Kategorie: Ungarisch
42. Vielsprachig
[...] Die Texte, die jeweils im Original und in einer deutschen Übersetzung präsentiert werden, entstammen dem Chinesischen, ecuadorianischen Spanisch, Französischen, Griechischen, Italienischen, Hebräischen, Japanischen, Katalanischen, Serbischen, Slowakischen, Ungarischen sowie dem Wolof. An die Seite gestellt wird den Lesern jeweils ein Reiseführer in Form eines Kommentars, der die jeweilige Literaturregion und ihre Sprache vorstellt, Interpretationsangebote macht und weiterführende Lektüre empfiehlt.
Vorgestellt und kommentiert werden:
- Konstantínos Kaváfis: Zweite Odyssee
- Giuseppe Ungaretti: Nostalgia
- Milos Crnjanski: Strazilovo
- Miyazawa Kenji: Phantasie einer Reisestrecke
- Jules Supervielle: Marseille
- Xu Zhimo: Erneuter Abschied von Cambridge
- Gonzalo Escudero: Heft von New York in Flammen
- Carles Riba: Elegie VII
- Mikós Radnóti: Gewaltmarsch
- Lea Goldberg: Tel Aviv 1935
- Khadi Fall: Das Unbehagen, mich selbst als Schriftsteller zu bezeichnen
- Mila Haugová: Der geschlossene Garten (der Sprache)
Brigitte Rath u. Slávka Rude-Porubská (Hg.): Vom Verreisen in Versen. Zwölf Gedichte aus zwölf Sprachen: Original – Übersetzung – Kommentar, vielsprachig. Leipzig : Leipziger Literaturverlag 2013
97. Mit Lyrik gegen die Krise in Ungarn
Wider die rhetorische Verwilderung – mit Lyrik gegen die Krise in Ungarn
Es war ein Gedicht, das die Ungarn aufrüttelte: István Keménys „Abschiedsbrief“ aus dem Jahr 2011 bewegte Bevölkerung und literarische Szene gleichermaßen. Das Gedicht veränderte das Verhältnis von Dichtung und Politik: der politische Diskurs in Ungarn findet jetzt über und mit Poesie statt – ein in Europa wohl einzigartiges Phänomen. Am 9.6.2013 widmet sich das poesiefestival berlin in Lesung, Gespräch und Konzert der Krise in Ungarn und der Rolle der Poesie in ihr. Mit dabei in der Akademie der Künste sind u.a. die Autoren Szilárd Borbély, István Kemény, Petra Szőcs und Péter Závada, der Performance-Künstler Tibor Szemző und der Singer-Songwriter Zoltán Beck.
Die politische Rhetorik in Ungarn ist verhärtet, die Lyrik bietet einen Freiraum zur Debatte. Poesie-Lesungen sind politischer und radikaler geworden, bei Demonstrationen werden Gedichte auf Handzetteln verteilt, bissige Aphorismen und prägnante Couplets werden getwittert und gepostet.
In dem Gedicht „Abschiedsbrief“ nahm Kemény Abschied von einem Land, das nach dem Ende des Staatssozialismus keine demokratische Stabilität gefunden hat und stattdessen zunehmend autoritäre Züge annimmt. Immer wieder hinterfragt er die Rolle des Dichters in diesen Zeiten. Szilárd Borbély trauert in seiner Lyrik über die ermordeten Roma. Ein Politikum, denn die Pogrome der Neo-Nazis werden nach wie vor nicht öffentlich diskutiert. Der Singer-Songwriter Zoltán Beck verbindet Musik und Dichtkunst und eröffnet ihr so weitere Verbreitungskanäle – in Ungarn wird wieder erlebt, was das gedichtete Wort vermag.
Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.
7.- 15. Juni 2013
14. poesiefestival berlin
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
So 9.6.2013, 18.00 Uhr
Warum und wie ist die zeitgenössische Lyrik politisch?
