Kategorie: DDR

5. Wilde absurde Zeit

Eine wilde, absurde Zeit, die Kolbe (Jahrgang 1957) in seinem 1990 bei Suhrkamp erschienenen „Vaterlandkanal“-Fahrtenbuch aufgearbeitet hat. „Ein merkwürdiges Land“, sagt Kolbe heute im Rückblick. Sein Vater, von dem seine Mutter getrennt lebte, war politisch auf der anderen Seite: ein Stasi-Mann, der sogar über seinen Sohn Dossiers angelegt hat. Der hingegen war im Clinch mit dem Staat und fiel aus dem offiziellen Literaturbetrieb der DDR raus, durfte nicht mehr publizieren und hat dann Garcia Lorca übersetzt. Zwischendurch war Kolbe „auch mal kurz berühmt“, weil der „Spiegel“ über ein „brisantes Lyrik-Rätsel“ von ihm berichtete. / Jürgen Scharf, Südkurier

74. Trocadero

Ein Dialog über das Gedicht ‘Trocadero’, den Salzweg zwischen Ost und West und den Dichter Gerald Zschorsch / Von Ingo Schulze

Erster: Mir ging es mit Trocadero wie mit jeder Dichtung, die diesen Namen verdient. Ich glaubte zu verstehen, noch bevor ich die Wörter und Sätze begriff. Es war der Tonfall, der mich berührte. Ich reagierte auf diese Stimme.

Zweiter: Mich überrascht es jedes Mal wie bei der ersten Lektüre.

Trocadero

Du sollst nicht gehen,
Du sollst ja bleiben.
Der Muschelhörner Töne
sind gar viel.

Laß mich dich sehen.
Laß mich dich leiten.
Es ist das Schöne -
die Kür vom Spiel.

Salzweg des einen;
Salzweg des andern.
Bad Elster Bad Brambach -
Wanderei.

Und auf den Kämmen
des Böhmischen Waldes
fliegt ein Gedanke;
eine Wehmut vorbei.

(…)

Zweimal wurde Gerald Zschorsch in der DDR inhaftiert: 1968, noch sechzehnjährig, wird er gefasst, als er Flugblätter gegen den Einmarsch in der CSSR verteilt. Von August 1968 bis Dezember 1970 verbüßt er eine Jugendhaftstrafe. Trotzdem kann er sein Abitur nachholen. Im August 1972 wird er erneut verhaftet, weil er Lieder à la Biermann vorträgt. In erster Instanz zu fünfeinhalb Jahren verurteilt, in zweiter zu vier Jahren, davon ein Jahr in der berüchtigten Untersuchungshaft. Zschorsch streitet nichts ab, er interpretiert seine Gedichte für Staatsanwalt und Richter, weil er seine Kritik für berechtigt und notwendig hält. Am 18. Dezember 1974, kurz vor seinem 23. Geburtstag, wird er in den Westen abgeschoben.

/ Süddeutsche Zeitung 10.11. S. 14

142. Hilbig 70

Jene Region, in der Hilbig in den 60er und 70er Jahren sein Geld als Werkzeugmacher, Hilfsschlosser und Heizer verdiente. In der er Mitte der 60er Jahre einen “Zirkel schreibender Arbeiter” besuchte: einen Kreis von Lehrern, Studenten und Hausfrauen, in dem er der einzige Arbeiter war – und herausflog. 1979 erschien Hilbigs Lyrikdebüt “abwesenheit”, der einer der bedeutendsten Gedichtbände der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist, im Westen – sechs Jahre darauf siedelte der Dichter seinem Buch hinterher. Der Ostberliner Essayist Friedrich Dieckmann hatte es auf den Punkt gebracht: Hilbig sei der schreibende Arbeiter gewesen, auf den die Literaturpolitiker der DDR lange gewartet hatten, “als er dann leibhaftig vor ihnen stand, mußten sie erkennen, daß er der Bote des Untergangs war”. / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung 31.8.

Ausstellung “Zwischen den Paradiesen. Die Bildwelten des Wolfgang Hilbig”:
2. September bis 31. Oktober in Jena, Villa Rosenthal, Mälzerstraße 11, Mo-Fr 13-17 Uhr

70. Nachlese zum Mauerbau

Und ich bin froh, dass ich mich so wunderbar geirrt habe. Ich glaubte nämlich immer, dass die Mauer länger hält als Wolf Biermann, und wusste ganz genau, dass ich es nicht mehr erleben werde. Aber ich bin froh darüber, dass ich doch einiges dazu beigetragen habe mit meinen Liedern und Gedichten in der DDR, dass ich so schön unrecht behielt, dass also die Mauer doch noch kaputtging, bevor ich sterbe. Das ist doch wunderbar! Mehr kann man nicht verlangen von der Weltgeschichte.

Heinemann: Das Gespräch mit Wolf Biermann haben wir vor dieser Sendung aufgezeichnet, Sie können dieses Interview abermals hören oder nachlesen unter dradio.de.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

69. Auseinandersetzen

Pablo Neruda, geboren 1904 als Ricardo Eliecer Neftalí Reyes Basoalto: Er besass «die mächtigste Stimme des lateinamerikanischen Kontinents», meinte Hans Magnus Enzensberger. Die Sammlung «Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung» (1924) gehört zu den meistgelesenen Lyrikbänden überhaupt. «Ich liebe. / Dich, Leib aus Haut, aus Moos, aus Milch, voll Kraft und Begierde. / Ah, die Becher der Brüste! Ah, die entrückten Augen! / Ah, die Rosen des Schambergs! Ah, deine schwere Stimme!» Seine Hymnen und Gesänge verzauberten die Leser nicht minder als die «Elementaren Oden» an die blaue Blume, an Brot oder Zwiebel, an die Seeaalsuppe.

Viele von Nerudas Gedichten haben beim Wiederlesen nichts von ihrer Kraft verloren. Andere wirken banal oder kitschig. In wieder anderen – etwa in den Poemen aus «Der Grosse Gesang» (1950) – spürt man das Streben des Autors, den geschundenen Heimatkontinent in das Zentrum einer neuen Heilslehre zu verwandeln. Neruda wurde Idol der Linken, Verkünder einer gerechteren Welt, er hörte sich selbst als «die Stimme von allen, / die bisher stumm gewesen». / Uwe Stolzmann, NZZ

Der NZZ-Autor fordert “die verspätete Auseinandersetzung mit einer zwiespältigen Persönlichkeit” und führt sie gleich. So kritisiert er die dreibändige Luchterhand-Auswahlausgabe von 2009 als unkritisch-distanzlos, Begründung:

Die Vielfalt der (deutschen) Stimmen ist nun Vor- und Nachteil zugleich. Viele Übertragungen stammen aus DDR-Büchern – Texte von Erich Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Rudolf Fries –, sie wurden für die Neuauflage nicht revidiert. (Arendts Arbeiten, von Neruda persönlich autorisiert, gelten gar als sakrosankt.)

Stimmt, eeh, das mit dem Zitieren aus DDR-Büchern muß endlich aufhören. Oder was meint er? 

Pablo Neruda: Die Gedichte. Band 1–3. Aus dem Spanischen von Fritz Rudolf Fries, Erich Arendt, Katja Hayek-Arendt, Stephan Hermlin, Fritz Vogelgsang, Monika López. Luchterhand-Literaturverlag, München 2009. 2922 S., Fr. 72.90. Antonio Skármeta: Mein Freund Neruda. Begegnungen mit einem Dichter. Aus dem Spanischen von Petra Zickmann. Piper-Verlag, München 2011. 224 S., Fr. 30.50. Pablo Neruda: Geografía infructuosa / Unfruchtbare Geographie. Gedichte, spanisch/deutsch. Aus dem Spanischen von Hans-Jürgen Schmitt unter Mitwirkung von Ute Steinbicker. Teamart-Verlag, Zürich 2011. 110 S., Fr. 27.–.

3. Gonzalo Rojas

In seinen zahllosen Gedichten befasste er sich vor allem mit Themen wie der Liebe, der Erotik und der Vergänglichkeit des Lebens. Er galt als einer der Erben des großen chilenischen Dichters Pablo Neruda (1904-1973).

Einige seiner Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt. Rojas verehrte die deutschen Romantiker wie Novalis und Hölderlin. Nach dem Sturz des sozialistischen chilenischen Präsidenten Salvador Allende durch den Militärdiktator Augusto Pinochet 1973 ging Rojas in die DDR ins Exil. Dort erhielt er eine Gastprofessur in Rostock, durfte aber keine Vorlesungen halten.

Er verließ die DDR bald wieder, nahm Gastprofessuren in Venezuela und den USA an und kehrte 1979 in sein Heimatland zurück. / Berliner Zeitung

125. Gefühlshaushalt und Stundenschlag

Es ist schon erstaunlich, dass nach einem Jahrhundert radikaler Infragestellung des individuellen Ausdrucks die Herzen einem Werk zufliegen, das nichts Neues, dies aber mit einer neuen Nuance individueller Fühlsamkeit auszudrücken scheint. Dass dies vielleicht nicht die ganze Wahrheit ist, haben einige Kritiker bemerkt und in widersprüchliche Formulierungen einfließen lassen: sanft und doch wagemutig, exakt und doch verträumt, traumleicht und realitätsschwer, beruhigend und verstörend.

Ist da mehr als ein poetisch entfalteter individueller Gefühls-, Erlebnis- und Erinnerungshaushalt? Theodor W. Adorno hat 1957 in seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft eine Perspektive eröffnet, die zu Unrecht immer mehr in Vergessenheit gerät: wenn das lyrische Gedicht gelungen ist, meint er, hält es „den geschichtlichen Stundenschlag fest“. Ist er hier zu hören? …

Vielleicht haben Leserinnen und Leser eine gewisse Scheu, das emblematische Gewicht der DDR im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands anzuerkennen, wobei diese Scheu im Westen anders begründet sein mag als im Osten. Aber dass in den Äußerungen zu dem Gedichtband so selten oder nur beiläufig das Thema DDR erwähnt wird, wo doch mindestens die Hälfte der Gedichte einen direkten oder indirekten Bezug zu diesem Thema herstellen, hat vielleicht doch mit dieser Konstellation zu tun.

Ein ganzes Kapitel aus acht zehnzeiligen Gedichten in „Alle Lichter“ heißt „briefe aus eggesin“. Der Name dieses Städtchens, Garnison der NVA, gehört zu den verlorenen Namen des öffentlichen Bewusstseins. Die Gedichte geben sich als Briefe eines Soldaten an seine Frau. Da sie „für meinen Vater“ überschrieben sind, darf man sich vorstellen, dass wirkliche Briefe das Material und vielleicht auch den ironischen Stil und Gestus geliefert haben. Es sind Rollengedichte, in keine Trauer, keine Melancholie getränkt, und das läppische Garnisonsleben, selbst bei der NVA, bekommt einen Sinn als Abbild einer im Voraus verlorenen Zeit. / HANS-HERBERT RÄKEL, Süddeutsche Zeitung 26.4.

NADJA KÜCHENMEISTER: Alle Lichter. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 104 S., 16, 90 Euro.