Nich von Burns, aber…

459 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Heute ein kleiner Vierzeiler, aber mit einem halblangen Exkurs.

Robert Burns auf Niederdeutsch

Robert Burns wurde für die neuniederdeutsche Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu einer erstaunlich wichtigen Bezugsfigur. Der schottische Dichter schien zu zeigen, dass eine regionale, nicht standardisierte Sprache keineswegs auf Schwank und Volksstück beschränkt bleiben musste, sondern eine anspruchsvolle Literatursprache sein konnte. Zahlreiche niederdeutsche Autoren übersetzten und bearbeiteten Burns; manche Texte wurden so vollständig eingebürgert, dass ihre schottische Herkunft schließlich kaum noch wahrgenommen wurde.

Diese Burns-Begeisterung hatte jedoch eine ambivalente Geschichte. Wie Claus Schuppenhauer gezeigt hat, war die intensive Rezeption zunächst ein bemerkenswertes Beispiel für die Internationalität der niederdeutschen Literatur: Ausgerechnet ein schottischer Dichter half ihr, ein modernes literarisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. Später wurde Burns jedoch zunehmend zum vermeintlich wesensverwandten „Volksdichter“ verklärt. Aus sprachlicher und literarischer Nähe konstruierte man eine ethnische; in der völkischen Literaturauffassung des 20. Jahrhunderts konnte Burns schließlich sogar als „blutsverwandter Niederdeutscher“ vereinnahmt werden.

Die Geschichte enthält damit ein eigentümliches Paradox: Was als produktive Begegnung zweier europäischer Regionalliteraturen begann, wurde später als Beweis für kulturelle Abgeschlossenheit und vermeintliche volkliche Ursprünglichkeit gelesen. Gerade die zahlreichen Burns-Übertragungen zeigen jedoch das Gegenteil: Niederdeutsche Literatur entwickelte sich nicht isoliert, sondern auch im Austausch mit anderen Sprachen und Literaturen.

Quelle: Claus Schuppenhauer: Robert Burns niederdeutsch. Hinweise auf eine vergessene Literaturtradition II: Burns und die Entwicklung der neuniederdeutschen Literatur. In: Niederdeutsches Wort 24 (1984), S. 1–50.

Nun das heutige Tagesgedicht zweisprachig Schottisch und Plattdeutsch. Im „plattdeutschen Dichterwald“ von Fritz Wischer fand ich ein „Dischgebet“ von Karl Eggers „nach Burns“. Die Vorlage ist die sogenannte „Selkirk Grace“.

Das schottische Original lautet:

Some hae meat and canna eat,
And some wad eat that want it;
But we hae meat and we can eat,
And sae the Lord be thankit.

Also ziemlich wörtlich:

Manche haben Fleisch und können nicht essen,
und manche würden essen, denen es fehlt;
doch wir haben Fleisch und können essen,
und so sei dem Herrn gedankt.

Die University of Glasgow weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass das Gedicht nicht von Burns stammt. Es ist älter, wurde aber im Lauf der Zeit so eng mit ihm verbunden, dass es zum festen Bestandteil der Burns Suppers geworden ist. Schuppenhauer berichtet, dass die plattdeutsche Fassung als Tischgebet benutzt wurde, auch ohne die schottische Herkunft zu erwähnen.

Karl Eggers

(7.6.1826 Rostock –18.7.1900 Warnemünde)

Dischgebet

De Een hett Hunger un keen Brot,
De Anner Brot un mach nich ȩten.
Wi hebben Hunger, hebben Brot ;
Gott ! lat den Dank uns nich vergȩten.

Wischer, Fritz (Hrsg.): Aus dem plattdeutschen Dichterwald. Eine Anthologie der besten plattdeutschen Dichtungen. Kiel: Robert Cordes, 1902, S. 54

Dat möt wi nu för de Nich-Noorddüütschen nich mihr öwersetten.

(Höchstens noch für Rostocker oder Hamburger, also vielleicht: Dat mutt man nu för Nich-Noorddüütsche nich mehr översetten!)

Metadaten

Autor der niederdeutschen Fassung: Karl Eggers
Titel: Dischgebet
Lebensdaten: 7. Juni 1826 – 18. Juli 1900
Geburtsort: Rostock
Sterbeort: Warnemünde
Vorlage: Selkirk Grace
Traditionelle Zuschreibung: Robert Burns
Sprache der Vorlage: Scots
Sprache der Bearbeitung: Niederdeutsch / Plattdeutsch
Gattung: Tischgebet, Vierzeiler, Nachdichtung
Themen: Hunger, Brot, Essen, Dankbarkeit, Gott, Übersetzung, Literaturtransfer
Literaturgeschichtlicher Kontext: Burns-Rezeption in der neuniederdeutschen Literatur
Quelle des Gedichts: Fritz Wischer (Hrsg.): Aus dem plattdeutschen Dichterwald. Eine Anthologie der besten plattdeutschen Dichtungen. Kiel: Robert Cordes, 1902, S. 54.
Sekundärliteratur: Claus Schuppenhauer: „Robert Burns niederdeutsch. Hinweise auf eine vergessene Literaturtradition II: Burns und die Entwicklung der neuniederdeutschen Literatur“. In: Niederdeutsches Wort 24 (1984), S. 1–50.

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