das Maultier sucht im Nebel
noch immer seinen Weg.
Wie freun sich die Eunuchen!
Die bilden jetzo den ersten Stand,
Der Welcker frißt die Kuchen
den Königen aus der Hand.
Du hältst dir einen Gesandten,
Deutschland, im Stillen Ozean
Und fühlest den Elefanten
in Indien auf den Zahn.
Die Fragen sind erledigt,
die Pfaffen machen bim bam bum;
Den Armen wird gepredigt
das Evangelium.
Wir bauen dem lieben Gotte
den hohen Dom zu Cöllen aus
Und geben eine Flotte
auf Subskription heraus.
Die schwarz-rot-goldnen Wimpel
besorgt der Jakob Venedey,
Als Wappen nahm er den Gimpel,
sein eignes Konterfei.
Fünfhundert Narrenschellen
zu Frankfurt spielen die Melodie:
Das Schiff streicht durch die Wellen
der deutschen Phantasie.
(1849)
Alttoskanisch
Des Seemanns Ende ist, im Meer zu sterben,
Der Dieb wird einmal doch am Galgen enden,
Der Ausgang einer Brüderschaft ist Streit,
Des Kaufmanns Glück beendet der Bankrott –
Das Ende zweier treuer Liebender ist Auseinandergehen
Mit Seufzern und mit Tränen.
Aus: Alttoskanische Liebeslieder. Ausgewählt und frei ins Deutsche übertragen von Annemare Sibbers. Leipzig: Max Möhring, o.J. (1935?), S. 27
Alex Galper
Anführer der Aufständischen
Wenn in einem Monat
Macondo von der Nachricht erfährt
Dass ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist
Steig vom fliegenden Teppich ab
Hör auf, nach dem Philosophenstein zu suchen
Erschieße den levitierenden Priester
Und gehe in den Wald zu den Aufständischen
In einigen Jahren wird man dich zurück
In die Heimatstadt bringen – zum Erschießen
Man wird dich an die Friedhofsmauer stellen
Und bevor das Kommando „Feuer“ ertönt
Wirst du sehen, wie dir ein Mädchen zuwinkt
In das du als Kind verliebt warst
Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann im Nachbarhaus
Dessen Fenster auf den Friedhof blicken
Und singt ihrem Baby ein Wiegenlied vor.
Du winkst ihr zu
Und sie winkt dir zurück.
Aus dem Russischen von Natalia Maximova
In: Abwärts! 34, Oktober 2019, S. 39
Ich suchte ein Gedicht Wilhelm Waiblingers, der am 21. November 1804 in Heilbronn geboren wurde, aber es war nichts zu brauchen. Auch das Gedicht „An Hölderlin“ nicht, mit seinen „Jammerheiliger, irren Auge, Jugendschönheit, Kinderherzens und Gartenhäuschen“ („komm, es wartet dein“). In einer langen Fußnote bringt er sich als Kenner ins Gespräch und kündigt an, bald eine „umständlichere Darstellung“ seines, Hölderlins, jetzigen Zustands folgen zu lassen. In der Fußnote erwähnt er, dass Hölderlin ihm Gedichte vorgelesen habe, „freilich in einem fürchterlichen Stil“. (Na na, ich hab gerade eine halbe Stunde deine Gedichte gelesen!). Aber immerhin verdanken wir Waiblinger ein paar Fragmente aus der Zeit im Tübinger Turm, die Waiblinger in seine Romanbiografie „Phaeton“ einrückt. Ein paar lesenwerte Seiten in dem Buch, das sich sonst wie eine schlechte Parodie auf „Hyperion“ liest.
Friedrich Hölderlin: Phaetonsegmente
I
In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchthurm. Den umschwebet Geschrey der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Thore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Thore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch seyn? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel? dieses glaub’ ich eher. Des Menschen Maaß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.
II
Giebt auf Erden ein Maaß? Es giebt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug’ oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu seyn, gefällt das Gott ? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Thränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh’ ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nämlich ich hab’ ein Herz. Möcht’ ich ein Komet seyn? Ich glaube. Denn sie haben Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrthenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrthen aber giebt es in Griechenland.
III
Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darinn sein Bild, wie abgemahlt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Ödipus hat ein Auge zuviel vielleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk’ ich deiner jetzt? Wie Bäche reißt des Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Ödipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu theilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu seyn! Das thut die schöne Sonne: nämlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen. Die Leiden scheinen so, die Ödipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.
