Ernst Moritz Arndt
(* 26. Dezember 1769 in Groß Schoritz, Rügen, heute vor 250 Jahren; † 29. Januar 1860 in Bonn)
Klage um den kleinen Jakob.
Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Es hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus –
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket Wein ein und denket:
Wärest du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
So muß der kleine Jakob da wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe noch Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob – die Aeuglein aus.
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
Aus: Gedichte von Ernst Moritz Arndt. Erster Theil. Frankfurt/Main: Eichenberg, 1818, S. 239f

Klaus Hensel
WIR KOMMUNIZIEREN
Was machst du gerade, fragt Facebook
Worauf Siri sagt, er redet gerade mit der
Kuh von Google. Ja, sagt Alexa, er fragt
Wo Andy sei und stell dir vor, was für ne
Coole Antwort die KUH dem Mann gibt
Auf die einfache Frage, wo der Andy sei
Sagt sie: 6287 Asch, Schweiz. Also, horch
Der Andy sitzt am Tresen neben sich
Dieser Mann mit Hut in der Post –
(2019)
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
ernst jandls weihnachtslied
machet auf den türel
machet auf den türel
dann kann herein das herrel
dann kann herein das herrel
froe weihnacht
froe weihnacht
und ich bin nur ein hund
froe weihnacht
froe weihnacht
und ich bin nur ein hund
Aus: ernst jandl, werke in 6 bänden. Werke 1. München: Luchterhand, 2016, S. 222
Albert Ehrenstein
(* 23. Dezember 1886 in Ottakring; † 8. April 1950 in New York)
Aus dem Schi-King
Mäuse
Große, große, große Maus,
Friß mir nicht die Hirs im Haus!
Drei Jahre hast du mich geplagt,
Drei Jahre hast du mich genagt,
Nächstens gar verschlingst du mich,
Zu dem Ärgsten dringst du mich,
Auszuwandern zwingst du mich,
In fremdes Land zieh ich hinaus.
Große, große, große Maus,
Friß mir nicht ganz Hof und Haus!
Drei Jahr hab ich’s der Katz geklagt,
Die Katz hat es dem Hund gesagt.
Seit drei Jahren plagst du mich,
Aus dem Lande jagst du mich,
So zieh ich in ein Land hinaus,
Wo man nicht kennt die große Maus.
Aus: Schi-King. Das Liederbuch Chinas. Gesammelt von Kung-fu-tse. In: Albert Ehrenstein, Werke. Hrsg. Hanni Mittelmann. Bandf 3/1. Chinesische Dichtungen. Lyrik. Klaus Boer Verlag, 1995, S. 61 (Zuerst in: Schi-King. Nachdichtungen chinesischer Lyrik, 1922).
Was ist das? Kinderlied, Scherzlied, Nonsense? Die Bücher sagen: Ein Spottlied gegen den Pachteintreiber oder Landherren. Fassung von Victor von Strauß 1880:
Abschiedslied der Auswanderer an ihren Oberbeamten.
[193] Große Maus! große Maus!
Unsre Hirse nicht verschmaus‘!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Kümmerten dich keinen Daus;
Wandern nun von dir hinaus,
Freu’n uns jenes schönen Gau’s,
Schönen Gau’s, schönen Gau’s,
Wo wir finden Hof und Haus.
Große Maus! große Maus!
Friß nicht unsern Waizenstand!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Nie hast Guts uns zugewandt;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenes schöne Land,
Schöne Land, schöne Land,
Wo uns Recht wird zuerkannt.
Große Maus! große Maus!
Friß nicht unsern jungen Reiß!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Fragtest nichts nach unserm Schweiß;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenen schönen Kreis,
Schönen Kreis, schönen Kreis.
Wer ist da voll Klaggeschrei’s?
Quelle:
Schī-kīng. Heidelberg 1880, S. 193f
Noch eine neuere Übersetzung von Rainald Simon (Reclam 2015, S. 244ff:
Feldmaus
Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meine Rispenhirse.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals wolltest du mich sehen.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in eine Mark der Freude.
Mark der Freude, Mark der Freude,
dort finde ich mein Heim.
Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meinen Weizen.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals wolltest du Güte zeigen.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in ein Land der Freude.
Land der Freude, Land der Freude,
dort finde ich meinen Wert.
Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meine Sprossen.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals spendetest du Trost.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in die Vorstadt der Freude.
Vorstadt der Freude, Vorstadt der Freude,
wer müsste dort lange klagen?
FRAU ONO NO KOMACHI
Ono no Komachi (jap. 小野小町; * ca. 825; † ca. 900)
Anfangs wagte man die radikale Kürze japanischer Lyrik nur umgemodelt, „poetisiert“ vor westliche Leser zu bringen, wie hier noch 1942. Dennoch Dank an den Nachdichter, dass er uns Einblick in seine Werkstatt gibt, wenigstens in einigen Beispielen.
Japanisches Original
Hana no iro wa
Utsuri nikeri na
Itazura ni
Waga mi yo ni furu
Nagame seshi ma ni.
Nachdichtung
VERGÄNGLICHKEIT
In lockenden Farben,
In heimlichen Düften
Blühten die Blumen, –
Ich trieb im Strome
Des Lebens, lebte
Den flüchtigen Lüsten, –
Die Blumen starben …
So steht es im Buch. Nur im Anhang findet sich folgende
Annähernd wörtliche Übersetzung
Die Farbenzier der Blumen
Ist dahin und fort.
Während ich zwecklos
Mein Leben bedenkend
In den Regen starrte.
ANMERKUNG: Um die Reichhaltigkeit des kurzen Gedichtes zu erläutern, sei darauf aufmerksam gemacht, daß „furu“ sowohl das Zunehmen der Jahre als auch das Fallen des Regens bedeutet, ebenso wie „nagame“ langen Regen und lange Blicke.
Aus: FRÜHLING SCHWERTER FRAUEN. Umdichtungen japanischer Lyrik mit einer Einführung in Geist und Geschichte der japanischen Literatur
von PAUL LÜTH
PAUL NEFF VERLAG • BERLIN, 1942
Bei wakapoetry.net das Original mit einer anderen Transkription und einer Übersetzung ins Englische:
花の色はうつりにけりないたづらにわが身世にふるながめせしまに
Fana no iro Fa
uturi ni keri na
itadura ni
waga mi yo ni Furu
nagame sesi ma ni
The colour of this flower
Has already faded away,
While in idle thoughts
My life goes by,
As I watch the long rains fall.
Ono no Komachi (Fl. ca. 833-857)
小野小町
Margarete von Navarra
(auch Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos), Königin von Navarra, kluge Frau und Dichterin
ZEHNZEILER
(an Clément Marot gerichtet)
Wenn die, die Geld Euch liehen, wie Ihr sagtet,
Euch kennen würden so genau wie ich,
Wärt Ihr der Schulden, die zuvor Ihr wagtet,
Nun quitt, ob groß, ob klein, um die Ihr klagtet;
Ihr zahltet mit zehn Versen lediglich,
Wie Ihr sie schreibt, was jede Schuld beglich’
An tausend mal und mehr, auf mein Gewissen!
Denn Geld kann man wohl schätzen nach Gewicht,
Doch (dafür dient mein Wort!) man kann doch nicht
Genug einschätzen Euer schönes Wissen.
Deutsch von Franz von Rexroth
Prosa-Übersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander
Wem die, denen Ihr Geld schuldet – wie Ihr sagt – Euch so gut kennen würden, wie ich Euch kenne, dann wärt Ihr frei von den großen und kleinen Schulden, die Ihr in der Vergangenheit gemacht habt, wenn Ihr ihnen einen Zehnzeiler zahlen würdet, so wie den von Euch, der wahrhaftig tausendmal mehr wert ist als das Geld, das Ihr schuldet, bei meiner Ehre; denn Geld kann man nach dem Gewicht schätzen, aber man kann nicht (darauf gebe ich mein Wort) Eure schöne Kunst hoch genug schätzen.
