7. Mit Sappho

Sapphofortsätze

Von Christiane Kiesow

Vor etwa einem dreiviertel Jahr ging ein Aufruf durch das Internet: Sendet Sapphogedichte! Sofort setzte das Grübeln ein: welche Art Text eignet sich für eine solche Anthologie? Ich bin des Altgriechischen nicht mächtig, also fallen Übersetzungen schon einmal weg. Es gäbe die Möglichkeit, sich formal zu nähern, sich z.B. an sapphischen Strophen zu versuchen oder eine Hymne zu verfassen. Man könnte Sappho auch durch den Fleischwolf drehen und Anagramme basteln. Leerstellen besetzen, Lückenfüller spielen; von der Tonimitation über das Fortsetzen der Fragmente hin zur phonetischen Übersetzung, ist alles möglich. Auch inhaltlich könnte man sich austoben. War sie nicht Lehrerin und Lesbe? Hat sie nicht auf einer Insel gelebt, am anderen Ufer? Da war doch von Wasser die Rede und von Mädchen und Mond.

Doch mit diesen Überlegungen gingen auch Zweifel einher. Lauert bei allzu eifriger Formstrenge nicht die Gefahr, in eine spröde akademische Übung abzudriften? Würde sich die Anbetung einer Silikonpuppe thematisch zu radikal ausnehmen? Ist es eigentlich juristisch erlaubt, sapphisches Gaffen gegenüber minderjährigen Mädchen zu thematisieren oder ist es vielleicht zu seufzerverseucht? Außerdem lässt sich ein Gedicht in geschlechtergerechter Gebärdensprache schwer abdrucken. Doch während ich mir meine Schreibhemmungen zusammen sammelte, waren andere wesentlich mutiger. Viele von den Ideen wurden erfolgreich umgesetzt und so ist ein aufregend vielstimmiger, bunter Band zustande gekommen.

Nimmt man ihn zur Hand, fällt schon die Gestaltung des Einbandes positiv auf. Es handelt sich dabei um eine optisch an Hieroglyphen und strukturell an ein Gedicht erinnernde Anordnung von kleinen Piktogrammen, die bei ausreichender Kenntnis vom Stoff eindeutige Bezüge zu Sappho herstellen. Mond, Rosen, Herztöne, Frauenkörper, Schlaflider, Vasen, Wasser. Hier ein kleiner Rüffel an die Herausgeber: warum ist die Grafikerin Isabel Wienold eigentlich nicht im Autorenregister aufgeführt?

Blättert man in den Band hinein, sind die Gedichte dann in vier Kategorien eingeteilt. In Remix finden sich die Gedichte, die die Auseinandersetzung mit einer „zusammengesetzten Sappho suchen“, Gegenentwürfe und Nachschöpfungen einzelner Sapphischer Stückchen finden sich unter Einzelstücke, darauf folgt die thematische Einheit Alles wird Mond, die sich frei dem berühmten Fragment 168b widmet, zuletzt finden sich allerlei Arten von Fragmenten. An dieser Stelle stutze ich. Gibt es denn gar kein erotisches Kapitel? Ja – wo sind eigentlich die Venushügelvoyeurismen!

Liest man sich aber hinein, so stößt man durchaus auf vaginale Spuren. Bei Marcus Roloff finden sich „aprikosenhälften mit flimmerhärchen“, Michael Gratz hat sich dem Vagina Sonnet von Joan Larkin gewidmet. Gleich zweimal hintereinander. Wobei die phonetische Oberflächenübersetzung die wesentlich spannendere ist. Auf die ursprünglichen Zeilen „A famous poet told me, ‘Vagina’s ugly.’/Meaning, of course, the sound of it. In poems.“, dichtet er: „Effeminate poet sold in red china suckling. / Minnow’s force. They found a wit in poems.“

