2020 ist Expressionismusjahr. Und Hölderlinjahr. Vor 100 Jahren erschien die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ und vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin geboren. Die L&Poe-Galerie wird sich in einem Großteil der 366 Tage diesen beiden Schwerpunkten widmen.
Heute vor 109 Jahren erschienen in der Zeitschrift „Der Demokrat“ zwei Gedichte von Jakob van Hoddis, seine erste Veröffentlichung. Zehn Tage später der Paukenschlag: Weltende. Aber soweit sind wir noch nicht,.
Jakob van Hoddis
Tristitia ante …
Schneeflocken fallen. Meine Nächte sind
Sehr laut geworden, und zu starr ihr Leuchten.
Alle Gefahren, die mir ruhmvoll deuchten,
Sind nun so widrig wie der Winterwind.
Ich hasse fast die helle Brunst der Städte.
Wenn ich einst wachte und die Mitternächte
Langsam zerflammten – bis die Sonne kam –,
Wenn ich den Prunk der weißen Huren nahm,
Ob magrer Prunk mir endlich Lösung brächte,
War diese Grelle nie und dieser Gram.
Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe, herausgegeben von
Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 7
Nicolas Born
(* 31. Dezember 1937 in Duisburg; † 7. Dezember 1979 in Breese in der Marsch bei Dannenberg, Landkreis Lüchow-Dannenberg)
Achtung
Versuchen Sie es mit diesem hier
Sie können es biegen und brechen
aufstellen und herumliegen lassen
verschenken verleihen zerreißen
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Sie können es abschreiben und neu
herausgeben
es ist abgeschrieben und neu
herausgegeben
sichern Sie sich es ist garantiert
stoßfest wasserdicht schallgedämpft
es ist ein Gebetbuch eine biblische
Geschichte
Sie können es sich anziehen und
durchtragen
zögern Sie nicht länger
die zweite Auflage ist nicht die erste
Sie brauchen es früher oder später doch
Rudolf Augstein hat es
Willy Brandt hat es auch
Bazon Brock hat es bestellt
Ralf Dahrendorf hat es bezahlt
Günter Grass hat es sich kommen lassen
Beate Klarsfeld hat es zweimal
Hans Joachim Kulenkampff hat es nicht verstanden
Lore Lorenz hat es aufregend gefunden
Willy Millowitsch hat es nicht
Peter Müller hat es
Kurt Georg Kiesinger hat es als Beweis
Karl Schiller hat es
Walter Ulbricht könnte es haben
Aus: Nicolas Born: Wo mir der Kopf steht. Gedichte. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970, S. 5
Theodor Fontane
(* 30. Dezember 1819, heute vor 200 Jahren, in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin)
Ja, das möcht’ ich noch erleben
Eigentlich ist mir alles gleich,
Der eine wird arm, der andre wird reich,
Aber mit Bismarck – was wird das noch geben?
Das mit Bismarck, das möcht’ ich noch erleben.
Eigentlich ist alles soso,
Heute traurig, morgen froh,
Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
Ach, es ist nicht viel dahinter.
Aber mein Enkel, so viel ist richtig,
Wird mit nächstem vorschulpflichtig,
Und in etwa vierzehn Tagen
Wird er eine Mappe tragen,
Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben –
Ja, das möcht’ ich noch erleben.
Eigentlich ist alles nichts,
Heute hält’s, und morgen bricht’s,
Hin stirbt alles, ganz geringe
Wird der Wert der ird’schen Dinge;
Doch wie tief herabgestimmt
Auch das Wünschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht’ ich noch erleben.
Màrius Torres
Màrius Torres i Perenya (* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja)
III Wie der Nebel, der sich legt bei Nachtbeginn, oder der Reim einer Strophe ganz ohne Sinn; wie das Band einer Kokette im Spiegelglas, oder der Flug einer Schwalbe über das Tal; Wie ein klein wenig Musicke bei Müdigkeit, oder Moos, das an dem Becken des Brunnens gedeiht; so steht dir Melancholie, so zart und sanft, dass es weiter keinen Schmuck braucht, mich zu betörn.
