Lyrikzeitung & Poetry News

24. Mai 2012

88. Ihre Lieblingsgedichte

Der Styria Premium Verlag hatte die Idee zu einer neuen Buchreihe: Österreichische Künstler/innen aus allen Bereichen – von der Philosophie bis zur Musik, von der Literatur bis zur Bühne – stellen ihre 25 Lieblingsgedichte vor. Ö1 sendet die Gedichte im Rahmen der Reihe “Du holde Kunst” ab Juni einmal im Monat.

Friederike Mayröcker

Ernst Jandl:
das hundelvieh

Ernst Jandl:
der bernhardiner

Ernst Jandl:
der goldfisch

Ernst Jandl:
2 erscheinungen

Ernst Jandl:
in der küche ist es kalt

Thomas Kling:
ethnomühle

Friedrich Hölderlin:
Hälfte des Lebens

Friedrich Hölderlin:
Wenn aus dem Himmel

Inger Christensen:
alphabet

Marcel Beyer :
Wespe, komm

Ilse Aichinger:
Briefwechsel

Norbert Hummelt:
aus der Kindheit

Bertolt Brecht:
Morgens und abends zu lesen

Heinrich Heine:
Loreley

Johann Wolfgang von Goethe:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke

Gottfried Benn:
Teils-teils

Marcell Feldberg:
o. T.

Bernadette Haller:
Haiku

crauss
russischer zopf

H. C. Artmann:
mein herz

Oskar Pastior :
Francesco Petrarca Nr. 1

Oswald Egger:
Apfelspalten / Handteller, Regen

Oswald Egger:
nihilum album

Mikael Vogel:
Schizoide Gedichte für eine alte schizoide Liebe

Mikael Vogel:
Das wirre Atelier der Verlassenheit …

12. Mai 2012

35. Jakob van Hoddis

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 07:21

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei, / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei / Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.“

Zeitgenossen feierten die düsteren Reime emphatisch als „Marseillaise des Expressionismus“. Kurt Pinthus leitete damit 1920 seine berühmte Anthologie „Menschheitsdämmerung“ ein. Johannes R. Becher, selbst Lyriker und früher DDR-Kulturfunktionär, erinnerte sich 1957 rückblickend an die Wirkung des Poems: „Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit. Wir fühlten uns wie neue Menschen, wie Menschen am ersten geschichtlichen Schöpfungstag, eine Welt sollte mit uns beginnen, und eine Unruhe, schworen wir uns, zu stiften, dass den Bürgern Hören und Sehen vergehen sollte.“ …

1926 befand er sich in so desaströsem Zustand, dass seine Mutter ihn entmündigen ließ. Ein Jahr später lieferte man ihn nach einem eskalierten Streit mit Nachbarn in die geschlossene Abteilung der Tübinger Universitätsklinik ein.

Dort kam er unter die Obhut des berüchtigten rassistischen Chefarztes Robert Gaupp, der über die vermeintliche „Frühverblödung“ des Dichters Hölderlin vor 1843 äußerte, der Tod hätte ihn „von einem wertlos gewordenen Leben befreit“. Dieser Zynismus gewann Gestalt in den Massenmorden an „Minderwertigen“, die Hitler legitimierte. Auch van Hoddis fiel diesem Wahn zum Opfer. Im April 1942 deportierten ihn die Nationalsozialisten in das polnische Vernichtungslager Sobibor, wo er vermutlich im Mai oder Juni vergast wurde. / Ulf Heise, Märkische Allgemeine

11. Mai 2012

33. Mayröckers Lieblingsgedichte

Einsortiert unter: Österreich, Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 11:06

“Ein Gedicht ist für mich, wenn alles stimmt, wenn man das liest und sagt ja, wenn es also die Wahrheit der Sprache enthält.” “Die Wahrheit” ist für die Schriftstellerin Friederike Mayröcker keine Frage von richtig oder falsch. Die “Wahrheit der Sprache”, die sie meint, steht über diesen Kategorien, und: Man findet sie, so Mayröcker, am eindringlichsten und am gültigsten bei Friedrich Hölderlin.