Poesiegespräch mit Szilárd Borbély (Autor, Debrecen), Orsolya Kalász (Autorin, Berlin), Dóra Péczely (Lektorin, Budapest)
Moderation: Wilhelm Droste (Literaturwissenschaftler, Ungarn)
So 9.6.2013, 20.00 Uhr
„Die Ruinen sind genauso wie die Rose“
Zweisprachige Lyriklesung mit Szilárd Borbély, István Kemény, Petra Szőcs, Péter Závada und Singer-Songwriter Zoltán Beck
Moderation: Can Togay, Leiter des Collegium Hungaricum Berlin
So 9.6.2013, 22.00 Uhr
Multimedia-Performance: „Tractatus“
Eine Kammerkomposition zu Ludwig Wittgensteins „Tractatus Logico-Philosophicus“ von Tibor Szemző
So 9.6.2013, 23.00 Uhr
Konzert: Presszó Tangó Libidó
Die Literaturwerkstatt Berlin führt eine Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Dieses Poesiezentrum wird Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichterinnen und Dichter sein, für die interessierte Öffentlichkeit aller Altersstufen, für Verleger, für Lernende und Lehrende, für Medien und Multiplikatoren aus dem In- und Ausland. Weitere Informationen unter www.poesiezentrum.de
Für Rückfragen und Informationen:
Boris Nitzsche & Jutta Büchter Presse/ÖA,
Literaturwerkstatt Berlin, Tel: 030. 48 52 45 25
www.literaturwerkstatt.org
42. lyrikline – eine große Biblio- und Audiothek der Weltlyrik
Übersetzungen und vom Autor oder der Autorin in Originalsprache gesprochen.
Sie finden auf lyrikline.org 7520 Gedichte von 822 Dichtern aus 57 Sprachen und über 10.250 Übersetzungen in 55 Sprachen!
2012 hinzugekommene Stimmen:
Kyriakos Charalambidis (Griechisch)
am 29. August 2012
Daniel Falb (Deutsch)
Christian Steinbacher (Deutsch)
Judith Zander (Deutsch)
am 13. August 2012
Bert Papenfuß (Deutsch)
am 06. Juli 2012
Rajko Djurić (Romani)
am 28. Juni 2012
Linda Maria Baros (Französisch)
Dorothée Volut (Französisch)
am 23. Mai 2012
Dmitrij Golynko (Russisch)
Jazra Khaleed (Griechisch)
am 26. April 2012
Garouss Abdolmalakian (Farsi)
Baktash Abtin (Farsi)
Behzad Khajat (Farsi)
Mansour Momeni (Farsi)
am 24. April 2012
Édith Azam (Französisch)
Arno Calleja (Französisch)
Albane Gellé (Französisch)
Pascal Poyet (Französisch)
am 23. April 2012
Sam Hamill (Englisch)
am 11. April 2012
Ali Babatschahi (Farsi)
Luis Chaves (Spanisch)
Christian Filips (Deutsch)
Martín Gambarotta (Spanisch)
Fiston Mwanza Mujilla (Französisch)
Arseni Rovinski (Russisch)
Vital Ryzhkou (Belarussisch)
Maya Sarishvili (Georgisch)
am 21. März 2012
Andre Rudolph (Deutsch)
Tom Schulz (Deutsch)
Uljana Wolf (Deutsch)
am 01. März 2012
Carles Duarte (Katalanisch)
Màrius Sampere (Katalanisch)
Enric Sòria (Katalanisch)
am 23. Februar 2012
Ákos Györffy (Ungarisch)
Attila Jász (Ungarisch)
am 10. Februar 2012
Dorta Jagić (Kroatisch)
Miroslav Kirin (Kroatisch)
Miloš Đurđević (Kroatisch)
am 12. Januar 2012
106. „Von der Heide“
„Von der Heide“ war die einzige deutschsprachige, literarisch-kulturelle Monatsschrift im Banat im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Zielgruppe waren die deutschen Minderheiten der östlichen und südöstlichen Regionen Österreich-Ungarns. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildete das literarische Schaffen von deutschsprachigen Autoren aus dem Banat, Siebenbürgen und der Bukowina. Daneben fanden sich auch Texte von rumänischen, serbischen und ungarischen Literaten in deutscher Übersetzung. (…)
In Deutschland befindet sich eine Reihe von Exemplaren der Zeitschrift verstreut in rund zehn Bibliotheken. Eine nutzbare, komplette Fassung ist in keiner Bibliothek verfügbar. Aus dieser Situation entstand die Idee, die Zeitschrift zu digitalisieren und für ein interessiertes Publikum online zur Verfügung zu stellen. Auf Anregung der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf und der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne erfolgte Ende 2011 in einem ersten Arbeitsschritt die Zusammenstellung der verstreuten Zeitschriftenbestände zum Zweck der Digitalisierung. / M. Polok, Siebenbürgische Zeitung
3. Ungarns Freigeist
Ungarns Ministerpräsident spräche (könnten sie lesen) auch deutschen Rechten aus der Seele: “Wir sind von Geburt an stolz darauf, zur Gemeinschaft der Ungarn zu gehören.” (Hier)*
Auch Ungarn hat seine Probleme mit Freigeistern und nationalistischen [also offenbar schlechten, M.G.] Lyrikern:
Der für “Kultur und nationales Kulturerbe” zuständige Staatssekretär, de facto Kulturminister, Géza Szőcs, ist am Mittwoch “auf eigenen Wunsch” zurückgetreten, Premier Orbán “akzeptierte das Rücktrittsgesuch”, so die offizielle Verlautbarung, und bat Szőcs zukünftig als kultureller Chefberater des Regierungschefs tätig zu bleiben, womit Orbán sein informelles Schattenkabinett weiter vergrößert. Szőcs zog selbstredend eine positive Bilanz seiner zweijährigen Tätigkeit, “viel wurde erreicht”, vor allem die kulturelle Präsentation seines Landes während der EU-Ratspräsidentschaft und in “der Phase der brutalen Angriffe” gegen Ungarn, hätten positiven Effekt (Trianon-Teppich, Pálinka-Automat für EU-Parlamentarier?) für das Land gemacht, so Szőcs in seiner Rücktrittserklärung.