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, in: Màrius Torres, Poesies/Gedichte. katalanisch/deutsch. Ausgewählt und übertragen von Àxel Sanjosé. (Lyrik-Taschenbuch 121), Aachen: Rimbaud, 2019, S. 34f
III Com la boirina que s’aclofa quan ve la nit, o com la rima d’una estrofa sense sentit; com una cinta de coqueta en un mirall, o com el vol d’una oreneta sobre la vall; com una mica de musica quan ve la son, o com la molsa que a la pica cria la font; així t’escau la melangia tan dolçament, que per rendir-me no et caldria més ornament.
Sergei Jessenin
(russisch Сергей Александрович Есенин, wiss. Transliteration Sergej Aleksandrovič Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)
Brjussow spricht. Leise und eindringlich. „Ich hoffe, Sie werden mir glauben. Ich kenne diese Verse. Das sind die besten, die in letzter Zeit geschrieben worden sind!* Das Auditorium ist geschlagen. Sergej liest sein Poem. Ovationen.“
Nach einer anderen Schilderung muß Jessenin dreimal ansetzen, und auch dann hört der Protest nicht auf, es ist so laut, daß man selbst in den ersten Reihen kaum etwas versteht. Doch wenige Tage später war das „rotmähnige Fohlen“ aus der Vierzigtägigen Klage in aller Munde.
Jessenin schreibt in diesem stürmischen November des Jahres 1920 eine lyrische Beichte, die Tumult und Skandal versteht als den Einbruch des Lichts in den „blattlosen Herbst“ des Publikums.
Beichte eines Hooligans
Singen: nicht jedem ist’s leicht,
zu fremden Füßen fallen
als Apfel, nicht jeder kanns.
Das hier ist die größte Beichte,
die beichtet ein Hooligan.
Euch zum Schur geh ich ungekämmt,
den Kopf wie eine Petroleumlampe auf den Schultern.
Eurer Seelen blattlosen Herbst
gefällt mir zu beleuchten im Dunkeln.
Mir gefällt, wenn der Schimpfreden Steine
wie Hagel rülpsender Gewitter auf mich falln,
nur fester preß ich dann meiner
Haare geschüttelte Blase.
Und so gut ist mir dann, zu erinnern
den zugewachsenen Teich, den heiseren Klang der Erle,
daß mir irgendwo Vater und Mutter sind,
die spucken auf meine sämtlichen Verse,
denen ich teuer bin wie Feld und Wehr,
wie Regen, der die Saat im Frühling eggt.
Mit Gabeln kämen sie, euch zu erstechen
für jeden Ton, den ihr hier auf mich legt.
Arme, arme ihr, Bauern!
Häßlich seid ihr wahrscheinlich schon.
Fürchtet Gott und die Moortiefen wie eh und je.
Ach, wenn ihr verstündet,
in Rußland euer Sohn
ist der beste aller Poeten!
Kam um sein Leben euch ins Herz nicht Winter,
wenn er im Herbst durch Pfützen lief, barfuß?
Und jetzt geht er im Zylinder
und in lackierten Schuhn.
Doch in ihm sind noch die alten Streiche,
der Dorfschule Übermut.
Vor jeder Kuh am Ladenschild von Fleischern
zieht er von weitem seinen Hut.
Und trifft er Droschkenkutscher auf dem Platz,
wenn dann Erinnerung ihm den Mistgeruch
der heimatlichen Felder braut,
ist er bereit, jeglichen Pferdes Schwanz
zu tragen wie die Schleppe einer Braut.
Ich liebe die Heimat.
Ich liebe die Heimat sehr!
Ist in ihr auch der weidene Rost der Trauer.
Der Schweine dreckige Rüssel sind mir angenehm
und in der Stille der Nacht der Kröten Chor.
Sanft macht mich krank Erinnern an die Kindheit,
Aprilabende Nebel träum ich, feucht und groß.
Als wollte er sich am Feuer wärmen,
hockt unser Ahorn sich vors Morgenrot.
Oh, wieviel aus den Krähennestern Eier
stahl ich ihm, kletternd im Geäst!
