Kategorie: Türkei
30. Doppelter Fehler
Wenn man Hafis in den Sturm und Drang oder die Romantik übersetzen kann, kann man ihn ebenso gut in den Expressionismus oder in die Neue Sachlichkeit übersetzen. Hafis ist ein Dichter, der auch wunderbar zu den Wiener Avantgarden gepasst hätte, ja dessen Sprachspiele im Deutschen am ehesten vergleichbar sind mit denen von H. C. Artmann oder Reinhard Priessnitz. Dass es zu keiner solchen Rezeption kam, hat zum einen den banalen Grund, dass keiner unserer Nachkriegslyriker einer Islamsprache mächtig war. Zum anderen dass keiner unserer Orientalisten die Lyrik seiner unserer Zeit und Muttersprache auch nur ansatzweise rezipiert hat, geschweige denn sich von ihr inspirieren ließ.
(…)
Freilich ist die vermeintlich klassische Sprache, in die bis heute die ältere orientalische Lyrik übersetzt wird, zumeist nur ein lebloser Klon der Sprache unserer Klassik und Romantik. Zu welchen Verirrungen das führt, belegte vor wenigen Jahren eine Anthologie orientalischer Liebeslyrik, deren Geschmack sich schon im Titel ausdrückt: „Gold auf Lapislazuli“. Mit der folgenden Übersetzung Annemarie Schimmels wird dort versucht, osmanische Dichtung zu vermitteln:
Meine Brust durchbohrte heut ein Liebchen, spielend Kastagnetten
Rosenwangig, rosablusig, und in Seiden, violetten.
Lichtgesichtig, silbernackig, mit zwei Schönheitsmalen, netten
Rosenwangig, rosablusig, und in Seiden, violetten.
Niemandem ist es übel zu nehmen, wenn er angesichts solcher Texte glaubt, sich für orientalische Literatur nicht interessieren zu müssen. Dass moderne Übersetzungen der klassischen islamischen Poesie möglich sind, hat die englisch- und französischsprachige Welt längst bewiesen. Wenn es dagegen hierzulande keine zeitgemäßen und repräsentativen Übersetzungen dieser Poesie mehr gibt, dürfte dies nicht nur an Übersetzern, Orientalisten und kleinmütigen Verlagen liegen: Es zeigt uns auch, wie schlecht heute, anders als zur Zeit unserer Klassik, Philologie, lebendige Literatur und geistige Neugier in unserem Land miteinander vernetzt sind.
/ Stefan Weidner, FAZ 13.1.
1. Andersartigkeit & Toleranz
Die türkische Lyrikerin [Arzu Alir] hatte selbst wegen ihrer angeblichen Andersartigkeit immer zu kämpfen. Alir wurde 1973 geboren. “Als Kurdin ist sie eine Fremde im eigenen Land”, sagt Török. Sie wurde zwangsverheiratet, konnte sich aber scheiden lassen. Inzwischen lebt sie mit ihren beiden Söhnen in Ankara, hauptberuflich ist sie Lehrerin. Momentan schreibt sie an ihrem zweiten Roman – nachts. Umso bewundernswerter sei ihr Werk, so Török.
Häufig verarbeitet Alir in ihren Gedichten Erlebtes. Sie beschäftigt sich beispielsweise mit der Situation der Frauen im “Mittleren Osten”. Explizit autobiographische Züge hat ein Gedicht über eine 18-Jährige, die sich Gedanken über ihr Leben macht, was sie sich erhofft und wie es weitergeht. Ein wiederkehrendes Thema in ihrem Gedichtband “Wenn Satan sich zum Rosenzweig beugt” ist außerdem die Toleranz zwischen Religionen und Völkern. / Mitteldeutsche Zeitung
57. Wertschätzung
Wahres sagt ein Artikel in einem Literaturblog über türkische und deutsche Lyrik:
Die türkische Lyrik ruht auf dem Fundament jahrhundertealter Traditionen und genießt zwischen „Bosporus und Ararat“ große Wertschätzung.
