Getagged: Friedrich Hölderlin
96. Krankhaft oder Pindar
Wübben führt den Psychiater als Sprachkritiker und Protophilologen ein, einen neuen Typus, der sich nicht mehr über Schädel und Anstaltsinsassen beugt, sondern in Briefen und Handschriften, Romanen und Gedichten Indizien der Entrückung sucht. Der Schulterschluss von Psychiatrie und Philologie ist eine Mesalliance mit oft irrwitzigen Zügen. Einem spröden Realitätssinn verpflichtet, bemäkeln die psychiatrischen Sprachdiagnostiker den hohen Dichterton, wo sie nur können. Jede syntaktische und lexikalische Eigenheit ist irrsinnsverdächtig. Wo vorher Genie waltete, sieht man Zerfahrenheit, Sprachverwirrtheit, zielloses Schweifen. Schon orthographische Unregelmäßigkeiten gelten als Vorboten des Wahns.
Wübben führt die Dissonanz auf das anachronistische Wertungssystem zurück. Sie spricht vom Klassik-Pakt. Die Psychiater hätten ihre engen stilistischen Normen von Autoren der Weimarer Klassik übernommen. Die Spuren der Avantgarde mussten sie da verkennen. Für das Assoziative und Klangliche in der modernen Dichtung hatte man weder Norm noch Organ. Stattdessen versuchte man, mit assoziationspsychologischen Experimenten jeden Abweg vom korrekten Gedankengang zurechtzurücken. Neu an der psychiatrischen Pathoskritik war, dass sie nicht mehr an Verstand und Vorstellungskraft ansetzte, sondern am Gehirn.
Eine der wegweisenden Gestalten in diesem Prozess ist die Gründerfigur der Psychopathologie, Emil Kraepelin. An Kraepelin verfolgt Wübben beispielhaft den Übergang von der metaphorischen zur objektiven klinischen Sprache. Was Kraepelin für Wübbens Absicht aber besonders interessant macht, ist sein Interesse an der Lyrik als Diagnoseinstrument. Obwohl und gerade weil ihm jeder Formsinn fehlt – schon eine Satzkonstruktion wie „Ferner Länder Städte“ war ihm verdächtig -, bringt er zur Jahrhundertwende das Gedicht in den Schraubstockgriff der Psychiatrie.
Der fulminante Höhepunkt des Kampfs zwischen den Kulturen wird mit Hölderlin erreicht. Hier trafen die diametralen Erkenntnishaltungen mit voller Wucht aufeinander. Die Rede ist von der Pathographie, die der Tübinger Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum zu Jahrhundertbeginn verfasste und die auf unfreiwillige Weise maßgeblich für das moderne Hölderlin-Bild wurde. In Lange-Eichbaums kunstferner Interpretation trifft jede einzelne von Hölderlins mittleren Hymnen von „Patmos“ bis „Germanien“ das Wahnsinnsverdikt.
Der Psychiater schmäht sie als „ausscheidungen seiner geschwülste und faulen säfte“. Neuschöpfungen wie „Lebendigstewige“ sind ihm leeres Wortgeklingel, „An Neckars Weiden“ fehlt ihm der Artikel, Hymnen sind ihm zu hymnisch, Abstrakta in gefährlicher Nähe zum Ideen-Platonismus, ein springender Gedankengang gilt als Zerfall der Autorregie, manchmal genügt schon eine krakelige Handschrift für den Krankheitsverdacht. Kein Vers ist hier sicher.
Das neue antikisierende Kompositionsprinzip, das sich in diesen Versen ankündigt, muss diesem formblinden Realismus entgehen. Der Weg in die Moderne bleibt zunächst verschlossen. Wübbens Pointe liegt nun darin, dass ausgerechnet der schulmeisterliche Psychiater unwissentlich den entscheidenden Hinweis für die moderne Hölderlin-Philologie gab. Bei der Analyse eines Briefes waren ihm syntaktische Merkmale aufgefallen, die er als Zeichen der Zerfahrenheit wertete, während sie der Hölderlin-Enthusiast Norbert von Hellingrath, der die Pathographie las, als Vorbote eines neuen Stils erkannte, einer neuen „Sangart“, von der in dem Brief auch explizit die Rede war: dem Pindarstil. / Thomas Thiel, FAZ 29.10.12
Yvonne Wübben: „Verrückte Sprache“. Psychiater und Dichter in der Anstalt des 19. Jahrhunderts. Konstanz University Press, Konstanz 2012. 333 S., Abb., geb., 39,90 Euro.