Szőcs spielt sich in seiner vor Selbstzufriedenheit geradezu triefenden Abtrittserklärung zum Freiheitskämpfer für die Bedrängten auf. Er hätte sich für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Attila József Statue eingesetzt ebenso wie er “beschuldigte Philosophen” in Schutz genommen habe (siehe Budais Philosophenhatz). Er habe dargestellt, dass die literarische Tätigkeit des István Csurka (ein kürzlich verstorbener Naziführer) von seiner dramatischen [sic] zu trennen sei, wie er auch würdigt, dass Siebenbürgen (Szőcs` Heimat) einmal eine namhafte Rolle im Werk von Tamás Gáspár Miklós (kommunistischer Philosoph und Autor) gespielt hat. Er habe nicht den Direktor des Nationaltheaters ausgetauscht (ein schwuler Linker, heftigst befehdet von der Rechten), als dies gefordert wurde, er sehe aber auch im Werk von József Nyirö (antisemitischer Politiker der 40er aus Siebenbürgen, Blut-und-Boden-Schriftsteller, dessen neulich geplante Urnenüberführung zu heftigem Streit mit Rumänien führte) nicht die Spur von “hasserfüllten oder inhumanen Worten”. In diesem Sinne sei er ein Freidenker gewesen und geblieben. / Pester Lloyd
Die Zeitung erklärt:
Szőcs` Ablösung stand mit dem Antritt von Zoltán Balog als neuem Minister für “Human Ressources” (Bildung, Gesundheit, Soziales, Kultur, Sport, Jugend) eigentlich fest. Dieser will sich nach und nach eine eigene Mannschaft bilden, nächste auf der Streichliste ist Bildungsstaatssekretärin Hoffmann (vermutlich geht sie im Herbst, wenn das Bildungspaket durchgepeitscht wurde). Szőcs, ein Lyriker aus Siebenbürgen, der sich als Radio Free Europe- Aktivist und Dissident in Rumänien einen Namen machte, dessen Führungsstil wir aber aus erster Hand als nachtragend, rechthaberisch und kleingeistig erleben durften, war zwar auf Linie, aber vor allem administrativ vollkommen überfordert. Bereits im Januar 2011 schmiss sein Stellvertreter, Márton Kálnoki-Gyöngyössy, entnervt hin. Szőcs ist mit der Orbán-Familie, besonders Frau Orbán, gut befreundet, was die Berufung zum “Cheberater” erklären hilft.
*) Hinweis für Deutsche: bevor Sie das Zitat gebrauchen, sollten Sie das zu Ändernde ändern, sonst wirds leicht komisch
!
Die österreichische Presse fragte den Ministerpräsidenten zur Affäre um den ungarischen Dichter und Nazi-Politiker József Nyirö, der im Exil in Franco-Spanien starb und dessen “sterbliche Überreste”, wie man so sagt, jüngst in ungaro-rumänischer Erde bestattet werden sollten:
Unlängst wurden die sterblichen Überreste des ungarischen Dichters Jozsef Nyirö in einer sehr umstrittenen Aktion nach Rumänien gebracht, um dort bestattet zu werden. Er war ein Mitglied des nationalsozialistischen Pfeilkreuzler-Parlaments in der Szalasi-Ära. Und Ihr Parteifreund, Parlamentspräsident Laszlo Köver machte sich auf die Reise, um Nyirö umzubetten. Rumäniens Premier erwägt, Köver deshalb zur persona non grata zu erklären. Warum diese Provokationen?
