Lyrikzeitung & Poetry News

7. April 2012

23. Eine katalanische Sappho-Rezeption

Einsortiert unter: Altgriechisch, Antike, Griechenland, Katalanisch, Katalonien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 13:41

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Àxel Sanjosé

Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.

Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:

Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…

Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …

Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.

Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,

són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!

Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.


Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,

sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!

So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.

3. März 2012

11. Katalanismus

Einsortiert unter: Katalanisch, Katalonien, Okzitanisch — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 09:20

Der moderne Katalanismus ist kaum 100 Jahre alt; um 1830 machte ein katalanischer Höfling in Madrid ein Gedicht im Dialekt seines Landes – zur Belustigung der Hofdamen. Von da an datiert das katalanische linguistische und literarische Selbstgefühl. Aber noch zu meiner Zeit arbeiteten selbst viele Redakteure der katalanisch erscheinenden Zeitungen mit einem kastilianisch (bei uns: spanisch) katalanischen Diktionär; das beste Katalanisch, sagte man in Barcelona, schrieb Dr. Brachfeld, ein Ungar, der an der Sorbonne promoviert hatte, und nicht nur ungarisch und spanisch, sondern mindestens auch deutsch, französisch und englisch sprach. Damit nicht genug, wuchs er sich also auch zum Meister des Katalanischen aus, eines Dialekts, der im Grunde das alte Limousin oder Provencal der Troubadours ist und bis Toulouse gesprochen und verstanden wird, im Süden auch in Valencia und auf den großen Balearen.

/ Vor rund 50 Jahren erschien das Buch “Flucht in die Welt” mit Exil-Erinnerungen des Waldkircher Autors, Journalisten, Pazifisten und Nazi-Gegners Max Barth. Die Badische Zeitung druckt immer samstags Auszüge aus dem Buch.

31. Dezember 2011

116. Joan Maragall

Einsortiert unter: Katalanisch, Katalonien — Schlagworte: — àxel sanjosé @ 10:22

Am vergangenen 19. Dezember, einen Tag vor dem 100. Todestag des Dichters Joan Maragall (1860–1911), wurde mit einem feierlichen Akt im Palau de la Generalitat (dem Sitz der katalanischen Regierung) in Barcelona der offizielle Abschluss des Maragall-Doppeljahrs begangen. Eine große Zahl von Veranstaltungen und Publikationen hatten das Jubiläum des neuzeitlichen Klassikers der katalanischen Literatur begleitet (vgl. die eigens eingerichtete Website, bei der die englische und spanische Version allerdings leider nicht online sind). Nicht ganz so gewaltig endet hierzulande das Jahr, nämlich mit dieser Notiz. Auch sonst war in deutschsprachigen Feuilletons, so weit ich es überblicke, wenig bis gar nichts zu lesen (für widerlegende Hinweise bin ich dankbar), auch Wikipedia gibt sich knapp und irrt im Datum. Aber das muss nichts heißen, soll doch »der offizielle Abschluss kein Schließen bedeuten, sondern das Gegenteil«, wie es in der Presseerklärung der Institució de les Lletres Catalanes heißt, »damit sich nicht alles in Rauch auflöst«, so der Urenkel Pau Maragall in seiner Rede. In diesem Sinne. / àxel sanjosé

14. Dezember 2011

51. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (5)