109. Kunst, Spektakel, Revolution No. 4
»Die Verwirklichung der Poesie«
Call for Papers!
Gerade ist die dritte Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen und schon beginnen wir mit der Redaktionsarbeit für die vierte Ausgabe. Die vierte Nummer unserer (beinahe) jährlichen Publikation wird die Revolutionsepoche zwischen 1789 und 1871 behandeln und dabei insbesondere in den Blick nehmen, welche Tendenzen sich in der Dichtung zu dieser Zeit Bahn brachen – dementsprechend steht das Thema der Ausgabe unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“. Das Heft wird sich, dokumentierend und ergänzend, am letztjährigen Themenblock der Reihe orientieren, in dem wir uns mit Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire auseinandergesetzt haben.
Während sich Hölderlin und Heine vor dem Hintergrund der deutschen Misere, in je unterschiedlicher Weise, auf die Impulse bezogen, welche die französische Revolution der weltweiten Emanzipationsbewegung gab, befinden sich Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire in Frankreich in einer Situation, in welcher der deutsch-preußische Frankreich-Feldzug eine emanzipatorische Bestrebung zu zerstören drohte. Diese fünf Dichter sind jedoch nicht eigentlich „politische“ Dichter, die bloß die Forderungen politischer „Parteien“ zu ihrem Inhalt gemacht hätten. Ihr Vermächtnis ist nicht die Formulierung eines positiven Programms – vielmehr drückt sich in ihrer Formsprache die Tendenz einer Negativität aus, die zur Aufhebung einer schlechten Gegenwart drängt. Gleichzeitig wird an ihnen das Besondere sowie die Beschränkung der Dichtkunst sichtbar – was diese vorwegnahm, drängt in einem historischen Ereignis zur Wirklichkeit, das nicht Kunstgeschichte ist: Die erste große proletarische Erhebung in der Pariser Commune von 1871, in der zahlreiche Momente der ganzen Moderne kulminierten und die unter Aufsicht der preußischen Militärs von der französischen Bürgerklasse blutig niedergeschlagen wurde. Sich dieses Ereignis von unserer Gegenwart her neu zu erschließen und kritisch-historisch anzueignen, bedeutet aber gerade im Blick auf die Poesie, sich der Gebrochenheit der Revolutionsgeschichte bewusst zu werden: Das Dunkle und Düstere bei Hölderlin, auf den sich später auch Paul Celan bezog, die Flucht Heines vor dem Antisemitismus aus Deutschland und die rasende Vernichtungswut bei Lautréamont weisen darauf hin, dass in dieser Poesie auch bereits Momente erkennbar sind, die mit dem Geschichtsbruch zu tun haben, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vollzog und der auch die Geschichte der Revolution nicht unangetastet lässt.