Beides in: Poesie der Welt. Frankreich. Ex Libris Ausgabe. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein (Edition Stichnote), 1985, S. 54f
MARGUERITE DE NAVARRE
DIXAIN
Si ceulx à qui debuez, comme vous dictes,
Vous congnoissoyent comme ie vous congnoys,
Quitte seriez des debtes que vous feistes
Le temps passé, tant grandes que petites,
En leur payant vn dixain toutesfoys
Tel que le vostre, qui vault mieulx mille foys,
Que l’argent deu par vous, en conscience:
Car estimer on peult l’argent au poix,
Mais on ne peult (& i’en donne ma voix)
Assez priser vostre belle science.
(Réponse à Clément Marot)
Si ceux à qui devez, comme vous dites,
Vous connaissaient comme je vous connais,
Quitte seriez des dettes que vous fîtes,
Le temps passé, tant grandes que petites,
En leur payant un dizain toutefois
Tel que le vôtre qui vaut mieux mille fois
Que l’argent dû par vous, en conscience ;
Car estimer on peut l’argent au poids,
Mais on ne peut, – et j’en donne ma voix, –
Assez priser votre belle science.
Friederike Mayröcker
(* 20. Dezember 1924, heute vor 95 Jahren, in Wien)
Parlando
was für ein Widerspruch denke ich. Nie
so denke ich, wirst du meine schwärmerischen
Vorstellungen.
Hast du je ein Instrument? Tagebücher? frage ich dich
vor dem Aufbruch. Plötzlich
hatte ich eine Menge zu sagen. Meist fürchte ich
dich nicht zu erreichen mit meinem
unsicheren Schweigen.
Trompete, Klavier, (glissando)
Tagebuch, auf einer Fahrt.
Etwas Verdecktes, Unterdrücktes, manchmal
verstehe ich kaum ein Wort von dem was du sagst, mir erklärst,
und ich weisz nicht auf welche Art
dein Denken geschieht.
Aber ich nicke dazu, möchte alles begreifen.
Deine Wasserflut, Beiläufigkeit, unschlüssig
steh ich vor dir, ich weisz nicht war es etwas das ich nur nachts,
im Traum, oder
hast du es mir im Wachen getan? meine
Vorstellung deine Hand zu mir hin, aber eher,
eher habe ich es geträumt du streichst flüchtig meine Brust,
ich will deine Nähe.
Und obwohl ich nur deine Kleider, mit meiner Wange,
habe ich plötzlich das Gefühl von Übertretung :
vielleicht weil so viel Abwehr dich umgibt.
Starr, ausgelöscht, in schrecklicher Nüchternheit,
beklommen. Achtlos mit meinen Schallplatten, Büchern. So
werfe ich alles auf die angeräumte Couch. Wo
schläfst du denn? hast du
Geburtstag? keine
Klavierstücke bitte keine Klavierstücke.
Wahllos
raufe ich Worte, Gedanken. Und merke
ich bin nicht ich selbst wenn du bei mir bist: aber ich lebe
nur auf diese Zeit hin. Wir hätten
uns auswärts treffen können sagst du. Schreib mir am Morgen
sagst du und wirf es erst abends ein, sagst du wenn ich erzähle
dasz ich dir oft bei Nacht
Briefe schreibe die ich am Morgen zerreisze.
Das Mittagslicht hier ist schön, auch
das Nachmittagslicht. Ein Zwang sich zärtlich
eingeschlossen zu fühlen. Kurzatmig,
euphorisch. In diesem engen Geviert
das immer nur die gleichen Formen zuläszt, einander zu begegnen.
Später im Taxi dein ausgestreckter Arm an meiner
Schulter. In meinen
Ohren betäubendes Rauschen, die
Trittspur der Stunden.
Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 262f
Martina Kieninger
Aus dem „Elternverwirrbuch“
Mit Bäumen telefonieren
I
Habt ihr schon mal ausprobiert
wie man mit Bäumen telefoniert
dazu braucht Ihr ein imaginäres Telefon und das geht so:
Ihr macht ein Handy aus Euern Händen und sagt hallo.
Bei mir hat es leider nicht funktioniert.
Kann sein dass der Baum mich nicht verstanden hat.
aber jetzt wisst ihr
wie man mit Bäumen telefoniert.
II
Das erzeugt folgende Ausgabe:
Eiche: Ich bin 5 Meter hoch. Mir geht es super. Ich bin 15 Meter hoch.