Ob er der gleiche ist, mit grünen Zweigen ?
Und seine Rinde noch wie früher fest?
Und du, mein teurer
treuer gefleckter Hund?
Das Alter machte winselnd dich und blind,
im Hof läufst du jetzt still und hängst den Schwanz
und hast vergessen, wo Stall und Türen sind.
Und wie sehr lieb sind mir die Streiche alle,
wenn ich der Mutter Brotkanten stibitzte
und beide bissen wir abwechselnd ab
und ekelten uns nicht ein bißchen.
Ich bin noch so.
Im Herz bin ich der gleiche.
Wie Kornblumen im Roggen, blühn im Gesicht die Augen.
Wenn ich der Verse goldne Matten breite,
möchte ich Zärtliches euch sagen.
Gute Nacht, gute Nacht!
Euch allen gute Nacht!
Verklungen ist im Gras des Abendrots Sichel…
Ich möchte heute, möchte sehr
vom Fenster den Mond…
Blaues Licht, ein so blaues Licht!
In diesem Blau scheints selbst nicht schlimm, zu sterben.
Was tuts, daß ich dasteh als Zyniker,
an den Hintern gehängt die Laterne?
Pegasus, alter, klappriger, guter –
brauch ich deinen weichen Trab?
Ich kam, wie ein strenger Meister,
zu besingen und preisen die Ratten.
Wie der August mein Schädel
strömt mit dem Wein der Haare Brand.
Ich will sein: ein gelbes Segel,
in das wir schwimmen, in das Land.
Deutsch von Rainer Kirsch. Aus: Fritz Mierau: Sergej Jessenin. Leipzig: Reclam, 1991, S. 188-191
Сергей Есенин
Исповедь хулигана
Не каждый умеет петь,
Не каждому дано яблоком
Падать к чужим ногам.
Сие есть самая великая исповедь,
Которой исповедуется хулиган.
Я нарочно иду нечесаным,
С головой, как керосиновая лампа, на плечах.
Ваших душ безлиственную осень
Мне нравится в потемках освещать.
Мне нравится, когда каменья брани
Летят в меня, как град рыгающей грозы,
Я только крепче жму тогда руками
Моих волос качнувшийся пузырь.
Так хорошо тогда мне вспоминать
Заросший пруд и хриплый звон ольхи,
Что где-то у меня живут отец и мать,
Которым наплевать на все мои стихи,
Которым дорог я, как поле и как плоть,
Как дождик, что весной взрыхляет зеленя.
Они бы вилами пришли вас заколоть
За каждый крик ваш, брошенный в меня.
Бедные, бедные крестьяне!
Вы, наверно, стали некрасивыми,
Так же боитесь бога и болотных недр.
О, если б вы понимали,
Что сын ваш в России
Самый лучший поэт!
Вы ль за жизнь его сердцем не индевели,
Когда босые ноги он в лужах осенних макал?
А теперь он ходит в цилиндре
И лакированных башмаках.
Но живёт в нём задор прежней вправки
Деревенского озорника.
Каждой корове с вывески мясной лавки
Он кланяется издалека.
И, встречаясь с извозчиками на площади,
Вспоминая запах навоза с родных полей,
Он готов нести хвост каждой лошади,
Как венчального платья шлейф.
Я люблю родину.
Я очень люблю родину!
Хоть есть в ней грусти ивовая ржавь.
Приятны мне свиней испачканные морды
И в тишине ночной звенящий голос жаб.
Я нежно болен вспоминаньем детства,
Апрельских вечеров мне снится хмарь и сырь.
Как будто бы на корточки погреться
Присел наш клен перед костром зари.
О, сколько я на нем яиц из гнезд вороньих,
Карабкаясь по сучьям, воровал!
Все тот же ль он теперь, с верхушкою зеленой?
По-прежнему ль крепка его кора?
А ты, любимый,
Верный пегий пес?!
От старости ты стал визглив и слеп
И бродишь по двору, влача обвисший хвост,
Забыв чутьем, где двери и где хлев.