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Soweit der inhaltliche Rahmen des letztjährigen Themenblocks. Für das Heft ist die Redaktion auf der Suche nach weiteren AutorInnen! Insbesondere in drei Themengebieten wollen wir noch Texte haben:
1.) Die französische Revolution von 1789
Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen einführenden Text über die französische Revolution von 1789 (und die darauffolgenden Erhebungen) schreiben kann. Zum einen erachten wir es als immens wichtig, die französische Revolution wieder ins Gespräch zu bringen, da kaum Wissen über dieses, das Wesen der Moderne prägende, Ereignis zirkuliert, zum anderen geht es um ein Ereignis, welches die deutsche Philosophie und Dichtung entscheidend beeinflusst hat. Es soll darum gehen, eine Auseinandersetzung mit der Dichtung des 19. Jahrhunderts historisch-materialistisch zu rahmen, wobei folgende Fragen berührt werden sollen: Welche neuen Bedingungen schaffen die bürgerlichen Revolutionen? Von welchen gesellschaftlichen Gruppen werden diese Auseinandersetzungen getragen? Wie stehen sie in einem Zusammenhang mit der Konstituierung des modernen Proletariats und einer möglichen proletarischen Revolution? Welche Versprechungen und Hoffnungen sind damit verbunden, deren möglich-und-wirklich-Werden und das Ausbleiben ihrer Einlösung auch den Erfahrungshintergrund der modernen Dichtung bilden? Welche Rollen spielen die Agrar- und Hungerrevolten in der französischen Revolution, inwiefern agieren Bauern, Handwerker, Arbeiter und Arbeitslose unabhängig von der Bourgeoisie? Was bedeutet die französische Revolution für Frauen und den Frühfeminismus? Wie etablieren sich mit der französischen Revolution spezifische gesellschaftliche Bereiche, die wir heute als Öffentlichkeit und Kultur kennen? Usw. – hierbei sind gern auch unkonventionelle Textformate gefragt (cut-up’s etc.).
2.) Comte de Lautréamont
Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen Text über Comte de Lautréamont beitragen könnte. Der Text soll die Auseinandersetzung mit Lautréamont fortführen, den wir bereits in unserem zweiten Heft begonnen haben (siehe: hier). Im oben beschriebenen Zusammenhang soll Lautréamont als Dichter des Negativen vorgestellt werden, der den katastrophischen Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits antizipierte. Folgende Aspekte erscheinen uns dabei als beachtenswert: Raserei und Rausch der Gewalt in der Dichtung / das Verhältnis der Vernunft zu ihrer dunklen Seite, die sich gewaltvoll Bahn bricht / Repression in den Bildungsanstalten des 18. und 19. Jahrhunderts und Revolte der Jugend / das Verhältnis von Revolution und Gewalt / das Programm einer neuen Dichtung, nach dem nicht ein einziger, sondern alle dichten sollen / Sexualität und Gewalt bei Lautréamont.
3.) Autorinnen des 19. Jahrhunderts
In der Nachbereitung des vierten Themenblocks der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel, Revolution“, ist uns aufgefallen, dass wir mit Hölderlin, Heine, Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire ausschließlich Männer in der Dichtung behandelt haben. Ohne es bewusst intendiert zu haben, haben wir damit einen männlich geprägten Blick auf die Literaturgeschichte reproduziert – ein selektiver Blick, der sich sachlich nicht rechtfertigen lässt, denn es gibt in der von uns fokussierten Epoche zahlreiche Dichterinnen, deren Wirken auch für den Themenkomplex »Verwirklichung der Poesie« interessant und wichtig sein dürfte. Ohne es kaschieren zu wollen, hoffen wir, dieses Ungleichgewicht in der vierten Broschüre wenigstens ein Stück weit korrigieren zu können und fordern euch daher auf, uns Portraits von Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts zuzuschicken (für unseren Themenkomplex bspw. relevant: Olympe de Gouges, Mary Darby Robinson, Karoline von Günderrode, Bettina von Armin, Rahel Varnhagen, uvm.). Auch sie sollen im Kontext der gescheiterten oder ausgebliebenen Revolution und der Widersprüche der Moderne behandelt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, Literatinnen in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Weiblichkeit zu lesen, sondern ihre Werke immanent ernst zu nehmen – auch wenn dabei das Geschlechterverhältnis ein wichtiger Aspekt ist, was sich für Frauen vor allem als ein Schreiben gegen Widerstände dargestellt hat, wie es Virginia Woolf in ihren literaturhistorischen Essays beschrieben hat.