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Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird in den nächsten 2 Tagen in alphabetischer Folge ergänzt. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  (Bitte erst unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen, hier also nur N – Sch. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Shafiq Naz (Hg.) · Der deutsche Lyrikkalender für junge Leser 2012. Jeder Tag ein Gedicht, 366 Ge­dichte von 200 Autorinnen und Autoren von den An­fängen bis zur Gegen­wart, darunter ∙ Ernst Moritz Arndt ∙ Rose Ausländer ∙ Hans Bender ∙ Rolf Dieter Brinkmann ∙ Manfred Chobot ∙ Matthias Claudius ∙ Klaus Peter Dencker ∙ Annette von Droste-Hülshoff ∙ Marie von Ebner-Eschenbach ∙ Manfred Enzensperger ∙ Theo­dor Fontane ∙ Günther Bruno Fuchs ∙ Stefan George ∙ Günter Grass ∙ Peter Handke ∙ Heinrich Heine ∙ Hendrik Jackson ∙ Mathias Jeschke ∙ Franz Kafka ∙ Axel Kutsch ∙ Oskar Loerke ∙ Martin Luther ∙ Christian Morgenstern ∙ Wilhelm Müller ∙ Andreas Noga ∙ Novalis ∙ Martin Opitz ∙ Oswald von Wolkenstein ∙ Wal­ther Petri ∙ August von Platen ∙ Monika Rinck ∙ Joachim Ringelnatz ∙ Paul Scheerbart ∙ Raoul Schrott ∙ Vol­ker von Törne ∙ Georg Trakl ∙ Ludwig Uhland ∙ Friedrich Theodor Vischer ∙ Jan Wagner ∙ Robert Walser ∙ Albin Zollinger, 430 Seiten, Tischkalen­der mit Spi­ralbindung, Alhambra Publishing, B-Bertem 2011.
  2. Cyprian Kamil Norwid: Über die Freiheit des Wortes. Poem. Aus dem Polnischen von Peter Gehrisch. Leipziger Literaturverlag. 220 Seiten.
  3. Gisela Noy · Gänge ans Licht, mit drei Graphiken von Berthold Mallmann, 36 Seiten, handfadengebundene Broschur, numeriert und signiert, Atelier Verlag, Andernach 2011.
  4. Hellmuth Opitz · Die Dunkelheit knistert wie Kandis, 126 Seiten, Hardco­ver, Pendragon Verlag, Biele­feld 2011.
  5. Jutta Over · Grünland Grauland, 24 unpaginierte Seiten, geheftete Broschur, Machandel Verlag, Hase­lünne 2011.
  6. José Emilio Pacheco: Früher oder später. Edition Delta (Aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt)
  7. Bert Papenfuß: Pro tussi à gogo. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  8. Alexej Parschtschikow: Erdöl. Gedichte. Übersetzung: Hendrik Jackson. kookbooks 2011
  9. Teresa Pascual ∙ Die geordnete Zeit & Rebellion des Salzes – El temps en ordre & Rebellió de la sal. Gedichte [zweisprachig]. Aus dem Katalanischen von Juana und Tobias Burghardt. Titelbild von Juana Burghardt. 161 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  10. Miodrag Pavlović: Mißhelligkeiten, alte und neue. Gedichte. Aus dem Serbischen von Peter Urban. Leipziger Literaturverlag. 152 Seiten.
  11. Francesco Petrarca, Canzoniere, aus dem Italienischen übersetzt von Karl-Heinz Stierle, gebunden, 273 Seiten, Insel Verlag 2011.
  12. Annelotte Piper (Hg.): Kaum berührt, zerfällt die Mauer der Nacht.28 japanische Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit Gedichten von Yosano Akiko, Nagase Kiyoko, Fukao Sumako, Sagawa Chika, Machida Shizuko, Ishigaki Rin, Nakamura Chio, Mitsui Futabako, Uchiyama Tomiko, Ibaragi Noriko, Shinkawa Kazue, Shiraishi Kazuko, Tada Chimako, Kora Rumiko, Takarabe Toriko, Kawata Ayane, Kanai Mieko, Tomioka Taeko, Yoshihara Sachiko, Aoki Harumi, Tatara Chieko, Arai Toyomi, Yoshiyuki Rie, Ito Hiromi, Isaka Yoko, Hirata Toshiko, Inaba Mayumi und Kawaguchi Harumi. Mit einem Geleitwort von Yoko Tawada. Aus dem Japanischen von Annelotte Piper. Deutsche Erstausgabe. 368 Seiten. München: dtv, Dezember 2011.