О, как мне дороги все те проказы,
Когда, у матери стянув краюху хлеба,
Кусали мы с тобой ее по разу,
Ни капельки друг другом не погребав.
Я все такой же.
Сердцем я все такой же.
Как васильки во ржи, цветут в лице глаза.
Стеля стихов злаченые рогожи,
Мне хочется вам нежное сказать.
Спокойной ночи!
Всем вам спокойной ночи!
Отзвенела по траве сумерек зари коса…
Мне сегодня хочется очень
Из окошка луну…………
Синий свет, свет такой синий!
В эту синь даже умереть не жаль.
Ну так что ж, что кажусь я циником,
Прицепившим к заднице фонарь!
Старый, добрый, заезженный Пегас,
Мне ль нужна твоя мягкая рысь?
Я пришел, как суровый мастер,
Воспеть и прославить крыс.
Башка моя, словно август,
Льется бурливых волос вином.
Я хочу быть желтым парусом
В ту страну, куда мы плывём.
Zur Entwicklung der (islamischen) Dichtung in Indien im 19. Jahrhundert schreibt die Übersetzerin Annemarie Schimmel über das Motiv khamyāza (eigentlich „Gähnen“):
… daher wird für ‚Urfis Nachfolger khamyāza das unendliche Sehnen, «die Sehnsucht der Küste, das Meer in sich zu schließen» – ein unerfüllbarer, zeitloser Wunsch.
Dieser Wunsch bedeutet oftmals, daß der Dichter, zumindest in poetischer Sprache, darauf wartet, daß der/die Geliebte die frohe Kunde schickt, er/sie werde ihn bald töten… Das Hemd zu zerreißen oder das «Leichentuch» gehören zu den beliebten Formeln im Zusammenhang mit der Todessehnsucht.
Freilich konnte sich diese negative Haltung bei großen Meistern wie Ghalib geradezu zu einer Art von schwarzem Humor entwickeln, was die Grausamkeit der Bilder etwas erträglicher macht:
Wenn der Körper mir verbrennt,
ist doch auch das Herz verbrannt!
In der Asche stochert sie –
was soll denn dies Stochern sein?
Mirza Ghalib
(* vermutlich 27. Dezember 1797 in Agra; † 15. Februar 1869 in Delhi; DMG-Umschrift Mīrzā Asadallāh H̱ān Ġālib), auch als Ghalib oder Mirza Asadullah Beg Khan bekannt
Zeig nicht die geschloss’ne Knospe mir von fern: «So ist es, so!» Einen Kuß hab’ ich erbeten - mündlich zeig: «So ist es, so!» Keinen Kuß willst du mir geben - nun, ein Schimpfwort tut es auch: Schließlich hast du eine Zunge - wenn du keinen Mund hast, gut! Wenn der Körper mir verbrennt, ist doch auch das Herz verbrannt. In der Asche stochert sie - was soll dieses Suchen sein?
Aus: Annemarie Schimmel, Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren. München: Beck, 1996, S. 46 (Einleitung) und 172
– Ich werde nicht müde zu kommentieren, dass der Titel der Anthologie teils (absichtlich?) ungenau ist (Gedichte aus tausend Jahren aus Pakistan, das 1947 gegründet wurde?), teils schon unverschämt, als gäbe es nennenswert schöne Gedichte in Indien erst in den letzten tausend Jahren seiner langen Literaturgeschichte und nur von Moslems. Trotzdem ein schönes und nützliches Buch.
Ernst Moritz Arndt
(* 26. Dezember 1769 in Groß Schoritz, Rügen, heute vor 250 Jahren; † 29. Januar 1860 in Bonn)
Klage um den kleinen Jakob.
Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Es hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus –
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket Wein ein und denket:
Wärest du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
So muß der kleine Jakob da wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe noch Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob – die Aeuglein aus.
Kleiner Jakob! kleiner Jakob! komm zu Haus!