Schleiche: Mir geht es echt mies. Ich bin 24 Meter hoch.
Weiche: Ich bin ein Tisch. Ich bin 1 Meter hoch.
Handy ist eine Instanz der Klasse „Hund“ und hat zwei Bäume und einen Tisch interviewt.
Der Beginn des biblischen Schöpfungsberichts in modernem Jiddisch
א 1 אין אָנהײב האָט גאָט באַשאַפֿן דעם הימל און די ערד. 2 און די ערד איז געװען װיסט און לײדיק, און פֿינצטערניש איז
געװען אױפֿן געזיכט פֿון תּהום, און דער גַײסט פֿון גאָט האָט
געשװעבט אױפֿן געזיכט פֿון די װאַסערן.
Deutsche Transkription
in onhejb hot got baschafn dem himl un di erd. un di erd is gewen wist un lejdik, un finzternis is gewen ojfn gesicht fun thom, un der gejst fun got hot geschwebt ojfn gesicht fun di waßern.
Wort-für-Wort-Übelsetzung
Im Anhieb hat Gott geschaffen den Himmel und die Erde. Und die Erde ist gewesen wüst und ledig, und Finsternis ist gewesen auf dem Gesicht vom Abgrund, und der Geist von Gott hat geschwebt auf dem Gesicht der Wasser.
Amerikanische YIVO-Transkription
1 In onheyb hot got bashafn dem himl un di erd.
2 Un di erd iz geven vist un leydik, un fintsternish iz geven oyfn gezikht fun thom, un der gayst fun got hot geshvebt oyfn gezikht fun di vasern.
Deutsche „Einheitsübersetzung“
1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
Der hebräische Urtext
הָאָֽרֶץ׃ בְּרֵאשִׁ֖ית בָּרָ֣א אֱלֹהִ֑ים אֵ֥ת הַשָּׁמַ֖יִם וְאֵ֥ת הָאָֽרֶץ׃ 1
וְהָאָ֗רֶץ הָיְתָ֥ה תֹ֙הוּ֙ וָבֹ֔הוּ וְחֹ֖שֶׁךְ עַל־פְּנֵ֣י תְהֹ֑ום וְר֣וּחַ אֱלֹהִ֔ים מְרַחֶ֖פֶת עַל־פְּנֵ֥י הַמָּֽיִם׃
Google übersetzt den hebräischen Text
An erster Stelle im Himmel
Und es gibt kein Wunder und keine Dunkelheit über und über dem Himmel
Anderer Versuch (geht doch – wenn man die Verse getrennt übersetzt)
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war erstaunt und Finsternis über einem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.
Martin Luthers Übersetzung 1534
AM anfang schuff Gott himel vnd erden / Vnd die erde war wüst vnd leer / vnd es war finster auff der tieffe / vnd der Geist Gottes schwebet auff dem wasser.
Kann es sein, dass wir keine Gedichte der berühmten Jane Austen auf Deutsch haben? Jedenfalls konnte ich nach einigem Suchen nichts finden. Die beiden deutschen Briefausgaben (Ullstein, Insel) habe ich nicht zur Hand, so dass ich nicht überprüfen konnte, ob die einem Brief beigefügten „Rosen“-Gedichte dort mitübersetzt sind.
‘Verses to Rhyme with “Rose”’
Happy the lab’rer in his Sunday clothes!
In light-drab coat, smart waistcoat, well-darn’d hose,
And hat upon his head, to church he goes;
As oft, with conscious pride, he downward throws
A glance upon the ample cabbage rose
That, stuck in button-hole, regales his nose,
He envies not the gayest London beaux.
In church he takes his seat among the rows,
Pays to the place the reverence he owes,
Likes best the prayers whose meaning least he knows,
Lists to the sermon in a softening doze,
And rouses joyous at the welcome close.
(1807)
Schlichte, sinngemäße und möglichst kunstlose Übersetzung
Verse, die sich auf „Rose“ reimen
Glücklich der Hilfsarbeiter im Sonntagsstaat!