  13. Kai Pohl (Hg.): floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation. Heft 18. Mit Gedichten von Niccolò Agnoli, Ernst-Jürgen Dreyer, Emmanuel Eni, Ernst Fuhrmann, Alex Galper, Rex Joswig, Andreas Paul, Kai Pohl, Clemens Schittko, Schwartz, HEL Toussaint, Johannes Witek u. a. Broschur, 40 S. EdK/Distillery, Berlin, Oktober 2011.
  14. Kai Pohl ∙ Clemens Schittko ∙ da kapo mit CS-Gas, 59 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  15. Kai Pohl: Phantomkalender. Broschur, 24 S. Distillery, Berlin 2011.
  16. Traian Pop (Hg.) · BAWüLON. Süddeutsche MATRIX für Literatur und Kunst, 1. Ausgabe, Essay, Lyrik und Prosa, Gedichte von Johann Lippet · Horst Samson · Rainer Wedler u.a., 106 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigs­burg 2011.
  17. Traian Pop (Hg.) · Matrix. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 24. Ausgabe, Essay, Lyrik und Prosa, Gedichte von Róža Do­mašcyna ∙ Benedikt Dyrlich ∙ Kito Lorenc ∙ Friederike Mayröcker ∙ William Totok u.a., 192 Seiten, Broschur, Pop Ver­lag, Ludwigsburg 2011.
  18. Magorzata Poszewska (Hg.): Ein Fenster bis zum Horizont / Okno po horyzont. 198 Seiten. edition art science, St. Wolfgang. Reihe: Lyrik der Gegenwart, Band 10.
  19. Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Norbert Lange und Susanna Mewe. luxbooks, 2011.
  20. Hans Raimund/Friedrich Danielis: “Choral Variationen”. Edition Thurnhof, Reihe oxohyph 2011, 24 Euro, ISBN 978-3-900678-15-9. Auflage 400, 20 Exemplare erschienen als Vorzugsausgabe im Holzschuber mit einem Autograph von Hans Raimund und einer Arbeit von Friedrich Danielis, 180 Euro.
  21. Arne Rautenberg: Miami Bach. Illustration/ Grafik: Olrik Kohlhoff. 8 Bögen, keine Nummerierung. Cordel Kiel 2011.
  22. Arne Rautenberg: Triebabfuhr. Gedichte mit Zeichnungen von Thomas Palme, 24 Seiten. Cordel Kiel 2011.
  23. Tom Raworth: Logbuch. Gedichte. Übersetzung: Ulf Stolterfoht. 96 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, Softcover. Das Wunderhorn 2011.
  24. Marcel Reich-Ranicki (Hg.) ∙ Frankfurter Anthologie. Vierunddreißigster Band, Gedichte und Inter­pretationen, Ge­dichte von H. C. Artmann · Gottfried Benn · Bertolt Brecht · Walter Helmut Fritz · Wolfgang Hilbig · Peter Huchel · Theodor Kramer · Alfred Lichtenstein · Friederike Mayröcker · Helga M. Novak u.v.a., 317 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
  25. Walter Rheiner. Versensporn – Heft für lyrische Reize Nr. 1. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2011.
  26. Walter Rheiner · Ausgewählte Gedichte (edition grillenfänger 27). 48 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  27. Øyvind Rimbereid · Herbarium, aus dem Norwegischen von Klaus Anders, 85 Seiten, Klappenbroschur, Edi­tion Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