Waiblinger kommentiert: „Hier sind einige Blaͤtter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen Blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemüthes geben. Jm Original sind sie abgetheilt, wie Verse, nach Pindarischer Weise.“
Sinaida Hippius
(auch Gippius, russisch: Зинаида Николаевна Гиппиус; * 8. November jul./ 20. November 1869 greg. in Beljow bei Tula; † 9. September 1945 in Paris)
Alles um uns Schreckliches, Grausames, Häßliches, Gieriges, Stumpfes, Gefühlloses, Schmutziges, Schmieriges, Langsam Zermürbendes, Ehrloses, Kleinliches, Schlüpfriges, Schändliches, Elendes, Peinliches. Rachsüchtig-Neidisches, Lüsternes, Niedriges, Geiziges, Tückisches, Heimliches, Widriges, Enges, Verkrampftes, Bedrückendes, Dumpfiges, Feiges, Unwürdiges, Schlammiges, Sumpfiges. Sklavisches, Dienendes, Kriechendes, Beugendes, Starres, Unfehlbares, hartnäckig Leugnendes, Ängstlich sich Drückendes, träge Beharrendes, Muffiges, Schläfriges, Welkes, Erstarrendes, Eitles, Verlogenes, ganz Unerträgliches, Dummes, Gemeines ... und Klägliches, Klägliches! Doch schweigen wir lieber - was nützet die Klage? Wir wissen es kommen einst bessere Tage. ' 1904
Deutsch von Rudolf Plank. Aus: Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind. München, Zürich: Piper, 1987, S. 215
Die Übersetzung zuerst in: Rudolf Plank, Russische Dichtung. Ein Querschnitt und Übertragungen. Karlsruhe: Müller, 1946
Зинаида Гиппиус
ВСЁ КРУГОМ Страшное, грубое, липкое, грязное, Жестко-тупое, всегда безобразное, Медленно рвущее, мелко-нечестное, Скользкое, стыдное, низкое, тесное, Явно довольное, тайно-блудливое, Плоско-смешное и тошно-трусливое, Вязко, болотно и тинно застойное, Жизни и смерти равно недостойное, Рабское, хамское, гнойное, черное, Изредка серое, в сером упорное, Вечно лежачее, дьявольски косное, Глупое, сохлое, сонное, злостное, Трупно-холодное, жалко-ничтожное, Непереносное, ложное, ложное! Но жалоб не надо; что радости в плаче? Мы знаем, мы знаем: всё будет иначе.
Transkription (Google):
VSO KRUGOM
Strashnoye, gruboye, lipkoye, gryaznoye,
Zhestko-tupoye, vsegda bezobraznoye,
Medlenno rvushcheye, melko-nechestnoye,
Skol’zkoye, stydnoye, nizkoye, tesnoye,
Yavno dovol’noye, tayno-bludlivoye,
Plosko-smeshnoye i toshno-truslivoye,
Vyazko, bolotno i tinno zastoynoye,
Zhizni i smerti ravno nedostoynoye,
Rabskoye, khamskoye, gnoynoye, chernoye,
Izredka seroye, v serom upornoye,
Vechno lezhacheye, d’yavol’ski kosnoye,
Glupoye, sokhloye, sonnoye, zlostnoye,
Trupno-kholodnoye, zhalko-nichtozhnoye,
Neperenosnoye, lozhnoye, lozhnoye!
No zhalob ne nado; chto radosti v plache?
My znayem, my znayem: vso budet inache.
Automatische Googleübersetzung:
ALLES RUND UM
Unheimlich, unhöflich, klebrig, schmutzig,
Hartnäckig, immer hässlich,
Langsam zerreißend, kleinlich unehrlich
Rutschig, beschämend, niedrig, eng,
Ausdrücklich zufrieden, heimlich lasziv,
Witzig und krankhaft feige
Zähflüssig, sumpfig und schlammig stehend,
Leben und Tod sind gleichermaßen unwürdig,
Sklave, grob, eitrig, schwarz,
Gelegentlich grau, hartnäckig in grau,
Für immer liegend, teuflisch träge,
Dumm, trocken, schläfrig, bösartig,
Leichenkalt, erbärmlich unbedeutend,
Unmöglich, falsch, falsch!
Aber keine Beschwerden; Was für Freuden beim Weinen?
Wir wissen, wir wissen: Alles wird anders sein.
