mit großer kraft, wo hat er das nur her

Hans Magnus Enzensberger

(Geboren am 11. November 1929, heute vor 90 Jahren, in Kaufbeuren)

utopia

der tag steigt auf mit großer kraft
schlägt durch die wolken seine klauen
der milchmann trommelt auf seinen kannen
sonaten: himmelan steigen die bräutigame
auf rolltreppen: wild mit großer kraft
werden schwarze und weiße hüte geschwenkt.
die bienen streiken, durch die wolken
radschlagen die prokuristen,
aus den dachluken zwitschern päpste.
ergriffenheit herrscht und spott
und jubel. segelschiffe
werden aus bilanzen gefaltet.
der kanzler schussert mit einem strolch
um den geheimfonds. die liebe
wird polizeilich gestattet,
ausgerufen wird eine amnestie
für die sager der wahrheit.
die bäcker schenken semmeln
den musikanten. die schmiede
beschlagen mit eisernen kreuzen
die esel. wie eine meuterei
bricht das glück, wie ein löwe aus.
die wucherer, mit apfelblüten
und mit radieschen beworfen,
versteinern, zu kies geschlagen,
zieren sie wasserspiele und gärten.
überall steigen ballone auf,
die lustflotte steht unter dampf:
steigt ein, ihr milchmänner,
bräutigame und strolche!
macht los! mit großer kraft
steigt auf
……………..der tag.

Aus: verteidigung der wölfe. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1957, S. 26f

Wie es mit Büchern geht

Jacob Cats

(* 10. November 1577 in Brouwershaven auf der Insel Schouwen-Duiveland; † 12. September 1660 in Den Haag)

Drei Vorreden

An den Leser

Dünckt einem dieses Buch von allzu grossem Wesen /
Der mag / sofern er will / nur etwas wenigs lesen;
Ein Spruch / und eine Red / gefast am rechten Platz /
Und eine Regel ist allhier ein grosser Schatz.
Sofern du dieses Werck dann einsten möchtest kauffen /
Mustu das kleinste Wort nicht eiligst überlauffen:
Käu / eh du was verschlingst; Verschluck so gähling nicht;
Denck mehr / als wie du liest; ließ mehr / als hier gedicht.

Eccles. 12.13
Les propos des sages sont comme aiguillons. [Die Worte der Weisen sind wie Stacheln]

Hier ist was plumps / hier ist was reiffs /
Hier ist was schlaffs / hier ist was steiffs /
Hier ist was krumms / hier ist was rechts /
Hier ist was guts / hier ist was schlechts.
‚Sist mittelmässig / was ihr seht;
Wist / daß es so mit Büchern geht.

Seneca
In codem prato bos herbam quærit, canis lepüorem, ciconia lacertam.
[Auf der gleichen Wiese findet die Kuh Gras, der Hund den Hasen, der Storch die Eidechse]

Mit Büchern ist es so bestelt /
Als wie mit einem offnen Feld /
Die Kuh geht grasen bey dem Flachs /
Die Biehn findt Honig / findet Wachs:
Der Frosch findt Wasser-Liß ins Graß /
Dem Hunde läuffet auff ein Haas /
Und wo die Sau die Wurtzeln schaut /
Da liest der Mensch ein heilsam Kraut:
Die Spinne saugt da ihren Gifft /
Es ist / wie man die Mäuler trifft.

Aus: Jacob Cats Sinn-reicher Wercke und Gedichte, dritter Theil, oder, Spiegel der alten und neuen Zeit … alles mit den auserlesensten Anmerckungen, aus den besten spanischen, lateinischen, teutschen, englischen, französischen, niederländischen und griechischen Moralisten, mit vielem Fleisse zusammen getragen
Gedruckt und verlegt durch seel. Thomas von Wieringe Erbe … in Hamburg 1711

„Grass“, schreien an der Wolga

Welimir Chlebnikow

(Велимир Хлебников; eigentlich Виктор Владимирович Хлебников, wiss. Transliteration Viktor Vladimirovič Chlebnikov; * 28. Oktober jul./ 9. November 1885 greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Oblast Nowgorod)

Ein Gedicht von Anfang 1922 in fünf Fassungen

Fassung von Oskar Pastior

presse arbeit reibung diese drei
aus dem wasser seid gedriftet!
kommt geflossen ziel und zweifel diese zwei!
gras behindert den drang beim spazieren
schierling bricht seile drückt blutbild
ein schartiges messer dringt schwer durch,
tropus ist ein pott für apokryphe multiplikatoren
dem dußligen schlägt fröhliche stund
dreckig und traurig ist der weg zur dressur
ein tropf der dran rupft
ein brustkorb ist starr wenn bewegung entfleucht
ein grab ist ein ort für kadaver
wo nichtrührer wirt ist –
alles dies: drift aus drei
doch ziel und zeichen: fluß aus zwei
auch weib und geist flügeln bei
zwei wegt zweige drei dreht draht
«zertretet die natter» droht man am don
und zieht das zicklein zurück

Fassung von Peter Urban

Rachgier, Rackerei und Reibung – ihr
rinnt aus dem See der Drei.
Werk und Ware – aus dem See der Zwei!
Rasen hindert die Wade am Gehen,
Rüffel treiben dem Wildfang den Willen aus.
Rostige Messer reißen.
Ruhestand ist ein Weg mit negativer Richtung der Bewegung.
Wonne des Wandrers: im Walde zu weilen,
reichlich ranzig wird, wer an Rainen rackern muß.
Röchelt einer, kriegt er rar nur Luft.
Roderich hat ausgeröchelt: er liegt starr und reglos.
Ruhestatt, die letzte, das Haus für die sterblichen Reste,
wo diese sich nicht mehr bewegen, –
ihr alle rinnt aus der Drei;
Werke dawider, Waren – wehen aus dem See der Zwei.
Wallet, Wille, Weibchen, wallt wie Weihen mit den Flügeln.
Weihe der Zwei, sie bewegt. Drei reibt.
«Rottet die Ratten aus» – ruft man an der Volga
und hält den Windhund zurück.

Beide aus: Velimir Chlebnikov: Werke. Poesie. Hrsg. Peter Urban. Reinbek: Rowohlt, 1985, S. 208f

Трата и труд, и трение,
Теките из озера три!
Дело и дар — из озера два!
Трава мешает ходить ногам,
Отрава гасит душу, и стынет кровь.
Тупому ножу трудно резать.
Тупик — это путь с отрицательным множителем.
Любо идти по дороге веселому,
Трудно и тяжко тропою тащиться.
Туша, лишенная духа,
Труп неподвижный, лишенный движения,
Труна — домовина для мертвых,
Где нельзя шевельнуться, —
Все вы течете из тройки,
А дело, добро — из озера два.
Дева и дух, крылами шумите оттуда же.
Два — движет, трется — три.
«Трави ужи», — кричат на Волге,
Задерживая кошку.

Начало 1922

Googles Transkription

Trata i trud, i treniye,
Tekite iz ozera tri!
Delo i dar — iz ozera dva!
Trava meshayet khodit‘ nogam,
Otrava gasit dushu, i stynet krov‘.
Tupomu nozhu trudno rezat‘.
Tupik — eto put‘ s otritsatel’nym mnozhitelem.
Lyubo idti po doroge veselomu,
Trudno i tyazhko tropoyu tashchit’sya.
Tusha, lishennaya dukha,
Trup nepodvizhnyy, lishennyy dvizheniya,
Truna — domovina dlya mertvykh,
Gde nel’zya shevel’nut’sya, —
Vse vy techete iz troyki,
A delo, dobro — iz ozera dva.
Deva i dukh, krylami shumite ottuda zhe.
Dva — dvizhet, tretsya — tri.
«Travi uzhi», — krichat na Volge,
Zaderzhivaya koshku.