Aus: Gedichte von Ernst Moritz Arndt. Erster Theil. Frankfurt/Main: Eichenberg, 1818, S. 239f

Klaus Hensel
WIR KOMMUNIZIEREN
Was machst du gerade, fragt Facebook
Worauf Siri sagt, er redet gerade mit der
Kuh von Google. Ja, sagt Alexa, er fragt
Wo Andy sei und stell dir vor, was für ne
Coole Antwort die KUH dem Mann gibt
Auf die einfache Frage, wo der Andy sei
Sagt sie: 6287 Asch, Schweiz. Also, horch
Der Andy sitzt am Tresen neben sich
Dieser Mann mit Hut in der Post –
(2019)
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
ernst jandls weihnachtslied
machet auf den türel
machet auf den türel
dann kann herein das herrel
dann kann herein das herrel
froe weihnacht
froe weihnacht
und ich bin nur ein hund
froe weihnacht
froe weihnacht
und ich bin nur ein hund
Aus: ernst jandl, werke in 6 bänden. Werke 1. München: Luchterhand, 2016, S. 222
Albert Ehrenstein
(* 23. Dezember 1886 in Ottakring; † 8. April 1950 in New York)
Aus dem Schi-King
Mäuse
Große, große, große Maus,
Friß mir nicht die Hirs im Haus!
Drei Jahre hast du mich geplagt,
Drei Jahre hast du mich genagt,
Nächstens gar verschlingst du mich,
Zu dem Ärgsten dringst du mich,
Auszuwandern zwingst du mich,
In fremdes Land zieh ich hinaus.
Große, große, große Maus,
Friß mir nicht ganz Hof und Haus!
Drei Jahr hab ich’s der Katz geklagt,
Die Katz hat es dem Hund gesagt.
Seit drei Jahren plagst du mich,
Aus dem Lande jagst du mich,
So zieh ich in ein Land hinaus,
Wo man nicht kennt die große Maus.
Aus: Schi-King. Das Liederbuch Chinas. Gesammelt von Kung-fu-tse. In: Albert Ehrenstein, Werke. Hrsg. Hanni Mittelmann. Bandf 3/1. Chinesische Dichtungen. Lyrik. Klaus Boer Verlag, 1995, S. 61 (Zuerst in: Schi-King. Nachdichtungen chinesischer Lyrik, 1922).
Was ist das? Kinderlied, Scherzlied, Nonsense? Die Bücher sagen: Ein Spottlied gegen den Pachteintreiber oder Landherren. Fassung von Victor von Strauß 1880:
Abschiedslied der Auswanderer an ihren Oberbeamten.
[193] Große Maus! große Maus!
Unsre Hirse nicht verschmaus‘!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Kümmerten dich keinen Daus;
Wandern nun von dir hinaus,
Freu’n uns jenes schönen Gau’s,
Schönen Gau’s, schönen Gau’s,
Wo wir finden Hof und Haus.
Große Maus! große Maus!
Friß nicht unsern Waizenstand!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Nie hast Guts uns zugewandt;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenes schöne Land,
Schöne Land, schöne Land,
Wo uns Recht wird zuerkannt.
Große Maus! große Maus!
Friß nicht unsern jungen Reiß!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Fragtest nichts nach unserm Schweiß;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenen schönen Kreis,
Schönen Kreis, schönen Kreis.
Wer ist da voll Klaggeschrei’s?
Quelle:
Schī-kīng. Heidelberg 1880, S. 193f
Noch eine neuere Übersetzung von Rainald Simon (Reclam 2015, S. 244ff:
Feldmaus
Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meine Rispenhirse.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals wolltest du mich sehen.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in eine Mark der Freude.
Mark der Freude, Mark der Freude,
dort finde ich mein Heim.
Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meinen Weizen.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals wolltest du Güte zeigen.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in ein Land der Freude.
Land der Freude, Land der Freude,
dort finde ich meinen Wert.
Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meine Sprossen.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals spendetest du Trost.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in die Vorstadt der Freude.
Vorstadt der Freude, Vorstadt der Freude,
wer müsste dort lange klagen?