L. Marco [Martha Lasker]
(* 19. November 1867 in Berlin als Martha Bamberger; † 18. Oktober 1942 in Chicago)
Treue
Am rauschenden Nordseestrande,
Da ward die Bekanntschaft gemacht,
Da haben die beiden im Sande
Geplaudert, gescherzt und gelacht.
Sie sprachen von allem auf Erden
Und – von der Sonne Licht,
Sie sprachen von ihrer Liebe,
Doch von der – Ehe nicht.
Erst in der Abschiedsstunde,
Da hat sies ihm erzählt
Voll Mut zum ersten Male:
Sie sei – bereits vermählt.
Da küßt er sie so innig
Nach alter Minne Brauch
Und flüstert unbefangen:
»Mein Schatz – ich bin es auch!«
Aus: Richard Zoozmann: Unartige Musenkinder. Leipzig: Hesse & Becker, o.J. (Die erste Ausgabe erschien 1900)
Confusius von Ollapotrida.
I.
Reverirte Dame,
Phoenix meiner ame,
Gebt mir audientz:
Euer Gunst meriten,
Machen zu falliten
Meine patientz.
II.
Ach ich admirire,
Vnd considerire,
Eure violentz,
Wie die Liebesflamme
Mich brennt/ sonder blasme,
Gleich der Pestilentz.
III.
Jhr seyd sehr capable,
Jch bin peu valable
Jn der eloquentz:
Aber mein serviren
Pflegt zu dependiren,
Von der influentz.
IV.
Meine Larmes müssen
Von den jouen flüssen
Nach der Singcadentz;
Wie der Rhein couliret,
Vnd sich degorgiret,
Nechst bey Cobelentz.
V.
Solche amartume
Macht Neptuno rühme
Jn oceans Grentz‘ /
Komt ihr Flußnajaden
Vnd ihr Meertriaden /
Schaut die consequentz.
VI.
Belle, werd ihr lieben/
Vnd nicht mehr betrüben
Eure conscientz,
Werdt ihr rejouiren,
Die im Meer versiren,
Nach der aperentz.
VII,
Die coquilles tragen
Werden tandem fragen
Nach der excellentz,
So die saliteten
adulciret hätten/
Durch die abstinentz.
VIII.
Abstinentz von hassen /
Vnd sich lieben lassen
Sonder insolentz,
Kan das Meer versüssen.
Bis zu euren Füssen
Macht Euch reverentz.
Aus: Der Teutsche Palmenbaum: Das ist, Lobschrift Von der Hochlöblichen, Fruchtbringenden Gesellschaft : Anfang, Satzungen, Vorhaben, Namen, Sprüchen, Gemählen, Schriften und unverwelklichem Tugendruhm. Allen Liebhabern der Teutschen Sprache zu dienlicher Nachrichtung, verfasset durch den Unverdrossenen. Nürnberg 1647, S. 129f
(Aus diesem Buch stammt auch das Wort Fremdgierigkeit)
Worterklärungen
I: Reverirte: Verehrte; ame: Seele. meriten: Vorzüge. falliten: bankrott, patientz: Geduld.
II: admirire: bewundere, considerire: betrachte, erwäge, violentz: Heftigkeit. blasme: wohl Tadel,
III: capable: fähig, peu valable: wenig tauglich, eloquentz: Beredsamkeit, serviren: dienen, dependiren: abhängen, influentz: Einfluß.
IV: Larmes: Tränen, jouen: Wangen, couliret: fließt. degorgiret: überfließt
V: amartume: Bitterkeit, rühme: frz. rhume, Rheumatismus.
VI: Belle:.Schöne, conscientz: Gewissen, rejouiren: erfreuen, versiren: sich tummeln, aperentz: Aussehen, Anschein
VII: coquilles: Muschelschalen, tandem: schließlich, saliteten: Salzigkeiten? vielleicht Bitternisse? Fremdwortgebrauch besteht ja darin, dass man es nicht genau weiß / gebraucht, adulciret: versüßt
VIII: insolentz: Unverschämtheit, Überheblichkeit, reverentz: Huldigung
Nikolaus Lenau
(* 13. August 1802 in Csatád, Königreich Ungarn; † 22. August 1850 in Oberdöbling bei Wien)
Zweierlei Vögel
Strichvogel Reflexion,
Zugvogel Poesie,
Singt jeder andern Ton
Und andre Melodie.
Strichvogel hüpft und pfeift
Und pickt von Ast zu Ast,
Und höchstens einmal streift
Zu Nachbarn er als Gast.