Im gelbbraunen Mantel, schicker Weste, schäbigen Socken,
Hut auf dem Haupte, geht er in die Kirche;
Wie so oft wirft er mit bewusstem Stolz
Einen Blick hinunter auf die Bauernros‘
die aus dem Knopfloch seine Nase beschenkt,
Er beneidet nicht den flott’sten Londoner Beau.
In der Kirche nimmt er seinen Platz in den Reihen ein,
Zollt dem Ort die Ehrfurcht, die ihm gebührt,
Mag am liebsten die Gebete, die er nicht versteht,
Hört der Predigt in lindem Schlummer zu
Und wachet selig beim Amen wieder auf.
Nun fehlen nur noch Versionen mit einer analogen kleinen Geschichte auf die Reimwörter auf Rose.
Ferdinand Hardekopf
(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)
Aus der steilen, transparenten Nudel
Quillt ein Quantum Quitten-Quark empor,
Ballt sich (physisch) zum gewürzten Strudel,
Kreist: ein Duft-Ballon aus einem Rohr.
Wann (und wo?) war Schweben delikater?
In der Spannung wird man blass, wie Chrom
Lehr- und Schüler folgen dem Theater.
Doch der Stern geniesst sich autonom.
Hohe Hirnkraft wallt zu diesem Gase.
Da bestülpt der sachlichste Adept
Das Gestirn mit einem Stengelglase,
Darin dottrig etwas Ei verebbt.
Aus: Anthologie DADA. DADA 4-5, Mai 1919, S. 11
Christoph August Tiedge
(* 14. Dezember 1752 in Gardelegen; † 8. März 1841 in Dresden)
Elegie auf dem Schlachtfelde bei Kunersdorf
Nacht umfängt den Wald; von jenen Hügeln
Stieg der Tag ins Abendland hinab;
Blumen schlafen, und die Sterne spiegeln
In den Seen ihren Frieden ab.
Mich laßt hier in dieses Waldes Schauern,
Wo der Fichtenschatten mich verbirgt;
Hier soll einsam meine Seele trauern
Um die Menschheit, die der Wahn erwürgt.
Drängt euch um mich her, ihr Fichtenbäume!
Hüllt mich ein, wie eine tiefe Gruft!
Seufzend, wie das Atmen schwerer Träume,
Weh‘ um mich die Stimme dieser Luft.
Hier an dieses Hügels dunkler Spitze
Schwebt, wie Geisterwandel, banges Graun;
Hier, hier will ich vom bemoosten Sitze
Jene Schädelstätten überschaun.
Dolche blinken dort im Mondenscheine,
Wo das Erntefeld des Todes war;
Durcheinander liegen die Gebeine
Der Erschlagnen um den Blutaltar.
Ruhig liegt, wie an der Brust des Freundes,
Hier ein Haupt, an Feindes Brust gelehnt,
Dort ein Arm vertraut am Arm des Feindes. –
Nur das Leben haßt, der Tod versöhnt.
O, sie können sich nicht mehr verdammen,
Die hier ruhn; sie ruhen Hand an Hand!
Ihre Seelen gingen ja zusammen,
Gingen über in ein Friedensland;
Haben gern einander dort erwidert,
Was die Liebe giebt und Lieb‘ erhält.
Nur der Sinn der Menschen, noch entbrüdert,
Weist den Himmel weg aus dieser Welt.
Hin eilt dieses Leben, hin zum Ende,
Wo herüber die Cypresse hängt:
Darum reicht einander doch die Hände,
Eh‘ die Gruft euch aneinander drängt!
Aber hier, um diese Menschentrümmer,
Hier auf öder Wildnis ruht ein Fluch;
Durch das Feld hin streckt sich Mondenschimmer,
Wie ein weites, weißes Leichentuch.
Dort das Dörfchen unter Weidenbäumen;
Seine Väter sahn die grause Schlacht:
O sie schlafen ruhig, und verträumen
In den Gräbern jene Flammennacht!
Vor den Hütten, die der Asch‘ entstiegen,
Ragt der alte Kirchenturm empor,
Hält in seinen narbenvollen Zügen
Seine Welt noch unsern Tagen vor.
Lodernd fiel um ihn das Dorf zusammen;
Aber ruhig, wie der große Sinn
Seiner Stiftung, sah er auf die Flammen
Der umringenden Verwüstung hin.