Warum müssen Pietätsfragen mit politischen Fragen verwechselt werden? Wenn man jemanden beerdigen möchte, dann wird er beerdigt. Es ist für mich verwunderlich, dass das in Rumänien eine politische Frage ist.
Natürlich ist das ein hochsymbolischer politischer Akt, wenn Ungarns Parlamentspräsident eine solche Umbettung unterstützt.
Da widerspreche ich heftig. Vor Kurzem fand eine kleine Gedächtnisfeier für den kommunistischen Diktator Janos Kadar statt. Ich war natürlich nicht dort, aber es war ein Akt der Pietät, die Feier nicht zu untersagen. Die Argumentation bringt uns in Richtung homo sovieticus. Ich lehne jeden Diskurs ab, der das Privatleben von Menschen überpolitisieren will.
75. Platz für Lyrik
Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker, war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.
Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik “Kleine Sprachen – Große Literaturen” lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!
Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das “Café Europa”. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die “Störung” dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt “Tranzyt” und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.
Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.
Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel “UV – die Lesung der unabhängigen Verlage” genießen, zu Beginn lasen unten im “Café” Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im “Saal” DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte “Industriebier” ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.
49. Jerusalem frohlocke
Jetzt brachte Wolf den Text, der ihn nie losgelassen hatte. Weil in ihm mächtige Propaganda, Inbegriff befohlener Ordnung und von verordnetem Denken, von einem Ich selbst-bewusst hinterfragt wird. Es war ein Text von Albrecht von Johansdorf: “Die hinnen varen …” Ein Kreuzzugslied, so heißt die literaturgeschichtliche Schublade, in die man es gesteckt hat. Richtiger wäre: ein Liebeslied zur Zeit der Kreuzzüge, des Ost-West-Konflikts.
Wolf begann, seinen Kram zu erklären: “Die hinnen varen”, das sind diejenigen, die zum Kreuzzug aufbrechen, die zuvor das Zeichen des Kreuzes, einen Lappen aus Wolle, sich haben anheften lassen. Die Bezeichnung Kreuzzug ist im Deutschen erst seit Lessings Zeit bekannt, im Mittelalter spricht man von “hinnen varen”, von peregrinatio, Wallfahrt, von der Reise ins Heilige Land. In diesem Gedicht ist vom bevorstehenden Kreuzzug des Stauferkaisers Friedrichs I. die Rede, jenem Kreuzzug, von dem später Ludwig Uhland treu-teutsch dichten wird: “Als Kaiser Rotbart lobesam / ins heilige Land gezogen kam, /… / sah er zur Rechten und zur Linken / einen halben Türken heruntersinken.” 1187 war Jerusalem gefallen, diesmal in die Hände Salah ad-Dins; zuvor 1099, im ersten Kreuzzug, in die Hand der Christen. Bei den Vorbereitungen zur Operation Barbarossa heißt es wieder: Jerusalem laetare, frohlocke, Jerusalem.
Wie dieses “Frohlocken” aussah, die grausame Realität jener “Wallfahrt”, zeigt ein lateinisches Kreuzfahrer-Lied aus der Zeit des ersten Falls Jerusalems:
Von Blut viel Tränen fließen, indem wir ohn Verdrießen das Volk des Irrtums spießen – Jerusalem, frohlocke!
Des Tempels Plastersteine bedeckt sind vom Gebeine der Toten allgemeine – Jerusalem, frohlocke!
Stoßt sie in Feuersgluten! Oh, jauchzet auf, ihr Guten, dieweil die Bösen bluten – Jerusalem, frohlocke!
/ Rainer Nübel, Kontext:Wochenzeitung
Albrecht von Johansdorf, Kreuzlied III
9. lyrikline
Neues auch vom Berliner Ohrenschmaus:
Kurz vor Weihnachten präsentieren wir einen israelischen Weihnachts- und Poesiefilm, basierend auf einem Gedicht von Jan Wagner (Deutschland).
Freuen kann man sich für 2011 schon einmal auf neue Dichter aus dem Maghreb, aus Italien, Israel, Katalonien, Zypern, Belgien, Russland und aus Skandinavien, und natürlich noch auf viele andere mehr.