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Alle oben genannten Aspekte und Fragestellungen sind nicht als strenge inhaltliche Vorgaben zu verstehen – wir sind offen für eure inhaltlichen Vorschläge, auch wenn sie in einer Verschiebung oder Korrektur unserer Fragestellung bestehen. Wir nehmen dabei auch Texte an, die unabhängig von den oben genannten Punkten, auf unterschiedliche Weise auf die bisherigen Ausgaben von „Kunst, Spektakel, Revolution“ reagieren. Wichtig ist uns dabei ein Zugang zur Geschichte, der im Benjamin’schen Sinne in einem „Gegen-den-Strich-bürsten“ besteht und von einem rächenden Motiv geleitet wird, das sich einer universellen Emanzipation der menschlichen Gattung verpflichtet sieht. Bezüglich Format und Umfang dienen die Texte der bisherigen drei Ausgaben zur Orientierung (siehe hier: http://spektakel.blogsport.de/broschur/).
Wenn ihr einen Text beisteuern wollt, bitte schickt uns bis zum 19. Mai 2013 ein Abstract an folgende Emailadresse: ksr-reihe[at]web.de (die Redaktion behält sich vor, Textvorschläge abzulehnen). Über einen Deadline-Termin kommunizieren wir dann.
67. Prüfen und Aufbrechen
Das Gedicht natürlich. Einzelgedicht, Zyklus, Buch, Reihe.
Aber manchmal sind es kleinere Einheiten. Das Konzept Haltbare Zeilen verdanke ich einem Gedicht von Rainer Kirsch. “O flaumenleichte Zeit der dunklen Frühe”. “Wer Ohren hat zu sehen der wird schmecken.” Die Zeile (oder ein Teil davon) ist das Medium des Zitats. Damit kann man nicht nur täuschen, glänzen oder Autorität herreden. Das Zitat als Lebensmittel. Ich lebe damit (und hab schon manchen damit verprellt, nicht zu ändern). “Was ist, ist, weil es ist” (mehrere). “Nur das Herz schneller” (R. Kirsch). “Prost Ulla” (Bellman). Wie oft haben sie mich aufgeheitert oder getröstet. “So ist das Recht. Das Recht, beschrieben, tröstet.” (Noch einmal Rainer Kirsch) Auch Sarah: “Ich meine, es müßte hier noch andere Tiger geben”. Ja, Bellman darf auch noch mal: “Prost, heilger Vater, und grüß deine Frau!”
Heute war es eine Strophe. Natürlich Teil des Vorgangs, der das Gedicht ist. Aber manchmal leuchtet eine Strophe ganz für sich. Mir heut morgen eine von Hölderlin:
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
…Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’,
……Und verstehe die Freiheit,
………Aufzubrechen, wohin er will.
(Hier das ganze Gedicht)
113. Überzeugung
Wondratschek hat die Hölderlin-Aufnahme zusammen mit Manfred Eicher produziert (ECM), den er vor nicht langer Zeit kennenlernte und den er für solche Kunst der poetischen Verdichtung ohne Überredungsmühe gewinnen konnte. Mit Radikalität meint Wondratschek wohl die Konzentration nur auf das Dichterwort, das Zeile für Zeile gesprochen wird – langsam, fast zeremoniell, doch ohne Pathos, ohne dramaturgische Zuspitzung.
‘Überzeugung’ heißt das erste der hier versammelten fünfundzwanzig Scardanelli-Gedichte, das der Hölderlin-Darbietung gleich am Anfang ihr langsames Tempo und ihren unabänderbaren Rhythmus gibt. Gelesen wird zuerst der Titel, um den herum sich ein langes Schweigen ausbreitet, bevor die ersten Zeilen ertönen: ‘Als wie der Tag die Menschen hell umscheinet / und mit dem Lichte, das den Höhen entspringet, / die dämmernden Erscheinungen vereinet / ist Wissen, welches tief der Geistigkeit gelinget…’ So spricht kein geistesgestörter, sondern ein in jahrzehntelanger Isolation lebender, durch Weltwissen erleuchteter Dichter. ‘Der einsamste und sprachloseste Mensch war er geworden’, schreibt Peter Sloterdijk im Booklet, ‘weil er der einzige gewesen war in seiner Zeit, in dem die Sprache selbst, das unbedingte Sagen, sich hatte verkörpern wollen, jenseits von Ich und Nicht-Ich.’ / Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung 23.1.
Friedrich Hölderlin: Turmgedichte. Gelesen von Christian Reiner. ECM New Series 2285. München 2012, 17,90 Euro.