Die Gedichte des deutschen Lyrikers befinden sich inmitten einer unüberschaubaren Zettellandschaft in Friederike Mayröckers Wohnung in Wien Margareten. Stets griffbereit liegt dort ein vielbenutztes Bändchen mit den gesammelten lyrischen Werken Hölderlins – oder jedenfalls fast griffbereit.

“Hälfte des Lebens” heißt Hölderlins Anfang des 19. Jahrhunderts verfasstes berühmtes Gedicht. Friederike Mayröcker hat es unter ihre “25 Lieblingsgedichte” gereiht und im gleichnamigen Lyrik-Band veröffentlicht, der vom Styria Verlag als Auftakt für eine umfangreiche Reihe in Kooperation mit Ö1 vorgestellt wurde. / Ö1

5. Mai 2012

14. Google denkt mit

Wenn ich den Hegel, Schelling und Hölderlin gemeinsam zugeschriebenen Text “Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus” bei Zeno.org aufschlage, empfehlen sie mir prompt Rat und Erste Hilfe mit einem Gegengift:

Frank, Manfred: Auswege aus dem deutschen Idealismus, Suhrkamp 2007.

Vielleicht schade, daß es das zu Hölderlins Zeit noch nicht gab – was wär ihm erspart geblieben?

21. März 2012

89. Kinderlehre

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , , , — lyrikzeitung @ 12:09

Gestern war Frühlingsanfang und Hölderlins Geburtstag, eine passende Vorbereitung auf den heutigen Welttag der Poesie. Meine Anthologie beschert mir ein spätes Gedicht von Hölderlin. Spät heißt in diesem Fall nach dem 35. Geburtstag, ab 1806, in der zweiten Hälfte des Lebens. 1838 schreibt der Dichter Eduard Mörike an einen Freund: “Ich habe dieser Tage einen Rummel Hölderlinischer Papiere erhalten, meist unlesbares, äußerst mattes Zeug. Ein kurzes seltsames Fragment xstlichen Inhalts muß ich Dir aber doch (…) mitteilen (…) Was sagst Du zu der Schilderung? Das von der Kinderlehre klingt beinah diabolisch naiv, so rührend es gemeint seyn mag.” Mit Bedacht steht da “mag”: man kann es nicht wissen. Mich erinnert der Ton mancher der “Turm-Gedichte” Hölderlins an Robert Walser. D.E. Sattler vermutet als Entstehungszeit die Jahre 1808/09 und schreibt: “Der hintergründige, nur zum Schein naive Katalog sonntäglicher Werte erinnert  an die Aufzählungen der letzten Homburger Fragmente” (Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe Band 9. Dichtungen nach 1806 – Mündliches. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1984, S. 38).

Freundschaft, Liebe, Kirch und Heilge, Kreuze, Bilder,
Altar und Kanzel und Musik. Es tönet ihm die Predigt.
Die Kinderlehre scheint nach Tisch ein schlummernd müßig
Gespräch für Mann und Kind und Jungfraun, fromme Frauen;
Hernach geht er, der Herr, der Burgersmann und Künstler
Auf Feldern froh umher und heimatlichen Auen,
Die Jugend geht betrachtend auch.

20. März 2012

84. “Zentrum der lyrischen Gesamtkultur”

Auch t-online macht sich um Lyriknachrichten verdient. Eben wieder:

Das Zentrum der Volkspoesie befindet sich in einem unscheinbaren Büroraum in der Frankfurter Innenstadt. Nur die unmittelbare Nachbarschaft zum Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes erinnert an Lyrik. Und doch laufen hier die Fäden des “Jahrbuchs für das neue Gedicht” zusammen – ein Band mit gut 5.000, größtenteils von Hobbydichtern eingereichten Werken.

