6. Mit Trakl

Das Renitente in Trakls Sprache findet sich in anderer, nicht minder wuchtiger Gestalt in den Versen des 1965 geborenen Romanciers und Lyrikers Marcel Beyer. Von „Verklirrter Herbst“, Beyers schräger Anverwandlung von Trakls „Verklärter Herbst“, die 1997 in Beyers Band Falsches Futter erschien, führt eine Linie zuGraphit, dem neuen Lyrikbuch von Beyer. Er enthält das in Trakl und wir abgedruckte Gedicht „An die Vermummten“, das auf Trakls „An die Verstummten“ antwortet. Doch auch das dreiteilige „Alphabet Oberlippe“ bezieht sich vermittelt auf den Jahrhundertdichter, genauer: auf eine Fotografie, die Georg Trakl im Sommer 1913 auf dem Lido von Venedig zeigt. Trakl war mit dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, sowie dessen Frau und Karl Kraus nach Venedig gereist. Venedig, mutmaßt Trakls Biograf Gunnar Decker, muss Trakl ambivalent gestimmt haben. Auf besagtem Foto jedenfalls schaut er ziemlich grimmig drein.

In Beyers Gedicht wird die Fotografie zur Vorlage, ein Verfahren, das sich bei ihm häufiger findet. „Das Leibchen. Ein Salzwasser, / ein Kälteschockgesicht am / Strand, das Schwimmkleid / schwarz. Die Beine und sein / Hals: ein Bauer, der mit Sand / nichts anzufangen weiß. / Schwimmkleid Venedig. Hat / ihn nicht dauerhaft aufheitern / können, dieser Ausflug, nein. / Das Schwimmkleid Limanowa. / Das Schwimmkleid Krakau. / Und das Schwimmkleid Salz.“ (…)

Widerständig wie das Sprachmaterial können auch die Dinge sein, die in der Lyrik Gestalt annehmen sollen. In den Regentonnenvariationen, dem nunmehr sechsten Gedichtband des 1971 in Hamburg geborenen Jan Wagner, konzentriert sich der Autor auf die Gegenkraft im Marginalisierten und Geringgeschätzten, etwa im „Giersch“, jenem Unkraut, das „bis hoch zum giebel kriecht bis giersch schier / überall sprießt, im ganzen garten giersch / sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch“.

Man muss diese Verse laut sprechen, um das Insistierende, Renitente der Pflanze in den Konsonanten zischeln zu hören, das Wachsende, sich Dehnende in den Vokalen. Wagners Gedichte sind eingängig und unaufgeregt in ihrem Gestus. Es gibt bei ihm häufig ein lyrisches Wir, das nicht genauer bestimmt ist, den Leser aber in eine freundliche Vertrautheit lockt und ihm dort, mit meist munterem Unterton, Phänomene neu zu zeigen weiß. (…)

Am Alltäglichen reiben sich die Arbeiten von Katharina Schultens, die 2013 in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann. Nach ihrem Erstling gierstabil (2011) ist in diesem Frühjahr der Band gorgos portfolio erschienen. Schultens’ Gedichte sind angesiedelt in der heutigen Arbeits- und Finanzwelt, schildern die modernen Arbeitssklavinnen, die müde Laborantin taucht ebenso auf.

Die Frau in diesen Werken ist nicht selten eingepfercht zwischen den Idealbildern der Weiblichkeit, sie erscheint mal als coole Wilde (in „crude“), dann als väterliche Grabpflegerin (in„vater“). Das sprechende Ich bleibt dabei stets kühl und entlarvt in seiner Coolness die Hohlheiten und Absichten des Betrachters: „ich kann sehen wann du mich liest“.

Zugleich bleibt das sprechende Ich von einer Unsicherheit gezeichnet, die stärker ist als der Verstand, chaotischer als die mühsam etablierten, hart verteidigten Ordnungen. Sie kann sich Luft machen in einer Zeile wie dieser: „So lass mich dennoch nicht allein“ oder in den Versen aus dem Gedicht „insider trading“, in dem es heißt:

                                                                                                   ich kann
was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet
im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt
auch eine der unterlassung
bitte entlass mich in methodenlosigkeit
bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind
missversteh meine bilder zu identität
finde mich: bitte finde mich nicht

Seltsam, dass Katharina Schultens’ Lyrik noch keine breitere Resonanz gefunden hat. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können. / Beate Tröger, Der Freitag 49

In der Rezension wurden besprochen:

  • Graphit Marcel Beyer Suhrkamp 2014, 207 S., 21,95 €
  • gorgos portfolio. Gedichte Katharina Schultens Kookbooks 2014, 64 S., 19,90 €
  • Skizze vom Gras Silke Scheuermann Schöffling 2014, 104 S., 18,95 €
  • Regentonnenvariationen Jan Wagner Hanser 2014, 112 S., 15,90€
  • Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal Tom Schulz Mirko Bonné (Hrsg.), Stiftung Lyrik Kabinett 2014, 196 S., 22 €

One Comment on “6. Mit Trakl

  1. ich habe eine neurose – um nicht zu sagen einen fetisch – wenn es an meine zeilenbrüche geht. daher sei mir verziehen, wenn ich die zeilenbrüche für das oben ohne markierungen zitierte gedicht an dieser stelle nachliefere… und hoffe, dass html das transportiert:

    (…………………………………………………………………) ich kann
    was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet
    im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt
    auch eine der unterlassung

    bitte entlass mich in methodenlosigkeit
    bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind
    missversteh meine bilder zu identität
    finde mich: bitte finde mich nicht

    ————————————-
    (danke.)

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: