„Was bleibt, dichtet Stifter“

Aus Anlaß des „Open Mike“ 2006

Von Bertram Reinecke

(Vgl. L&Poe 2006 Nov #31. Open Mike im Tief)

Gute Nachricht

Zunächst die gute Nachricht: Viele Zeitungen haben bemerkt, dass der Text von Luise Boege wenn vielleicht nicht das lang erwartete Meisterwerk, so doch ein gut Stück interessanter ist, als die Werke ihrer Mitgewinnerinnen. (Etwa Faz, SZ und FR sind deutlich am wohlwollendsten ihr gegenüber.) Da ist fast schon verzeihlich, dass immer wieder nur Kafka als Kronzeuge für eine solche Moderne herhalten muß und nicht hier zum Beispiel Eich. Für Kafka spricht im Text der Name Optophonet und eine Erzählerfigur, die einer ähnlich unnübersichtlichen Welt begegnet wie die Figuren Kafkas. Die oft gezogene Parallele Optophonet- Odradek mag etwas rüde anmuten, zeigt aber nur, dass Literatur eben auch über nahezu sinnfreie Lautschlüsse funktionieren kann. Ansonsten erinnern sowohl die explizite Selbstthematisierung der Sprache, als auch die quasierotischen Beziehungen der Protagonisten (sehr feminine Männerrollen) eher an die Maulwürfe. Und nicht zuletzt ist Boeges Text wie die Maulwürfe ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachschichten. (Wenn man freilich Michael Lentz heraushören wollte, müßte man seinen Sprechhabitus kennen.) Soweit die gute Nachricht.

„Weniger Genügsamkeit“

Manches andere ist notorisch ohne Nachrichtenwert, weil es so selbstverständlich ist. Es sei aus aktuellem Anlass ins Gedächtnis gerufen: Wer auch nur annährend so intensiv Prosa schreibt wie Lyrik, der sendet Prosa zu den einschlägigen Wettbewerben, um seine Chancen nicht weiter zu minimieren. Von den achtzehn in diesem Jahr Eingeladenen kenne ich sechs, gleich vier davon ambitionierte Lyrikautoren, die in Berlin ihre Prosa vorstellten. Einen, der es umgekehrt mit Lyrik versucht obwohl er Prosa schreibt kenne ich nicht. (Von den nicht Eingeladenen gar nicht zu reden, das hat für die Öffentlichkeit ja scheinbar keinen Beweiswert.) Laut schildern wird ein junger Autor diese Situation freilich selten. Zu sehr schwebt das Mißtrauen über ihm, zwar technisch brillant zu schreiben, dabei aber nichts zu sagen zu wissen. So meint etwa Jana Hensel in der „Welt“ immer noch „… dass 20- jährige Deutsche noch nie auf so breitem Niveau so gut schreiben konnten wie heute, aber so wenig mitzuteilen haben wie nie zu vor.“ Da wird man sich als Jungautor hinter seinen Text stellen und nicht noch zusätzlich mit den weiteren Möglichkeiten angeben.

„Man möchte … weniger Genügsamkeit fordern, mehr Forderungen fordern, überhaupt etwas fordern“, formuliert die Faz schon am 5. 11. angesichts des ausgewogenen Rollenselbstverständnisses der jungen Schriftsteller. Auch Sabine Vogel bemängelt Bravheit, Strebsamkeit und Risikoscheu. Es wird Anspruchsdenken und das Formulieren von Ansprüchen gefordert. Wenn aber Ijoma Mangold in der SZ die Preisträgerinnen kurzerhand zu Mannequins erklärt, nur weil sie tun, was bei einem älteren Schriftsteller keine Silbe wert wäre (nämlich sich sicher auf der Bühne bewegen) und von Grazien unter Rivalitätsdruck fabuliert, wird man sich eine solche Forderung vielleicht überlegen. Soll bei solch medialem Zickenterror tatsächlich jemand den Mund aufmachen, vielleicht gar Kollegen oder Kritiker verbal angreifen? So viel Doofheit wird man vom nun wirklich schwächsten Glied im Literaturbetrieb denn doch nicht verlangen. Doofheit für eine Dreckarbeit, die man sich selber vielleicht nicht traut. „Kein Erzähler konnte sich als ernsthafter Favorit vom Feld der anderen absetzen.“ Das muß feige Indifferenz sein, denn so viel kritische Inkompetenz wird sich die angesehene FR nicht leisten, oder? Auch Jana Hensel in der „Welt“ will sich nicht die Finger schmutzig machen: „Diesmal nun präsentierte sich ein verstörend homogenes Feld, aus dem niemand hervorstach; aus dem aber auch niemand herausstach, was das eigentlich Erschreckende ist.“ Gleich achzehn Autoren werden mit einem Schlag für nicht satisfaktionsfähig erklärt.