  28. Jan Volker Röhnert ∙ Notes from Sofia. Bulgarische Blätter, Gedichte, Notate, Erzählung, 148 Seiten, Klappen­bro­schur, edition AZUR, Dresden 2011.
  29. Ludwig Rubiner · Das himmlische Licht. Gedichte (edition grillenfänger 26). 32 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  30. Tuvia Rübner · Lichtschatten. Gedichte. 102 Seiten, gebunden, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  31. Peter Rühmkorf: Poesiealbum 293. Hg. u. ausgewählt von Richard Pietraß, Grafik Horst Janssen. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011, 32 S.
  32. Wilhelm Runge · Das Denken träumt. Gedichte (edition grillenfänger 30). 62 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  33. Gabriele Sander (Hg.): Die Welt hebt an zu singen. Musik-Gedichte. Reclam. 192 Seiten.
  34. Julia Sander ∙ Der Fernseher blinkt in Blitzblau Augengeflatter, 24 unpaginierte Seiten, Handsatz und Handfadenbindung von Karl-Friedrich Hacker, footura black, Itzehoe 2011.
  35. Ulrike Almut Sandig ∙ Dickicht, 80 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Lese­bändchen, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2011.
  36. Jordi de Sant Jordi · Der letzte Trobador. Eine Anthologie. Herausgegeben und übersetzt von Hans-Ingo Radatz (Reihe: Katalanische Literatur des Mittelalters, Bd. 5), 120 Seiten, broschiert, Berlin – Münster – Wien – Zürich – London, LIT Verlag 2011.
  37. Knut Schaflinger ∙ Schneebrand, 103 Seiten, Klappbroschur, Edition POEMA, Verlag Ralf Liebe, Weilers­wist 2011.
  38. Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Matthes & Seitz Berlin 2011, 191 S.
  39. René Schickele · Ausgewählte Gedichte (edition grillenfänger 22). 48 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  40. Clemens Schittko: Manifest der Nachhut. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  41. Clemens Schittko: Und ginge es demokratisch zu. sUkUltUr 2011.
  42. Tibor Schneider • Christiane Schweitzer • Anselm Treichler (Hg.), ]trash[pool. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 2. Ausgabe, Lyrik und Prosa von Richard Duraj, Sascha Kokot, Lucia Leidenfrost, Jinn Pogy, Jan Skudlarek u.a., 106 Seiten, Broschur, Tübingen 2011.
  43. Wieland Schmied · Ein Irrer schreibt an einen Blinden. Ezra Pound Studien III (Rimbaud-Taschenbuch Nr. 72), 112 Seiten, broschiert, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  44. Stefan Schmitzer
: scheiß sozialer frieden
. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2011. Mit einem Nachwort von Clemens Setz, gebunden, 21 x 13 cm, 
96 Seiten.
  45. Ernst Schönwiese · Baum und Träne (Lyrik-Taschenbuch Nr. 74), 72 Seiten, broschiert, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  46. Karl-Heinz Schreiber ∙ Das Wundern der Romantizierer generiert altmodische Beulen, 38 Seiten, gehef­tete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2011.
  47. Natalia Shchyhlevska · Verschränkungen. Leben und Werk von Autoren aus der Bukowina anhand von Briefen und Nachlässen (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 58).7 Abb., 124 Seiten, gebunden, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.

