Kein Baum wollte ihn haben

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

DER BAUM

Sonne hat ihn gesotten,
Wind hat ihn dürr gemacht,
Kein Baum wollte ihn haben,
Überall fiel er ab.

Nur eine Eberesche,
Mit roten Beeren bespickt,
Wie mit feurigen Zungen,
Hat ihm Obdach gegeben.

Und da hing er mit Schweben,
Seine Füße lagen im Gras.
Die Abendsonne fuhr blutig
Durch die Rippen ihm naß,

Schlug die Ölwälder alle
Über der Landschaft herauf,
Gott in dem weißen Kleide
Tat in den Wolken sich auf.

ln den blumigen Gründen
Singendes Schlangengezücht,
ln den silbernen Hälsen
Zwitscherte dünnes Gerücht.

Und sie zitterten alle
Über dem Blätterreich,
Hörend die Hände des Vaters
Im hellen Geäder leicht.

Aus: Georg Heym: Umbra Vitae. Nachgelassene Gedichte. Leipzig: Rowohlt, 1912, S. 64

Du deiner dich dir

Kurt Schwitters (* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)

Der Bahnhof

Man hat eine Leiter zur Sonne gestellt
Die Sonne ist schwarz
Die Mühle blüht
Millionen Menschen wölben Sturmgeläute
Und Herzen kommen
Herzen bersten
Ein Pfeil überherzt Herzen
Die Herzen pfeilen
Zur Mühle herzen die Pfeile Sonne
Es weht eine wilde Gier
Du deiner dir dich
Du deiner dich dir.

(um 1919)

Aus: Kurt Schwitters: Das literarische Werk. Hg. Friedhelm Lach. Bd. 1: Lyrik. Köln: DuMont 1998 [die Ausgabe erschien zuerst 1973), S. 65

Berceuse

Hans Schiebelhuth

(* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA)

BERCEUSE

Meine seidne Schwester. Südwind will dich umminnen.
Schwester von Gold. Schlummre. Singende Seele
Schwester von Bernstein. Sommernacht süß über Himmeln.
Sterne knospen.
Im Blau schwebt Mond, der löwenhafte Hüter deines Schlafs.

Träume. Wenn böse Nachtboten kommen,
Vögel der Finsternis,
Will durchs Dunkel denkend ich dir Leuchter schenken,
Sternlicht tragend, und die unsichtbare Kette
Dran die gute Mondampel hängt.

Inmitten des Weltdoms sitzt strahlend im Gnadenstuhl
Aufrecht Gottvater mit gütigen Greisenhänden.
Sankt Lukas, der eine Brille trägt, liest ihm die Schrift.
Auf weißem Eselchen zieht die Madonn
Durchs heilige Ölfeld.

Aber wenn des Morgens Lichtruf hürnen erschallt,
Werden bronzne Wälder wie Gong tiefer ertönen.
Lenz blutet Mohn um Raine. Wind wiegt weißes Gewölk.
Goldne Schwalben spielen.
Dann bist du vom Schlummer blaß. Kleine Jilája.

Aus: Der Zweemann. Monatsblätter für Dichtung und Kunst. Hannover, 1-05, März 1920, S. 14

Titelblatt
Ebd. S. 15

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Ertrunkener im Grünen

Bolesław Leśmian

(* 22. Januar 1877* in Warschau; † 5. November** 1937 ebenda)

ERTRUNKENER

Auf einer Lichtung, weich der Gräserflut zu Füßen,
Wo Wald und Flur ganz plötzlich ineinanderfließen.
Liegt unnütz vor sich selbst der Leichnam eines Wandrers.
Er sah die ganze Welt, den Himmel und auch andres,
Bis er, der Ungestüme, auf der Kummerfährte,
Das Grün an sich im Geist zu finden, aufbegehrte.
Da nahm ihn, als er rastete, mit Waldeszangen
Der Dämon allen Grüns in seinen Wind gefangen,
Verhieß, er würde ewig von Erblühtem nippen.
Und sog mit der geheimen Unlach wirrer Lippen
Und zauberte Vernichten, Unverkörperungen,
Verführte ihn ins Grün mit seinen grünen Zungen!
Und er lief an den Ufern immer andrer Welten,
Entmenschlichte sich ganz, wo Blumen ihn beseelten,
Bis er in ein Geläut geriet von Beerenfülle,
In solches Farnkrautdunkel, solche Gräberstille,
In solche Gräserunwelt, solches Ohnetürme,
In solches Rauschen, letztes irgendwo Gestürme,
Daß er jetzt tot hier liegt, das Abgrundlos zu sühnen,
Ein Schatten, Wald im Wald – Ertrunkener im Grünen.