FRAU ONO NO KOMACHI
Ono no Komachi (jap. 小野小町; * ca. 825; † ca. 900)
Anfangs wagte man die radikale Kürze japanischer Lyrik nur umgemodelt, „poetisiert“ vor westliche Leser zu bringen, wie hier noch 1942. Dennoch Dank an den Nachdichter, dass er uns Einblick in seine Werkstatt gibt, wenigstens in einigen Beispielen.
Japanisches Original
Hana no iro wa
Utsuri nikeri na
Itazura ni
Waga mi yo ni furu
Nagame seshi ma ni.
Nachdichtung
VERGÄNGLICHKEIT
In lockenden Farben,
In heimlichen Düften
Blühten die Blumen, –
Ich trieb im Strome
Des Lebens, lebte
Den flüchtigen Lüsten, –
Die Blumen starben …
So steht es im Buch. Nur im Anhang findet sich folgende
Annähernd wörtliche Übersetzung
Die Farbenzier der Blumen
Ist dahin und fort.
Während ich zwecklos
Mein Leben bedenkend
In den Regen starrte.
ANMERKUNG: Um die Reichhaltigkeit des kurzen Gedichtes zu erläutern, sei darauf aufmerksam gemacht, daß „furu“ sowohl das Zunehmen der Jahre als auch das Fallen des Regens bedeutet, ebenso wie „nagame“ langen Regen und lange Blicke.
Aus: FRÜHLING SCHWERTER FRAUEN. Umdichtungen japanischer Lyrik mit einer Einführung in Geist und Geschichte der japanischen Literatur
von PAUL LÜTH
PAUL NEFF VERLAG • BERLIN, 1942
Bei wakapoetry.net das Original mit einer anderen Transkription und einer Übersetzung ins Englische:
花の色はうつりにけりないたづらにわが身世にふるながめせしまに
Fana no iro Fa
uturi ni keri na
itadura ni
waga mi yo ni Furu
nagame sesi ma ni
The colour of this flower
Has already faded away,
While in idle thoughts
My life goes by,
As I watch the long rains fall.
Ono no Komachi (Fl. ca. 833-857)
小野小町
Margarete von Navarra
(auch Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos), Königin von Navarra, kluge Frau und Dichterin
ZEHNZEILER
(an Clément Marot gerichtet)
Wenn die, die Geld Euch liehen, wie Ihr sagtet,
Euch kennen würden so genau wie ich,
Wärt Ihr der Schulden, die zuvor Ihr wagtet,
Nun quitt, ob groß, ob klein, um die Ihr klagtet;
Ihr zahltet mit zehn Versen lediglich,
Wie Ihr sie schreibt, was jede Schuld beglich’
An tausend mal und mehr, auf mein Gewissen!
Denn Geld kann man wohl schätzen nach Gewicht,
Doch (dafür dient mein Wort!) man kann doch nicht
Genug einschätzen Euer schönes Wissen.
Deutsch von Franz von Rexroth
Prosa-Übersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander
Wem die, denen Ihr Geld schuldet – wie Ihr sagt – Euch so gut kennen würden, wie ich Euch kenne, dann wärt Ihr frei von den großen und kleinen Schulden, die Ihr in der Vergangenheit gemacht habt, wenn Ihr ihnen einen Zehnzeiler zahlen würdet, so wie den von Euch, der wahrhaftig tausendmal mehr wert ist als das Geld, das Ihr schuldet, bei meiner Ehre; denn Geld kann man nach dem Gewicht schätzen, aber man kann nicht (darauf gebe ich mein Wort) Eure schöne Kunst hoch genug schätzen.
Beides in: Poesie der Welt. Frankreich. Ex Libris Ausgabe. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein (Edition Stichnote), 1985, S. 54f
MARGUERITE DE NAVARRE
DIXAIN
Si ceulx à qui debuez, comme vous dictes,
Vous congnoissoyent comme ie vous congnoys,
Quitte seriez des debtes que vous feistes
Le temps passé, tant grandes que petites,
En leur payant vn dixain toutesfoys
Tel que le vostre, qui vault mieulx mille foys,
Que l’argent deu par vous, en conscience:
Car estimer on peult l’argent au poix,
Mais on ne peult (& i’en donne ma voix)
Assez priser vostre belle science.