Finster blickt er, von der Nacht umgrauet,
Und von Mondesanblick halb erhellt,
Über diesen Hügel, und beschauet,
Wie ein dunkler Geist, das Leichenfeld.
Mag, o Lenz, dein Angesicht hier lächeln?
Jeder Windstoß, der den Wald bewegt,
Ist ein großer Seufzer, der das Röcheln
Der Gefallnen durch die Wildnis trägt.
Diese Greisin, diese düstre Fichte
Zeigt die Narben, die auch sie empfing,
Weist dahin, wo blutig die Geschichte
Böser Zeiten ihr vorüber ging.
Als hier wild die Waffendonner stürmten,
War sie noch mit Jugendkraft umlaubt,
Und, wie Hände der Natur, beschirmten
Ihre Schatten ein geweihtes Haupt.
Hier sah Friedrich seine Krieger fallen. –
Herrscher deiner Welt, du warst so groß;
Aber doch – das härteste von allen
War dein Los, es war ein Königslos.
Mann des Ruhmes, konnten alle Blüten
Jenes Kranzes, der dein Haupt umfing,
Konnt‘ ihn dir die Musenhuld vergüten,
Diesen Weg, der über Leichen ging?
Menschen fielen, gleich gemähten Ähren,
Ach, sie fielen dir, du großer Mann!
Da, da war es, als dein Herz in Zähren
Auf den blutbespritzten Lorbeer rann. –
Hier der See, und dort des Stromes Fluten
Spiegelten zurück das Todesschwert;
Dieser Himmel sah das Opfer bluten;
Dieser Hügel war ein Opferherd;
Hier im Bach hat Menschenblut geflossen;
Wo der Halm im Monde zuckend nickt,
Hat vielleicht ein Auge, halb geschlossen,
Nach der Heimatgegend hingeblickt.
Da, wo die Cikad‘ im düstern Thale
Durch die Nacht der Ulmenwaldung tönt,
Da, da hat vielleicht zum letztenmale
Manches zarte Lebewohl gestöhnt.
Und der stille Wandrer, welcher traurig
Sich dem Grau’n der Gegend überläßt,
Fühlt ein dumpfes Ahnen, das so schaurig
Ihm den Atemzug zusammen preßt.
War es Klang von einer fernen Quelle,
Was so dumpf zu meinem Herzen sprach?
Oder schwebt Geseufz‘ um jede Stelle,
Wo ein Herz, ein Herz voll Liebe, brach?
Ist es Wandel einer düstern Trauer,
Was am Sumpf dem Hagebusch entrauscht,
Und nun schweigt, und, wie ein dunkelgrauer
Nebelstreif, im Nachtgeflüster lauscht?
Wandelst du dort, arme Mädchenseele,
Der die Wut den holden Freund entriß?
Schattest du dort um die Totenhöhle
Durch das Nachtgrau’n deiner Finsternis? –
Aber still! was flimmert durch die Zweige,
Wie ein weißer, schleierheller Geist?
Jeder rohe Laut der Wildnis schweige!
Diese Stell‘ ist heilig! hier fiel Kleist.
Wo den Raum die Ulmen überschleiern,
Sank der Frühlingssänger in den Staub;
Diese Stelle will ich heilig feiern;
Ach! und kann sie nur bestreu’n mit Laub.
Rinnen laß hier eine Silberquelle;
Winde deinen sanftern Blumentag,
Holder Frühling, um die rauhe Stelle,
Wo dein edler Sänger blutend lag.
Hier aus diesem wildernden Gesträuche,
Wo der deutsche Mann sein Blut verlor,
Hebe sich, im Schatten einer Eiche,
Grün‘ ein zartes Myrtenreis empor;
Und im dunkelgrünen Eichenlaube
Girre, wenn der Lenz vorüber zieht,
Klagend eine silberweiße Taube
Noch dem Sänger Lalages ihr Lied.
Aber in dem Myrtendunkel säume
Die Begeistrung einer Nachtigall,
Und die Waldluft schweb‘ um ihre Träume,
Wie ein sanft gehaltner Wellenfall.