1920

Deutsch von Karl Dedecius. Aus: Poesie der Welt. Polen. Hrsg. Peter und Renate Lachmann. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1987, S. 226f (Die Jahreszahl ergänzt aus: Polnische Poesie. Ausgewählt von Karl Dedecius. München: dtv, 1968, davor bei Hanser 1964)

Prosaübersetzung der Herausgeber Peter und Renate Lachmann

Auf den flüchtigen Strömen des Schafgrases, in der Waldlichtung, / Wo der Wald unverhofft einer Wiese sich angleicht, / Liegt die Leiche des Wanderers, eine unnütze Leiche. / Er hat die ganze Welt durchwandert von Wolken zu Wolken, / Bis er plötzlich in ungeduldiger Trauer begehrte, / Querfeldein das Grün an sich im Geiste zu bereisen. / Gleich umfing ihn der Dämon des Grüns in allwaldigem Wehen, / Als er auf dem Weg unter einem Baum innehielt, / Und (ihn) mit der Hast unaufhörlicher Blüte lockte, / Und mit geheimem Nichtlächeln des atemlosen Mundes reizte, / Und mit der Nichtigkeit duftender Nichtverkörperungen bezauberte, / Und immer tiefer verführte – in dieses Grün, in dieses Grün! / Und er lief an den Ufern immer anderer Welten, / Die Seele und den Atem mitten unter den Blumen ent-menschend, / Bis er vordrang in die klingenden Krüge solcher Beeren, / In einen solchen Nichtbeginn von Dickicht, in eine solche Tonlosigkeit von Stummheit, / In eine solche Düsternis von Farn, in die Grabhügel solcher Stillen, / In die letztendlichen Gestöber solchen Lärms, / Daß er nun da liegt tot in der Grundlosigkeit von hundert Frühlingen, / Schattig, wie ein Wald im Walde – der Ertrunkene des Grüns.

TOPIELEC

W zwiewnych nurtach kostrzewy, na leśnej polanie,
Gdzie się las upodobnia łące niespodzianie.
Leżą zwłoki wędrowca, zbędne sobie zwłoki.
Przewędrował świat cały z obłoków w obłoki,
Aż nagle w niecierpliwej zapragnął żałobie
Zwiedzić duchem na przełaj zieleń samą w sobie.
Wówczas demon zieleni wszechleśnym powiewem
Ogarnął go, gdy w drodze przystanął pod drzewem,
I wabił nieustannych rozkwitów pośpiechem,
I nęcił ust zdyszanych tajemnym bezśmiechem,
I czarował zniszczotą wonnych niedowcieleń,
I kusił coraz głębiej – w tę zieleń, w tę zieleń!
A on biegł wybrzeżami coraz innych światów,
Odczłowieczając duszę i oddech wśród kwiatów.
Aż zabmął w takich jagód rozdzwonione dzbany,
w taki bezświt zarośli, w taki bezbrzask głuchy,
W taką zamrocz paproci, w takich cisz kurhany,
W takich szumów ostatnie kędyś zawieruchy.
Że leży oto martwy w stu wiosen bezdeni.
Cienisty, jak bór w borze – topielec zieleni.

*) Um die Lebensdaten gibt es einige Verwirrung. Alle konsultierten Versionen der Wikipedia (deutsch, polnisch, englisch, russisch) geben den 22. Januar 1877 an und erwähnen, dass auch 1878 in Frage kommt: „in der Abschrift seiner Geburtsurkunde steht 1877, er selbst nannte das Jahr 1878 und auf seinem Grabstein steht 1879.“ Die Online-Enzyklopädie des Warschauer Wissenschaftsverlages PWN (Wydawnictwo Naukowe PWN) begnügt sich mit der Angabe: „22. I. 1877 – auch andere Daten werden angegeben“.

Je weiter man sucht, um so mehr Verwirrung. Die als seriös zu betrachtende Encyclopedia Britannica weiß:

Bolesław Leśmian, original name Bolesław Lesman, (born January 12, 1877 or 1878, Warsaw, Poland, Russian Empire [now in Poland]—died November 5, 1937, Warsaw), lyric poet who was among the first to adapt Symbolism and Expressionism to Polish verse.

  1. Januar? Ich schaue in das DDR-Lexikon fremdsprachiger Schriftsteller von 1979: ebenfalls 12.1. Kindler 1988: 22.1. Wieso haben die beiden Lexika 10 Tage früher? Gemeinsame Quelle? Nächstes mal in der Bibliothek suche ich weiter. (Der in Russland, aber wohl nicht im russischen Polen (?) gültige julianische Kalender kann es wohl nicht sein, der müsste für das 19. Jahrhundert 12 Tage Unterschied haben.