Neue Autoren
Auf lyrikline.org sind zahlreiche Autoren neu. Mit dabei sind u.a. Gedichte des Booker-Preisträgers Michael Ondaatje (Kanada), der vor allem durch seinen Roman „Der englische Patient“ bekannt wurde. Cole Swensen (USA) und Yang Lian (China/USA) sind weitere nordamerikanische Autoren, die jetzt online zu lesen und zu hören sind. Ebenfalls neu sind die afrikanischen und asiatischen Dichter Nina Kibuanda (DR Kongo) und Babangoni wawa Chisale (Malawi) sowie Alaa Khaled (Ägypten), Zakaria Mohammed (Palästina) und Monzer Masri (Syrien).
Aus Europa sind neu dazugekommen:
Ulrikka S. Gernes (Dänemark), Konstantin Ames (Deutschland), María Eloy-García (Spanien) und die griechischen Dichter Jazra Khaleed, Dimitra Kotoula und Yannis Stiggas.
Neue Gedichte
gibt es von Gerhard Falkner (Deutschland).
Neue Übersetzungen
Außerdem wurden wieder zahlreiche neue Übersetzungen eingestellt:
Ins Arabische: Gerhard Falkner (Deutschland)
Ins Chinesische: Jan Wagner (Deutschland)
Ins Deutsche: Babangoni wawa Chisale (Malawi), María Eloy-García (Spanien), Ulrikka S. Gernes (Dänemark), Alaa Khaled (Ägypten), Jazra Khaleed (Griechenland), Nina Kibuanda (Kongo), Dimitra Kotoula (Griechenland), Zakaria Mohammed (Palästina), Monzer Masri (Syrien), Michael Ondaatje (Kanada), Yannis Stiggas (Griechenland), Cole Swensen (USA), Yang Lian (China/USA)
Ins Englische: Tsead Bruinja (Niederlande), Hélène Gelèns (Niederlande), Ulrikka S. Gernes (Dänemark), Jazra Khaleed (Griechenland)
Ins Französische: Tsead Bruinja (Niederlande)
Ins Hebräische: Monika Rinck (Deutschland), Jan Wagner (Deutschland)
Ins Litauische: Tsead Bruinja (Niederlande)
Ins Spanische: Tsead Bruinja (Niederlande)
Ins Türkische: Arjen Duinker (Niederlande), Joan Margarit (Spanien), Nikolai Madzirov (Mazedonien), Thomas Möhlmann (Niederlande), Ulrike Draesner (Deutschland)
Ins Ungarische: Jan Wagner (Deutschland)
137. Alberto Szpunberg in Dresden
Eine diesen Herbst im Wiesbadener Verlag luxbooks erscheinende Anthologie wird, in der Reihe „luxbooks latin“, den Focus vor allem in Hinblick auf „Neue Argentinische Poesie“ scharf stellen und hierzulande noch wenig bekannte Autoren wie Martín Gambarotta, Santiago Llach oder Marina Mariasch vorstellen. Doch zuvor gibt es die einmalige Gelegenheit, einem der namhaftesten Dichter Lateinamerikas in Dresden persönlich zu begegnen: der 1940 in Buenos Aires geborene und heute in der Nähe von Barcelona lebende Alberto Szpunberg gibt – zusammen mit seinen deutschen Übersetzern Joana und Tobias Burghardt – dem Poesiefestival „Bardinale“ die Ehre und wird am 3. September als einer von vier Gästen des internationalen Leseabends „Poetry International“ im Jazzclub Neue Tonne aus seinen Büchern lesen. …
Im deutschsprachigen Raum kann man ihn jetzt entdecken: in der auf spanisch- sowie portugiesischsprachige Lyrik spezialisierten Stuttgarter Edition Delta ist unter dem Titel „Der Wind ist manchmal wie alle“ ein vorzüglicher Auswahlband seiner Poesie erschienen. Ein Grund mehr dabeizusein, wenn Alberto Szpunberg in Dresden eine Auswahl aus seinem umfangreichen Werk vorstellen wird.
/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 30.8.
„Poetry International“ mit Alberto Szpunberg (Argentinien), Serhij Zhadan (Ukraine), Sjón (Island) und István Kemény (Ungarn) am 3. September, 20 Uhr im Jazzclub Neue Tonne. Eintritt: 8 / 6 Euro.