24. Oktober 2011

104. Com si res – Als ob nichts wäre

Feliu Formosa liest aus seinen Gedichten (katalanisch).

Moderation, Übersetzungen und Lesung der deutschen Texte: Àxel Sanjosé

Montag, den 7. November 2011, um 20 Uhr
Lyrik Kabinett München

Eintritt: €7,- / € 5,-; Mitglieder: freier Eintritt

Feliu Formosa, geb. 1934 in Sabadell, Katalonien, erhielt 2011 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland: Er übertrug über hundert Theaterstücke, Gedicht- und Essaybände der deutschen Literatur ins Katalanische und Spanische (Goethe, Kleist, Heine, Rilke, Trakl, Wedekind, Musil, Kafka, Th. Mann, K. Valentin, Achternbusch und vor allem Bertolt Brecht und Thomas Bernhard); seine Übersetzungen von Dramen brachte er z.T. als Regisseur und Schauspieler selbst auf die Bühne. Über dieser Vermittlertätigkeit blieb in Deutschland lange übersehen, dass Formosa selbst mit seinen Gedichten und Tagebüchern zu den bedeutendsten Autoren der katalanischen Gegenwartsliteratur zählt und dafür auch zahlreiche renommierte Preise erhielt.

Àxel Sanjosé, geb. 1960 in Barcelona, ist Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer (u.a. von P. Gimferrer); hauptberuflich für das Designbüro KMS tätig; Lehrauftrag am Institut für Komparatistik der LMU. Für das Lyrik Kabinett kuratierte und übersetzte er die katalanische Anthologie: Vier nach (2007) mit Gedichten von E. Casasses, E. Escoffet, A. Pons und V. Sunyol.

COM SI RES

I anar-te fent a la idea
Del no-res
Tot des-
Sacralitzant-la

I descobrir que no es tracta
Sinó d’habituar-se
A la pròpia solitud

I així cada vegada
Desvetllar més el gaudi
De l’instant

I sempre retornar
Als records i al combat
Com si res
Com si tot

Als ob nichts wäre

Und dich langsam mit der Vorstellung
Des Nichts anfreunden,
Indem du sie ent-
Heiligst

Und entdecken, dass es um weiter nichts geht,
Als sich an die eigene Einsamkeit
Zu gewöhnen

Und so jedesmal

Den Genuss des Augenblicks
Weiter wecken

Und immer zurückkehren
Zu den Erinnerungen und zum Kampf
Als ob nichts wäre
Als ob alles wäre

Feliu Formosa, übertragen von Àxel Sanjosé

5. Oktober 2011

17. Katalanischer Dichter ermordet

Einsortiert unter: Katalanisch, Katalonien — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 10:24

Der katalanische Dichter Salvador Iborra wurde am Sonnabend in Barcelona von zwei Fahrraddieben ermordet. Er wurde 33 Jahre alt. Iborra veröffentlichte 3 Gedichtbände und bereitete das Erscheinen seines ersten Romans vor. / actualitte

19. Juli 2011

76. Die “Elegies de Bierville” von Carles Riba (Lyrikwiki Labor)

Neu im Lyrikwiki Labor:

Einen interessanten Fall stellen die Elegies de Bierville von Carles Riba dar. Hierzulande sind sie kaum bekannt, im katalanischsprachigen Raum gelten sie als eines der Hauptwerke des 20. Jahrhunderts. Geschrieben 1939 bis 1942 während des Exils in der französischen Provinz (Gut Bierville bei Boissy-La-Rivière, 60 km südlich von Paris), entsprechen sie auf den ersten Blick der Schillerschen Definition: Klage über Verlust. Sie sind aber zugleich eine geistige Auseinandersetzung mit den Prämissen abendländischer Kultur, Reflexionen über Identität und Gemeinschaft, über Wandel und Dauer sowie – für den Dichter in diesem Ausmaß damals neu – über die Existenz eines Gottes im christlichen Sinn, alles vor dem Hintergrund eines mythisch-idealen Griechenlands bzw. Mittelmeers [nicht umsonst war Riba der ›Entdecker‹ Hölderlins in den 20er Jahren mit nachhaltiger Wirkung: Heute ist Hölderlin zumindest in literarischen Kreisen auch auf der iberischen Halbinsel eine Ikone, zuvor kannte man ihn dort so gut wie gar nicht].