**) Weitgehende, wenn auch nicht völlige Einigkeit besteht hinsichtlich des Sterbedatums. Fast alle geben den 5. November 1937 an. Die italienische und spanische Wikipedia aber haben den 7. November. Das scheint nicht zu stimmen – Wiki Russisch gibt als Quelle für das Sterbedatum eine polnische Zeitung vom 7. November 1937 an.

Deutsche Mondnacht

U. Gaday

d.i. Franz Pfemfert

(* 20. November 1879 in Lötzen, Ostpreußen, heute: Giżycko, Polen; † 26. Mai 1954 in Mexiko-Stadt)

DEUTSCHE MONDNACHT

Der erdenalte Silberschmied,
Freund Mond, ist wieder fleißig.
Im lichten Silber schwimmt die Welt,
Es blinkt im dürrsten Reisig.

Vom Marktplatzbrunnen klirren leis
Die feuchten Diamanten.
Der Rathausroland reckt sich stolz,
Als droh er unbekannten

Gefahren, die dem Städtchen nahn.
Doch Liebe und Treue und Glauben,
Die schlummern sorglos und träumen süß
Unter der Häuschen Hauben.

Sie schlafen ruhig und träumen süß
Die deutschesten aller Träume:
Der Gatte zeugt Helden, die Gattin gebiert
(Im Traume!) Eichenbäume.

Der Gatte zeugt Helden, die Tochter umfängt
(Im Traum!) den Leutnant, den blassen,
Der eben betrunken aus einem Bordell
Zickzackelt durch die Gassen . . .

Aus: Die Aktion. Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur. Hrsg. Franz Pfemfert. Jahrgang 1911, Nr. 2, 27. Februar, Sp. 48

Weltende und Macht der Poesie

Heute vor 109 Jahren erschien ein Gedicht, das die später expressionistisch genannten Dichter elektrisierte:

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Erstausgabe in: Der Demokrat,  Jahrgang 3, Nr. 2 (11. Januar 1911)

Die Kommunisten, die sich als Avantgarde der Weltgeschichte verstanden, waren avantgardistischer Kunst nicht gerade zugetan. Als Arno Schmidt in den 50er Jahren die DDR bereiste, klagte er: die kennen nicht mal Expressionismus. Erst 1968 erschien die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ als Reclamtaschenbuch zum Preis von zwei Ostmark in der DDR. Ich war noch Schüler, es wurde zum lyrischen Proviant. In den 50er Jahren war es noch nicht abzusehen, und dennoch. Wer wollte, konnte dem Gedicht in einem Buch des Staatsdichters und Kulturministers Johannes R. Becher begegnen. In einem Band seiner vierbändigen poetologischen Bemühungen schilderte er seine Begeisterung bei der Erstbegegnung auf die überschwänglichste Art:

Meine poetische Kraft reicht nicht aus, um die Wirkung jenes Gedichtes wiederherzustellen, von dem ich jetzt sprechen will. Auch die kühnste Phantasie meiner Leser würde ich überanstrengen bei dem Versuch, ihnen die Zauberhaftigkeit zu schildern, wie sie dieses Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis für uns in sich barg. Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten und von der wir nicht wußten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin, wir gingen mit diesen acht Zeilen auf den Lippen in die Kirchen, und wir saßen, sie vor uns hin flüsternd, mit ihnen beim Radrennen. Wir riefen sie uns gegenseitig über die Straße hinweg zu wie Losungen, wir saßen mit diesen acht Zeilen beieinander, frierend und hungernd, und sprachen sie gegenseitig vor uns hin, und Hunger und Kälte waren nicht mehr. Was war geschehen? Wir kannten das Wort damals nicht: Verwandlung. Erst viel später war von Wandlungen die Rede, dann vor allem, als wirkliche Wandlungen zur Seltenheit geworden waren. Aber wir waren durch diese acht Zeilen verwandelt, gewandelt, mehr noch, diese Welt der Abgestumpftheit und Widerwärtigkeit schien plötzlich von uns zu erobern, bezwingbar zu sein. Alles, wovor wir sonst Angst oder gar Schrecken empfanden, hatte jede Wirkung auf uns verloren. Wir fühlten uns wie neue Menschen, wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag, eine neue Welt sollte mit uns beginnen, und eine Unruhe schworen wir uns zu stiften, daß den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte und sie es geradezu als eine Gnade betrachten würden, von uns in den Orkus geschickt zu werden. Wir standen anders da, wir atmeten anders, wir gingen anders, wir hatten, so schien es uns, plötzlich einen doppelt so breiten Brustumfang, wir wasren auch körperlich gewachsen, spürten wir, um einiges über uns selbst hinaus, wir waren Riesen geworden, und das Gedicht, das wir als Losung alles dessen unserem Sturm vorantrugen, das eine ungeheuerliche Renaissance der Menschheit einleiten sollte, lautete:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Nun, mir selber ist diese seine damalige, wir hätten gesagt, epochale Wirkung nicht mehr wiederherstellbar. Dutzende von Dichtern haben dieses Gedicht inzwischen nachgedichtet, es zuschanden gedichtet, und in mancher Anthologie, die sich dem expressionistischen Jahrzehnt widmet, habe ich dieses Wunder-Gebilde nicht einmal mehr wiedergefunden. Würde ich die Wirkung wiederherstellen, wenn ich seinen Verfasser Jakob van Hoddis beschriebe? Ludwig Meidner hat ihn gezeichnet, anmutig und schwungvoll, wie er sich aber in seiner natürlichen Existenz kaum vorstellte. Er war zwerghaft, von verwahrlostem Äußern, grau, unrasiert, pickelig — von den Händen schon nicht zu sprechen —, mit einem mehr als reinigungsbedürftigen Wollschal zu jeder Tageszeit behaftet, scheu, verspielt und schon ein wenig irre, und bald darauf endete er auch in einer Thüringer Irrenanstalt.* Aber dieses Gedicht, von welch einer mächtigen Wirkung auf mich auch heute noch, wohl darum auch, weil zwischen seinen Zeilen, hinter ihnen, sich außerordentliche Erlebnisse und Ereignisse hervordrängen — eine seltsame Jahrhundertstimmung ist es, die in dieser brüchigen, bruchstückhaften, ein wenig närrisch lallenden Stimme sich kundtut. Manche Gedichte, manche Dichter haben mich späterhin ähnlich beeindruckt. Ich kann nicht sagen, daß Dantes „Hölle“, daß die Sonette Petrarcas, daß Rimbaud, Baudelaire, Swinburne oder daß Flaubert, Stendhal mich nicht aufs tiefste ergriffen und mich gleichsam aus meiner bisherigen Bahn geschleudert hätten. Vielleicht ist es für viele heute schwer vorstellbar, was für ein Weltereignis die Lektüre mancher Bücher für uns bedeutet hat. Ja, Shakespeare-Sonette waren ein Weltereignis, und von nichts anderem sprachen wir als von ihren Strophen. Jeden Bekannten, aber auch ganz und gar fremde Menschen sprachen wir daraufhin an und versuchten, ihnen die Schönheit dieser Strophenwunder zu erklären. Man mochte uns für Irre halten, aber wir Irren ließen uns dadurch nicht irremachen. Wir ließen uns nicht irremachen in unserem Glauben an die Schönheit der Dichtung, an die Sendung der Poesie, in unserem Glauben an das poetische Prinzip. Ja, solch eine Zeit war das. Ist sie wiederherstellbar? Unwiederherstellbar, bis eine Zeit kommt, die ähnlich dieser wieder solch eine Literaturleidenschaft hervorruft — dann wird diese Zeit in ihrer Literaturleidenschaft vielleicht sich an jene vergangene erinnern und sie in ihrer Leidenschaftsverwandtheit erkennen, und so, meine ich, aber nur so, wäre dann vielleicht Vergangenes wiederherstellbar.

Ein neues Weltgefühl schien uns ergriffen zu haben, das Gefühl von der Gleichzeitigkeit des Geschehens. Einige gelehrte Literaturbehandler haben dafür auch alsbald eine Etikettierung erfunden, und zwar Simultanismus. Jakob van Hoddis aber dozierte uns, während wir Nächte hindurch die Stadt von einem Ende bis zum anderen durchstreiften (wir waren nämlich Peripatetiker), daß schon bei Homer dieses Gefühl der Gleichzeitigkeit vorgebildet sei. (…)

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei.
Und an den Küsten — liest man — steigt die Flut.

So heißt es in Jakob van Hoddis‘ „Weltende“. Während die Dachdecker abstürzen, steigt zugleich die Flut, oder nichts ist für sich allein da auf der Welt, alles Vereinzelte ist nur scheinbar und steht in einem unendlichen Zusammenhang. „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen“, und gleichzeitig fallen die Eisenbahnen von den Brücken. Das katastrophale Geschehen ist nicht denkbar ohne eine gleichzeitige Nichtigkeit. Das Große ist dem Kleinen beigemengt und umgekehrt, nichts vermag abgeschlossen für sich zu bestehen. Dieses Erlebnis der Gleichzeitigkeit waren wir nun bemüht in unseren Gedichten zu gestalten, aber van Hoddis, so scheint es mir heute, hat alle diese unsere Bemühungen vorweggenommen, und keinem sind solche zwei Strophen gelungen wie „Weltende“. Was an Alfred Lichtenstein, was an Ernst Blaß bemerkbar war, kam von van Hoddis.