112. Siebenbürgische Elegien
Der Sammelband besteht aus zwei Teilen, in acht bzw. zehn Kapitel gegliedert, mit Titeln wie „Transsylvanische Todesarten“, „Abschiedsschwere“, „Die Kunst der Wiederkehr“, „Exil“, „Siebenbürgisches Requiem“, „Erinnerung und Mutters Sprache“, „Rote Zeit – Tote Zeit“ etc. Es ist der Versuch, die Vielzahl der Gedichte der 44 Autoren thematisch zu ordnen. Die Texte sind in deutscher, rumänischer, ungarischer Sprache sowie in sächsischer Mundart und in der Mundart der Roma verfasst. Alle Gedichte sind aus der jeweiligen Muttersprache ins Deutsche oder Rumänische übertragen, Schlesaks Gedichte von Cosmin Dragoste und Andrei Zanca. Einige Beispiele seien hier genannt und Schlesaks Eingangsgedicht „Schwach nur“ auszugsweise zitiert: „Schwach nur / ein Echo/ von Nirgendwo// Der Auszug// Geschwärzte Chroniken leuchten/ In Museen// Von Westen her täuschend/ Ein Licht, gekonnte/ Sonnenuntergänge/ Rot/ Freizeit Ferienfreude Und/ Zweihundertfünfzig Sorten Brot// (…) Schön dieses Mutter/ Land// Woher wir kamen/ Vor fast tausend Jahren/ Dort kommen wir wieder an/ Mit Grabsteinen im Gepäck.“
Die teilweise trügerischen Verlockungen des Westens und die Untergangsstimmung der Exilanten werden hier in wenigen Worten bildhaft beschworen. In der sächsischen Fassung lauten die Verse: „Schwach/ Nor an Echo/ (hier fehlt leider die entsprechende Zeile der deutschen Fassung)// Der Auszach// (…) Wohär mar kaamen/ Vur fast tausend Johren/ Do kun mar wedder un/ Mät Grawstienen/ äm Gepäck.“ …
Einige von Schlesaks Texten sind schon in dem Gedichtband „Weiße Gegend – Fühlt die Gewalt in diesem Traum“ 1981 im Rowohlt-Verlag erschienen, werden in der vorliegenden Ausgabe um weitere Strophen ergänzt, z. T. mit verändertem Druckbild, darunter „Deutsch in Transsylvanien“ und „Von Nachgeborenen“, nicht zuletzt die Erinnerung „Für O.P.“: „Ossi isst auf russisch sein Gesicht auf/ Dann schwimmts richtig konturlos zu den harten Kernen./ Er isst Naturgesetze auf.“ Darin wird die Rolle des Essens für den in Russland hungernden Oskar Pastior lange vor Herta Müllers „Atemschaukel“ thematisiert. Auch dieses Gedicht wird nach dem Tod des Freundes mit einer zweiten Strophe zum Epitaph, das sein Weiterleben in den Gedichten apostrophiert: „Er starb plötzlich. Er starb unerwartet./ (…)/ Er starb lautlos kurz vor dem Auftritt/ mit Laut Gedichten./ (…)/ Der Tod holte ihn/ vom Schreibtisch. Gedichte blieben dort liegen./ Sie sind seine Stimme. Solange wir leben/ hören wir seine Gedichte mit seiner Stimme.“
Außer Schlesaks Gedichten kommen nur wenige deutsch schreibende Dichter zu Wort: Carmen Elisabeth Puchianu, Christel Ungar und Joachim Wittstock. Die überwiegende Mehrheit der Gedichte stammt von rumänischen Autoren, ein paar von ungarischen (Martha Iszak, Géza Szöcs, Zsófia Balla), eines („Jahreszeit in Hermannstadt“) von Luminiţa Mihai-Cioaba ist in Romanes geschrieben, von ihr ins Rumänische übersetzt und ins Deutsche gebracht von Beatrice Ungar: „Anotimpo ando Sibio“ („Anotimp in Sibiu“/ „Jahreszeit in Hermannstadt“). Ein kurzer Ausschnitt soll die Poesie des Romanes illustrieren: „Akharal ma o Sibio ande reat/ Pe la droma cinora pherde divanuri“ (= Mă cheamă Sibiul în noapte/ Pe străzile înguste şi pline de soapte = „Ruft mich Hermannstadt in der Nacht/ In die engen Gassen voller Flüstern.“) / Konrad Wellmann, Siebenbürgische Zeitung
Dieter Schlesak: „Transilvania mon amour. Siebenbürgische Elegien/ Elegii ardelene“, Editura hora Verlag, Hermannstadt 2009, 376 Seiten, ISBN 978-973-8226-82-1, Preis: 17 Euro (56 Lei).