Auch formal sind die Elegies interessant: Riba überträgt das elegische Distichon ins Katalanische und verweist im Nachwort als Beispiel für die Adaption dieser antiken Form auf Goethes Römische Elegien. Letztlich übernimmt er also den Opitzschen Grundsatz »antike Länge –> Betonung«, wendet also (anders als etwa Carducci im Italienischen) in einem überwiegend silbenzählenden metrischen Umfeld eine nach dem regulierten Abwechseln von Hebungen und Senkungen organisierte Struktur an. Er wählt mit dem elegischen Distichon darüber hinaus ein vergleichsweise komplexes Muster, das andererseits durch die im Spondeus verankerten Möglichkeit, drei- und zweisilbige Einheiten abzuwechseln, den prosodischen Gegebenheiten romanischer Sprachen sicherlich eher entgegenkommt als etwa der ›einfachere‹ Blankvers. Antiker Form sich nähernd, allerdings via Deutschland.

So knüpft Riba an die Tradition der – ihm sehr vertrauten – Antike an (er hatte selber zahlreiche griechische Klassiker ins Katalanische übertragen) und stellt im selben Atemzug die Verbindung zur deutschen Klassik her (die ihm ebenfalls nah ist, s.o.). Durch die Einführung der »deutschen« Distichen erweitert er die Möglichkeiten der poetischen Ausdrucksweise im Katalanischen (und letztlich der Romania) und schafft im eigenen Werk eine kohärente Synthese von »humanistischer« Form und humanistischem Gedankengut.

Hier die ersten vier Zeilen aus der zehnten, der wohl berühmtesten:

X
He somiat amb Orfeu a la porta oberta de l’Ombra.
Una absència d’espill ha devorat els meus ulls
ebris encar de mirar-se en el maig turbulent de les coses,
plens d’abocar sobre el cel tantes aurores del cor.
[...]

|He so|miat amb Or|feu a la |porta_o|berta de| l’Ombra.
|Una_ab|sència d’es|pill ||ha devo|rat els meus |ulls
|ebris en|car de mi|rar-se_en el |maig turbu|lent de les |coses,
|plens d’abo|car sobre_el |cel ||tantes au|rores del |cor.
<Synaloephen durch Unterstrich angezeigt

Ich habe von Orpheus geträumt an der offenen Pforte des Schattens,
und Spiegellosigkeit hat ganz meine Augen verzehrt,
die trunken noch war’n, sich im wirbelnden Mai der Dinge zu schauen,
und, überlaufend, in den Himmel gossen so viel Herzmorgenrot.

(Beitrag von Àxel Sanjosé)

29. Mai 2011

124. Katalanische Lyrikreihe

Teresa Pascuals Gedicht “Frag mich warum”, das der Mutter gewidmet ist, spricht von einem Erbe “aus einer Epoche der Angst, des Krieges und unmöglicher Fragen” und erinnert damit an den versuchten Genozid an den Katalanen unter Franco. Das einstige Verbot des öffentlichen Gebrauchs katalanischer Sprache und Schrift wirkte lange nach. Umso bemerkenswerter ist die neue Katalanische Lyrikreihe der Edition Delta. Nach Gedichten von Miquel Martí i Pol, Joan Margarit und Maria-Mercè Marçal sind soeben Verse von Teresa Pascual erschienen, jener Poetin, die den Gegensatz von Denken und Fühlen im Gedicht aufheben will. / Dorothea von Törne, Die Welt

Teresa Pascual: Die geordnete Zeit & Rebellion des Salzes – El temps en ordre & Rebel·lió de la sal. Gedichte, zweisprachig: Katalanisch/Deutsch. Aus dem Katalanischen von Juana und Tobias Burghardt. Stuttgart : Edition Delta 2011. ISBN 978-3-927648-37-1, 161 Seiten, 17,50 Eur[D] / 18,00 Eur[A] / 30,00 sFr

10. Februar 2011

51. Poesie der ägyptischen Revolution

Einsortiert unter: Arabisch, Ägypten, Deutschland, Katalonien, Portugal, Spanien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 17:31

Die ägyptische Revolution spricht in Versen. Die Massen auf dem Tahrirplatz in Kairo skandieren Reimpaare:

“Yâ Mubârak! Yâ Mubârak! Is-Sa‘ûdiyya fi-ntizârak!,” (“Mubarak, O Mabarak, Saudi Arabien wartet!”)