Aus: Johannes R. Becher, Bemühungen II. Macht der Poesie. Das poetische Prinzip. (Gesammelte Werke 14). Berlin und Weimar: Aufbau, 1972, S. 339-343. Zuerst 1955 in: Macht der Poesie.

* Hier irrte der Minister. Jakob van Hoddis wurde am 30. April 1942 zusammen mit 100 Patienten und Mitarbeitern der Israelitischen Heilanstalten Bendorf-Sayn in das besetzte Polen verschleppt und irgendwann zwischen Anfang Mai und 6. Juni ermordet.

Poetik

Vítězslav Nezval

(* 26. Mai 1900 in Biskoupky; † 6. April 1958 in Prag)

Poetik

Zuerst den Geizhälsen Verhöhnung!
Ein Bild das alles rings in Brände setzt!
Des Pöbels Gaukelein bei einer Krönung
und Liebe ganz zuletzt

Wir sind aus Gossen ein Gelichter
vereint Athleten Huren Dichter
und ab nach Siam hälts zu Haus
man hinterm Ofen nicht mehr aus

oder umsonst mit Aerobussen Charleston
und Ragtime auf der Barrikade tanzen
von Bürgerschädeln Schmer für Schrauben treten
bis Elefanten uns zum Marsch trompeten!

In der Proletenbar die Bräute sammeln
ihnen zum Jazz der Schüsse Verse stammeln
mit Tod bedrohn die Abtreibungen hatten
und kotzen auf die Literaten

Mit Eleganz von Scharlatanen handeln!
Die Stanzen in ein Varieté verwandeln
und recht nachlässig herzlich sein
Das übrige findet sich dann schon ein

1924

Deutsch von Ludvík Kundera und Franz Fühmann. Aus: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde. Hrsg. Manfred Peter Hein. Zürich: Ammann, 1991, S. 29

Poetika

Nejprve pohrdání lakomci!
Obraz jenž žhářsky zapaluje!
Žonglérství luzy když se korunuje
a lásku teprv ke konci

My jsme ta garda uličníků
atleti básníci a kurvy v jednom šiku
Až bude nejhůř doma za pecí
do Austrálie rovnou utéci

A jinak s aeroauty v jedné řadě
tančiti Rag-Time na barikádě
z měšťáckých lebek sádlo na šrouby
až sloni k pochodu nám zatroubí!

V dělnickém baru za hudby střelných ran
své básně koktat žhavým nevěstám
pod trestem smrti stíhat potraty
a plíti na literáty

Mít šarlatánskou eleganci!
Ve varieté dovést změnit nudnou stanci
a vést si s nedbalostí srdečně
Ostatní přijde samo konečně

Ausflug

Alfred Lichtenstein

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)

Der Ausflug [1912]

Du, ich halte diese festen
Stuben und die dürren Strassen
Und die rote Häusersonne,
Die verruchte Unlust aller
Längst schon abgeblickten Bücher
Nicht mehr aus.

Komm, wir müssen von der Stadt
Weit hinweg.
Wollen uns in eine sanfte
Wiese legen.
Werden drohend und so hilflos
Gegen den unsinnig grossen,
Tödlich blauen, blanken Himmel
Die entfleischten, dumpfen Augen,
Die verwunschnen,
Und verheulte Hände heben. –

Dieses Gedicht stand 1920 in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“. 25 Jahre später war das alles weit weg, unbekannt und abseitig. Nicht nur in Hitlerdeutschland. „Anthologie der Abseitigen“ hieß eine 1946 in der Schweiz erschienene Sammlung, in der die Gedichte von van Hoddis, Stramm und Lichtenstein neben Kandinsky, Klee, Picasso und de Chirico stehen, abseitig vereint. Am „ss“ statt ß erkennt man vielleicht den Schweizer Verlag, auch die Jahreszahl im Titel haben die Schweizer beigesteuert, sonst lautet das Gedicht identisch mit der Anthologie von Kurt Pinthus, die heute als „Dokument des Expressionismus“ bekannt ist, damals aber den Untertitel trug: Symphonie jüngster Dichtung.