Anders als im deutschsprachigen Raum; hier müssen viele, nicht nur türkische LyrikerInnen, gegen ein bescheidenes Interesse an ihren Gedichten anschreiben.
In der Tat, nicht nur türkische.
Ich weiß wenig Genaues über den Umgang mit Lyrik bei den Türken. Jeder kennt den Volksdichter Yunus Emre (14. Jh.), las ich. Der Dichter Nazım Hikmet ist sehr populär, obwohl er viele Jahre im Gefängnis und fast ebenso lange im Exil verbrachte und erst Jahrzehnte nach seinem Tod in seiner Heimat rehabilitiert wurde. Das finde ich gut. Gut wär zu wissen, ob sich die Popularität auch auf moderne, zeitgenössische, junge Lyrik bezieht. Vielleicht kann jemand was beitragen?
Andererseits folgt dem Einstieg (unbeabsichtigt) böse Ironie auf dem Fuße:
Im Laufe der Jahrhunderte ist die Volksdichtung immer wieder Sprachrohr gegen Unterdrückung und Willkür im Osmanischen Reich.
So wird der alevitische Dichter Pir Sultan Abdal (16. Jh.) für seine Gedichte, sie sind reich an Fantasie und sufistisch inspirierten Metaphern über Gott, die Natur und die Liebe zu den Menschen, hingerichtet. (…)
Rund vierhundert Jahre später, im Sommer 1993 versammeln sich Dichter, Schriftsteller und Musiker in Sivas, um im Rahmen eines alevitischen Kulturfestivals Pir Sultan Abdal zu gedenken. Das Hotel, in dem sich viele von ihnen aufhalten, wird angezündet. 35 der Autoren und Musiker überleben das Feuer nicht.
Eine übertriebene Form der Wertschätzung, könnte man grimmig sagen.
65. Schlurpsfaktor
Bei KuNo ein Mailgespräch zwischen dem deutschbelgischen Berliner HEL und Ulrich Bergmann. Wundern, nicht ärgern, weiterlesen! Hier 7 Fetzen:
1
HEL: Lieber UB, lassen Sie sich eine jahresendgeschichte mit flügeln erzählen… Martin Pohl war auf eine Literarische Tischservierung eingeladen. Ehrengast war jener Beckelmann, den angeblich Grass mit der Blechtrommel zuvorkommend in den ruin getrieben hat; Beckelmann hochprozentig und fern jeder positionsbestimmung. Norbert Adrian, der den literarischen tisch servierte, stellte Beckelmanns roman vor als unbekanntes meisterwerk auf einer höhe mit den Buddenbrooks oder Krieg und Frieden. Darauf ergriff höchsteigenschaftlich das wort Olaf Münzberg, Hauptvorstandssitzender der Neuen Gesellschaft für literatur und publizist von einigem reputat, und bemerkte: „Norbert, zwischen krieg und frieden mußt du schon differenzieren.“ Martin, von dem ich das stückchen habe, prustete ungeachtet servierter tische laut los und kriegte sich vor lachen nicht mehr ein. Bis die anderen verstanden hatten muß eine kultursekunde verstrichen sein. Dann aber krachte das Literaturhaus unter dem gelächter zusammen. Der tisch, von Beckelmanns hochalkoholik schon angeschlagen, war unservierbar geworden, die veranstaltung endete tumultuarisch. So erzählte es mir Martin. Dem ist nur noch hinzuzufügen: Da hat sich mal wieder 1 witz nach Berlin verirrt, und die kerls hätten ihn beinah wieder laufen lassen.
UB: Vielleicht ist der am größten, der das Jahrhundertwerk nicht schreibt, obwohl er’s könnte. Und ist der groß, der auch seine Kleinheit als Größe wagt?