Er ruft: Freund! bleib im Land
Und redlich nähre dich;
Es wagt um Fabeltand
Ein Narr nur weiter sich.
O halte deinen Flug
Von Meer und Stürmen fern,
Die Sehnsucht ist Betrug,
Hier picke deinen Kern!
Zugvogel aber spricht:
Du Flattrer, meinen Flug
Und Zug verstehst du nicht;
Klug ist hier nicht genug.
Du picke immer zu
Und bleib auf deinem Ast,
Wenn keine Ahnung du
Von meiner Ahnung hast.
Doch pfeifs nicht aus als Wahn
Und Narrenmelodei,
Daß hinterm Ozean
Auch noch ein Ufer sei.
Paula Ludwig
(* 5. Januar 1900 in Feldkirch; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)
Ich kann nur die Flöte spielen
und nur fünf Töne
Wenn ich sie an die Lippen hebe
kehren die Karawanen heim
und in dunklen Scharen die Vögel
Dann rudern die Fischer ans Ufer
und aus Morgenländern kommt duftend
der Abend zurück
Am Stamme des Ahorns lehn ich
im Schatten des Efeus
und sende mein Lied nach dir aus.
Aus: Paula Ludwig. Versensporn 38. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 21
Nikolaus Lenau
(* 13.8. 1802 Csatád bei Temesvár, Ungarn, † 22.8.1850 Oberdöbling bei Wien)
Trutz euch!
Ihr kriegt mich nicht nieder,
Ohnmächtige Tröpfe!
Ich komme wieder und wieder,
Und meine steigenden Lieder
Wachsen begrabend euch über die Köpfe.
Aus: Nikolaus Lenau’s Sämmtliche Werke, hrsg. v. Anastasius Grün. 4. Band. Stuttgart u. Augsburg: Cotta, 1855, S. 313
Johanna Charlotte Unzer
(Deutsche Dichterin und Philosophin, * 25.11.1725 Halle, † 29.01.1782 Altona)
Mittel zum Vergnügen
Schwestern! wollt ihr wissen,
Wie ich mich vergnüge,
Daß ich immer scherze,
Daß ich immer singe,
Daß ich auch im Winter,
Wenn auch schon die Rosen
Unser Haupt nicht krönen,
Doch noch immer scherze?
Machts wie ich, und liebet!
Doch liebt nicht nur Männer:
Liebet auch die Tugend;
Liebet schöne Bücher;
Stimmet auch die Saiten,
Dichtet schöne Lieder;
Singet von der Liebe!
Liebt ihr aber Männer;
O! so liebt nur einen,
Liebet ihn recht zärtlich,
Scherzt mit eurem Freunde:
So seyd ihr recht glücklich!
Aus: Deutsche Lyrik 1700-1770. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. von Jürgen Stenzel. München: dtv 2001, S.- 252f
Heute vor 30 Jahren rappte Erich Mielke vor der Volkskammer in Ostberlin: „Ich liebe doch alle … alle Menschen … ich liebe doch … ich setze mich ein.“ Die kleine Kostbarkeit gehört zu den meistzitierten Werken der deutschen Literatur und ging in der Form „Ich liebe euch doch alle!“ in Volksmunds Zitatenschatz ein. Auf den Tag genau 13 Jahre früher sang Wolf Biermann in Köln vor fast 7000 Leuten, darunter war mein späterer Freund Andreas. Ich wär auch hingegangen, aber Köln lag damals hinterm Mond, no way. Nur Biermann haben sie noch dorthingeschossen. Die DDR-Führung nutzte den Auftritt für die „Ausbürgerung“, in der Zeitung stand: „das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Rrrrr entzogen“.
Auf diesem Konzert sang Biermann auch die
Ballade Vom Preußischen Ikarus
1.
Da, wo die Friedrichstraße sacht
Den Schritt über das Wasser macht
da hängt über der Spree
Die Weidendammerbrücke. Schön
Kannst du da Preußens Adler sehn
wenn ich am Geländer steh
dann steht da der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguß
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab
macht keinen Wind – und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree
2.
Der Stacheldraht wächst langsam ein
Tief in die Haut, in Brust und Bein
ins Hirn, in graue Zelln
Umgürtet mit dem Drahtverband
Ist unser Land ein Inselland
umbrandet von bleiernen Welln
da steht der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguß
dem tun seine Arme so weh
er fliegt nicht hoch – und er stürzt nicht ab
macht keinen Wind – und macht nicht schlapp
am Geländer über der Spree
3.
