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(* 16. März 1898 in Dresden; † 3. April 1948in Zürich)
Ich bin ein Fremdling, einst war ich ein Dichter.
Ich bin der letzte Morgengast der müden Hur.
Ich bin die Wand, die alles hört und nichts sagt.
Ich bin ein Licht, das die Nacht über beim Sterbenden brennt.
Ich bin der Schiffer, der aus fernen Landen zurückkehrt,
und sein Weib war nicht treu.
Ich bin der Schnee, über den der letzte Strahl der Sonne rost.*)
Ich bin der alte Blinde, der nicht sterben kann.
Ich bin der müden Näherin Gebetbuch, von trostlosen
Tränen beschmutzt.
Ich bin ein Greis, der ein blutjunges Weib nimmt,
Ich bin die Nacht aller Verzweifelnden, Trostlosen, zum
Tod Verurteilten.
Ich bin das traurig in der Zelle gepfiffne lustige Lied,
Ich bin ein Kind, das keiner mit Spiel und Lächeln erfreut,
Ich bin ein blindes Lamm, das vergebens nach der
Mutterbrust greift,
Ich bin der letzte sterbende Unkenruf im Röhricht –
Ich bin ein Fels, der an Veilchen und Moos und Ginster
denkt,
Ich bin kein Stern der einen Himmel fand –
Nun bin ich nur mehr was, ich weiß nicht was ...
Aus: „Komm, heilige Melancholie“. Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte. Mit Ausblicken auf die europäische Melancholie-Tradition in Literatur- und Kunstgeschichte. Mit 36 Abbildungen. Hg. von Ludwig Völker. Stuttgart: Reclam, 1983, S. 213
(*) Es heißt wirklich „rost“, ebenso in einer Ausgabe der „Ausgewählten Gedichte“ Haringers.
Autor: Jakob Haringer
Lebensdaten: 16. März 1898, Dresden – 3. April 1948, Zürich
Titel: Schwermut
Gattung: Gedicht, Melancholielyrik
Themen: Schwermut, Melancholie, Einsamkeit, Fremdheit, Identität, Verzweiflung, Tod, Verlust, soziale Außenseiter, Selbstverlust
Motive: Fremdling, Dichter, Nacht, Wand, Licht, Schiffer, Schnee, Sonne, Blinder, Näherin, Gebetbuch, Kind, Lamm, Fels, Veilchen, Ginster, Stern, Himmel
Formale Merkmale: freie Verse, Anapher „Ich bin“, Reihung, Identifikationsmetaphern, Paradoxien, abschließende Auflösung der Selbstbestimmung
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