58. Meine Anthologie: Assejew, unser Kläuschen

1973 erschien ein Gedichtband von Nikolaj Assejew in der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt. Ich kaufte ihn, wie die ganze Reihe, las aber wenig darin. Assejew schien mir der Inbegriff des (langweiligen) Sowjetdichters. Ich kannte Achmatowa (schon 1967 in der Reihe), Jessenin, Mandelstam und Majakowski, die waren interessant. Assejews Ruf spiegelt sich in einem Gedicht von Adolf Endler, das alle „langweiligen“ Dichter aufzählt – um den Namen Achmatowa zu vermeiden:

Besuch aus Moskau 1955

Fadejew! – Paustowski! – Korneitschuk!
Issakowski! – Bashan! – Schtipatschtow!
Ketlinskaja! – Kassyl! – Katajew!

»Ach, lebt die Achmatowa noch?«

(…)

Perwomaiski! – Fedin! – Lukonin!
Ja, sie lebt!, nun hören Sie doch!
Assejew! – Ashajew! – Fadejew!

»Sie lebt, die Achmatowa, noch?«

(Mehr hier)

Stschipatschow (Schtschipatschow), den kannte ich auch aus einem Gedicht von Jewtuschenko: „Fehlte nur noch, daß ich Stschipatschows Gedichte wiederkau!“ Nein, die interessierten mich nicht. Ich hatte Solshenizyn für mich entdeckt und, vor allem, die guten Lyriker. (Majakowski war auch im Schulkanon, aber für mich privat trotzdem ein Guter.)

Bei Majakowski fand ich dann den Hinweis auf Assejew. Der war zuerst von den Symbolisten beeinflußt, hatte sich dann für Chlebnikow und den Futurismus begeistert und gehörte in den 20er Jahren zur LEF, Linken Front, einer („abweichlerischen“) linksradikalen, noch vom Futurismus geleiteten Gruppierung, die damals nicht geliebt wurde, aber noch geduldet. Noch nicht ins Gulag gebracht (oder vorerst nur wenige – Gumiljow und Stschusj waren damals schon erschossen).

Dann fand ich den Namen Assejew bei Majakowski wieder. Am 6.6. 1924 wurde in der Sowjetunion der 125. Geburtstag Alexander Puschkins gefeiert. Der Klassiker war ein Haßthema mancher Avantgardisten, wie Goethe manchem in Deutschland („Und Goethe glänzt aufrecht und widerlich“, Johannes R. Becher). Majakowski hat kein Problem, den Klassiker von Kollege zu Kollege anzusprechen.

    Александр Сергеевич,
                  разрешите представиться.
                                   Маяковский.

        Дайте руку!
             Вот грудная клетка.
                        Слушайте,
                            уже не стук, а стон;

Ungefähr: Alexander Sergejewitsch, gestatten Sie mir mich vorzustellen: Majakowski. Geben wir uns die Hand! Hier mein Brustkorb. Hören Sie: das ist kein Klopfen, das ist schon Stöhnen. (Юбилейное, „Jubiläumsverse“). Er plaudert ein Stündchen mit dem Kollegen. Erzählt ihm, wie er verleumdet wurde – Puschkin kannte sich da auch aus.

    Vielleicht
             bin ich
                    der einzige
                           der aufrichtig bedauert,
    daß Sie nicht leben –
                    heute,
                          unter uns.
    Wir hätten uns
              im Leben
                      gut verstanden.   
    Bald
        sterbe nun
                auch ich,
                       verstumme jäh –

(Deutsch von Hugo Huppert, Majakowski: Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1966, 3. Aufl. 1975, S. 102)

Bald sterbe nun auch ich? Majakowski wird gerade 31. Aber die Meute hetzt. Nach dem Tode, erklärt er dem Älteren, stehn wir nah beieinander, „Ich unter M, Sie unter P. Ach, zwischen uns steht Nadson. Kann man sich dagegen wehren? Antrag: man reih ihn hinten wo ins Alphabet.“ (ebd. 103). Nekrassow, ja, der kann stehenbleiben, „unser Kumpan“. Und die Zeitgenossen? Ein Gähnen! Jessenin? Bastschuhkunst fürs Dörflein.  Besymenski? Nicht übel, wie Mohrrübenkaffee.

Und jetzt kommt Assejew:

    Da ist
           zwar noch
                     Assejew,
                         unser Kläuschen.
    Der kann was.
             Hat die Spannweite
                               von mir.
    Doch ach, man muß verdienen,
                            denn man hat im Häuschen
    Familie,
        wenn auch klein,
                        man sorgt doch für.

(ebd. S. 104).

Das Gedicht entsteht im Juni 1924, wird gedruckt im gleichen Jahr in der Zeitschrift Lef, in der auch Assejew publiziert. Weihnachten 1925 nimmt sich Jessenin das Leben. Majakowski schreibt ein Gedicht gegen den Selbstmord – er will verhindern, daß das Beispiel Schule macht. Dichtung war eine Sache auf Leben und Tod. (Ist uns fremd – aber gestorben wird auch heute). Majakowski hat keine 5 Jahre mehr, dann setzt auch er „auf die Stirn einen Schlußpunkt aus Blei“.