Automatische Übersetzung von Google

Verschwendung und Arbeit und Reibung
Stream vom See drei!
Affäre und Geschenk – zwei vom See!
Gras verhindert das Gehen der Beine
Das Gift löscht die Seele und das Blut gefriert.
Ein stumpfes Messer ist schwer zu schneiden.
Eine Sackgasse ist ein negativer Multiplikatorpfad.
Lubo, der fröhlichen Straße zu folgen,
Es ist schwer und schwer, auf dem Weg zu ziehen.
Eine Karkasse ohne Geist
Eine Leiche ist bewegungslos, bewegungslos,
Truna ist die Herrschaft für die Toten
Wo Sie sich nicht bewegen können, –
Sie alle fließen von den ersten drei
Aber Geschäft, gut – vom See zwei.
Jungfrau und Geist, Flügel machen Lärm von dort.
Zwei Züge, Reiben – Drei.
„Grass“, schreien an der Wolga,
Eine Katze hochhalten.

POETISCH DENKEN (DIGEST)

Hannes Bajohr

POETISCH DENKEN (DIGEST)

hört ihr das
so höhnen honigprotokolle

ab und zu
in der ferne

la la la
tch tch tch

ich ging hinaus
in der zeit

[Die je zwei häufigsten 3-Gramme aus den in Christian Metz‘ Buch »Poetisch Denken« erwähnten Lyrikpublikationen Monika Rincks, Jan Wagners, Ann Cottens und Steffen Popps mit CasualConc 1.9.7 nach der Häufigkeit ihres Auftretens geordnet; nacheinander ausgegeben (1. Strophe: Rinck; 2. Strophe: Wagner; 3. Strophe: Cotten; 4. Strophe: Popp).J

Aus: Krachkultur 20/ 2019, S. 69

Zwei Minuten

Ibn Hazm

(* 7. November 994; † 15. August 1064)

Ibn Hazm (Abū Muhammad ʿAlī ibn Ahmad Ibn Hazm az-Zāhirī al-Andalusī / أبو محمد علي بن أحمد ابن حزم الظاهري الأندلسي) war ein arabischer Universalgelehrter und Dichter aus Córdoba, Al-Andalus.

ICH KÜSSTE EINMAL

Mich frug ein Freund, wie viele Lebensjahre
Bereits auf meinen Schultern ruhten.
Ich sprach: „Im höchsten Falle zwei Minuten.“
Er wies bestürzt auf meine weißen Haare.

Da sagte ich: „Wir müssen klar erkennen,
Wie sich verteilt des Lebens Wert und Maß.
Ich küßte einmal so, daß ich es nie vergaß.
Den Rest der Erdenzeit kann ich nicht Leben nennen.“

Aus: Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer Lyrik von Janheinz Jahn. Freiburg/Br.: Klemm, 1955, S. 108

„Drum sei auch der Grundstein ausgehauen“

Karel Hynek Mácha

(* 16. November 1810 in Prag; † 6. November 1836 in Leitmeritz)

Hadert nicht, daß ich am Bau euch rüttle

Hadert nicht, daß ich am Bau euch rüttle,
der in kurzer Zeit von selbst zerfiele;
denn wenn Ratten an dem Sockel nagen,
wird nicht bald das Haus im Winde schwanken?
Wenn sich losgelöst die Giebelplanken,
werden Mauern lang das Dach noch tragen?
Soll sich dann ein neues Haus erheben,
ist es ratsam, daß man’s wieder duldet
auf demselben alten Grundstein eben,
der den Fall des vorigen verschuldet?
Drum sei auch der Grundstein ausgehauen,
neuen Sockel legt in gute Erde,
um darauf das neue Haus zu bauen,
dessen Dach euch vor der Glut Beschwerde
wird beschützen und vor Sturmeswinden.
Sollte mir, bevor das Haus geschaffen,
meines Geistes Wachsamkeit erschlaffen
(Schläfrigkeit ist schwer zu überwinden),
möge an des toten Meisters Stelle
ein Geselle sich ins Mittel legen,
daß er auf den vorgezeigten Wegen
arbeitsam den neuen Bau erstelle.