Titel der Taschenbuchausgabe 1990. Wiedervereinigung war, Luchterhand geriet ins Strudeln und verramschte sein gesamtes Taschenbuchprogramm. Ich war gerade, wie es der Zufall wollte, in Essen, entdeckte den Ausverkauf und kaufte in großem Stil (jemand stellte sein Auto als Transportmittel zur Verfügung) für mich und ohne Auftrag für die Greifswalder Universitätsbibliothek. Es waren verrückte Zeiten, sie nahmen die Bücher und erstatteten die verauslagte Summe. Heute muss man dazusagen, dass es in der DDR keine Bücher aus dem Westen zu kaufen gab, so dass mein Fang eine Art Grundversorgung auch für die Uni bildete. Pionierjahre!

Anmerkung: Unter dem hashtag #Expressionismusjahr2020 findet man alle bisher und noch bis Jahresende hier veröffentlichten Gedichte auch bei Twitter. Bis dahin wird eine mindestens 300 Gedichte starke Anthologie aus Expressionismus und Umfeld entstehen. Vielleicht mag sich jemand anschließen? Make it 500? – Vor 100 Jahren erschien die heute berühmte Anthologie, deshalb: #Expressionismusjahr2020

Die blinden Frauen

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

Die blinden Frauen

Die Blinden gehn mit ihren Wärterinnen,
Schwarze Kolosse, Moloche aus Ton,
Die Sklaven vorwärts ziehn. Und sie beginnen
Ein Blindenlied mit lang gezogenem Ton.

Sie ziehn wie Chöre auf mit starkem Schritte,
Im Eisenhimmel, der sie kalt umspannt.
Der Wind türmt auf der großen Schädel Mitte
Ihr graues Haar wie einen Aschenbrand.

Sie tasten sich an ihrem großen Stabe
Die lange Straße auf zu ihrem Kamm.
Auf ihrer ungeheuren Stirnen Grabe
Brennt eines dunklen Gottes Pentagramm.

Der Abend hängt wie eine Feuertonne
Am Horizont auf einem Pappelbaum.
Der Blinden Arme stechen in die Sonne
Wie Kreuze schwarz am frohen Himmelssaum.

In: Die Aktion. Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur. Nr. 3, 6. März 1911, Sp. 76

„Expressionist der äußersten Linken“

Kubismus, Futurismus, Ego-Futurismus, Kubo-Futurismus, Expressionismus, Vortizismus, Imagismus, Dada(ismus), Surrealismus und wie sie alle heißen. Letzten Endes sind es alles gefährliche Schubladen. Die Nachgeborenen möchten alles ordentlich aufbewahren (oder wegräumen), dafür sind sie gut.

Melchior Vischer gilt (vor allem mit seinem Roman Sekunde durch Hirn) als Dadaist. Dada war in weiten Teilen eine Gegenbewegung zum (da bereits als herrschend und bürgerlich angesehenen) Expressionismus. Aber die schärfsten Kritiker der Expressionisten waren früher selber welche. Melchior Vischer, Prag, schreibt am 29. Dezember 1918 an Tristan Tzara, Paris: „ich selbst nehme als Expressionist der äußersten Linken gegen Dadaismus keine feindliche Stellung ein.“

Vischer gilt als Dadaist, weil er es selbst gesagt hat. Ein Jahr nach dem zitierten Brief nennt er in einem weiteren Brief an Tzara Sekunde durch Hirn „Merzroman“ und den „ersten deutschen  dadaistischen Roman“ (mit dem Zusatz: „wenn man überhaupt noch von dem blöden Wort Roman sprechen kann“).

Melchior Vischer

(* 7. Januar 1895 in Teplitz-Schönau; † 21. April 1975 in Berlin)

