Der Sturm ist da

Heute vor 110 Jahren erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Sturm“ mit Gedichten von René Schickele (Vorortballade). Hier ein Gedicht aus Nummer 3 vom 17. März 1910.

Nymphenburg
Von Ferdinand Hardekopf

Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und
  Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte,
  rasengrüne Parkavenuen.
Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste,
Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete)
  die lichte Scheidekraft verstellt.
..... Es quoll ein grünes Auge;
In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen
  Eisenbahnschienen,
Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste
  Amerikaner,
Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar,
  knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und
  Frauen-Nägeln.
Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plät-
  scherten die weißblauen, wolkenzarten Adern
  eines sehr hellen Nervenbeins
(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!).
Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen
  Dampf.
Und es wurde Orphisches doziert.
Ich versank — lächelnd, vergiftet.

Da wußte ich meine heiteren Gefahren,
Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir
  das volkgemiedne Land.
 ... Schon formt sich in der Stachelhülle,
Was schmelz-duftig, nebelreif-atmend die kältere
  Erde grüßen wird;
Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume,
  weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (.. die
  Lust ...),
Eine weiße Fontäne zischelt Médisance, Marquise
  in gepuderter Wellen-Perücke,
Die Marmorgötter lauschen und kichern und
  schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern
(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine
  Dianens?),
Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spie-
  gelleiber heiliger Teiche,
Schwäne sind ihre Brüste,
Brüste,
Sich einbetten in Festungswälle,
Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schul-
  tern, Pagenschultern.

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