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Alle zusammen.
Alle zusammen am Tisch.
Alle wir zusammen und eine erzählt.
Wer erzählt.
Heute erzählt die Nives sagt die Frau Doktor komm Nives erzähl und die Nives fängt an und wie immer macht sie so kleine Geräusche als müsste sie sich die Kehle erst suchen und finden wo sie die Stimme hinversteckt hat in ihrem Mund und dann singt sie und die Frau Doktor sagt Nives du singst so schön aus dir wär wohl eine feine Nachtigall geworden und die Nives lacht.
Ja Nives so lach nur rufen wir andern in den Büschen hättest du gesessen verborgen und tiriliert und wir hätten gelauscht auf dem Acker und in der Stube und am Weg wohin auch immer inne hätten wir alle gehalten und hätten gehorcht ah die Nachtigall hätten wir uns gesagt ob allein ob mit andern da ist sie wieder die liebe Nachtigall mit ihrer Stimme die uns allen ans Herz geht und uns allen wär es weh geworden.
Ja allen wär es so weh geworden ums Herz auch die Frau Doktor macht ein schmerziges Gesicht wiewohl sie nie gelauscht hat draußen im Freien und die Nives nickt sie spielt gern die Nachtigall wenn wir hier sitzen und lauschen und die Nives singt lauter und lauter und greller und greller bis wir alle rufen Nives Nives nein das ist nicht mehr die Nachtigall Nives wer bist du jetzt aber sie singt und singt und ihre Stimme ist groß wie das ganze Zimmer und scharf wie eine Klinge wie man sie draußen im Holz braucht wir heben die Hände zu den Ohren eine nach der anderen legen wir uns die Hände auf die Ohren weil die Nives singt wie ein Vogel den wir nicht kennen und auf einmal bleibt ihr der hohe Laut in der Kehle stecken er sitzt fest als hätte ihr einer die Zunge im Mund rumgedreht und ihr den Gesang erstickt.
Abgewürgt. Die Nives ist abgewürgt.
Wahre Vögel sagt die Frau Doktor wahre Vögel singen nur mit der Kehle sie brauchen keine Zunge weil sie keine Worte haben und die Kehle ist ihr stärkster Körperteil.
Aus: Esther Kinsky: Heim.Statt. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2025 , S. 93
Autorin: Esther Kinsky
Titel: I Nachtigall
Band: Heim.Statt. Gedichte
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Seite: 93
Gattung: Gedicht, Prosagedicht
Literatur: deutschsprachige Gegenwartslyrik
Themen: Stimme, Sprache, Gesang, Erzählen, Zuhören, Gemeinschaft, Schmerz, Verstummen, Körper
Motive: Nachtigall, Vogel, Kehle, Zunge, Mund, Stimme, Klinge, Tisch
Stil: prosanah, mündlich, repetitiv, rhythmisch, bildstark
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