GESANG EINES BÜGELEISENS AUF DER BRÜCKE VON ARGENTEUIL

Heiß brüllt um meinen Busen
die stille Landschaft von Paris,
ein klerikales Zündholz singt Symphonie,
kurz, ein Schrei
und die Trambahn verschlingt
mit tödlichem Furioso es und das embryonale Licht,
vorbei, vorbei,
die Mütze des Dienstmanns ist rot,
und gelb rotiert die Kabbalazahl: 606
zufälliger Neger bespringt
mit großer Mannheit, / furchtbar gereckt / ,
die eine Explosion schon lang erwartende Filmdiva.
Blutstrahl ergießt sich breit
über die Torte hinweg, die auf den gebreiteten Armen des Boten liegt,
wie ein träges Gebetbuch,
Rosinen fallen vom Himmel
und tropfen dick und schwer aufs Pflaster und in das Wasser,
wie grüne Mandarinen
wung schang wu, wu wu, /
Bettelgreise sitzen am Brückengeländer
und gebären Chinesen,
o
Fußballseelen werden aus Vaginahaut gefertigt,
sehr elastisch, sehr elastisch,
wie eine Parlamentsmehrheit,
Bordellportier rezitiert verschollene Verse
von Catullus und Arion,
der Journalist steht davor und versteht sie gewiß,
obwohl es Latein und Griechisch.
Der gelbe Gummireifen des syfilithlschen Autos versucht
den Lackschuh des Teppichhändlers zu küssen,
der Mond fällt plötzlich vom Himmel ins Wasser,
eben wird ein Regisseur ermordet,
Shakespeare und ich fressen zusammen Eier,
die Tragödin liegt gespreizt am Diwan
und läßt ihre Scham rotieren,
dann rasieren, oooh,
über allen Wlpteln liegt die Relativitätstheorie,
5chmuck wie ein Tropenhelm Wilhelms,
die Brille glotzt in der Nähe des Samovars,
die Hebamme ißt ein Rostbeuf,
während der Vicekönig von Indien den Busen der Amme bespritzt,
Quasimodo heult von Notre Dame,
zwei Champagnerkübel fordern Selbstbestimmung,
die erste Dadaistin der Welt geht vorüber,
an ihrem Nabel hängt eine elektrische Glühbirne,
das Bügeleisen erbricht Aepfel und Nüsse,
fällt nun von der Brücke ins Wasser,
verfolgt im Sturz von der unerotischen Frage:
Weiß Clemenceau, daß Apollinaire verstorben?*

  • Apollinaire starb am 9.11.1918, der Waffenstillstand erfolgte am 11.11.1918.

Aus: Melchior Vischer: Unveröffentlichte Briefe und Gedichte. Mit einem Vor- und Nachwort hrsg. v. Raoul Schrott. Universität-Gesamthochschule Siegen 1988 (Vergessene Autoren der Moderne XXXII), S. 21f (auch die Briefzitate stammen aus diesem Heft).

Der Chefredakteur

T.S. Eliot

(* 26. September 1888 in St. Louis, Missouri, Vereinigte Staaten; † 4. Januar 1965 in London)

Was den Deutschen ihr Expressionismus ist den Russen ihr Futurismus (ja, da gabs besonders viele Ismen), den Briten und US-Amerikanern, ja was eigentlich? Sie waren etwas später dran und weniger radikal. Mit Ausnahmen. Einige Amerikaner gingen nach Europa und radikalisierten sich. Ezra Pound wurde ihr Anführer. T.S. Eliot veröffentlichte in der Zeitschrift der Vortizisten, er gehörte nicht wirklich dazu, ließ sich aber beeinflussen. Sein Welterfolg, The Waste Land, wurde von Pound radikal redigiert. Hier ein französischsprachiges Gedicht aus dieser frühen Zeit.

Aus: Gedichte, 1920

Der Chefredakteur

Wehe, unselige Themse,
Die zu nah am Spectator rinnt.
Der Chefredakteur
Von Rechts-Couleur
Des Spektatöhr
Verpestet den Wind.
Reaktionäre
Aktionäre
Des Spektatöhr
Von Rechts-Couleur
Schieben
Arm in Arm
Einher.
Aus der Gosse
Bestaunt
Plattnasig
Ein kleines Gör
In Lumpen
Den Chefredakteur
Des Spektatöhr
Von Rechts-Couleur
Ihren Schwarm.

Deutsch von Hedda Soellner

From: Poems, 1920

Le Directeur

Malheur à la malheureuse Tamise
Qui coule si près du Spectateur.
Le directeur
Conservateur
Du Spectateur
Empeste la brise.
Les actionnaires
Réactionnaires
Du Spectateur
Conservateur
Bras dessus bras dessous
Font des tours
A pas de loup.
Dans un égout
Une petite fille
En guenilles
Camarde
Regarde
Le directeur
Du Spectateur
Conservateur
Et crève d’amour.

Aus: T.S. Eliot: In meinem Anfang ist mein Ende. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1977, S. 34f. Auch in: T.S. Eliot: Gesammelte Gedichte. Hrsg. Eva Hesse. Suhrkamp Taschenbuch 1988, S. 62f.

Flügellahmer Versuch

Theodor Däubler

(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)

FLÜGELLAHMER VERSUCH

Es schweift der Mond durch ausgestorbne Gassen,
Es fällt sein Schein bestimmt durch bleiche Scheiben.
Ich möchte nicht in dieser Gasse bleiben,
Ich leid es nicht, daß Häuser stumm erblassen.

Doch was bewegt sich steil auf den Terrassen?
Ich wähne dort das eigenste Betreiben,
Als wollten Kreise leiblich sich beschreiben,
Ich ahne Laute, ohne sie zu fassen.

Es mag sich wohl ein weißer Vogel zeigen,
Fast wie ein Drache trachten aufzusteigen,
Dabei sich aber langsam niederneigen.

Wie scheint mir dieses Mondtier blind und eigen,
Es klopft an Scheiben, unterbricht das Schweigen
Und liegt dann tot in Hainen unter Feigen.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 13

Ebd. S. 131

Und deine Seele

Viktor Dyk

(* 31. Dezember 1877 in Pšovka bei Mělník; † 14. Mai 1931 auf der Adriainsel Lopud, Jugoslawien)

UND DEINE SEELE

Und deine Seele bäumt sich nie vor Wut,
du schleuderst keinen Fluch, daß er sie blende?!
Ist kein Orkan, daß er Verwüstung tut,
und daß die Lügenpracht im Kehricht ende?!

Und du hast nie gehört, wie man das Öde preist,
und nicht gesehn, wie sie die Dummheit kränzen?!
Und nicht geahnt, da Lachen dich umkreist,
wie Roheit allgemein und ohne Grenzen?!

Der giftgeschwollne Haß, der Bosheit Raserei
läßt deinen Busen ohne Blitz und Lichtung?!
Ruft keine Knechtschaft deinen Arm herbei,
nie hütest du die Flamme der Vernichtung?!

Gelassen schwirrst du hin und suchst in Schwärmen Heil,
wie Mücken, die ich dicht um Lampen sehe?!
Verworfne Nichtigkeit — das ist dein ganzes Teil!
Hinweg von mir! Du würgst mit deiner Nähe!

Aus dem Tschechischen von Rudolf Fuchs. Aus: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie. Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion (Franz Pfemfert) (Die Aktions-Lyrik), S. 37

Liebesgedicht

Jiří Wolker

(* 29. März 1900 in Prostějov; † 3. Januar 1924 ebenda)

Deutsch von Wilhelm Tkaczyk, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Volk und Welt, 1966, S. 105

LOVE POEM

You say that in your eyes alone is all the world
And that beyond them nothing lies for me.
White apple blossoms in your eyes I see,
Clouds float on high,
Birds sing or round about us fly.

I believe you
Yet I don’t believe you.
With bitter pain I take and crush each fragile eye
That it may grow around me with its rainbow chain.
Dear, will you teil me now—
If it be true your eyes encompass all the world,
Why then did you allow
A workman from the scaffolding to fall to-day
And to the ground be hurled
Before my eyes?

Aus: Modern Czech Poetry. Sel. and transl. by E. Osers and J.K. Montgomery. London: George Allen & Unwin, 1945, S. 41

Báseň milostná (Těžká hodina)

Řeklas mi, že jenom v očích tvých je celý svět,
že pro mě není nic, co leží mimo ně.
V tvých očích kvetou bílé jabloně,
oblaka plují,
ptáci zpívají a poletují.

Já ti věřím
a nevěřím.
S velikou bolestí oči tvé na kusy rozlamuji,
aby mě poznovu obrostly řetězem duhovým.
Pověz mi, má milá,
— když celý svět oko tvé objímá, —
proč jsi dopustila,
že dělník dnes ráno s lešení spadl
a před mýma očima
se zabil?

WOLKER, Jiří. Tvář za sklem. 1. vyd. Praha: Odeon, 1975. Světová četba, sv. 455. s. 90.

Müßt‘ ich wirklich, was ich müssen wollte…

John Höxter (Hoexter)

(* 2. Januar 1884 in Hannover, nahm sich kurz nach der „Reichspogromnacht“ am 15. November 1938 im Wald zwischen Potsdam und Caputh das Leben)

Pro domo

Wenn ich wollte, was ich könnte,
Könnt‘ ich eher, was ich wollte;
Doch wie will ich wollen können,
Und wie kann ich können wollen
Ohne Muß zum Können wollen,
Da man wollen kann, wer muß!
Müßt‘ ich wirklich, was ich müssen wollte,
Könnt‘ ich sicher, was ich können muß.
Seht! Ein Mann, der manches können könnte,
Wenn der gute Mann nur wollen wollte.
Er verstummt und macht vorzeitig Schluß,
Weil (nach Nathan) kein Mensch müssen muß!

Aus: VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize. Nr. 8: John Hoexter. 32 Seiten. Erste Auflage 2012

Auch in: John Hoexter, Gedichte und Prosa. Broschur-Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“, hrsg. von Karl Riha, Universitäts-Gesamthochschule Siegen, 1984.