Überzeugung
Als wie der Tag die Menschen hell umscheinet
Und mit dem Lichte, das den Höhn entspringet,
Die dämmernden Erscheinungen vereinet,
Ist Wissen, welches tief der Geistigkeit gelinget.
Hölderlin schrieb das Gedicht am 26.2. 1841 auf Bitten von Christoph Theodor Schwab aus dem Stegreif in ein Exemplar der “Gedichte von Friedrich Hölderlin” (1826).
15. Quellenarbeit
Verfolgt man das endlose Gerede in Medien und Blogs und an den Stammtischen, mag man schon irre werden am Menschen und der Möglichkeit des Gesprächs, das wir seit Hölderlin* sind. Verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln, so faßte schon Goethe zusammen. In der Tat, mancher der Mitredenden handelt ja später, wie ers nicht besser hörte.
Wie wohltuend dann, in einem Gedichtbuch zu lesen. Das Gespräch mit einem Gedicht zu führen, das man mehrmals liest und bedenkt. Dabei beobachtend wie es selbst schon ein Gespräch zwischen seinen Zeilen und Worten ist. Wie es ins Gespräch mit den anderen Gedichten im Band tritt, und mit anderen, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt zitierten Sätzen. Ein Stimmengewirr, in dem Ordnung und Chaos zugleich walten.
Die Gedanken kamen mir, als ich in Bertram Reineckes “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” las. Ich las das Sonett “Ich zöger noch, mir jenen Kinderort” und fand in der Anmerkung zur Entstehung dieses Gedichts, das auf einem Prosagedicht Jürgen Beckers basiert, Überlegungen des Autors zu alten und neuen Denkstrukturen. Dann ging ich zum fünfteiligen Titelgedicht, und hier fand ich dann in den Anmerkungen folgende Reflexion:
Damit man nicht in einen solchen Text wiederum seine Vorurteile über diese Zeit und deren Autoren hineinträgt, sondern deren Vorstellungen herausarbeitet, ist hier eine besonders strenge Quellenarbeit notwendig. So darf das Montageverfahren Inhalte nur neutral zusammenziehen und nicht durch geschickte Kombinatorik versuchen Witz zu erzeugen, wie es in den Texten nach der Centoregel geschieht.
Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Hrsg. Ulf Stlterfoht. (roughbook 019). Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012, S. 81.
Ah danke. Abermals, abermals. Poetry made my day. Weggebeizt das bunte Gerede des An-/erlebten – das hundert-/züngige Mein-/gedicht, das Genicht.
*) Paulus / Gilgamesch
42. KlassikAkzente
Im Alter von 37 Jahren, in der Mitte des Lebens, wird Friedrich Hölderlin 1807 als unheilbar geisteskrank aus einem Tübinger Klinikum entlassen und in die Obhut eines ortsansässigen Tischlermeisters gegeben. / mehr
113. #oo4 / RATED »D«
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BRUCE ANDREWS / CHARLES BERNSTEIN / DENNIS BÜSCHER-ULBRICH / RICHARD DURAJ / CHRISTIAN FILIPS / MARA GENSCHEL / FRIEDRICH HÖLDERLIN / FRANCES KRUK / NORBERT LANGE / SWANTJE LICHTENSTEIN / BRIGITTE OLESCHINSKI / TIBOR SCHNEIDER / MARTIN SCHÜTTLER / PHILIPP STADELMAIER / HANS THILL / ULJANA WOLF
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HERAUSGEGEBEN VON TOBIAS AMSLINGER / NORBERT LANGE / LÉONCE W. LUPETTE
UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT DER LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG
31. Dürrson, Szymborska, Hauge
1959 erschien sein erster Gedichtband, “Blätter im Wind”, viele weitere sollten folgen. Zudem übersetzte er aus dem Französischen: Rimbaud, Michaux und Yvan Goll. Dürrson, der 2008 auf Schloß Neufra bei Riedlingen starb, blieb zeitlebens der große Ruhm versagt. Sein aus dem Nachlass von Volker Demuth publizierter Band “Denkmal fürs Wasser” (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012) bietet nun eine gute Gelegenheit, den Dichter Dürrson neu- und wiederzuentdecken.