Leise schwebe sie durchs Laub des Strauches,
Das der Boden dieser Stelle trieb,
Wie der Nachhall eines Flötenhauches,
Der uns aus des Dichters Leben blieb;
Und im zarten Weiß der sanftern Trauer
Nahe sich die Mondnacht diesem Raum,
Feiernd trete sie in seine Schauer,
Wie ein heiliger Erinnrungstraum.
Zwar den fernen Geist kann nichts erstatten;
Doch er schwand nicht ganz aus unserm Blick:
Der geweihte Mann wirft seinen Schatten
Dort noch aus Elysium zurück.
Viel der edeln Männer sind gefallen;
Aber, Kleist, dein Name tritt hervor,
Tritt hervor, und hebt, geweiht vor allen,
Aus der Flut der Zeiten sich empor.
Hier fand mancher Jüngling, welcher mutig
Einen Namen sucht‘, ein stummes Grab;
Manche Hoffnung riß der Tod hier blutig
Vom Idol der goldnen Zukunft ab.
Sagt, was ist, was gilt ein Menschenleben,
Was die Menschheit vor dem Weltengeist,
Wenn der wilde Tod aus den Geweben
Ihres Daseins so die Faden reißt?
Welche Faden sind hier abgerissen!
Und was fällt, wenn nur ein Haupt zerfällt! –
Hier steh’n wir, und hinter Finsternissen
Steht der hohe Genius der Welt!
Stürme fahren aus dem Schoß der Stille,
Und die Zeit, mit Trümmern wüst umringt,
Zählt am Uferrand der Lebensfülle
Jeden Tropfen, den der Sand verschlingt.
Schwankend irren wir im finstern Sturme;
Wechseltod beherrscht die Finsternis;
Er beraubt den Halm, und giebt dem Wurme,
Giebt dem Halm, was er dem Wurm entriß.
Luftig spielt das Laub des Ulmenbaumes
An den frischen Ästen um den Stamm:
Regt darin sich noch ein Rest des Traumes,
Der einmal in Nervensäften schwamm?
Jenen Kopf bewohnten einst Gedanken,
Stolz vielleicht und Dünkel seine Stirn:
Jetzt durchkriecht ein Nachtwurm ihn; und Ranken
Wilder Kräuter nährte sein Gehirn.
Dieser Staub am Wege hing um Seelen;
Wo ich trete, stäubt vielleicht ein Herz
Gott! und hier aus diesen Augenhöhlen
Starrete zu dir hinauf der Schmerz.
Welch ein Anblick! – Hieher, Volksregierer,
Hier, bei dem verwitternden Gebein
Schwöre, deinem Volk ein sanfter Führer,
Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.
Hier schau her, wenn dich nach Ruhme dürstet!
Zähle diese Schädel, Völkerhirt,
Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfürstet,
In die Stille niederlegen wird!
Lass‘ im Traum das Leben dich umwimmern,
Das hier unterging in starres Grau’n!
Ist es denn so reizend, sich mit Trümmern
In die Weltgeschichte einzubau’n?
Einen Lorbeerkranz verschmäh’n, ist edel!
Mehr als Heldenruhm ist Menschenglück!
Ein bekränztes Haupt wird auch zum Schädel,
Und der Lorbeerkranz zum Rasenstück!
Cäsar fiel an einem dunkeln Tage
Ab vom Leben, wie entstürmtes Laub;
Friedrich liegt im engen Sarkophage;
Alexander ist ein wenig Staub.
Klein ist nun der große Weltbestürmer;
Es verhallte, lauten Donnern gleich;
Längst schon teilten sich in ihn die Würmer,
So wie die Satrapen in sein Reich.
Fließt das Leben auch aus einer Quelle,
Die durch hochbekränzte Tage rinnt;
Irgendwo erscheint die dunkle Stelle,
Wo das Leben stille steht und sinnt.
Katharinas Lorbeerthaten zögen
Gern verhüllt den Lethestrom hinab;
Bess’re retten ihre Gruft, und legen
Sanftre Kronen nieder auf ihr Grab.
