Kategorie: Katalonien

69. Kosmopolitisch

Ernest Farrés Junyent, 1967 in Igualada geboren und in Barcelona und der Welt, insbesondere der Neuen Welt, zu Hause, sieht seine künstlerische Identität wie viele Katalanen heute viel mehr im Kosmopolitismus als im Regionalismus. Und so liegt es nahe, dass er seine Inspiration nicht aus der Bilderwelt eines berühmten katalanischen Malers wie Antoni Tàpies schöpft, sondern aus den Werken des genuin amerikanischen Edward Hopper.

Fünfzig Gedichte widmet Ernest Farrés ebenso vielen gleichnamigen Gemälden Edward Hoppers; berühmte Bilder wie «Nighthawks» (1942), «Gas» (1940) oder «House by the Railroad» (1925) geben – zusammen mit ihrem Entstehungsjahr – die Titel vor. Und bei einer solch engen Verbindung zur anglofonen Kultur ist es kein Wunder, dass zuerst die englische Übersetzung des Bandes internationale Beachtung fand. Nun legt der Mainzer Katalanist Eberhard Geisler mit einer schön gestalteten zweisprachigen Fassung und einem sachkundigen Nachwort Ernest Farrés’ «Edward Hopper» erstmalig auch einem deutschsprachigen Publikum ans Herz. / Angelica Rieger, NZZ

Ernest Farrés: Edward Hopper. 50 Poemes / 50 Gedichte. Zweisprachig katalanisch-deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Eberhard Geisler. Teamart, Zürich 2012. 142 S., Fr. 26.–.

2. Barça und Espriu

Der Fußballklub FC Barcelona beteiligt sich offiziell am »Any Espriu« (siehe Meldung Nr. 78 vom 22. Februar). Am 20. oder 21. April 2013 wird es vor dem Liga-Spiel gegen Llevant U.E. im eigenen Stadion einen feierlichen Gedenkakt zu Ehren Salvador Esprius geben, dazu eine mehrmonatige Ausstellung in den Räumen des Club-Museums; Zitate des 1985 verstorbenen Lyrikers werden mehrere Wochen auf den Anzeigetafeln und anderen vereinseigenen Medien zu lesen sein. Darüber hinaus werden Bücher von Espriu in den Veranstaltungen zur Leseförderung, die auch vom FC Barcelona am 23. April durchgeführt werden, besondere Berücksichtigung finden. Über weitere Aktivitäten in diesem Rahmen berichtet die monatliche Vereinszeitschrift.

(Wer sich der Meldung Nr. 66 vom 19. Januar entsinnt, die über die Begeisterung des Trainers Pep Guardiola für die Gedichte von Miquel Martí i Pol berichtet, könnte fast den Eindruck gewinnen, dass es im katalanischsprachigen Raum eine besondere Verbindung zwischen Fußball und Lyrik gibt. Das wohl nicht – aber es handelt sich sicherlich um mehr als um einen bloßen Zufall. Oder ist damit zu rechnen, dass irgendein deutscher Fußballverein z.B. 2020 an den Veranstaltungen zum Celan-Jahr beteiligt ist?)

/àxel sanjosé

 

 

79. Der Name des Nichts

Salvador Espriu starb übrigens am 22. Februar 1985 (also heute vor 28 Jahren). Zum Andenken hier das Abschlussgedicht (Nr. XXX) aus dem Band Final del laberint (Ende des Labyrinths) von 1955:

L’aire resplendent
arrela en el plany.
Ales de la sang
drecen a claror.
De la llum a la fosca,
de la nit a la neu,
sofrença, camí,
paraules, destí,
per la terra, per l’aigua,
pel foc i pel vent.

Salvo el meu maligne
nombre en la unitat.Enllà de contraris
veig identitat.
Sol, sense missatge,
deslliurat del pes
del temps, d’esperances,
dels morts,
dels records,
dic en el silenci
el nom del no-res.

[Die glänzende Luft
wurzelt in der Klage.
Flügel des Blutes
führen zu Helle.
Vom Licht zum Dunkel,
von der Nacht zum Schnee,
Leiden, Weg,
Worte, Schicksal,
zu Land, zu Wasser,
im Feuer und im Wind.

Ich rette meine bösartige
Zahl in der Einheit.
Jenseits der Gegensätze
seh ich Wesensgleichheit.
Allein, ohne Botschaft,
befreit vom Gewicht
der Zeit, der Hoffnungen,
der Toten,
der Erinnerungen,
sage ich in der Stille
den Namen des Nichts.]

