55. Meine Anthologie: Korrespondenzen

Einer dieser wunderbaren Verlage, die machen, was es ohne sie nicht gäbe. Lese bei Ivan Blatný. In einem Gedicht begegnet er seinem Namen im Schaufenster einer kleinen Pariser Buchhandlung – oder irgendwo daneben. Darin auch der des Dichters Vítězslav Nezval (S. 107). Ich lese hin und her, finde Entsprechungen. Freunde:

Ludwig der Sechzehnte wurde hingerichtet
Wer aber war Ludwig der Erste?
War das nicht Ludvík Kundera?

Mähren! heißt der Titel eines Gedichts in der deutschen Fassung (S. 171). Merkwürdigerweise im Original ohne das Ausrufezeichen: “Moravo”. Einmal war ich in Mähren! Mährischer Karst, Bier und  Pandurengulasch. Ich hatte eine von Kundera herausgegebene Anthologie tschechischer Lyrik dabei. Aber ich traute mich nicht, in Kunštat nach dem Dichter Kundera zu fragen. Was hätte ich ihm sagen sollen? In seiner Sammlung fehlte Blatný, aber nicht Nezval. Von dem besaß ich mehrere Bücher, in einem die Autogramme von Kundera und Fühmann (dem Nachdichter). In einem Gedicht erklärt er, “warum ich Surrealist bin”:

Wegen der Labsal im Aug aller übrigen Surrealisten
Wegen der langen Nächte meiner Prager Freunde
Wegen der klassenlosen Gesellschaft
Wegen der Schönheit die “verkrampft entweder oder gar nicht sein wird” (106)

“Nezval” heißt auch ein unvergeßliches Gedicht Blatnýs:

Nezval

Tehdy ještě žil Marcel Proust
a dadaisté měli sjezdy

lepší než ministr Kopecký
Co dělá jeho syn Ivan?

Setkali jsme se v Reprezentačním domě

Nezval

Marcel Proust hat damals noch gelebt
und die Dadaisten hatten Kongresse

bessere als Minister  Kopecký
Was macht sein Sohn Ivan?

Wir sind uns im Repräsentationshaus begegnet

Den Brünner Mädchen begegne ich bei Klaus Merz wieder:

Die Brünner Mädchen

Aus den Alben geschnitten
liegt die Kindheit verstreut
auf dem Stubentisch. Zum
Unvergessenen gesellt sich
das stete Entgleiten.

Aufgehoben in Ivan Blatnýs
späten Gedichten fahren wir
mit ihm zum Friedhof hinaus
die Brünner Mädchen winken
wir grüssen zurück:

Der Schwermut sich beugen
und leicht werden dabei.

Ivan Blatný: Alte Wohnsitze. Gedichte
Wien: Edition Korrespondenzen 2005

Vítězslav Nezval: Auf Trapezen. Gedichte
Leipzig: Reclam 1978

Klaus Merz: Aus dem Staub. Gedichte
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag 201o

2 Kommentare

  1. àxel sanjosé

    dazu:

    Hauke Hückstädt

    Benefizkonzert für Ivan Blatny

    Das ganze Orchester auf einem Stuhl.
    Unter dem Stuhl, gefesselt
    (aber auch ein bisschen fasziniert
    vom silberweißen Senkel der Oboistin),
    der Paukist, auf der Fontanelle
    des Dirigenten wirbelnd.

    (In: Jahrbuch der Lyrik 2008, S. 103)

  2. A. Schönemann

    Vor Kurzem hat die Literaturzeitschrift “Edit” einen großen Essay-Wettbewerb veranstaltet – und den 2. Preis hat dabei ein Text gewonnen, der Blatnys Leben mit dem des englischen Dichters Nicholas Moore kontrastiert. Absolut lesenswert – und sogar komplett online unter:
    http://www.freitag.de/pdf-archiv/Freitag-2012-11.pdf (S. IV-V in der Buchmessebeilage / Literatur)

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