Dürrson hat mit diesem Buch dem alles umspannenden Raum des Wassers ein Denkmal gesetzt, das sich, darf man so sagen, “gewaschen hat”. Dabei wäre ihm das Material zu diesem weitausgreifenden Projekt beinahe außer Kontrolle geraten: einmal wurde das Manuskript von einem Windstoß über die Reling eines Schiffes gefegt, ein anderes Mal samt dem Fahrzeug, in dem es sich befand, gestohlen. Dürrson versuchte, das Möglichste aus seinem Gedächtnis zurückzugewinnen, aber freilich, die ursprüngliche Fassung blieb, wie er in einer Nachbemerkung zum Buch schreibt, “uneinholbar”.
Wir können nicht darüber richten, wie viel von der “Gurgelsprache der Quellen” Dürrson tatsächlich noch zu retten gelang. Bei diesem Dichter jedenfalls begegnet uns das Wasser in vielerlei Gestalt, wird es nahezu zu einem eigenen Charakter: mal unbezwinglich, mal vom Menschen domestiziert. Und Dürrson warnt: “wer ihm Rhythmen / austreiben will und // also den Fluss begradigt / verkrümmt stattdessen / die Erde.” Dürrsons großer Zyklus “Denkmal fürs Wasser” ist zugleich Lehrgedicht und Formenlehre des Meeres, seiner “Ur-Hohlformen”, “Wellungen Faltungen Ein- und Aus- / stülpungen”.
(…)
Mehr Ruhm zu Lebzeiten abbekommen hat eine Dichterin, von der es jetzt ebenfalls Gedichte aus dem Nachlass gibt: Wislawa Szymborska. Die 1996 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Polin hat das Buch “Glückliche Liebe und andere Gedichte” (Suhrkamp Verlag, 2012) noch zusammen mit dem Verlag geplant; nun ist es allerdings zu ihrem Vermächtnis geworden, denn Szymborska starb im Februar diesen Jahres. Sie sei, schreibt ihr Kollege Adam Zagajewski, stets um das “Originelle, Spannende” bemüht gewesen: “Sie liebte Konversation, gab sich ausgefallenen Lektüren hin und war an den unterschiedlichsten Wissenschaften interessiert.”
Die sie freilich auch hinterfragte, wie etwa ihr Gedicht “Träume” verrät: “Wider das Wissen und die Lehren der Geologen, / ihrer Magneten, Kurven und Karten spottend – / der Traum türmt im Bruchteil einer Sekunde / Berge vor uns auf, so steinern, / als stünden sie in der Wirklichkeit.” Über Teenager, alte Professoren, Verkehrsunfälle, Blinde und über Scheidung schreibt Szymborska in ihrem letzten Buch, und sie tut es so heiter und sarkastisch, wie man es seit je von ihr gewohnt ist.
Für den deutschsprachigen Leser zu entdecken ist endlich auch der Lyriker Olav H. Hauge. Hauge kannte jeden Grashalm seiner norwegischen Heimat, er bedichtete das Borstgras ebenso wie den Goldhahn, einen Fichtenwald oder einen einfachen Hauklotz. Nichts Geringes unter der Sonne, alles konnte dem 1908 in Ulvik Geborenen, der so sehr in der bäuerlichen Kultur seiner Heimat verwurzelt war, im Dichten bedeutsam sein. Aber Hauge übersetzte auch: Hölderlin, Trakl, Brecht und Celan ins Norwegische. Und er wusste: “Ein gutes Gedicht / soll riechen – nach Tee / oder nach roher Erde und frischgespaltenem Holz.” Es mutet ein wenig seltsam an, dass viele norwegische Kritiker das 4000 Seiten umfassende Tagebuch des Dichters als sein Hauptwerk betrachten. Denn immerhin ist auch Hauges Poesie in über 100 Sprachen übersetzt und wird gelesen. Die 340 Seiten starke, von Klaus Anders in der Edition Rugerup (Gesammelte Gedichte, 2012) herausgegebene, übersetzte und kommentierte Auswahl schliesst da nur eine Lücke, von der man bislang nur nicht wusste, dass es sie gab. Weit ist Hauges poetischer Kosmos: “Frage den Wind, / voran den sachten. / Er schweift weit / und kommt oft zurück / mit guter Antwort.”