(Réponse à Clément Marot)
Si ceux à qui devez, comme vous dites,
Vous connaissaient comme je vous connais,
Quitte seriez des dettes que vous fîtes,
Le temps passé, tant grandes que petites,
En leur payant un dizain toutefois
Tel que le vôtre qui vaut mieux mille fois
Que l’argent dû par vous, en conscience ;
Car estimer on peut l’argent au poids,
Mais on ne peut, – et j’en donne ma voix, –
Assez priser votre belle science.
Friederike Mayröcker
(* 20. Dezember 1924, heute vor 95 Jahren, in Wien)
Parlando
was für ein Widerspruch denke ich. Nie
so denke ich, wirst du meine schwärmerischen
Vorstellungen.
Hast du je ein Instrument? Tagebücher? frage ich dich
vor dem Aufbruch. Plötzlich
hatte ich eine Menge zu sagen. Meist fürchte ich
dich nicht zu erreichen mit meinem
unsicheren Schweigen.
Trompete, Klavier, (glissando)
Tagebuch, auf einer Fahrt.
Etwas Verdecktes, Unterdrücktes, manchmal
verstehe ich kaum ein Wort von dem was du sagst, mir erklärst,
und ich weisz nicht auf welche Art
dein Denken geschieht.
Aber ich nicke dazu, möchte alles begreifen.
Deine Wasserflut, Beiläufigkeit, unschlüssig
steh ich vor dir, ich weisz nicht war es etwas das ich nur nachts,
im Traum, oder
hast du es mir im Wachen getan? meine
Vorstellung deine Hand zu mir hin, aber eher,
eher habe ich es geträumt du streichst flüchtig meine Brust,
ich will deine Nähe.
Und obwohl ich nur deine Kleider, mit meiner Wange,
habe ich plötzlich das Gefühl von Übertretung :
vielleicht weil so viel Abwehr dich umgibt.
Starr, ausgelöscht, in schrecklicher Nüchternheit,
beklommen. Achtlos mit meinen Schallplatten, Büchern. So
werfe ich alles auf die angeräumte Couch. Wo
schläfst du denn? hast du
Geburtstag? keine
Klavierstücke bitte keine Klavierstücke.
Wahllos
raufe ich Worte, Gedanken. Und merke
ich bin nicht ich selbst wenn du bei mir bist: aber ich lebe
nur auf diese Zeit hin. Wir hätten
uns auswärts treffen können sagst du. Schreib mir am Morgen
sagst du und wirf es erst abends ein, sagst du wenn ich erzähle
dasz ich dir oft bei Nacht
Briefe schreibe die ich am Morgen zerreisze.
Das Mittagslicht hier ist schön, auch
das Nachmittagslicht. Ein Zwang sich zärtlich
eingeschlossen zu fühlen. Kurzatmig,
euphorisch. In diesem engen Geviert
das immer nur die gleichen Formen zuläszt, einander zu begegnen.
Später im Taxi dein ausgestreckter Arm an meiner
Schulter. In meinen
Ohren betäubendes Rauschen, die
Trittspur der Stunden.
Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 262f
Martina Kieninger
Aus dem „Elternverwirrbuch“
Mit Bäumen telefonieren
I
Habt ihr schon mal ausprobiert
wie man mit Bäumen telefoniert
dazu braucht Ihr ein imaginäres Telefon und das geht so:
Ihr macht ein Handy aus Euern Händen und sagt hallo.
Bei mir hat es leider nicht funktioniert.
Kann sein dass der Baum mich nicht verstanden hat.
aber jetzt wisst ihr
wie man mit Bäumen telefoniert.
II
Das erzeugt folgende Ausgabe:
Eiche: Ich bin 5 Meter hoch. Mir geht es super. Ich bin 15 Meter hoch.
Schleiche: Mir geht es echt mies. Ich bin 24 Meter hoch.
Weiche: Ich bin ein Tisch. Ich bin 1 Meter hoch.
Handy ist eine Instanz der Klasse „Hund“ und hat zwei Bäume und einen Tisch interviewt.
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