“Shurtat Masr, yâ shurtat Masr, intû ba’aytû kilâb al-’asr” (“Ägyptens Polizei, Ägyptens Polizei, Ihr seid nur noch Palasthunde”)

“Idrab idrab yâ Habîb, mahma tadrab mish hansîb!” (Schlag uns, schlag uns, O Habib [al-Adly, bisheriger Innenminister], schlag soviel du willst—wir gehen hier nicht weg!)

(Das letztere spielt an auf ein ägyptisches Sprichwort: “Darb al-habib zayy akl al-zabib” – Die Faust der Geliebten ist süß wie Rosinen).

Diese Gedichte, schreibt Elliott Colla, sind kein Ornament des Aufstands, sondern sein Soundtrack und Teil der Handlung selber.

19. April 2010

93. Grenzen sind Straßen

Im Umfeld der Vorbereitungen für den Auftritt der katalanischen Kultur als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2007 wurde vom Institut Ramon Llull (dem katalanischen Kulturinstitut) ein Buchprojekt über die Verbindungen zwischen der deutsch- und der katalanischsprachigen Kultur ins Leben gerufen. Herausgegeben von Arnau Pons und Simona Škrabec sind unter dem etwas seltsamen Titel „Grenzen sind Straßen“ zwei Bände mit je über 450 Seiten erschienen (parallel dazu jeweils die katalanische Fassung), in denen über 150 Fachleute aus zahlreichen akademischen Disziplinen in kurzen, meist vier- bis sechsseitigen Beiträgen einzelne Aspekte dieser ungleichen Beziehung beleuchten.

Jetzt hat auch die Vertretung der Regierung von Katalonien in Deutschland den Titel auf ihrer Website angekündigt, was ich zum Anlass für diesen Hinweis nehme.

Die Bände bieten Exkurse in Literatur, Film, Kunst, Architektur, Tanz, Musik, Philosophie, Soziologie, dazu einige geschichtliche und sprachwissenschaftliche Kurzdarstellungen. Leser können dank der Kürze der Texte (die nicht nur thematisch recht unterschiedlich ausfallen) und der reichen Bebilderung wie in einem Magazin blättern und aus dem rezeptionsgeschichtlichen Mosaik das eine oder andere über diese seltsame Geschichte mitten aus Europa erfahren.

Es ist auch viel Lyrik zu finden, so etwa Beiträge über Ausiàs March, Jacint Verdaguer, Joan Maragall, Carles Riba, Salvador Espriu, Agustí Bartra, Joan Vinyoli, Gabriel Ferrater, Vicent Andrés Estellés, Joan Brossa, Miquel Martí i Pol, Maria Mercè Marçal, Andreu Vidal oder Feliu Formosa, aber auch über den Einfluss Goethes, Hölderlins, Novalis’, Rilkes, Brechts, Celans und anderer auf die Dichtung in Katalonien, den Balearen und València. Darüber hinaus gibt es jeweils einen Überblick über die Lyrik-Übersetzungen aus dem Katalanischen ins Deutsche und umgekehrt, verstreut sind auch Gedichte der meisten eben genannten sowie weiterer Autoren zu finden. Es kommt nicht von ungefähr, dass in dieser Aufzählung die meisten bedeutenden katalanischsprachigen Lyriker zu finden sind, denn die Rolle der deutschen Dichtung als Bezugspunkt ist bis an den heutigen Tag besonders spürbar.

Die Bände sollten in jeder romanistischen Institutsbibliothek stehen und hoffentlich auch in Staats- und Stadtbibliotheken, die etwas auf sich halten.

Arnau Pons, Simona Škrabec (Hrsg.): Grenzen sind Straßen. Verbindungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur. 2 Bde. Institut Ramon Llull, Barcelona 2008 u. 2009, 464 u. 488 S.

 /àxel sanjosé

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