/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 8.10.
- Werner Dürrson: ”Denkmal fürs Wasser” (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012)
- Wisława Szymborska: “Glückliche Liebe und andere Gedichte”, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall (Suhrkamp Verlag, 2012)
- Olav H. Hauge: “Gesammelte Gedichte”, Hrsg. Klaus Anders (Edition Rugerup 2012)
114. Das Erlebte will zuerst / beschrieben sein
Sie haben kürzlich den renommierten Hölderlin-Preis erhalten. Was verbinden Sie mit dem Dichter?
Klaus Merz: In meiner Jugend hat mich Hölderlins Werk sehr beschäftigt. Ich war ihm beinahe verfallen. Später löste ich mich schrittweise von seinem Einfluss. Die hohen Ideale, der hymnische Ton machte mich schwindlig. Ich wandte mich ab, betrieb literarischen „Kahlschlag“ und musste doch erkennen, dass die Wurzeln aller „neuen“ Meister, denen ich mich zuwandte, ebenfalls zurück zu den alten, unter anderem zu Hölderlin und ins existenzielle Fundament dieser Dichtung führten.
(…)
„Sogar das Erlebte will zuerst / beschrieben sein“ heißt es in einem Ihrer Gedichte.
Merz: Ja, das ist mir wichtig. Erst das Formulierte wird lesbar, es wird anders und neu erfahrbar. Das ist eine große Aufgabe. Nicht nur der Literatur, sondern auch der Malerei. / mehr
50. „Die eigene Rede des anderen …“
Unter der Leitfrage „Gibt es ein Gedicht, das einen so über die Maßen mitgenommen hat, dass man es im Kopf immer bei sich trägt, das einen nicht in Ruhe lässt?“ haben Jürgen Krätzer und Kerstin Preiwuß in „Dichter über Dichter“ eine „Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte“ zusammengetragen. Mit dem Hölderlin entlehnten Motto „Die eigene Rede des anderen …“ im Titel bietet der Band eine kleine Schule der zeitgenössischen Gedichtlektüre. Poetenpaarweise geht es 22-mal quer durch den lyrischen Gemüsegarten, fast immer mit einer Replik desjenigen dem die Hommage zuteil geworden ist. Vom weiterschreibenden Remix, den Kathrin Schmidt Marion Poschmann widmet, bis zu Norbert Langes Leseanleitung von Richard Duraj, von der Anverwandlung also bis zum empathischen Metatext, werden hier Gedichte aufgeschlossen.
Bei Durajs „in the shell“ ist der Hinweis, dass sich hinter seiner typografischen Schreckgestalt die Pac-Man-Feinde Blinky, Pinky, Inky und Clyde verstecken, elementar, und ohne Katja Lange-Müllers Erinnerung an die brandenburgische Lungenheilstätte, die Uwe Kolbes gleichnamiges „Sommerfeld“ evoziert, verstünde man nur die Hälfte. Doch fast alle Texte vermitteln über solche Interpretationshilfen hinaus eine ansteckende Begeisterung. Man höre nur, mit welcher Insistenz Lutz Seiler eine Zeile von Jörg Schieke wiederholt: „du willst dich weit aus dieser gegend beugen“ – und man hätte selber gerne einen solchen Wurm im Ohr. Wenn diese Dialoge überwiegend junger bis jüngster Dichter eines schaffen, dann ist es das Vermögen, etwas von den Reizen zu vermitteln, die Gedichte aussenden und jeden neu anfliegen müssen: zur rechten Zeit, am rechten Ort – und mit der Fähigkeit, jeden „Verdacht auf veredeltes Gekritzel“ (Mara Genschel) zu zerstreuen. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel
„Horen“ (Nr. 246, Wallstein Verlag, 280 S., 16,50 €)