Und wenn du wegwillst, mußt du gehn
Ich hab schon viele abhaun sehn
aus unserm halben Land
Ich halt mich fest hier; bis mich kalt
Dieser verhaßte Vogel krallt
und zerrt mich übern Rand
dann bin ich der preußische Ikarus
mit grauen Flügeln aus Eisenguß
dann tun mir die Arme so weh
dann flieg ich hoch – dann stürz ich ab
mach bißchen Wind – dann mach ich schlapp
am Geländer über der Spree
Wolfram von Eschenbach
Übertragung: Ulrike Draesner
Krallen, klauen
durch die wolken schwer geschlagen
steigt er auf mit großer kraft
ich sah ihn grauen
tag um tag will er so tagen:
der tag, der seiner gesellschaft
beraubt den edlen mann
den in der burg ich schlafen ließ.
ich bring ihn raus, wie ich’s nur kann.
mich treibt, dass stark, dass gut er hieß.«
» wächter, was du singst
lässt mein vergnügen schrumpfen
und laut mich klagen.
die nachricht, die du bringst
will alle freude mir versumpfen
jeden morgen, wenn es will tagen.
sollst mir gar nichts davon sagen.
auf deine treue befehl ich’s dir.
lohn ich geb, kannst ihn kaum tragen
und mein liebster, der bleibt hier.«
» raus muss er, von hinnen
rasch geeilt, verliert kein wort.
lass ihn ziehen, süßer käfer.
später lass dich minnen
an gut verborgnem ort
rett ruf und leben deinem schäfer.
auf mich verlässt er sich so wie auf dich
dass ich käm, ihn rauszuholen.
tag ist’s, die nacht verblich
du selbst, mit kuss, hast ihn mir anbefohlen.«
» was dir gefällt
wächter, sing, nur lass den hier
der liebe gab, den liebe nahm gefangen.
was du gegellt
hat ihn wie mich erschrocken hier
noch ist der morgenstern nicht aufgegangen
für den, der kam, sich der liebe zu erbarmen
noch brennt es nicht, des tages licht.
hast ihn mir aus den weißen armen
gerissen so oft, aus dem herzen reißt ihn nicht. «
wie der tag
mit blicken durchs fenster drang
mitsamt des wächters warngesang
um den, der bei ihr lag
machten mächtig ihr bang.
ihre brüstchen sie an seine zwang.
des ritters männlichkeit glückte
trotz des wächters störendem ton
abschied höchstselbst aufs nächste erquickte
mit küssen sie – und mehr, der liebe lohn.
Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. Tristan Marquardt und Jan Wagner. München: Hanser, 2017, S. 121 f
Lied 3
I
«‹Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen:
er stîget ûf mit grôzer kraft!
ich sich in grâwen
tegelîch als er wil tagen:
den tac, der im geselleschaft
erwenden wil, dem werden man,
den ich bî naht în verliez.
ich bringe in hinnen ob ich kan:
sîn vil manigiu tugent mich daz leisten hiez.›»
II
‹Wahtær du singest
daz mir manige vröide nimt
unde mêret mîne klage.
mær du bringest
der mich leider niht gezimt
immer morgens gegen dem tage:
diu solt du mir verswîgen gar!
daz gebiut ich den triuwen dîn.
des lôn ich dir als ich getar –
sô belîbet hie der geselle mîn.›
III
«‹Er muoz et hinnen
balde und âne sûmen sich.
nu gib im urloup, süezez wîp!
lâz in minnen
her nâch sô verholne dich,
daz er behalte êre und den lîp.
er gap sich mîner triuwen alsô
daz ich in bræhte ouch wider dan.
ez ist nu tac: naht was ez dô
mit drucken an die brüste dîn kus mir in an gewan.›»
IV
‹Swaz dir gevalle
wahtær sinc und lâ den hie,
der minne brâht und minne enpfienc.
von dînem schalle
ist er und ich erschrocken ie.
sô ninder morgenstern ûf gienc
ûf in der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht:
du hâst in dicke mir benomen
von blanken armen – und ûz herzen niht.›
V
Von den blicken,
die der tac tet durch diu glas,
und dô wahtære warnen sanc,
si muose erschricken
durch den der dâ bî ir was.
ir brüstlîn an brust si twanc,
der rîter ellens niht vergaz
(des wold in wenden wahtærs dôn).
urloup nâh und nâher baz
mit kusse und anders gab in minne lôn.
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