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Veröffentlicht am 8. Juli 2026 von lyrikzeitung
161 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Am 7. Juli 1956, vor 70 Jahren, starb der Dichter Gottfried Benn.
Menschen getroffen
Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie garnicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!
Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.
Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.
Aus: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Mit einer Einführung herausgegeben von Bruno Hillebrand. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1988 (27.-30. Tsd.), S. 473
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Alterslyrik, Bruno Hillebrand, deutsche Lyrik, Fischer Verlag, Güte, Gedicht des 20. Jahrhunderts, Gottfried Benn, Menschen getroffen, Menschlichkeit, Nachkriegsliteratur, Nausikaa
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