Die “Frankfurter Bibliothek” bündelt nicht vorrangig Werke der Hochliteratur, sondern vielmehr Zeugnisse der lyrischen Gesamtkultur, “Gedichte aus der Mitte der Gesellschaft”, betont Markus von Hänsel-Hohenhausen, Begründer der herausgebenden Brentano-Gesellschaft. “Neben Spitzenleistungen drucken wir vor allem Gelegenheitsdichtungen und Verse aus dem Alltag ab.”

Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode. Krämer siehst du, aber keine Dichter (heute ist Hölderlins Geburtstag – auch einer, der aus Frankfurt verjagt wurde…) Goethe wußte, warum er da wegging, und Ulla Berkewicz… Aber der zweite Satz hat einen Beigeschmack von Wahrheit, wenn auch vielleicht unfreiwillig.

12. März 2012

52. Reineckes poetisches Verfahren

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 14:08

Einem Stoß über­einander gestapelter Manuskripte vergleichbar, bieten Reineckes Montagen Text­aus­schnitte, die von andern Text­auss­chnitten über­lappt werden. Auf diese Weise ent­steht, in gesuch­tem Kon­trast zum klas­sischen Cento, kein kon­tinuier­licher Fließtext, sondern ein Text mit dauern­den Abbrüchen und Neu­ein­sätzen. Die Bruch­stellen sind allerdings kaum zu bemerken; allenfalls markieren minimale syntaktische Ver­wer­fungen den frag­men­tarischen Cha­rakter des Textes.

Trotz ihrer Sprünge wirken Reineckes Montagen niemals willkürlich oder beliebig; sie folgen einer asso­ziativen Logik, die suggestiv mit ihrem déjà vu spielt. Dem Leser begeg­nen die Figuren einer prächtigen barocken Rhetorik, poetische Bilder, die wie Wolken Gestalt annehmen und sich wieder auflösen, aber auch abge­brochene Reden, verstört und stam­melnd wie die Zeilen des späten Hölderlin. Einmal wird mit stärkstem Effekt die Schluss­zeile eines Gedichts auf­genommen und mit einer winzigen Variante als eigen­ständiger Text wiederholt. Das wirkt wie ein Einspruch gegen das Vergessen, eine Beschwörung dessen, was sich in den Texten unauf­hörlich zeigt, um ebenso unauf­hör­lich zu verschwinden. Reineckes poetisches Verfahren scheint mir auf der Höhe der Zeit; seine fragmentarischen Rekon­struktionen wirken wie ein Abge­sang auf das Versinken einer lite­rarischen Über­lieferung, der Epilog eines Poeten, dem der ganze Reichtum dieser Tradition noch einmal zu Gebote steht und der sie zugleich beschwört und deutlich macht, dass ihre Sprache unwieder­holbar ist.  / Jürgen Buchmann, poetenladen

Bertram Reinecke
Sleutel voor de hoogduitse Spraakkunst
roughbook 019
Herausgegeben von Ulf Stolterfoht
Editon Urs Engeler 2012

22. Januar 2012

85. Meine Anthologie: Von Gedichten

Bernd Jentzsch

VON GEDICHTEN

1) Zahl-, schutz-, macht-, folgenlos. 2) Aber wenn sich etwas zu verändern beginnt, zeigt man auf die, die sie gemacht haben. 3) Wer Gedichte machen will, muß einmal gestorben sein zur Hälfte / des Lebens; ein Widergänger, die leuchtenden Adern im Staub. 4) Wilders Komödien, Becketts Prosa, das Spargelbund Manets von 1880 sind Gedichte. Und Vallejos Schreie, die eure Mittagsruhe beeinträchtigten. Note zu 1) Zunehmend kunstlos, d. i. Magerstufe der Welthaltigkeit. 5) Gemalte Fensterscheiben Beton, vollgesprayt. 6) Der Lyriker braucht die Vernunft nicht zu fürchten, denn sie fürchtet ihn doch auch nicht. Oder 7) Was die Welt im Innersten zusammenhält. Seit E = mc² konjugieren wir in der falschen Zeitform. 8) Einer hats gewußt, Zu den Akten. 10) Vor Auschwitz hätten wir es auch ohne sie zu Auschwitz gebracht; jetzt fehlen sie. 11) Bertolt, erhebe dich! Ruft auch Dante zurück. Rotte der selbsternannten Dichter, weggetreten! 9) Kohlrabi ist eine Gemüsesorte. Zeigt mir den Vers, der wahrhaftiger ist. 12) Sie hätten euch, die ihr sie nicht lest (das eingeschlossen), bei der Evolution behilflich sein können von Wilden zu den Halbwilden. 13) Gedichte sind nicht für mostpeople; einige taugen, vielleicht, für dich und mich. 14) Damit schließe ich jedwedes! Poesiealbum, endgültig. Herrenanrufe zwecklos. Ab in die Wüste! Note zu 1) Und schlecht bezahlt.