Übersetzt von Otto F. Babler

Aus: Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. Ausgewählt und kommentiert von Ludvík Kundera und Eduard Schreiber. München: DVA, 2006, S. 176

Niemand hört mir zu

Michail Lermontow

(Михаи́л Ю́рьевич Ле́рмонтов; * 3. Oktober jul./ 15. Oktober 1814 greg., Moskau; † 15. Juli jul./ 27. Juli 1841 greg. im Duell in Pjatigorsk)

ICH REDE, NIEMAND HÖRT MIR ZU

Ich rede, niemand hört mir zu … ich bin allein.
Der Tag versinkt … gefärbt in dunkelrote Streifen,
Die Wolken ziehen westwärts, Feuerschein
Fällt laut aus dem Kamin. – Die Zukunftsträume reifen,
Erfüllen mich … und alles was mal war
Zieht jetzt an mir vorbei in gleichförmiger Schar,
In der mein wirrer Blick vergeblich sucht zu greifen
Wenigstens einen Tag, der hoffnungsvoll und klar!

Wahrscheinlich 1835/36 in St. Petersburg geschrieben

Deutsch von Karl Dedecius, aus: Karl Dedecius, Mein Rußland in Gedichten. München: dtv, 2003, S. 61

Никто моим словам не внемлет… я один.
День гаснет… красными рисуясь полосами,
На запад уклонились тучи и камин
Трещит передо мной. — Я полон весь мечтами,
О будущем… и дни мои толпой
Однообразною проходят предо мной,
И тщетно я ищу смущенными очами
Меж них хоть день один, отмеченный судьбой!

Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Michail Lermontow (1814-1841)

Strophen

Einsam tret ich auf den Weg, den leeren,
Der durch Nebel leise schimmernd bricht;
Seh die Leere still mit Gott verkehren
Und wie jeder Stern mit Sternen spricht.

Feierliches Wunder: hingeruhte
Erde in der Himmel Herrlichkeit…
Ach, warum ist mir so schwer zumute?
Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Nichts hab ich vom Leben zu verlangen
Und Vergangenes bereu ich nicht:
Freiheit soll und Friede mich umfangen
Im Vergessen, das der Schlaf verspricht.

Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.
Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,
Dass ich alle Kräfte in mir habe
Und in ruhiger Brust des Atems Gang.

Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne
Stimme sänge, die aus Liebe steigt,
Und ich wüsste, wie die immergrüne
Eiche flüstert, düster hergeneigt.

(aus dem Russischen von Rainer Maria Rilke)


Wandr’ ich in der stillen Nacht alleine,
Durch den Nebel blitzt der Steinweg fern —
Redet Stern zum Stern im hellen Scheine,
Und die Wildniß lauscht dem Wort des Herrn.

Golden schimmernd, hinterm Felsenhange,
Dehnt des Himmels Blau sich endlos weit —
Was ist mir die Brust so schwer, so bange?
Hoff’ ich Etwas — thut mir Etwas leid?

Nein! mich lockt nicht mehr der Hoffnung Schimmer,
Und Vergangenes thut mir nicht leid —
Doch ich möchte schlafen gehn auf immer,
Freiheit such’ ich und Vergessenheit!

Aber nicht den kalten Schlaf der Truhe,
Nicht die Freiheit, die uns todt begräbt;
Ruhe möcht’ ich — doch lebend’ge Ruhe,
Drin noch athmend meine Brust sich hebt.

Unter immergrüner Eichen Fächeln
Möcht’ ich ruhen all mein Leben lang —
Vor mir schöner Augen Liebeslächeln,
Und in Schlaf gelullt von Liebessang.

Deutsch von Friedrich von Bodenstedt (1819-1892)


М.Ю. Лермонтов

I.

Выхожу один я на дорогу
Сквозь туман кремнистый путь блестит;
Ночь тиха. Пустыня внемлет Богу,
И звезда с звездою говорит.

II.