78. Any Espriu

2013 ist Espriu-Jahr: Am 10. Juli jährt sich der Todestag des katalanischen Dichters zum 100. Mal. Aus diesem Anlass hat die Generalitat de Catalunya (Katalanische Regierung) das »Any Espriu« ausgerufen. Ein umfangreiches Programm mit Lesungen, Theateraufführungen, Ausstellungen und Vorträgen soll an den Menschen Salvador Espriu erinnern und an sein Werk heranführen. Kurator ist der katalanische Schriftsteller Xavier Bru de Sala.

Hier der Link zur (bislang nur katalanischen) Website des Any Espriu.

66. Lyrikfan

In der ersten Medien-Erregung wird Pep Guardiola, von Mitte des Jahres an neuer Trainer des FC Bayern München, bereits als Heilsbringer des Fußballs gefeiert. Dabei liebt er vor allem die Poesie. (…)

Denn gerade ist in der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt ein Buch erschienen, das Guardiola und seiner Frau Cristina gewidmet ist. Es heißt „Buch der Einsamkeiten“ und besteht aus 49 Gedichten des beliebten katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol (1929 bis 2003).

(…)

Er hat die Gedichte Martí i Pols sogar mehrmals öffentlich vorgetragen, begleitet von dem Liedermacher Lluis Llach, letzten Sommer noch, vor mehreren tausend Zuschauern in Barcelona. Was immer sie sich in der Vorstandsetage von Bayern München also von ihm erwarten, sie sollten wissen, dass nicht nur ein Trainer nach München kommt, sondern auch ein Denker. / Paul Ingendaay, FAZ

84. Dichter

Hölderlin schrieb in den letzten Jahren an seine Mutter
in sehr respektvollem Ton, mit den als Kind gelernten Formulierungen,
und bat nur um Unterhosen, um ein Paar schlecht geflickter Socken, um kleine und offensichtliche Dinge
wie diejenigen Rimbauds in Abessinien oder im Krankenhaus – Que je suis doncs devenu malheureux!
und so enden die Dichter; verletzt, für nichtig erklärt, Lebend-Tote, und deshalb nennen wir sie Dichter

Pere Gimferrer: Die Spiegel. Der öde Raum. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. München: Hanser 2007 (Edition Lyrik Kabinett Bd. 7), S. 7/9.

Die Dichter wohnen in den Jahrhunderten

Die Dichter wohnen in den Jahrhunderten, 
Dieser in jenem, jener in diesem, einer lappt über, 
Der andere mittendrin wie der andere, der auch mittendrin wohnt.
Schön und gut. Endler erstreckt sich von 30 bis 90 in seinem. 
Sonst wohnen auch die Dichter in Wohnungen wie dieser, 
Die z. B. der Endler besitzt, Quartierchen fünfter Stock, 
Badlos, Hinterhaus, Außenklo, aber mit Sonne. 
Wenn der Dichter Endler seinen Kopf zum Fenster rausstreckt, 
Sieht er nach, ob die Müllkübel leer sind. 

Elke Erb: Einer schreit: Nicht! Geschichten und Gedichte. Berlin: Wagenbach 1976 (Wagenbach Quartheft), S. 20.

37. Wo Lyrik noch etwas relevanter zu sein scheint

Die katalanische Tageszeitung ARA gibt zusammen mit dem Verlag Edicions 62 in diesem Herbst eine 42-bändige Buchreihe »Els millors poetes catalans del segle XX« [›Die besten katalanisch(sprachig)en Dichter des 20. Jahrhunderts‹] heraus. Begleitend dazu wurde für die Ausgabe vom 11. 9. eine 44-seitige Lyrik-Sonderbeilage mit Beiträgen renommierter Journalisten, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gedruckt.

Jede Woche erscheint ein Band zum Preis von 9,90 Euro (wer die ganze Reihe bestellt, erhält 20% Rabatt, Abonnenten der Zeitung sogar 30%). Zum Auftakt wurde die sehr bekannte Antologia general von Josep Maria Castellet und Joaquim Molas neu aufgelegt. Es folgen 41 Bücher von 33 Autor/inn/en (bei besonders bedeutenden sind es auch mal zwei Bände).

Eine bemerkenswerte Marketing-Idee: Beim Erwerb der gesamten Reihe kann die/der Käufer/in ohne jegliche Zusatzkosten einer Schule ihrer/seiner Wahl eine komplette Sammlung schenken.