HEL: Man sieht es im musikgeschäft wie schnell die leute ausgelaugt werden. Sogar Bob Dylan mit seiner lederhaut. Nie bestand größerer bedarf an verwertbarem genie. Das ist eigentlich ein widersspruch in sich: genie ist nicht verwertbar. Aber vielleicht gehört das zu meinen letzten illusionen.
Peter Hacks schrieb mir: „Die Moderne ist ja die Formlosigkeit selber; Ihre Welt indessen, wie sie so von Platen bis Hofmannsthal menschheitsdämmert, stellt und erfüllt formale Ansprüche äußerster Art… Auf Ehre, ich bin entzückt zu erfahren, daß gleich bei mir um die Ecke so ein Snob wohnt.“ Doppelbödig, nicht wahr? Ich bin mir des lobes nicht so sicher. Hacks ist ja selber gespalten, der gebrauchsdichter und librettist, und der formalismusverdächtigte. …
Der osten unterwandert den westen ohnehin, Rußland, mezzogiorno, der schlaf der Internationale – die Roten Schalmeien stehn um Jerichos mauern, falls Euch jemand fragen sollte. Wir berichten weiter von der Kamtschatkafront.
Um die großen fragen unserer epoche zu behandeln hätte Grass seinen Fonty nach Sibirien verbannen müssen. Wir sind nicht postmodern, wir sind präpazifisch. Standort Deutschland ist tiefste provinz; einziger lichtblick: Greenpeaces dreiliterauto. Wär das ein thema für Grass?
Standort Deutschland ist tiefste provinz, und ich hätte sie gern noch tiefer, das wäre eine chance. Wo der kapitalismus des 21. jahrhunderts gebraut wird, in Hongkong oder Singapur, da möchte ich nicht leben…
2
UB: Mir gefällt das Kommunikative, die Musik des Rap und der Fluss der metaphysisch hingerotzten Gedanken, jedenfalls dann, wenn sie nicht verlogen sind.
HEL: Social Beat, ja ja, SB. Es ist in erster linie ein gefühl, ein lebensgefühl. Ich teile es nicht, aber wo es ist schwingt bei mir etwas mit. Gefühl ist alles; tao heißt vielleicht gefühl. Wenn Sie es auf den kern zurück führen, haben Sie immer ein – feeling. Der unterschied ist, ich finde es an stellen wo die SBs es nie suchen würden, ihr gesichtsfeld ist zu eng. Ich finde es bei Hüsnü Daglarca, bei Yunus Emre, bei Asik Veysel, um bei den türken zu bleiben. Es ist ja so alt wie die dichtung selbst. Was die SBs heut meinen, hat viel mit bier und noch ein paar ähnlich gelagerten dingen zu tun, die schwer faßbare melange aus rum hängen, getrieben sein, bier, punk … Sie wissen es selbst. Auch negative eitelkeit ist dabei, sorgsam ungepflegte kleinbürgerei, ein antihabitus mit engen grenzen, borniertheit auch; tief darunter sind sie wach, aber meist wahren sie sich vor zu vielen eindrücken, gleichzeitig muß lautstärke und monotonie stimmen. Stadtbewohner sind sie, auf ihrer weise lieben sie die stadt, den beton. Das alles macht sie aus, ist ihre gestalt, und das schreiben, gedankenlos, aber nicht automatisch, gehört dazu. Doch beat, sagte mal ein jazzmusiker fein, ist noch lange nicht takt, so weit davon entfernt wie social von anarchy.
UB: In Deutschland hat man meist ein falsches Verhältnis zur Arbeit. In diesem Land mußte die kommunistische Idee geboren werden und hier muß sie auch immer scheitern – beides ist fast dasselbe.
3
HEL: Was das GUTE betrifft, hab ich einer freundin geschrieben: Bleib ä gudes ludr, abr werd kä gutmensch. …
Im übrigen sollte es zeit sein, europäisch zu denken, und zwar europäisch mit der großen lösung. Und mit denken meine ich nicht kapitalstrategisch, das geschieht ohnehin, sondern kulturell, sozial, politisch. Für mich gehört der Islam dazu, und es wird eine der großaufgaben sein, die halbzerstörte brücke wieder zu bauen.
Und die Özdamarn ist wirklich so gut. Bei ihr hab ich gespürt was wäre wenn wir unsere nasen nicht mehr nach Amerika hielten. Was für ein kräftiger pollengeladener nährwind weht da vom balkan herauf, was für ein himmelsplankton uns ins maul! wie der geist der indianer auf die amerikaner, wird der geist der türken auf uns übergehn, wir sind dabei, eine türkisierte gesellschaft zu werden. Das ist eine frage der chemie, nicht der politik. So wurde Amerika schwarz und wird hispanisch. Europa wird slawisch und orientalisch, und nicht zu seinem nachteil. Sevgi Özdamar gibt einen vorgeschmack.
UB: Die Türken ersetzen uns die Juden – Allah sei Dank!
Ob wir mit dem Islam und ob der mit uns? Schwierig. Aber eine gute Herausforderung: da brauchen wir viel Geduld und dürfen nicht zu viel erwarten. Appeasement ist gegenüber dem islamischen Fundamentalismus der falsche Weg. Unser Land verlor schon, bevor die Türken kamen, immer mehr seine christlichen Fundamente. Im Grunde gut so, denn es bedeutet Selbstbefreiung von unterdrückender Kultur, die faschistische Phase eingeschlossen. Schlimm nur, was da an Glaubensersatz – esoterische Idiotien und unreflektierte multikulturelle Verbaltoleranz – an die Stelle des Kulturchristentums tritt. Ich vermute, daß tief in unserem europäischen Bewußtsein ein fundamentalistischer Restglaube sitzt. Der müßte sich eigentlich mit dem Islamismus treffen, tut es aber nicht. Warum? Der Imperialismus der weißen Rasse ist noch nicht am Ende. Der Kapitalismus ist da zwar freier, hat aber seinen eigenen, ihm immanenten Faschismus.
4
HEL: … lesen Sie Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse, Wagenbach 2001: mann, das ist doch alles noch da! DAS hat 68, von manchen als zweitgründung der BRD bezeichnet, nicht geändert, nur gemildert. Meinhofs analysen stimmen bis heute: äußere wie innere verelendung und die krankheiten daraus, von straßenkindern schleppe genannt; wir haben die Auschwitzimaschleppe: das ist ein krater, den man noch in einer million jahren vom weltall aus sehn wird, wie das Nördlinger Ries, und wir gehn auf dünner lavakruste .. na Sie verstehn schon: Köln mag einen schuß zivilisierter sein aus römischer zeit, luperkalisch, ubisch, druidisch, dafür hat’s 2000 jahre katholenterror aufm buckel .. wovon reden wir hier eigentlich? … streiten kann man über Stalins rolle, und über das verhältnis anarchismus / sozialismus – antagon oder graduell. Aber haben wir Adlonverpopten alles vergessen womit wir aufgebrochen sind? … Viva la revolucion!
5
HEL: … schau mal, bei den dichtern ist das so: du kannst dichten oder schlurpsen, und ein dichter kann beides. Shelley zb schlurpst auf höchstem niveau, Heine, Brecht. Aber bei den nieschlurpsern gibt es mehrere sorten, die die es nicht tun, und die die es nicht können. Und nicht schlurpsen können heißt auch nicht richtig dichten können. So viel zum schlurpsfaktor.
6
HEL: … Aber ’s gibt auch Merse- / burger zauberverse (Rühmkorff)
7
HEL: … ein unpassendes wort kann mich wild machen, nach jahren geh ich mit tippex bei. Und freuen kann ich mich über ein weiteres wortfeld, von sitzen bis hodos, suomi und türk su: alles eine semantik. Das ist mein adlerhorst, und da zwinkert mir der alte Humboldt zu.
GÖÖGLMÖÖSCH ist so entstanden: ungefähr jeden tag eine strophe, und hinein was gerade anlag, zb … reimnis/keimnis, und dann statt geheimnis schleimnis, oder Billy Childish, ein singuläres popphänomen in 72 ua. Ein minimum an handlung trägt einen rückenkamm an assoziaten, wie ein kaum sichtbarer pfad im djungel. Sowas kommt von sowas, und man sollte preisen die kraft und herrlichkeit des auswurfs. Der allerdings, nach dem vorabdruck zu urteilen, kommt eher kleckerweise, pseudosensibel, scheindurchnwind, es treibt sich nicht voran, es liegt
umanand.
…
ich hab von jedem brief eine durchschrift…
47. Deutsch-Türkische Nachrichten
Die Familie des bekannten politischen Dichters Can Yücel wird anlässlich seines Todestages am 12. August keine Gedenkfeier organisieren. Auch das so genannte Can Haus, in dem seine Habseligkeiten ausgestellt sind, bleibt geschlossen. Laut seiner Witwe Güler Yücel werde man erst wieder öffnen, wenn diejenigen bestraft seien, die im vergangenen Jahr sein Grab geschändet hätten.
Anlässlich des Todestages ihres 1999 verstorbenen Mannes erklärt Güler Yücel: „Can sagte: ‘Lasst Datça meine Heimatstadt sein.’ Doch sie beschädigten sein Grab.“ Immer habe er dort begraben sein wollen. Die Attacke auf seine letzte Ruhestätte im August 2011 verärgert seine Witwe nun umso mehr. Auch mit der Gemeinde soll es Unstimmigkeiten gegeben haben. Nachdem bei den letzten Zeremonien für den türkischen Dichter offenbar Wein getrunken wurde, wolle diese nun keine weitere Feier ausrichten (derzeit erschüttert ein Skandal die Kunstszene in Ankara – mehr hier). / Deutsch Türkische Nachrichten 9.8.
6. Double entendre
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)
Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Ephesus ist eine Stadt, die sowohl in der Woche der türkischen wie der griechische Poesie erwähnt werden sollte. Dass sie dadurch gute Chancen hätte, zu einem Symbol der Völkerverständigung zu werden, ist gleichwohl unwahrscheinlich.
Ein lohnendes Reiseziel dagegen ist sie heute wie schon in der Antike, berühmt für ihren prächtigen Artemistempel und, so heißt es, für ihre Bordelle. Im fünften Buch der Anthologia Graeca findet sich in Form eines Epigramms ein Brief des Dichters Rufin aus Ephesus an seine daheimgebliebene Geliebte, die er Elpis (Hoffnung) nennt:
Ῥουφῖνος τῇ ‘μῇ γλυκερωτάτῃ Ἐλπίδι πολλὰ
χαίρειν, εἰ χαίρειν χωρὶς ἐμοῦ δύναται.
οὐκέτι βαστάζω, μὰ τὰ σ’ ὄμματα, τὴν φιλέρημον
καὶ τὴν μουνολεχῆ σεῖο διαζυγίην·
ἀλλ’ αἰεὶ δακρύοισι πεφυρμένος ἢ ‘πὶ Κορησσὸν
ἔρχομαι ἢ μεγάλης νηὸν ἐς Ἀρτέμιδος.
αὔριον ἀλλὰ πάτρη με δεδέξεται, ἐς δὲ σὸν ὄμμα
πτήσομαι, ἐρρῶσθαι μυρία σ’ εὐχόμενος.
5,9
Rufin wünscht seiner süßen Elpis, die er nicht mehr lieben kann,
als er sie schon liebt, Gutes, wenn es ihr denn ohne mich gut gehen kann.
Bei deinen Augen, die Einsamkeit ertrage ich nicht und auch nicht,
fern vom gemeinsamen Joch allein im Bett zu liegen;
so gehe ich immer wieder und unter Tränen zum Koressos
oder zum Tempel der großen Artemis. Aber morgen
empfängt mich die Heimat wieder, morgen fliege ich in deine Augen!
Und tausendmal wünsche ich dir alles Gute.
(Übersetzung: Dirk Uwe Hansen)
Einsam ist er, der Dichter, schlaflos in der Nacht und ruhelos am Tag. Treibt sich am Hafen herum, von wo aus die Schiffe nach Hause fahren, oder schüttet der jungfräulichen Göttin sein Herz aus. So will er wenigstens ein kleines Briefchen an die Liebste schreiben. Hübsch. Ein nettes Gedicht. Doch Rufin ist kein netter Dichter. Rufin ist, zusammen mit Straton, der raffinierteste und cleverste der Dichter in der griechischen Anthologie. Und dieses Gedicht ist nicht nur nett, es hat einen doppelten Boden und darunter einen zweiten Text, der viel weniger nett, dafür aber unterhaltsamer ist. Um an diesen zweiten Text heranzukommen, muss man das Gedicht im Original lesen; und man muss es laut lesen. Oder sich helfen lassen. Zum Glück gibt es eine solche Hilfe: Regina Höscheles Kommentar (Verrückt nach Frauen. Der Epigrammatiker Rufin, Tübingen 2006) bringt uns auf die Spur der Zwei- und Mehrdeutigkeiten des Textes: So beginnt und endet das Epigramm zwar mit klassischen Briefeinleitungs- und Abschlussformeln, sie werden aber gebrochen und mehrdeutig gemacht, man muss beim Vortrag der letzten Zeile nur ein wenig die Pausen verschieben, um den Sinn radikal zu ändern. Der Stadtteil Koressos, das Hafenviertel, trägt die Kore, das Mädchen, als die beiden ersten Silben in seinem Namen. Der Artemistempel liegt gegenüber auf der anderen Seite der Stadt. Wer vom einem zum anderen geht, durchstreift also ganz Ephesus.
Mehr noch: durch die Elision, das Ausstoßen eines von zwei in der Wortfuge aufeinanderprallenden Vokale, klingt das Possessivpronomen in der ersten Zeile für den Hörer wie eine Verneinung. Und ist Elpis nicht doch ein ungewöhnlicher Name für eine Geliebte?
Das ist alles vereinfacht und überspitzt, wers genauer wissen will, lese Höschele; am Ende steht dann zwischen den Zeilen (und ohne literarische Ausschmückungen) etwa folgender Text:
Liebe Vertrösterin,
du bist süß, das sind andere auch. Ich wünsche dir, dass es dir ohne mich so gut geht wie möglich. Ich halte es, das schwöre ich bei deinen Augen, nicht mehr aus, liege allein ohne dich im einsamen Bett und lasse meine Tränen verströmen1 oder streune durch die Stadt, vom Mädchen-Viertel, zum Tempel der großen Artemis (mit seinen schönen Priesterinnen). Aber morgen kommt wenigstens dieses Gedicht nach Hause und vor deine Augen, ich dagegen muss mich hier noch von tausend Frauen verabschieden.
Elpis musste sich für eine der beiden Versionen entscheiden. Wir können sie zum Glück beide nehmen.
1Ein Schelm, der Böses dabei denkt, mag recht haben. Für den metaphorischen Gebrauch von “Tränen verströmen” für ejakulieren weiß Höschele auch eine Parallele zu nennen.
Literatur
Anthologia Graeca
Dirk Uwe Hansen; Jens Gerlach; Christoph Kugelmeier; Peter von Möllendorff; Kyriakos Savvidis
Band 1: Bücher 1 bis 5
Band 72 der Reihe “Bibliothek der griechischen Literatur”
Anton Hiersemann Verlag
ISBN 978-3-7772-1117-6
2011, Leinen, XXII, 195 Seiten, 235 x 160 mm
149 €
Stuttgart : Hiersemann, 2011-
Bibliothek der griechischen Literatur, Bd. 72.Regina Höschele: Verrückt nach Frauen. Der Epigrammatiker Rufin (Classica Monacensia)
EUR 48,00
Broschiert: 156 Seiten
Verlag: Narr; Auflage: 1. Aufl. (1. Juni 2006)
139. Nâzim
„Nâzim“ heißt das Werk, das an den Lyriker Nâzim Hikmet (1902-1963) erinnert.
Die konzertante Aufführung hat eine Vorgeschichte: Im Auftrag des türkischen Kultusministeriums hatte Fazil Say ein Oratorium komponiert, das 2011 in Ankara uraufgeführt wurde. Damals dirigierte Ibrahim Yazici. Elf Jahre später steht er in Elberfeld auf dem Pult: Yazici leitet auch den Abend im Großen Saal. Nach wie vor geht es dabei um Freiheit und Gerechtigkeit – die zentralen Themen des Lyrikers. Hikmet unterstützte die türkische Befreiungsbewegung – trotz Haft und Zeiten schwerer Krankheit. Politische Verfolgung, Publikationsverbote, lange Jahre in Gefängnissen und die Exil-Phase in der Sowjetunion prägten sein Leben. / Westdeutsche Zeitung
121. Menschenlandschaften
Wiederbegegnen wird man auch dem Aufbegehren gegen Repression und Ausgrenzung, dem zähen Ringen zwischen Intellekt und Staatsmacht, das in stärkerem oder minderem Mass alle vorgestellten Dichterbiografien prägt. Der 1923 als Sohn einer kurdischen Mutter im südlichen Taurusgebirge geborene Yaşar Kemal wanderte mit 17 Jahren erstmals wegen eines Gedichts ins Gefängnis; später, aus der heimatlichen Çukurova nach Istanbul übersiedelt und dort als Journalist tätig, lenkte er den Blick der Leser auf das Los von Unterprivilegierten und Minderheiten. / Angela Schader, NZZ 20.3.
Insan Manzaralari / Menschenlandschaften. Sechs Autorenporträts der Türkei. Buch und Regie: Osman Okkan. Begleithefte mit Essays von Cornelius Bischoff, Erika Glassen, Altan Gökalp, Dietrich Gronau, Iris Radisch, Hubert Spiegel, Sibylle Thelen. 6 DVD à 30 Minuten. Vertrieb über autorenportraits@das-kulturforum.de. € 29.90
Die zweisprachige Dokumentarfilmreihe “Menschenlandschaften – Sechs Autorenportraits der Türkei” von Osman Okkan umfasst persönliche Portraits von sechs Erfolgsautoren aus der Türkei.
- I. Nazım HİKMET – Dichter und Revolutionär
- II. Yaşar KEMAL – Zwischen Poesie und Politik
- III. Orhan PAMUK – Ein Dichter im Zeichen seiner Stadt
- IV. Elif ŞAFAK – Literatur zwischen Mystik und Moderne
- V. Murathan MUNGAN – Der Kultpoet vom Bosporus
- VI. Aslı ERDOĞAN - Grenzgängerin zwischen Himmel und Tod
Die Reihe beinhaltet eine Aktualisierung der beiden früheren WDR/ARTE-Portraits von Nazım Hikmet und Yaşar Kemal.
64. Türkische Früchte 4: Tode
Dichter wurden allerorten verfolgt und gemordet. Unübertroffen Hitler und Stalin. In diesem einen Punkt war Stalin vorn, seinen Repressionen fiel eine mindestens dreistellige Zahl von Schriftstellern zum Opfer. In einer einzigen Nacht, der “Nacht der ermodeten Dichter”, ließ der Diktator 13 jüdische Intellektuelle hinrichten, darunter diese Schriftsteller:
- Peretz Markish (1895–1952)
- David Hofstein (1889–1952)
- Itzik Fefer (1900–1952)
- Leib Kvitko (1890–1952)
- David Bergelson (1884–1952)
Diese beiden sind also konkurrenzlos. Sieht man an ihnen vorbei, stößt man auf die Tatsache, daß islamische Ländern seit dem Mittelalter besonders viele ihrer Dichter zu Tode brachten, namentlich auch spätere Klassiker. Eine kleine Liste von hingerichteten Autoren:
- der Dichter Waddah al-Yaman, jetzt Nationaldichter in Jemen, wurde 708 wegen seiner Verse, vielleicht aber auch wegen zu enger Beziehung zur Frau des Kalifen, von diesem hingerichtet
- der arabische Dichter Salih ibn ‘Abd al-Quddus wurde 784 wegen Ketzerei hingerichtet
- Der Dichter Abu Nuwas starb 815 wegen eines Spottgedichts auf eine vornehme Perserfamilie – sie ließ ihn derart misshandeln, dass er an den Folgen starb
- Huseyn ibn Mansur al-Halladsch wurde 922 in Bagdad hingerichtet
- Abu at-Tayyib Ahmad ibn al-Husayn al-Mutanabbi, den man oft den größten arabischen Dichter nennt, wurde 965 ermordet
- der türkische Dichter Nesimi (Nasimi) wurde 1405 hingerichtet, weil er einer der Ketzerei beschuldigten Sekte angehörte. Er starb in Aleppo durch Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe
- Pir Sultan Abdal wurde um 1560 hingerichtet, weil er mit den Persern gegen die Herrscher von Siwas konspirierte
- der türkische Dichter Nefi wurde 1635 hingerichtet, weil er Spottverse gegen einen Mächtigen schrieb
- 1981 richtete die Islamische Republik Iran den Dichter und Dramatiker Saeed Soltanpour hin
Nachtrag 2012: Zehntausende fordern in einer Facebook-Gruppe die Bestrafung des saudi-arabischen Journalisten Hamsa Kaschgari, weil er den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Sie wollen ein Exempel statuieren und verlangen die Hinrichtung des 23-Jährigen.
48. Türkische Früchte 3: Von der Bosheit
Die Bosheit kann einen dauern… wird von den einen unter- und den andern überschätzt. Beides zu unrecht. Herrlich boshaft hier der türkische Dichter Nefi (1572?-1635):
Uns hat der Mufti Efendi Heide genannt –
Nehmen wir an, ich nennte ihn nun Muselman –
Gehen wir morgen zum Jüngsten Tag, zum Gericht,
Fürchte ich, beide erscheinen als Lügner wir dann!
Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag. 2. überarb. Aufl. 2002, S. 105
Original:
Müftü efendi bize kâfir demiş
Tutalım ben O’na diyem müselman
Lâkin varıldıktan ruz-ı mahşere
İkimiz de çıkarız orda yalan
Der Dichter hatte sich um die Gunst der aufeinanderfolgenden Sultane Ahmet I (regierte 1603–1617) und Osman II (1618–1622) bemüht – vergeblich. Schließlich erbarmte sich der nächste, Murad IV (1623–1640), und gewährte ihm ein Stipendium.
Da er wiederholt Spottverse auf schlechte Beamte schrieb, kam es wie es wohl kommen mußte. Wegen satirischer Verse auf den Großwesir Bayram Pascha wurde er zum Tode verurteilt und “durch den Strang”, wie es heißt, hingerichtet.
Mehr erfährt man in der englischen, türkischen, aserbaidschanischen und kurdischen Wikipedia. Eine deutsche Fassung gibts leider nicht. Wieso eigentlich? Die Türken lieben ihre Dichter, lese ich immer wieder, auch bei Frau Schimmel. Gilt das nicht für die in Deutschland lebenden?