В небесах торжественно и чудно!
Спит земля в сиянье голубом…
Что же мне так больно и так трудно?
Жду ль чего? жалею ли о чём?

III.

Уж не жду от жизни ничего я,
И не жаль мне прошлого ничуть;
Я ищу свободы и покоя!
Я б хотел забыться и заснуть!

IV.

Но не тем холодным сном могилы…
Я б желал навеки так заснуть,
Чтоб в груди дремали жизни силы,
Чтоб, дыша, вздымалась тихо грудь;

V.

Чтоб всю ночь, весь день мой слух лелея,
Про любовь мне сладкий голос пел,
Надо мной чтоб, вечно зеленея,
Тёмный дуб склонялся и шумел.

1841г.

Hier gibt es eine andere Übersetzung (Eric Boerner)

Weitere mir zugängliche Fassungen:

  • Gedichte / Im Versmass des Originals von Friedrich Fiedler (Reclam 1893)
  • Rudolf Pollach, in Kay Borowsky: Fünfzig russische Gedichte (Reclam 2001)

Farbiger Herbst

Georg Trakl

(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)

Farbiger Herbst

(1. Fassung von ‘Musik im Mirabell’ Sammlung 1909)

Der Brunnen singt, die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten;
Bedächtig, stille Menschen gehn
Da drunten im abendblauen Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut
Ein Vogelflug streift in die Weiten
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster,
In dunklen Feuern glüht der Raum,
Darin die Schatten, wie Gespenster.

Opaliger Dunst webt über das Gras,
Eine Wolke von welken, gebleichten Düften,
Im Brunnen leuchtet wie ein grünes Glas
Die Mondessichel in frierenden Lüften.

Georg Trakl: Das dichterische Werk. München: dtv, 1987 (71.-79. Tsd.), S. 142f

Abweichungen in der 2. Fassung in „Gedichte“ 1913:

Titel: Musik im Mirabell

Strophennr./Zeilennr.
1/ 1 Ein Brunnen singt. Die
1/ 2 zarten.
1/ 3 Bedächtig stille
1/ 4 Am Abend durch den alten G.

2/ 1 ergraut.
2/ 2 Vogelzug … Weiten.

3/ 1 Fenster.
3/ 3 Ein Feuerschein glüht auf im Raum
3/ 4 Und malet trübe Angstgespenster.

  1. Strophe komplett neu:

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

Bis auf einen indischen Berg aufgrund seiner Purpurfarbe

Georges Schehadé

(* 2. November 1905 in Alexandria; † 17. Januar 1989 in Paris)

Bis auf einen indischen Berg aufgrund seiner Purpurfarbe
Und diesen Bronzegeruch den manchmal die Pferde haben
Lassen die welken Blätter uns kalt
Es gibt Traurigkeiten die nicht die unsrigen sind
Nur mein Herz ist mein Kind
Um zu berühren was wir geliebt
Werden wir ins Haus einer ländlichen Gegend gehen
Und der Engel einer Mauer wird unser Vorfahr sein

Aus Les Poésies, 1952
Übers. Heribert Becker

Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer u. Petr Král. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986 (2. Aufl.), S. 1202

Friedenshoffnung

Georg Philipp Harsdörffer

(* 1. November 1607 in Fischbach / Nürnberg; † 17. September 1658 in Nürnberg)

Friedenshoffnung bey noch schwebender Handlung zu Münster und Oßnabruck

Der Kriegsmann wil ein Schäfer werden

1
Trommel und Pfeiffen / Herpaucken / Trompeten /
Donnerkartaunen und Hagelmusqueten /
eiserne Schlossen / Blitz / Kugel und Keul /
Rauben / Mord / Brennen / und Jammergeheul /
Bluttrieffende Degen /
dollrasende Waffen /
das Puffen und Paffen
der rollenden Wägen /
entweiche nun weit
des guldenen Friedens behäglicher Zeit.

2
Sicherheit baue die dankbaren Felder /
Sicherheit hege die lustigen Wälder /
setze die Baume / vergleiche den Waal /
pflantze die Gärten und pflüge den Thal.
Die Quellen erhellen
vermählet den Auen;
das silberne Tauen /
beblume die Schwellen
an Ceres Altar /
Glück Segen und Wonne bekröne das Jahr.

3
Zieret ihr Lantzen und Pantzer die Posten
Harnisch und Spiese verfaulen und rosten /
Häcker und Wintzer vergessen das Leid /
Hirten und Heerde geniessen der Weid.
An Schiffbaren Flüssen /
erschallen die Flöten /
der Meisterpoeten /
den Frieden zu grüssen.
Ich lasse das Schwert
und führe (nicht Heere) die wollichte Heerd.

4
Ströme / so vormals die Threnen vermehret /
werden mit wehrten Gedichten verehret:
Bober und Elbe / die Donau / der Rhein
schenken für Lieder den niedlichsten Wein.
Die Najaden springen / die Heleconinnen
viel Neues ersinnen /
Sie pflegen zubringen
Ruhm würdige Lehr.
Ich schweige / dir Rumpler zu geben Gehör.

Aus: Georg Philipp Harsdörffer, Der Poetische Trichter. 2. Band. Nürnberg: Endter, 1648, S. 108ff

Hier in der Originalgestalt

Standhafter Stern

John Keats

(* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom)

Bright star, would I were stedfast as thou art—
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,
The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft-fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors—
No—yet still stedfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever—or else swoon to death.

Sonett

O könnt ich gleichen dir, standhafter Stern:
Nicht hohen Lichts geheftet an die Nacht,
Betrachtend aus dem ewigen Auge fern,
Dem Eremiten gleich, der ruhlos wacht,
Bewegter Wasser priesterliches Amt,
Uns zu entsühnen längs der Küsten Kreis,
Vielleicht auch blickend auf der Maske Samt,
Wenn Neuschnee hüllt die Berge in sein Weiß;
O nein, doch standhaft, doch unwandelbar,
Zu fühlen, an der Liebsten Herz gelegt,
Wie lieblich reifend ihrer Brüste Paar
Sich senkt und hebt, vom Atem leis bewegt;
Erwachend nur dies süße Bild zu sehn
Und sonst, wie trüg ichs! klaglos zu vergehn.

Deutsch von Uwe Grüning, aus: Ein Ding von Schönheit ist ein Glück auf immer. Gedichte der englischen und schottischen Romantik. Leipzig: Reclam, 1980, S. 435

Sag: stirbt auch die Seele?

Paul Verlaine

(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)

Für diese Verse wird man mich verleumden

Für Charles Vignier

GEBEUGT STAND ICH am Bett: ganz hingegeben
den keuschen Leib, lagst du im Abendschlummer.
Und ich begriff, als läse ich mit stummer
und jäher Klarheit: eitel alles Streben!

O welch ein flüchtig Wunder ist das Leben!
Ein Blumenhauch der Leib – ein krummer
Gedanke, wahnsinndrohend, läßt im Kummer
um dich – schlaf du! – mich wachend beben.

O Elend, dich zu lieben, zart und schmächtig!
Dein Atem geht, wie schon vom Tod verriegelt,
dein Auge scheint zum Sterben schon versiegelt,

dein Mund lacht irre schon und jenseitsträchtig,
noch träumend, daß er meinem sich vermähle!
Wach auf, geschwind, und sag: stirbt auch die Seele?

Deutsch von Hans Krieger, aus: Paul Verlaine: Poèmes. Gedichte. Waakirchen: Oreos, 2005, S. 41

VERS POUR ÊTRE CALOMNIÉ

À Charles Vignier

Ce soir je m’étais penché sur ton sommeil.
Tout ton corps dormait chaste sur l’humble lit,
Et j’ai vu, comme un qui s’applique et qui lit,
Ah ! j’ai vu que tout est vain sous le soleil !

Qu’on vive, ô quelle délicate merveille,
Tant notre appareil est une fleur qui plie !
Ô pensée aboutissant à la folie !
Va, pauvre, dors ! moi, l’effroi pour toi m’éveille.