Weitere experimentelle Dichtung findet sich vor allem auf den hinteren Seiten des Bändchens. Dort bringt Clemens Schittko die Bestellinformation eines Online-Buchhändlers in Form und Bertram Reinecke erfindet die Gegenüberstellung eines sapphischen und eines alkäischen Fragments. Die größten Rätsel geben mir aber Elena L. Steinberger und Birgit Kreipe auf. Sie machen deutlich, worin die große Chance des Fragments besteht: nämlich durch Lücken hermeneutischen Leseansprüchen von vorn herein ein Schnippchen zu schlagen. Die Ursache für das Scheitern des Verstehens ist quasi inbegriffen. Egal, wie man es angeht, der Freiraum funktioniert immer als Letztbegründung. Denn man weiß ja nicht, ob und wenn ja: was und wie viel fehlt. Und wovon. Angelika Janz muss an dieser Stelle auch genannt werden, hat sie schließlich die Arbeit am Fragment zu einer Poetologie kultiviert. Wobei sie den umgekehrten Weg nimmt: sie resozialisiert das Fragment zum gesellschaftsfähigen Gedicht.

Blättert man wieder ein Stück zurück, so findet man sich bei einer Kumulation von Mond wieder. Es ist angenehm, das Fragment 168b von so vielen Seiten durchbuchstabiert zu sehen. Hier bietet der Sapphoband die Gelegenheit, einmal bei einem Thema zu verweilen. Es zu drehen und zu wenden und darüber nicht ungeduldig zu werden, sondern es von Text zu Text zu vervollständigen. Erwähnt sei hier auch Christoph Georg Rohrbach, der mit der Veröffentlichung in „Muse, die zehnte“ sein Gedichtdebüt begeht.

Aber Tod dem chronologischen Erzählen. Noch einmal forsch hereingegriffen in den Bilderbottich. Da „welkt Wald“ (Richard Duraj/Andreas Bülhoff) und da ist „aller Tag nur Wachliegen noch nach dir“ (Tobias Roth), es gibt „Plektron für Stimmbänder“ (Asmus Trautsch), „kubistische Kämme“ (Ulf Großmann) und etwas ist „von Schönheit gestanzt“ (Georg Leß). Da heißt es: „Anfang gut, alles gut“ (Philipp Günzel) und dazwischen winden sich Zungen (Phoebe Giannisi).

Ja – vielleicht hatte ich mir zu Beginn mehr Vulvavöllerei gewünscht, aber das ist nun nicht mehr so schlimm. Wer ernsthaft eine Anthologie betrachten will, muss immer den Teil bedenken, der fehlt.

Wie sollte man sonst Auswahl erkennen?

Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene
Herausgegeben von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen
Erscheinungsdatum: 01.12.2014
110 Seiten; Softcover; 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-943672-50-3
14,95 EUR (D)

Mit Glykeria Basdeki, Kerstin Becker, Andreas Bülhoff, Jascha Dhal, Daniela Danz, Richard Duraj, Christiane Heidrich, Jenny Feuerstein, Phoebe Giannisi, Mascha Golda, Michael Gratz, Ulf Großmann, Alexander Gumz, Philipp Günzel, Marilyn Hacker, Bianka Hadler, Dirk Uwe Hansen, Andreas Hutt, Roman Israel, Angelika Janz, Anja Kampmann, Jorgos Kartakis, Odile Kennel, Birgit Kreipe, Erika Kronabitter, Jan Kuhlbrodt, Marianna Lanz, Joan Larkin, Georg Leß, Leonce W. Lupette, Anne Martin, Artur Nickel, Simone Katrin Paul, Martin Piekar, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Christoph Georg Rohrbach, Marcus Roloff, Tobias Roth, Uwe Saeger, Clemens Schittko, Armin Steigenberger, Elena L. Steinbrecher, Brigitte Struzyk, Asmus Trautsch, Monika Vasik, Eva Christina Zeller

Zum Verlag (mit Leseprobe)

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