1991, am Muttertag

Aus: Die alte Lust, sich aufzubäumen. Lesebuch. Eine Auswahl des Autors. Mit einem Nachwort von Bernd Leistner und 22 Abb. Leipzig: Reclam, 1992. S. 212f.

Bernd Jentzsch im Lyrikwiki

20. Januar 2012

75. Nicht verstanden

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 09:34

“Nicht verstanden, sondern gehört werden wollen diese Gedichte!”, sagt der bayerische Komponist Wilhelm Killmayer über die Poesie Friederich Hölderlins. Weil Killmayer Musiker ist, wird er mit seinem Diktum nicht nur die Schönheit des hölderlinschen Sprachklangs gemeint haben – schließlich hat er einige Gedichte aus der Spätzeit des großen Poeten vertont. Killmayers “Hölderlin-Lieder” für Tenor (Gesang: Simon Bode) und Klavier erklingen am Sonnabend im Rahmen eines ausschließlich Hölderlin gewidmeten Abends in der NDR-Reihe “das neue werk”. / Hamburger Abendblatt

9. Dezember 2011

37. Winterreise

Im Winter 2007 unternahm der Ludwigsburger Kulturwissenschafter Thomas Knubben eine Wanderung von Nürtingen nach Bordeaux: auf den Spuren Hölderlins, der seinerseits im Dezember 1801 aufgebrochen war und während acht Wochen westwärts wanderte, um eine Hofmeisterstelle in der Stadt am Atlantik anzutreten. Wie die Jakobspilger erhoffte sich Thomas Knubben von seiner «Winterreise» eine Erleuchtung, ist doch Hölderlins Reise vom Geheimnis umwittert. Denn nach kurzer Zeit hat der Dichter Bordeaux wieder verlassen und ist im Juni 1802 völlig zerrüttet in der Heimat eingetroffen. Was hatte ihn derart aus der Bahn geworfen, dass sein Anblick die Freunde erschreckte? …

Als Glanzlichter stellen sich die kulturgeschichtlichen Essays innerhalb des Textes heraus. Was Thomas Knubben über den politisch bedingten Wandel der Hölderlin-Rezeption anführt, etwa die Vereinnahmung seines Werks durch die Nazi-Ideologie und die neue Sicht, wie sie der französische Germanist Pierre Bertaux entworfen hat, liest sich spannend. Und ebenso fesselt er mit seinen Ausführungen zu Bordeaux’ reicher Kaufmannschaft, zu der auch Hölderlins Arbeitgeber, der Weinhändler und hamburgische Konsul Daniel Christoph Meyer, gehörte. Prägnant stellt er die Rolle der Stadt im Sklaven- und Kolonialhandel während des ausgehenden Ancien Régime heraus und skizziert die konfessionelle Situation. Bordeaux’ merkantile Erfolge scheinen auf dem Zusammenspiel zwischen deutschen protestantischen Kaufleuten und französischen Hugenotten, die in dieser Stadt eine Zuflucht fanden, zu gründen; sie ergäben ein Paradebeispiel für Max Webers Thesen. / Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ 8.12.

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