Wertungsindustrie

Andere wünschen sich mehr zeitkritisches Engagement, wie Sabine Vogel und Herr Biller, die etwa Ausland, Migration, DDR und Internet-Sex vermissen. Lesen Sie Heines Wintermärchen (Caput eins reicht schon). Man weiß was man zu hören bekommt, wenn man etwas nur annähernd ähnliches heute (z.B. über Literaturkritiker?) schriebe. Politisch platt, zu pauschal, eine ganze Berufsgruppe so über einen Kamm zu scheren. Man kann das ja machen – aber nicht so. Das Problem: Der Kritiker erwartet nicht nur Zeitkritik, sondern auch noch eine, die mit der eigenen Meinung mindestens einigermaßen konvergiert. … Natürlich ziehen sich da die Autoren damals wie heute von solchen diffizilen Aufgaben zurück, ob bewußt oder mit uneingestandener Anpassung. Und was bleibt, dichtet Stifter. In der Liste der meistgenannten Vorbilder der Endrundenteilnehmer folgt nach dem Erstplazierten David Foster Wallace, neben Dostojevskij ein sehr deutsches Rudel von Autoren, denen ein je individueller Rückzug aus der Misere des Tages eigen ist: Bachmann, Aichinger, Mayröcker und eben Stifter.

Nimmt man die drei Punkte zusammen, stellt sich heraus, dass der Open Mike neben einer Bühne für junge Literaten auch etwas anderes ist: Eine Leistungsschau der deutschen Wertungsindustrie. Und irgendwie ist jeder bis rauf zu Herrn Biller gelangweilt. In der Regel wird das allerdings auf den Rücken der Autoren ausgetragen. Exemplarisch Jana Hensel, die, jüngst in den Betrieb hinaufgeklettert, die Leiter einfach umwerfen möchte. Sie fragt, „… ob deutsche Dichterzimmer vielleicht zu lange nach Talenten durchsucht wurden.“

Wie heißt es so schön bei Pericoli/Pirella: Einen jungen Schriftsteller „zu verreißen ist ein wahres Vergnügen, es macht den andern Spaß, es macht einem selber Spaß – und es kostet nichts.“

Lyrik-Trend?

Die Leistung der Kritk ist natürlich nur die eine Seite eines solchen Preisbetriebes, die andere sind die Juroren. Deswegen für hier noch ein Wort zur Lyrikauswahl von Daniela Seel. Alle drei von ihr gewählten Kandidaten lassen sich lesen, ohne dass einen diese zermürbende Trägheit befällt, die bei der Lektüre selbst hochklassiger Gegenwartsanthologien oft aufkommt. Zu ihren Auswahlprinzipien äußert sie: „Die Gedichte müssen mich selbst überzeugen. Und dann habe ich darauf geachtet, dass unterschiedliche Ansätze in die Endrunde kommen. Dass ich die drei so zusammenstelle, dass man eine Bandbreite von poetischen Möglichkeiten sieht.“ Nun ja, zweifellos kommt Jan Imgrund (in Berlin für einige der Überzeugendste) stärker von Redewendungen her, wärend bei Mathias Traxler Lautspiele über die Vokale sowie Sprünge zwischen verschiedenen Wortfeldern auffallen und Judith Zander einen abgeklärt vorsichtig rhythmisierten Ton präsentiert, der von der Naturlyrik des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso weiß wie von Eliot. Eines fällt aber doch auf. Alle drei Lyriker scheinen ihre Gedichte aus dem Satz heraus zu entwickeln. Es gibt Fragmente, sogar Wortreihen, das eigentliche Bindemittel ist aber in jedem Falle die Satzgrammatik. Niemand, dem der Vers das Urphänomen der Lyrik ist, niemand, der seine Texte durch Arbeit am Wort gewinnt. Sollte es etwa so sein, dass es einen Trend gibt? Etwa derart: Nachdem der Vers verschlissen oder bewußt destruiert ist, stellen sich die Dichter nun dieselbe Aufgabe beim Satz? „Nein. Es war breit gefächert.“ sagt Daniela Seel, nach Tendenzen befragt. (Poetenladen) Dann scheint es doch so zu sein, dass sie zwar vielleicht einen guten, aber eindeutig profilierten und etwas rigiden Geschmack hätte. (Dieser läßt sich ja ins kookbooksprogram hinein verfolgen.) Dies soll keine Kritik sein, an einem solchem Profil kommt ein ernster Leser sicher schwer vorbei. Von Interesse ist das vor allem deshalb, weil es ein bezeichnendes Licht auf die Konstruktion des Berliner Preisvergabeverfahrens wirft. Eventuell ist es von Fall zu Fall ja eher nur eine hypothetische Möglichkeit, dass ein Text von seinen Verfahren her genau mit der Schnittmenge arbeitet, die sowohl einen Vorjuror überzeugt, als auch den Endrichter soweit hinter dem Ofen hervorlockt, dass der sich mit vielleicht zwei Gegenstimmen streitet. Die oft spröden Textblöcke, die Barbara Köhlers inneren Filter passieren, sehen ja zum Beispiel anders aus als die oft süffigen, oft hippen Texte, die das Idsteiner Lektorat erfolgreich durchlaufen.

One Comment on “„Was bleibt, dichtet Stifter“

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