Dort, dort unten, wo zur letzten Krümme,
Wie ein Strahl, der Lebensweg sich bricht,
Tönet eine feierliche Stimme,
Die dem Wandrer dumpf entgegen spricht:
»Was nicht rein ist, wird in Nacht verschwinden;
Des Verwüsters Hand ist ausgestreckt;
Und die Wahrheit wird den Menschen finden,
Ob ihn Dunkel oder Glanz versteckt!«
Heinrich Heine
(* 13. Dezember 1797 Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)
Die Grenadier
Nach Frankreich zogen zwey Grenadier‘,
Die waren in Rußland gefangen.
Und als sie kamen in’s deutsche Quartier,
Sie ließen die Köpfe hangen.
Da hörten sie beide die traurige Mähr:
Daß Frankreich verloren gegangen,
Besiegt und zerschlagen das große Heer, —
Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.
Da weinten zusammen die Grenadier‘
Wohl ob der kläglichen Kunde.
Der Eine sprach: Wie weh wird mir,
Wie brennt meine alte Wunde!
Der Andre sprach: das Lied ist aus,
Auch ich möcht mit dir sterben,
Doch hab‘ ich Weib und Kind zu Haus,
Die ohne mich verderben.
Was scheert mich Weib, was scheert mich Kind,
Ich trage weit bess’res Verlangen;
Laß sie betteln gehn wenn sie hungrig sind, —
Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!
Gewähr‘ mir Bruder eine Bitt‘:
Wenn ich jetzt sterben werde,
So nimm meine Leiche nach Frankreich mit,
Begrab‘ mich in Frankreichs Erde.
Das Ehrenkreuz am rothen Band
sollst du auf’s Herz mir legen;
Die Flinte gieb mir in die Hand,
Und gürt‘ mir um den Degen.
So will ich liegen und horchen still,
Wie eine Schildwacht, im Grabe,
Bis einst ich höre Kanonengebrüll
Und wiehernder Rosse Getrabe.
Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,
Viel Schwerter klirren und blitzen;
Dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab,
Den Kaiser, den Kaiser zu schützen.
Aus: Gedichte von H. Heine. Berlin 1822, S. 77f
Der altenglische Dichter Cynewulf
(Erste Hälfte des 9. Jahrhunderts)
Gedichtet in Langversen mit Stabreim und gleichzeitig Endreim zwischen den Halbversen. Zur Markierung der Mittelzäsur habe ich | eingefügt.
Aus „Elene“ (Helena)
1236 So habe ich betagt und todbereit | in meinem tatenlosen Körper jederzeit
Wortkunst gedichtet | und Wunder gesichtet.
Zuzeiten überdachte ich, | und meine Gedanken überwachte ich
Nachts nachhaltig. | Noch war ich nicht kundig,
1245 Bis mir Weisheit zuteil ward, | in wunderbarer Art,
Dem Betagten zum Trost, | eine teure Gabe,
Meinen Körper befreite, | meinen kleinen Geist weitete,
1250 Liedkunst erschloß, | die ich lustvoll genoß,
Mit Freuden in der Welt.
Aus: Hier hatte ich einst viel Pläsier. Volkstümliche englische Dichtung des Mittelalters. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. übers. von Martin Lehnert. Frankfurt/Main: Insel, 1980, S. 31
Textfassung aus Cynewulf’s Elene. Ed. P.O.E. Gradon. NEW YORK: APPLETON-CENTURY-CROFTS, 1966:
Übersetzung in moderne englische Prosa von Charles W. Kennedy (inclusive der in der Inselausgabe ausgelassenen Zeilen):
Thus have I spun my, lay with craft of word and wrought it wondrously, aged and nigh unto death by fault of this mouldering house; at times I mused upon it and sifted my thoughts in the dungeon of night. I knew not clearly of that rood aright, ere wisdom in ample power imparted wider counsel in the thought of my heart… I was stained by my deeds of evil, shackled in sin, harried by sorrow, bound with bitterness, compassed about by trouble ere that in majesty the King of might granted me knowledge to console old age, ere that He meted out to me His radiant grace, instilled it in my heart, revealed its glory, made it more ample, loosed my body, undid the bolts of my breast and taught me song−craft, which in the world I have used with will and gladness.
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