Ob dadurch wirklich mehr Lyrik gelesen werden wird? Ein wenig auf jeden Fall, glaube ich, denn wer sich – und sei es aus Prestige- oder Allgemeinbildungsgründen – ein paar Bände sagen wir mal Maragall, Riba, Espriu, Ferrater oder Maria-Mercè Marçal  ins Regal stellt (und erst recht, wenn es die ganze Reihe ist), die/der wird dann doch vielleicht eher mal hineinschauen, vielleicht einfach ein Gedicht, das ihr/ihm noch in Gedächtnis ist, nachschlagen oder suchen usw.

Schön finde ich aber darüber hinaus den kultur- und literatursoziologischen Aspekt. Lyrik wird hier offensichtlich weder als marginale Erscheinung gehandelt (obwohl de facto auf zeitgenössischen Poesie-Lesungen in Barcelona oder Lleida im Schnitt kaum mehr Zuhörer anzutreffen sind als in Berlin oder Regensburg) noch als Goldschnitt-Paraphernalium des Bildungsbürgertums oder als Schulpflichtlektüre.

[Natürlich kann man auch Einwände formulieren. Zum Beispiel, dass hier wohl letztlich ein politischer Wille dahintersteckt. Das stimmt, aber dazu kann ich sagen, dass im Koordinatensystem der katalanischen Identität die Lyrik von jeher eine große Rolle gespielt hat (wie natürlich die Sprache überhaupt). Außerdem finde ich es immer noch besser, sich über Gedichte zu definieren als über gewonnene Schlachten. Oder dass die Sammlung nur Autoren umfasst, die bereits gestorben sind. Da denke ich, dass die Herausgeber bewusst die Rangelei vermeiden wollten, die dort (nicht anders als hierzulande) losgegangen wäre.]

Alles in allem eine tröstliche Angelegenheit im Vergleich zu dem, was in #113 vom September vermeldet wird. Und vielleicht kontert die SZ-Bibliothek nun mit den besten oder bekanntesten deutschsprachigen Dichter/inne/n des 20. Jahrhunderts?

23. Eine katalanische Sappho-Rezeption

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Àxel Sanjosé

Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.

Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:

Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…

Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …

Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.

Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,

són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!

Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.


Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,

sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!

So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.

11. Katalanismus

Der moderne Katalanismus ist kaum 100 Jahre alt; um 1830 machte ein katalanischer Höfling in Madrid ein Gedicht im Dialekt seines Landes – zur Belustigung der Hofdamen. Von da an datiert das katalanische linguistische und literarische Selbstgefühl. Aber noch zu meiner Zeit arbeiteten selbst viele Redakteure der katalanisch erscheinenden Zeitungen mit einem kastilianisch (bei uns: spanisch) katalanischen Diktionär; das beste Katalanisch, sagte man in Barcelona, schrieb Dr. Brachfeld, ein Ungar, der an der Sorbonne promoviert hatte, und nicht nur ungarisch und spanisch, sondern mindestens auch deutsch, französisch und englisch sprach. Damit nicht genug, wuchs er sich also auch zum Meister des Katalanischen aus, eines Dialekts, der im Grunde das alte Limousin oder Provencal der Troubadours ist und bis Toulouse gesprochen und verstanden wird, im Süden auch in Valencia und auf den großen Balearen.

/ Vor rund 50 Jahren erschien das Buch “Flucht in die Welt” mit Exil-Erinnerungen des Waldkircher Autors, Journalisten, Pazifisten und Nazi-Gegners Max Barth. Die Badische Zeitung druckt immer samstags Auszüge aus dem Buch.

116. Joan Maragall

Am vergangenen 19. Dezember, einen Tag vor dem 100. Todestag des Dichters Joan Maragall (1860–1911), wurde mit einem feierlichen Akt im Palau de la Generalitat (dem Sitz der katalanischen Regierung) in Barcelona der offizielle Abschluss des Maragall-Doppeljahrs begangen. Eine große Zahl von Veranstaltungen und Publikationen hatten das Jubiläum des neuzeitlichen Klassikers der katalanischen Literatur begleitet (vgl. die eigens eingerichtete Website, bei der die englische und spanische Version allerdings leider nicht online sind). Nicht ganz so gewaltig endet hierzulande das Jahr, nämlich mit dieser Notiz. Auch sonst war in deutschsprachigen Feuilletons, so weit ich es überblicke, wenig bis gar nichts zu lesen (für widerlegende Hinweise bin ich dankbar), auch Wikipedia gibt sich knapp und irrt im Datum. Aber das muss nichts heißen, soll doch »der offizielle Abschluss kein Schließen bedeuten, sondern das Gegenteil«, wie es in der Presseerklärung der Institució de les Lletres Catalanes heißt, »damit sich nicht alles in Rauch auflöst«, so der Urenkel Pau Maragall in seiner Rede. In diesem Sinne. / àxel sanjosé