Jedenfalls las ich dann auch Assejew. Hier ein Gedicht, das mir gerade wieder vor Augen fällt, aus dem gleichen Jahr 1924:

А. А. АХМАТОВОЙ

Не враг я тебе, не враг!
Мне даже подумать страх,
Что, к ветру речей строга,
Ты видишь во мне врага.
За этот высокий рост,
За этот суровый рот,
За то, что душа пряма
Твоя, как и ты сама,
За то, что верна рука,
Что речь глуха и легка,
Что там, где и надо б жёлчь, –
Стихов твоих сот тяжёл.
За страшную жизнь твою,
За жизнь в ледяном краю,
Где смешаны блеск и мрак,
Не враг я тебе, не враг.

18 апреля 1924

Meine Rohübersetzung:

Für A.A. Achmatowa

Nicht Feind bin ich dir, nicht Feind!
Ich wage nicht mal zu denken,
du,  im Wind der strengen Rede,
sähst in mir deinen Feind.
Auf deinen hohen Wuchs,
auf deinen herben Mund,
auf deine aufrechte Seele,
aufrecht wie du,
darauf, daß ruhig die Hand,
daß deine Rede dicht und schlicht,
daß du Galle speist, wo es not, –
darauf deiner Gedichte Zahl.
Auf dein schreckliches Leben,
auf das Leben im Eisland,
wo sich Glanz mit Dunkel mischt,
nicht Feind bin ich dir, nicht Feind.

Assejews Gedicht auf die Achmatowa (deren Ex-Mann Alexej Gumiljow 1921 zum Vorsitzenden der Petrograder Dichtervereinigung gewählt wurde und ein paar Wochen später als Konterrevolutionär erschossen) ist ein aufschlußreiches Zeugnis, aber auch ein aufregendes Gedicht. Natürlich nur im Original. Jeder Vers hat exakt sieben Silben und drei Hebungen (wenn man will, hier wäre es vielleicht sinnvoll, von Füßen zu sprechen, hat jeder Vers zwei Jamben und einen Anapäst, fast immer nach dem Muster J-A-J). Das regelmäßige Muster bewirkt, daß die Zeilen wie Peitschenhiebe Schlag auf Schlag knallen. Der Paarreim ist – für russische Verhältnisse selbstverständlich – assonantisch frei gehandhabt (er mag das von Majakowski gelernt haben, der schreibt darüber in seinem Buch „Wie macht man Verse“, das zwar später erschien, nach Jessenins Selbstmord, aber sie werden darüber gesprochen haben; aber vielleicht war dies ohnehin, in Rußland vor 90 Jahren, Gemeingut. Während unsere deutschen Hirnis bis heute in der Schule, oder im Studium, lernen, „unreine“ Reime herauszupicken. Ach, ach und ach, und kein aber denne.)

Assejews Gedicht ist von Jürgen Rennert übersetzt (beteiligt waren weiter Jens Gerlach, Wilhelm Tkaczyk, Kito Lorenc, Martin Remané und Oskar Törne). Seine Fassung ist nicht schlecht, aber ein völlig anderes Gedicht. Nicht „schlicht und dicht“, wie Achmatowa und Assejew, sondern, wahrscheinlich notgedrungen, aufblähend. Schon von der Silbenzahl her: statt der 7 hat Rennerts Fassung regelmäßig 10, 12, 13. So beginnt er:

Bitter der Gedanke, du habest gemeint,
ich wollte dir übel, ich wäre dir feind,
dir, der Gestrengen, der Winde nicht wagen,
leichtfertige Reden zu hintertragen.

Zum Nachlesen:

  • Nikolai Assejew: Stählerne Nachtigall. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1973.
  • Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? edition suhrkamp 1964
  • Wladimir Majakowski: Gedichte. Berlin (Ausgewählte Werke, Bd. 1 von 5): Volk und Welt 1966

One Comment on “58. Meine Anthologie: Assejew, unser Kläuschen

  1. Es gibt von Mandelstam eine sarkastisch-witzige
    poetologische Bemerkung zu Assejews „Maschinenpoesie“ in seinem Essay
    „Literarisches Moskau“ (1922).
    Hier ist die Stelle:

    „Im Grunde gibt es zwischen der Tabaksdosenpoesie des 18. Jahrhunderts und
    Assejews Maschinenpoesie des 20. Jahrhunderts keinen Unterschied. Dort der
    sentimentale Rationalismus, hier der organisatorische. Eine rein
    rationalistische, maschinenherrliche, elektromechanische, radioaktive und
    allgemein technologische Poesie ist unmöglich aus dem einen Grunde, der dem
    Dichter wie dem Mechaniker einleuchten sollte: Die rationalistische
    Maschinenpoesie steigert die Energie nicht, lässt sie nicht anwachsen, wie
    eine natürliche irrationale Poesie es tut, sondern verschwendet sie nur,
    verausgabt sie nur. Die Entladung entspricht dabei genau der Aufladung.
    Etwas spult sich soweit ab, wie es aufgespult wurde. Eine Triebfeder kann
    nicht mehr hergeben als das, was schon im voraus bekannt ist. Daher ist
    Assejews rationalistische Poesie nicht etwa rational, sondern steril und
    geschlechtslos. Eine Maschine lebt ihr tiefes und durchgeistigtes Leben,
    doch von der Maschine gibt es keinen Samen.“

    „Literarisches Moskau“ (1922). In: Ossip Mandelstam, ÜBER DEN
    GESPRÄCHSPARTNER. Gesammelte Essays I: 1913-1924. Aus dem Russischen
    übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1991, S.
    149 (neu: S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main). Taschenbuchausgabe: Fischer
    Taschenbuch Nr. 11862.

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