Johann Peter Hebel (1760-1826)

410 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Damit keine Nordlastigkeit aufkommt, heute was Südliches. Anlass ist der 200. Todestag des alemannischen Dichters Johann Peter Hebel (schon am 22.!).

Johann Peter Hebel

(* 10. Mai 1760 in Basel; † 22. September 1826 in Schwetzingen)

Wächterruf.

(mit einer Melodie.)


Loset, was i euch will sage!
D’ Glocke het Zehni gschlage.
     Jez betet, und jez göhnt ins Bett,
     und wer e rüeihig Gwisse het,
     schloft sanft und wohl! Im Himmel wacht
     e heiter Aug die ganzi Nacht.

Loset, was i euch will sage!
D’ Glocke het Oelfi gschlage.
     Und wer no an der Arbet schwitzt,
     und wer no by de Charte sizt,
     dem bieti jez zum leztemol.
     ’s isch hochi Zit! Und schlofet wohl!

Loset, was i euch will sage!
D’ Glocke het Zwölfi gschlage.
     Und wo no in der Mitternacht
     e Gmüeth in Schmerz und Chummer wacht,
     se geb der Gott e rüeihige Stund,
     und mach di wieder froh und gsund!

Loset, was i euch will sage!
D’ Glocke het Eis gschlage.
     Und wo mit Satans G’heiß und Roth
     e Dieb uf dunkle Pfade goht,
     – i wills nit hoffe, aber gschiehts –
     Gang heim! Der himmlisch Richter sieht’s.

Loset, was i euch will sage!
D’ Glocke het Zwey gschlage.
     Und wem scho wieder, eb’s no tagt,
     die schweri Sorg am Herze nagt,
     du arme Tropf, di Schlof isch hi’!
     Gott sorgt! Es wär nit nöthig gsi.

Loset, was i euch will sage,
D’ Glocke het Drü gschlage.
     Die Morgestund am Himmel schwebt,
     und wer im Friede der Tag erlebt,
     dank Gott, und faß e frohe Mueth,
     und gang ans Gschäft, und – halt di guet!

Ein paar Erklärungen?

  • Loset! – hört!, hört zu! (zu alemannisch lose = hören, zuhören)
  • Zehni, Oelfi, Zwölfi – zehn, elf, zwölf Uhr
  • göhnt – geht
  • rüeihig – ruhig
  • Gwisse – Gewissen
  • schloft – schläft
  • heiter Aug – heiteres, waches Auge
  • by de Charte – bei den Karten; beim Kartenspiel
  • bieti – biete ich, hier etwa: gebiete/mahne ich: sinngemäß „den mahne ich jetzt zum letzten Mal“.
  • zum leztemol – zum letzten Mal
  • ‚s isch hochi Zit – es ist höchste Zeit
  • Gmüeth – Gemüt, Seele
  • Chummer – Kummer
  • se geb – so gebe
  • Eis – eins, ein Uhr
  • G’heiß und Roth – Geheiß und Rat
  • goht – geht
  • Gang heim! – Geh heim!
  • eb’s no tagt – ehe es noch tagt, bevor es hell wird
  • Tropf – armer, bedauernswerter Mensch
  • di Schlof isch hi’ – dein Schlaf ist dahin, vorbei
  • gsi – gewesen
  • Drü – drei, drei Uhr
  • faß e frohe Mueth – fasse frohen Mut
  • gang ans Gschäft – geh an die Arbeit
  • halt di guet! – halte dich gut; etwa: mach’s gut / bewähre dich

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