Ah ! misère de t’aimer, mon frêle amour
Qui vas respirant comme on respire un jour !
Ô regard fermé que la mort fera tel !

Ô bouche qui ris en songe sur ma bouche,
En attendant l’autre rire plus farouche !
Vite, éveille-toi. Dis, l’âme est immortelle ?

Die andere Nacht der ermordeten Dichter

Als Nacht der ermordeten Dichter gilt der 12. August 1952, als auf Befehl Stalins zahlreiche der führenden jiddischen Dichter der Ukraine ermordet wurden, darunter David Bergelsson, David Hofstein, Lejb Kwitko, Perez Markisch und Itzik Fefer. Aber es gibt mindestens eine zweite Nacht, die den traurigen Titel tragen könnte. Am 29. Oktober 1937 wurden zahlreiche weißrussische Intellektuelle erschossen, darunter die Schriftsteller Anatol Wolny, Platon Golovatsch (Galawatsch), Ales Dudar, Michail (Michas) Sarezkij, Wasil Kawal (Kowal), Mosche (Moische) Kulbak, Jurka Ljawonny, Waleri Marakoj, Wasil Staschewski und Michas Tscharot.

Hier ein jiddisches Gedicht von Mosche Kulbak aus der Anthologie „Der Fiedler vom Getto. Jiddische Dichtung aus Polen“ (Reclam Leipzig 1968, herausgegeben und übersetzt von Hubert Witt).

Lied eines armen Mannes

Auf dem Boden sitzt bei Nacht ein armer Mann
mit einem dünnen Lächeln auf dem Gesicht.
Er singt, wie sowas, hör mal, leben kann,
denn überall hilft man sich schon und braucht ihn nicht.

Er streckt den langen Leib, wird länger und schwächer
er klagt und singt sein armundgraues Lied
und der gehörnte, der stechende Mond auf den Dächern
kriecht herum wie ein weißer Wurm und glüht.

O die gilbe Stimm des Armen voller Schrecken
in allen Winkeln dieser grauen Welt.
Stimm eines Menschen, angetan mit Säcken –
wie schwer sie sich aus ihrer Trauer schält.

Er singt die dünne Freud, die er aus Qual gewann
wie kühles Wasser unter nackten und verbrannten Steinen.
Auf dem Boden singt bei Nacht ein armer Mann
und rührt den Mond, doch weiter keinen keinen …

(S. 103f)

Nicht Poesie

Gustav Sack

(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)

Bekenntnis

Das sind mir Worte nur und Klänge,
künstliches Reflexionsgedränge,
das hat nicht Herz, nicht Poesie,
das läßt mich kalt, ich weiß nicht, wie.

Gewiß: denn dem Poet,
wie ihr ihn liebt und ihn versteht,
sprang noch die Welt nicht jäh entzwei
in Ding und Dinges Konterfei,
dem ist noch nicht die Welt verdorrt
zum hohlen Klang und dürren Wort,
der sieht noch nicht in jedem Ding
sich selbst, der in die Dinge ging,
der findet sich nicht ewig wieder,
der pinselt seine warmen Lieder
herzhaftig nach der Wirklichkeit,
nach Grund und Sinn und Raum und Zeit,
als ob das alles Dinge wären,
die plastisch aus dem Chaos gären
und ohne Zweifel so bestehn,
wie er sie eben stets gesehn.

Mir aber klirrend eins, zwei, drei
sprang diese schöne Welt entzwei
und ließ mir, nicht viel mehr als nichts,
den Wiederschein nur jenes Lichts,
das rätselhaft die Nacht durchfährt
und dann für immer wieder in sie kehrt,
zwecklos, sinnlos und gänzlich einerlei,
was es in Wahrheit wohl gewesen sei.

Darum ich denn die Poesie,
wie ihr sie pflegt, verlach, ich weiß nicht, wie.

Aus: Versensporn 35: Gustav Sack. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 15